Trepanation

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Alter Trepanierbohrer aus den 1950er Jahren

Trepanation (v. französ.: trépan Bohrer) ist ein Begriff aus der Medizin und beschreibt operative Verfahren, bei denen meist knöcherne oder auf eine andere Weise fest umschlossene Räume mechanisch geöffnet werden.

In der Neurochirurgie bezeichnet man mit Trepanation die Kraniotomie, also die operative Öffnung des Schädels, entweder um operative Eingriffe im Schädelinnern vorzunehmen oder auch zur Senkung des Schädelinnendrucks, des Hirndrucks. Man spricht in diesem Fall auch von Entlastungstrepanation. