Transhumanismus

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Oscar Pistorius mit Fußprothesen aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff

Transhumanismus (zusammengesetzt aus lat. trans ‚jenseits, über, hinaus‘ und humanus ‚menschlich‘) ist eine philosophische Denkrichtung, die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitern will. Die Interessen und Werte der Menschheit werden als "Verpflichtung zum Fortschritt" angesehen.

Die Vertreter des Transhumanismus finden sich vor allem im angelsächsischen Raum. Es handelt sich dabei um eine lose[1] und heterogene Verbindung von Vertretern unterschiedlicher soziokultureller Hintergründe und unterschiedlicher Disziplinen.[2]

Selbstreflexion[Bearbeiten]

Transhumanisten sehen die Wurzeln ihrer Philosophie im Renaissance-Humanismus und dem Zeitalter der Aufklärung angelegt.[3] Es wird von Transhumanisten intensiv diskutiert, ob und inwiefern Friedrich Nietzsche als Ahnherr des Transhumanismus angesehen werden kann und sollte.[4][5]

Der Biologe und Eugeniker Julian Huxley hat 1957 in seinem Buch New Bottles for New Wine den Begriff Transhumanismus im gleichnamigen Kapitel postuliert.

Mensch, der Mensch bleibt, aber sich selbst, durch Verwirklichung neuer Möglichkeiten von seiner und für seine menschliche Natur, überwindet.

Der Begriff kam anschließend in Abraham Maslows Toward a Psychology of Being (Psychologie des Seins, 1968) und Robert Ettingers Man into Superman (1972) vor. Wie Maslow und Ettinger benutzte auch der iranisch-amerikanische Futurist F.M. Esfandiary (der seinen Namen in FM-2030 änderte) den Begriff in seinen Schriften aus den 1970er Jahren in Bezug auf Personen, die sich neue Technologien, Lebensweisen und Weltbilder zu eigen machen, die einen Übergang zum Posthumanen erkennen lassen. In seinem Buch Are You Transhuman? von 1989 schreibt FM-2030:

„Transhumane sind die erste Manifestation einer neuen Art von evolutionären Wesen. Sie ähneln darin den ersten Hominiden, die vor vielen Millionen Jahren die Bäume verließen und begannen sich umzuschauen. Transhumane haben nicht notwendigerweise das Ziel, die Evolution höherer Lebensformen zu beschleunigen. Viele von ihnen sind sich ihrer Rolle als Übergangsform der Evolution gar nicht bewusst.“

Eine moderne Definition des Transhumanismus geht auf Max More zurück:

„Transhumanismus ist eine Kategorie von Anschauungen, die uns in Richtung eines posthumanen Zustands führen. Transhumanismus teilt viele Aspekte mit dem Humanismus, einschließlich eines Respekts vor Vernunft und Wissenschaft, einer Verpflichtung zum Fortschritt und der Anerkennung des Wertes des menschlichen (oder transhumanen) Bestehens in diesem Leben. [...] Transhumanismus unterscheidet sich vom Humanismus im Erkennen und Antizipieren der radikalen Änderungen in Natur und Möglichkeiten unseres Lebens durch verschiedenste wissenschaftliche und technologische Disziplinen [...].“

Die frühen Transhumanisten trafen sich formal in den frühen achtziger Jahren an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, die zur zentralen Anlaufstelle für Transhumanisten wurde. Dort konferierte auch FM-2030 über die futuristische Ideologie der Upwingers. John Spencer von der Gesellschaft für Weltraumtourismus organisierte viele transhumanistische Events zum Thema Weltraum. Natasha Vita-More (früher Nancie Clark) stellte „Breaking Away” bei EZTV-Media aus, ein Treffpunkt für Transhumanisten und andere Futuristen. FM-2030, Spencer und Vita-More lernten sich kennen und organisierten gemeinsam Treffen für Transhumanisten in Los Angeles.

