Traditionelle afrikanische Musik

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Traditionelle afrikanische Musik ist eine unscharfe Bezeichnung für die in schwarzafrikanischen Ländern gespielte Musik, die als nicht oder nur gering von Musikstilen außerhalb der Region beeinflusst gilt. Das Wort „traditionell“ konstruiert einen Gegensatz zu akulturierter Musik und setzt eine mehr oder weniger historisch konstant gebliebene afrikanische Musik voraus, die von den seit der europäischen Kolonialzeit hinzugekommenen Einflüssen unterscheidbar ist. Tatsächlich ist die Musik Afrikas seit jeher durch regionalen Kulturaustausch und Weiterentwicklung Veränderungen unterworfen und häufig nicht einzelnen Ethnien zuzuordnen. Zum anderen wird durch eine solche Unterscheidung der starke Einfluss der arabischen Musik vernachlässigt, der westliche Kulturimport dagegen aus einem eurozentrischen Blickwinkel überbetont.

Eine Einteilung in klassische Musik und Unterhaltungsmusik ist eine europäische Kategorisierung und für Afrika nicht anwendbar. Es gibt die nach ihrem Verwendungszweck unterschiedene höfische Musik der Königtümer, rituelle Musik und Unterhaltungsmusik der breiten Bevölkerung, womit Afrikaner jedoch nicht zwangsläufig eine Wertung verbinden. Mit Trommeln gespielte komplexe Rhythmen sind nur ein Aspekt der afrikanischen Musik, von ebensolcher Bedeutung ist eine mündlich überlieferte Gesangstradition. Nach dem Vorkommen bestimmter Musikinstrumente und Spielweisen lassen sich einzelne Stilregionen abgrenzen.[1]

Charakterisierung[Bearbeiten]

Viele afrikanische Sprachen sind Tonsprachen, in denen die Tonhöhe zur Unterscheidung von Bedeutung benutzt wird, und so können Tonfolgen in Vokalmusik dem Sprachton unterworfen sein. Zudem können Zuhörer aus instrumentalen Tonfolgen bedeutungsvolle Texte heraushören. Afrikanische Musik und Afrikanischer Tanz gehören untrennbar zusammen; viele afrikanische Sprachen benutzen für Musik und Tanz dasselbe Wort. Geschichten-Erzählen, Masken, Musik und Tanz stehen in Schwarzafrika immer im Zusammenhang mit einem gesellschaftlichen Ereignis. Die dabei zu hörende Musik kann nicht einfach verändert werden, denn sie gehört ursächlich zur jeweiligen Feier oder dem Ritual. Entsprechend vielfältig sind die Formen, welche festgelegt und allen bekannt sind. Eine Improvisation eines Trommlers würde beispielsweise auf Unverständnis stoßen. Varianten sind jedoch keineswegs untersagt, sondern in einem bestimmten Umfang sogar gefordert, besonders, um in der Aufführungssituation auf bestimmte Reaktionen der Beteiligten eingehen zu können. Diese Variationen müssen sich jedoch in Grenzen halten, da die Sprache der Instrumente sonst unverständlich wird.

Ein wichtiger Bestandteil der afrikanischen Musik ist die Wiederholung. Musiker und Beteiligte können so beim Zuhören tief in die Musik „eintauchen“ und mitunter tranceartige Zustände erreichen. Erst so - durch das lange Beibehalten des Patterns - kann die Musik im ganzen Umfang verstanden werden.

Bei allen Ereignissen von Bedeutung und sogar bei alltäglichen Verrichtungen spielt Musik eine zentrale Rolle. Ein Fest muss abgesagt werden, wenn der entsprechende Musiker verreist oder krank ist.

Afrikanische Trommeln können regelrecht singen und sprechen. Die musikalischen Patterns sind oft aus der Sprache entstanden. Die einzelnen Trommelschläge eines Rhythmus-Pattern müssen sich in ihrer Tonhöhe bzw. in ihrer Klangfarbe klar unterscheiden, ansonsten bleiben sie unverständlich und ohne Sinn. Mit den sogenannten Talking Drums, die oft jahrelanges Training benötigen, können ganze Wörter und Sätze mitgeteilt werden.

Historische Forschungen haben gezeigt, dass afrikanische Musikkulturen durchweg dynamisch sind. Daher spiegelt der Begriff der „ursprünglichen afrikanischen Musik“ lediglich eine romantische Vorstellung des Westens wider und wird heute zur Erhöhung des Marktwertes afrikanischer Musik im Westen gebraucht, entbehrt aber sachlich jeder Grundlage.

Darüber hinaus sind Afrikas Kulturen zu verschieden, um Gemeinsamkeiten für den ganzen Kontinent zu benennen. Verschiedene Tonsysteme, Musiken in Verknüpfung mit Kult, Repräsentation, dörflichen Festen, städtischer Unterhaltung, seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine kommerzielle Musik-Industrie (Schellack-Platten) existieren jeweils unter lokal verschiedenen Bedingungen.

