Trellick Tower

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Trellick Tower von der Golborne Road

Der Trellick Tower ist ein 31-stöckiges Hochhaus im westlichen Londoner Stadtteil North Kensington. Die 98 Meter hohe Wohnanlage unweit vom Ufer des Regent’s Canal wurde im Stil des Brutalismus durch den Architekten Ernő Goldfinger entworfen. Sie wurde in den Jahren 1968 bis 1972 erbaut, war im Jahr ihrer Errichtung das höchste Wohnhaus im Vereinigten Königreich und zählt auch gegenwärtig zu den höchsten Bauwerken Londons.[1] Zusammen mit den auf dem Dach angebrachten Antennen ist das Bauwerk 120 Meter hoch.[2] Das Bauwerk steht unter Denkmalschutz und gehört zur Statutory List of Buildings of Special Architectural or Historic Interest vom Grad II*.

Geschichte[Bearbeiten]

Blick auf den Serviceturm des Trellick Tower

Die Architektur des Trellick Tower lehnt sich stark an den ebenfalls von Goldfinger entworfenen Balfron Tower an. Das Bauwerk weist ebenfalls Ähnlichkeiten zum Wohnhochhaus Anniesland Court in Glasgow auf, das 1968 fertiggestellt und von J. Holmes & Partners gestaltet wurde. Der Trellick Tower wurde im April 1972 fertiggestellt. Es gilt weltweit als eines der bedeutendsten Bauwerke des Brutalismus.[3]

In den 1970er Jahren gerieten derartige Bauwerke aus der Mode und der Trellick Tower entwickelte sich zu einem sozialen Brennpunkt. Verschiedene Meldungen über Vergewaltigungen in Aufzügen, Obdachlose, die sich angesiedelt hatten, oder Kinder, die von Drogenabhängigen angegriffen wurden, ließen den Trellick Tower sehr in Verruf geraten. Besonders in der Tiefgarage war man häufiger gefährlichen Situationen ausgesetzt. Zu Weihnachten 1972 öffneten Vandalen einen Hydranten im 12. Stock und überschwemmten den Aufzugschacht. Für mehrere Tage fielen daraufhin Strom und Heizung aus. Die Regenbogenpresse titulierte die Wohnanlage regelmäßig als „The Tower of Terror“ („Turm des Schreckens“).[4] Nachdem die Mieter Druck auf die Wohnungsbaugesellschaft ausgeübt hatten, wurden im Oktober 1984 einige Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit und Gefahrenabwehr eingeleitet. Das Haus bekam einen Hausmeister und eine Sprechanlage. In der Folge stiegen allerdings die Miet- und Eigentumspreise. Der Trellick Tower gilt als höchstes Wohnhaus Europas, das im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus errichtet wurde.[5]

Im Juni 1982 kam der englische Base-Jumper Francis Donellan bei einem Sprung vom Dach des Trellick Tower ums Leben, als sich sein Fallschirm nicht öffnete.[6] Von 1978 bis 1983 sendete der Radiosender Thameside Radio als Piratensender zwischen zwei Stockwerken des Hochhauses aus einem Schacht heraus. Die Behörden konnten den Sender jedoch nie aufspüren.[7] Im Dezember 1989 wurde ein 28 Meter hoher Antennenmast zur Verbesserung der Sendeleistung von Fernsehprogrammen auf das Dach montiert. Die BBC und die Ofcom führt die Sendeanlage unter dem Namen Kensal Town.[8]

Am 22. Dezember 1998 wurde der Wohnturm von der English Heritage in die amtliche Denkmalliste Statutory List of Buildings of Special Architectural or Historic Interest vom Grad II* aufgenommen.[9] Mit der späten architektonischen Anerkennung stiegen die Preise für die Wohnungen weiter an. Im September 2007 kostete ein Einzimmerapartment 250.000 Pfund[10] und eine Dreizimmerwohnung 465.000 Pfund.[11] Im Laufe der Jahre entwickelte sich der Trellick Tower vom verhassten Betonklotz zu einem Wahrzeichen und – nicht zuletzt auch wegen der Präsenz in den Medien und der Kunst und Kultur – zu einem begehrten Kultobjekt. Er gilt nun als Monument der neu belebten Moderne.[12]

Beschreibung und Architektur[Bearbeiten]

Detail

Der Trellick Tower ist für seine Höhe verhältnismäßig dünn. Sein markantestes Element ist ein separater Serviceturm, in dem die Aufzuganlage, das Treppenhaus sowie Abfallschächte enthalten sind. Mit Ausnahme der oberen Stockwerke werden je drei Stockwerke durch die beiden Aufzüge bedient: das Stockwerk des Haltepunktes sowie ein Stockwerk darüber und eines darunter. Der Turm ist über zehn Skyways mit dem Haupthaus verbunden. An der Spitze des Serviceturms kragt ein verglaster Raum aus, der früher als Heizungsraum genutzt wurde. Diese Bauweise, den Kessel und den Warmwasserspeicher an die Turmspitze zu setzen, machte Pumpen fast überflüssig und verringerte auch die benötigte Menge an Rohrleitungen, was wiederum den Wärmeverlust verringerte und damit den Wirkungsgrad erhöhte. Allerdings wurde wegen der Ölkrise 1973 die ursprünglich vorhandene Ölheizung trotz dieser Vorteile obsolet, so dass inzwischen das Haus durch eine Elektroheizung beheizt wird. Der Heizraum wird nicht mehr genutzt und steht damit leer. Ein Bauantrag, diesen Raum als Penthouse-Wohnung umzubauen, wurde vom Gemeinderat abgelehnt.[4] Die Fassade des Serviceturms wird von sehr schmalen, treppenförmig angeordneten Fenstern dominiert.