In Australien schrieb der Science-Fiction-Autor Damien Broderick das Judas Mandala. 1982 verfasste Vita-More das Transhumanistische Künstlermanifest und produzierte später die erfolgreiche Fernseh-Show TransCentury UPdate zum Thema Transhumanität.

1986 wurde Eric Drexlers bekanntes Buch zur Nanotechnologie Engines of Creation veröffentlicht.

Technologie und Moral[Bearbeiten]

Der Schwerpunkt der Transhumanismusbewegung ist die Anwendung neuer und künftiger Technologien, u.a.:

Die Technologien sollen es jedem Menschen ermöglichen, seine Lebensqualität nach Wunsch zu verbessern, sein Aussehen sowie seine physikalischen und seelischen Möglichkeiten selbst bestimmen zu können. Niemand solle zu irgendeiner Veränderung gezwungen werden.

Eugenik[Bearbeiten]

Die Eugenik spielt im Transhumanismus eine zentrale Rolle. Allerdings hofft man, nicht durch Sterilisation eine Geburt zu verhindern, sondern durch Genmanipulation für die Geburt eines gesunden Kindes zu sorgen.[3][6] Dabei soll die menschliche Evolution künftig an vom Menschen gewählten Zielen gesteuert werden. Diese Züchtung von Menschen soll nicht in staatlicher Hand liegen (wie etwa von der nationalsozialistischen Eugenik angestrebt), sondern in die Hände der einzelnen Eltern gelegt werden.[7]

In Deutschland knüpfen ähnliche Diskussionen eher an Friedrich Nietzsches Begriff des Übermenschen an und sind damit nicht vornehmlich technisch orientiert, sondern immer auch von Gedanken einer kulturellen Weiterentwicklung durchdrungen.[8]

Kritik[Bearbeiten]

Die Frage, inwiefern transhumanistische Zukunftsprognosen über die technologische Entwicklung realistisch sind, und welche ethischen und anthropologischen Konsequenzen sich daraus ergäben, wird kontrovers diskutiert. Der Transhumanismus wurde von Francis Fukuyama - einem ausgesprochenen Gegner - eine der gefährlichsten Ideen genannt,[9] während ein Befürworter (Ronald Bailey) dem entgegensetzte, dass „diese Bewegung das kühnste, mutigste, visionärste und idealistischste Bestreben der Menschheit sei“.[10]

Kritik der Grundannahmen[Bearbeiten]

Der Genetiker und Wissenschaftsautor Steve Jones argumentiert, dass die Menschheit die Technologie nicht hat und nie haben wird, die die Befürworter des Transhumanismus suchen. Jones behauptet, dass Technologien wie die Gentechnik nie so leistungsfähig sein werden, wie allgemein angenommen wird.

In seinem Buch Futurehype: Die Tyrannei der Prophezeiung zählt der Soziologe Max Dublin viele fehlgeschlagene Vorhersagen des vergangenen technologischen Fortschritts auf und postuliert, dass moderne futuristische Vorhersagen ähnlich ungenau ausfallen werden. Er tritt auch gegen das, was er als Fanatismus und Nihilismus in der Befürwortung transhumanistischer Zwecke sieht, ein und behauptet, dass historische Ähnlichkeiten zu religiösen und marxistischen Ideologien bestünden.

Moralische Kritik[Bearbeiten]

Dem Transhumanismus wird vorgeworfen, dass er auf technologische Entwicklungen setzen würde, ohne die damit einhergehenden ethischen Aspekte hinreichend zu berücksichtigen.

Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama meint, dass Transhumanismus die progressiven Ideale der liberalen Demokratie auf kritische Weise unterminieren könne. Dies geschehe durch eine fundamentale Veränderung der menschlichen Natur und der menschlichen Gleichheit.[11]

Reflexionen transhumaner Elemente[Bearbeiten]

Science Fiction hat Transhumanismus schon seit vielen Jahren in verschiedensten Formen dargestellt.

