Totem

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Totem (Begriffsklärung) aufgeführt.

Totem ist ein Begriff aus der Ethnologie für Symbole oder Gruppenabzeichen, denen eine mythisch-verwandtschaftliche Verbindung zwischen einem Menschen bzw. einer Gruppe und einer bestimmten Naturerscheinung gemeinsam ist. Die Naturerscheinungen sind häufig Tiere oder Pflanzen, jedoch auch Berge, Flüsse, Quellen und ähnliches. Die „Verwandtschaft“ bezieht sich auf die Eigenschaften oder Verhaltensweisen dieser „Vorbilder“,[1][2] jeweils verbunden mit bestimmten Verhaltensvorschriften für die Träger der Totems.[3]

Der Begriff „Totem“ steht dabei für das Symbol im Sinne einer profanen Metapher oder eines geheiligten Sinnbildes.[4]

Die Gitxsan-Stammesgruppe Westkanadas hat beispielsweise folgende Clan-Totems: Wolf-Clan, Kolkraben-Clan, Frosch-Clan, Stauden-Feuerkraut (Fireweed)-Clan, Schwertwal-Clan und Weißkopfseeadler-Clan.

Etymologie[Bearbeiten]

Die Bezeichnung leitet sich aus der Ojibwe-Sprache des südöstlichen Kanadas ab, in der mit dem Wort ototeman (auch odoodeman) blutsverwandte Geschwister bezeichnet werden. Der Pelzhändler James Long, der 1791 bei den Ojibwe/Anishinabe weilte, trug den Begriff in der von ihm „totam“ geschriebenen Form zu den Europäern.

Long erzählte die Geschichte von einem Jäger, der versehentlich einen Bären (oder Biber?) getötet hatte und der daraufhin von einem rachedurstigen Bären aufgefordert wurde, dafür eine Erklärung abzugeben. Obgleich der Bär die Entschuldigung annahm, hatte die Tat dauerhafte Konsequenzen für den Jäger:

„Beaver, my faith is lost, my totam is angry, I shall never be able to hunt any more.“

James Long[5]
Etwa: „Biber, ich habe meinen Glauben verloren, mein `totam´ ist wütend; ich werde nie mehr in der Lage sein, zu jagen.“

Nach der Auffassung des Ethnologen Claude Lévi-Strauss verwendete Long angeblich statt des Begriffes nigouimes – mit dem die „persönlichen Schutzgeister“ der Anishinabe benannt wurden, die man bei der Visionssuche in Gestalt eines Tieres, einer Pflanze oder eines Minerales bekam – den Begriff ototeman (von ihm „totam“ geschrieben).[6][7] Da die Verwandtschaftssippen des Stammes Tiernamen trugen, setzten die frühen Völkerkundler nach Lévi-Strauss Meinung diese Clan-Identitäten mit den mystisch-religiösen Verwandtschaftsbeziehungen zu Tiergeistern gleich.[3]

Bedeutungswandel in der Ethnologie[Bearbeiten]

Bald wurde der Begriff Totem recht willkürlich auf ähnliche Phänomene bei anderen Ethnien übertragen, die damit automatisch alle in einen religiösen Zusammenhang gestellt wurden.[3] In der Völkerkunde des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts entstand daraus die Idee eines weltweit verbreiteten Totemismus als „universaler Urreligion“ (→ auch: Animistische Religionstheorie). In dieser Tragweite gilt das Konzept des Totemismus (→ Hauptartikel) heute als überholt.

Heute wird der Begriff „Totem“ in der Wissenschaft zumeist in seiner profanen Bedeutung als mythologisch verankertes Abzeichen zur Identifizierung verschiedener Abstammungsgruppen oder Clans einer Ethnie bei unterschiedlichen Kulturen verwendet.[8] Dies ist vor allem auf den Einfluss von Lévi-Strauss zurückzuführen.

Einige Autoren betonen jedoch, dass man die Schutzgeistvorstellung der Anishinabe nicht isoliert vom Clan-Totemismus betrachten darf: Das eine wie das andere sei in der Mythologie verwurzelt und jede begriffliche Trennung damit künstlich. In diesem Sinne nähert sich der Begriff wieder der religiösen Deutung an, die Long durch seine Verwechslung assoziiert hatte.[9]

Totem bei den Anishinabe[Bearbeiten]

Ototeman bezeichnete bei den Anishinabe die Blutsverwandtschaft in einem Clan (ote). Clanangehörige durften untereinander keine sexuellen Beziehungen eingehen, da dies für Inzest gehalten wurde. Man betrachtete sich als von einem gemeinsamen (patrilinearen) Urahn abstammend und damit als blutsverwandt. Die Clans wurden anhand von Tiernamen unterschieden. Diese Kategorie wurde nintotem („Familienabzeichen“) genannt. Nach der traditionellen Weltanschauung der Anishinabe gehen die fünf Clane auf fünf übernatürliche Wesen der mythischen Urzeit zurück, die selbst allerdings nicht Ahnen, sondern eher „Paten“ der menschlichen Urahnen waren.[7][10]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Josef F. Thiel: Totem/Totemismus, erschienen in: Horst Balz, James K. Cameron, Stuart G. Hall, Brian L. Hebblethwaite, Wolfgang Janke, Hans-Joachim Klimkeit, Joachim Mehlhausen, Knut Schäferdiek, Henning Schröer, Gottfried Seebaß, Hermann Spieckermann, Günter Stemberger, Konrad Stock (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie, Band 33: „Technik – Transzendenz“. Walter de Gruyter, Berlin, New York 2002, ISBN 978-3-11-019098-4. S. 683-686.
  2. Markus Porsche-Ludwig, Jürgen Bellers (Hrsg.): Handbuch der Religionen der Welt. Bände 1 und 2, Traugott Bautz, Nordhausen 2012, ISBN 978-3-88309-727-5. S. 597.
  3. a b c Gerhard Kubik: Totemismus: ethnopsychologische Forschungsmaterialien und Interpretationen aus Ost- und Zentralafrika 1962-2002. Band 2 von Studien zur Ethnopsychologie und Ethnopsychoanalyse, LIT Verlag, Münster 2004, ISBN 3-8258-6023-x. S. 4–9.
  4. Ditmar Brock: Leben in Gesellschaften: Von den Ursprüngen bis zu den alten Hochkulturen. 1. Auflage, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14927-X. S. 187.
  5. Graham Harvey: Animism: Respecting the Living World. Wakefield Press, 2005. S. 165
  6. Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien: Totemismus: Institution oder Illusion?. In: Yumpu.com, Online pdf-Dokument, abgerufen am 23. Januar 2015. S. 33.
  7. a b Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005. S. 377-378.
  8. Marvin Harris: Kulturanthropologie – Ein Lehrbuch. Aus dem Amerikanischen von Sylvia M. Schomburg-Scherff, Campus, Frankfurt/New York 1989, ISBN 3-593-33976-5. S. 292–293.
  9. Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien: Totemismus: Institution oder Illusion?. In: Yumpu.com, Online pdf-Dokument, abgerufen am 23. Januar 2015. S. 39–43.
  10. Claudia Müller-Ebeling u. Christian Rätsch: Tiere der Schamanen: Krafttiere, Totem und Tierverbündete. Auflage, AT Verlag, Aarau u. München 2011, ISBN 978-3-03800-524-7. S. 61.