Eine grobe Einteilung in Stilgebiete unterscheidet den khoisanid geprägten Süden vom bantusprachigen Zentralafrika, und den mehr oder weniger islamisch beeinflussten Regionen Ost- wie Westafrikas.

Traditionelle afrikanische Religionen werden als animistisch bezeichnet (auch Tiere, Pflanzen und die unbelebte Natur haben eine Seele). Die übernatürliche, unsichtbare Welt der Geister ist eng mit der natürlichen Welt verbunden und vor allem durch die Musik (der Ton ist "immateriell") kommunizieren die beiden Welten miteinander. Die zu befragenden Geister verstehen nicht die Wortsprache, aber die mit ihr eng verwandte Musiksprache. Bei allen bedeutenden Ereignissen des gesellschaftlichen Lebens (Geburt, Initiation, Beschneidung, Heilung, Hochzeit, Ernte, Amtseinführung von geistlichen und weltlichen Machthabern, Begräbnis usw.) werden die Geister und Ahnen befragt, beschworen und gnädig gestimmt.

Auch in islamischen Regionen ist der Umgang mit Musik als einer spirituellen Kraft stark von tradierten animistischen Praktiken beeinflusst.

Soziale Funktionen[Bearbeiten]

Musik kann in afrikanischen Kulturen zu ganz verschiedenen Zwecken zum Einsatz kommen. Beispiele für soziale Funktionen von Musik sind:

  • Lernen in der Initiationsschule: Die Initianten lernen mit Hilfe von Musik kognitive Inhalte ihrer Kultur
  • Repräsentation weltlicher Herrscher: Königstrommeln und -trompeten (wie die Kakaki bei den Hausa) verkörpern soziales Ansehen und politische Autorität
  • Durchführung von Totenritualen (z.B. der Bira durch Stella Chiweshe)
  • Begleitung der Mythen, Legenden und Chroniken der Preissänger
  • Musik zum Tanz – bis hin zu „säkularisierten“ Formen afrikanischer Rockmusik, vor allem in Städten
  • Musik zur Entspannung, Erholung, Unterhaltung, als Schlaflieder
  • Musik zur Nachrichtenübermittlung durch Nachrichtentrommeln

Einige Musikinstrumente[Bearbeiten]

Sechssaitiger Pluriarc lukombe am Kongo. 63 cm lang. Tropenmuseum, Amsterdam, vor 1907

Tonskalen[Bearbeiten]

Zumeist Pentatonik oder Heptatonik; die Intervallgröße ist regional verschieden und weicht von der europäischen temperierten Skala teilweise stark ab. Das Melos ist vorwiegend engstufig und fallend; kleinere Intervalle herrschen vor. Kurze Motive werden häufig wiederholt, variiert oder sequenziert. Das Stimmideal beim Singen ist überwiegend heiser und rau guttural, bis hin zu schrillen Schreien.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Bender: Sweet Mother: Moderne afrikanische Musik. Trickster-Verlag, München 1985, ISBN 3-923804-10-5
  • Paul F. Berliner The Soul of Mbira: Music and Traditions of the Shona People of Zimbabwe. The University of Chicago Press, 1978
  • John Miller Chernoff: Rhythmen der Gemeinschaft: Musik und Sensibilität im afrikanischen Leben. Peter-Hammer-Verlag, Wuppertal 1999, ISBN 3872948385
  • Jacqueline Cogdell DjeDje (Hrsg.): Turn up the volume! A celebration of African music. UCLA Fowler Museum of Cultural History, Los Angeles 1999. ISBN 0-930741-76-5 und ISBN 0-930741-77-3
  • Gerhard Kubik: Zum Verstehen afrikanischer Musik. 2. Auflage. Lit Verlag, Wien 2004, ISBN 3825878007
  • Erich Stockmann: Musikkulturen in Afrika. Verlag Neue Musik, Berlin 1987, ISBN 3733300092
  • Joseph H. Kwabena Nketia: Die Musik Afrikas. Otto Heinrich Noetzel Verlag, Wilhelmshaven 1991 (3. Auflage) ISBN 379590255X
  • Volker Schütz: Musik in Schwarzafrika. Arbeitsbuch für den Musikunterricht in den Sekundarstufen. Mit Doppel-CD. Oldershausen Institut für Didaktik populärer Musik, Oldershausen 1992
  • Ulrich Wegner: Afrikanische Saiteninstrumente (mit Musikkassette), Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1984, ISBN 3-88609-117-1

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gerhard Kubik: Musikgeschichte in Bildern: Ostafrika. (Band 1. Musikethnologie. Lieferung 10) VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1982, S. 5f