Literatur[Bearbeiten]

In der bekannten Neuromancer-Trilogie von William Gibson sind viele Elemente des Transhumanismus enthalten. So sind die meisten Menschen mit Microchips ausgerüstet, die sie unter anderem intelligenter machen und die sie jederzeit auswechseln können. Künstliche Intelligenzen agieren frei im Cyberspace und die Charaktere wechseln zwischen realer und virtueller Welt. Auch die meisten anderen Romane von Gibson (z.B. die Kurzgeschichtensammlung Cyberspace) befassen sich mit Transhumanismus.

Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema findet man bei Greg Egan. In Distress beschäftigt er sich unter anderem mit dem Konzept der morphologischen Freiheit, dem (künstlichem) Anpassen des Körpers an sein eigenes Selbstbild. In Permutation City und Diaspora beschäftigt er sich mit dem Uploaden, mit der Entwicklung komplexer Gesellschaftssysteme basierend auf simulierten Individuen.

Die „Ousters“ im Hyperion-Zyklus von Dan Simmons sind ein Beispiel für eine transhumane Menschheit, bis hin zum Posthumanen. Anstatt „sich an Felsen zu klammern“ wie der Rest der Menschheit (die sie als Barbaren hassten und fürchteten), zogen sie in Richtung Weltraum, passten sich an die Umgebung mittels Nanotechnologie an, und traten in eine symbiotische Beziehung zu ihrer Technologie. Simmons späteres Buch Ilium zeigt eine andere Situation in der fernen Zukunft, wo Posthumane von ihrer eigenen Technologie scheinbar absorbiert wurden, während eine kleine Bevölkerungsgruppe von weniger veränderten Menschen weiterhin auf der Erde lebt und dabei komplett von einer Technologie abhängig ist, die sie nicht länger verstehen (siehe Technologische Singularität).

Der Roman Die Abschaffung der Arten von Dietmar Dath, der 2008 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis war, spielt in einer Welt, in der das transhumanistische Projekt verwirklicht wurde, indem ein Teil der Menschheit sich durch gesteuerte Evolution in die „Gente“ verwandelt hat. Sie sind eine Art umfassendes auf den heute bekannten Tieren beruhendes Geschlecht, welches zur Informationsübermittlung auf ein Duftstoffnetz zurückgreift.

Außerhalb der Science-Fiction wurde der Transhumanismus zum Beispiel von Michel Houellebecq in seinem Romanen Elementarteilchen und Die Möglichkeit einer Insel thematisiert. Die Menschheit beschließt hier als Reaktion auf die Desillusionen der Moderne, zugunsten einer geschlechtslosen, unsterblichen Spezies von der Weltbühne zu verschwinden.

In dem 2012 erschienenen Roman Maschinenmann des australischen Autors Max Barry verliert ein Wissenschaftler durch einen Unfall ein Bein, welches er durch eine biomechanische Prothese ersetzt. Als der Wissenschaftler feststellt, dass sein neues synthetisches Bein wesentlich leistungsfähiger ist als ein natürliches, beginnt der Mann, weitere seiner Körperteile auszutauschen, um seinen organischen Leib zu perfektionieren.

Im 2013 erschienenen Roman Inferno von Dan Brown erschafft ein Wissenschaftler, der sich als Transhumanist sieht, ein Virus, das die Welt vor der drohenden Überbevölkerung und dem, nach seiner Ansicht nach, damit unvermeidlichen Kollaps der Erde retten soll.

Computerspiele[Bearbeiten]

Auch in aktuellen Computerspielen tauchen Ideen und Konzepte des Transhumanismus auf. Die Deus-Ex-Reihe behandelt neben Themen aus dem Bereich der Verschwörungstheorien auch und vor allem die Auswirkungen überlegener Technik wie künstlicher Implantate und künstlicher Intelligenz auf den menschlichen Geist und die Gesellschaft.