Insgesamt beherbergt das Haus 219 Wohnungen in neun verschiedenen Ausführungen, darunter auch elf Maisonettewohnungen. Jede der Wohnungen verfügt über einen eigenen Balkon. Als besonders fortschrittlich für damalige Verhältnisse gilt, dass Goldfinger bereits in der Planungsphase doppelverglaste Fenster als Schallschutz berücksichtigte. Die einfache Geometrie der Architektur folgt einem besonderen Längenverhältnis und einer entsprechenden Gitterstruktur, um mehr optische Harmonie zu erreichen. Dazu gehört auch, dass Goldfinger das Wohnhochhaus niedriger als den Serviceturm ausfallen ließ – im Gegensatz zum früheren Projekt des Balfron Tower. Die Fassade des Hauses wird von unterschiedlich langen Balkonen geprägt und lässt ein grafisches Muster aus Rechtecken entstehen. Die Fassade selbst besteht aus Waschbetonplatten, deren Fugen ebenfalls ein Muster ergeben. Die Gebäudeecken und die Unterseite der Balkone sind abgerundet. Im kleinen und engen Foyer des Trellick Tower sind bunte Glasbausteine in Beton eingefasst.

Ursprünglich sollte das Haus eine Unité d'Habitation nach Vorbild von Le Corbusier werden und auch Geschäfte und Arztpraxen beherbergen. Das Konzept wurde jedoch wieder zugunsten einer reinen Wohnanlage verworfen.[13]

Trellick Tower in Kunst und Kultur[Bearbeiten]

Die Novelle High-Rise[14] des britischen Science-Fiction-Autors James Graham Ballard aus dem Jahr 1975, der letzte Teil der Trilogie nach Crash von 1973 und Concrete Island von 1974, beschreibt eine Gemeinschaft von 2000 Menschen, die in einem 40-stöckigen Hochhaus in London wohnen. Sehr viele der Beschreibungen in der Geschichte verweisen auf die Gegebenheiten des Trellick Tower, beispielsweise die besondere Höhe des Hauses, die Fassade, die Balkone sowie die generelle Ausstrahlung der „Beton-Landschaft“. Ballard bezeichnet den Turm als „architektonischen Bau für den Krieg“.[4]

Der Trellick Tower kommt in Musikvideos unter anderem von folgenden Liedern vor: For Tomorrow von Blur, Kingdom of Doom von Damon Albarn, I Shall Overcome von Hard-Fi, Tomorrow Comes Today von Gorillaz, Little 15 von Depeche Mode. Der schwedische Musikproduzent Kleerup publizierte 2008 das Album Hello Holla EP, in dem er ein Stück Tower of Trellick nannte.

Darüber hinaus war der Trellick Tower auch Handlungsort in zahlreichen internationalen Kinofilmen. Im Film For Queen and Country mit Bruce Payne und Denzel Washington kommt das Hochhaus ebenso vor wie im Film Shopping mit Jude Law oder auch im Film Gangster No. 1 mit Malcolm McDowell, sowie im Thriller Blitz – Cop-Killer vs. Killer-Cop mit Jason Statham.

Literatur[Bearbeiten]

  • The architects' journal, London 19. Januar 1973, ISSN 0003-8466, S. 21-9 (englisch).
  • The architects' journal, London 23. November 1987, ISSN 0003-8466, S. 28-9 (englisch).
  • James Dunnett: The architects' journal, London 20. November 1997, ISSN 0003-8466, S. 32-8 (englisch).
  • Jörn Ebner: … in die Jahre gekommen. Balfron Tower, 1963–65, Trellick Tower, 1966–72. In: Deutsche Bauzeitung, Band 136, ISSN 0721-1902, Konradin Medien, Leinfelden-Echterdingen 2002, S. 80–84 (englisch).
  • Jonathan Glancey: Architektur der Welt. Berühmte Bauwerke von 1900 bis heute. Bucher, München 2007, ISBN 978-3765816390, S. 244.
  • Herbert Wright: London High. Frances Lincoln, London 2006, ISBN 978-0-7112-2695-1, S. 95–98 (englisch).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. emporis.com: High-rise Buildings in London, abgerufen am 10. Mai 2010
  2. skyscrapernews.com: Trellick Tower
  3. Wright: London high, S. 95
  4. a b c housingprototypes.org: Trellick Tower
  5. emporis.com: Trellick Tower
  6. Der Spiegel: Volkssport für Verrückte, 9. August 1982
  7. Thameside Radio 90.2: State of the art broadcasting technology
  8. UK Broadcast Transmission: Kensal Town
  9. National Monuments Record: Trellick Tower
  10. 25by4.channel4.com: Goldfinger’s Lair, von Daisy Leitch
  11. Homes: Streets of London (PDF; 3,3 MB)
  12. open2.net Trellick Tower
  13. Goode, Anderson, Wilson: The Oxford companion to architecture, Oxford University Press 2009, ISBN 978-0198605683, S. 372.
  14. Donald Short: High-rise: Goldfinger versus George Lansbury

51.523777777778-0.2055Koordinaten: 51° 31′ 26″ N, 0° 12′ 20″ W