Ein weiteres Beispiel für eine transhumanistische Organisation in Computerspielen ist die Cerberus-Gruppe in der RPG-Serie Mass Effect. Diese versucht durch Genmanipulation und Implantologie der Menschheit einen Vorteil im intergalaktischen Wettbewerb mit den anderen, außerirdischen Rassen zu verschaffen. Obwohl der Spieler im ersten Teil der Serie die teils unmoralischen Experimente und Machenschaften der Gruppe aufdeckt, wird er zu Beginn des zweiten Teils durch eben deren Technik wieder zum Leben erweckt und versucht im Folgenden mit Unterstützung von Cerberus die Vernichtung allen organischen Lebens durch die sog. Reaper, uralte und hoch entwickelte Maschinenwesen, zu verhindern. Der Spieler kann dabei an mehreren Stellen in Dialogen seine Einstellung zur Cerberus-Gruppe darstellen und sich dabei sowohl loyal zeigen als auch abgrenzen.

Das Computerspiel BioShock dreht sich um ein gescheitertes libertäres Gesellschaftsmodell, welches dem Transhumanismus ähnelt. Die elitären Bewohner der Unterwasserstadt Rapture verwendeten dabei exzessive Genmanipulation, um ihre Körperfunktionen zu erweitern, was ihnen schließlich zum Verhängnis wurde.

Im Computerspiel "Syndicate" ist es möglich, seinen Agenten vorteilsbringende Prothesen zu kaufen, wodurch sie im späteren Spielverlauf zunehmend an Cyborgs erinnern.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • John Brockman: Die neuen Humanisten. Wissenschaft an der Grenze. Ullstein Hc; (Oktober 2004), ISBN 978-3-550-07597-1
  • Ray Kurzweil: Menschheit 2.0. Die Singularität naht. Lola Books 2013. ISBN 978-3-944203-04-1 (engl. Originaltitel: "The Singularity Is Near")
  • Christian Weisgerber: Cyborgs, Katastrophen und Visionen. Europas Transhumanisten schauen in die Zukunft. Telepolis, 10. Juli 2001 (Html)
  • Oliver Krüger: Virtualität und Unsterblichkeit. Die Visionen des Posthumanismus. Rombach (2004) ISBN 978-3-7930-9405-0
  • Christopher Coenen, Die Debatte über "Human Enhancement"; historische, philosophische und ethische Aspekte der technologischen Verbesserung des Menschen, (2010) ISBN 978-3-8376-1290-5
  • Boris Hänßler: "Die vielleicht gefährlichste Idee der Welt", Süddeutsche Zeitung, 8. Juni 2013 (Html)
  • Jens Jessen: "Die Besten sind Bestien", Die Zeit, 23. Mai 2013 (Html)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. "Transhumanism is a loosely defined movement…" Nick Bostrom: In Defense of Posthuman Dignity. 2005. Abgerufen am 29. März 2012.
  2. Jan-Christoph Heilinger: Anthropologie und Ethik des Enhancements 2009., S. 112.
  3. a b Nick Bostrom: A history of transhumanist thought. 2005. Abgerufen am 21. Februar 2006.
  4. Stefan Lorenz Sorgner: / JET 20(1) March 2009 29-42 Nietzsche, the Overhuman, and Transhumanism. 2009.
  5. Russel Blackford: Editorial: Nietzsche and European Posthumanisms. 2010.
  6. World Transhumanist Association: Do transhumanists advocate eugenics?. 2002–2005. Abgerufen am 23. September 2010.
  7. Nick Bostrom im Interview
  8. Vgl. etwa Ernst Benz (Hrsg.): Übermensch. Eine Diskussion. Stuttgart/Zürich 1961.
  9. Francis Fukuyama: The world's most dangerous ideas: transhumanism. 2004. Abgerufen am 20. August 2010.
  10. Ronald Bailey: Transhumanism: the most dangerous idea?. 2004. abgerufen am 20. Februar 2006
  11.  Francis Fukuyama: Our Posthuman Future. 1 Auflage. Picador USA, USA 2003, ISBN 978-0-312-42171-7.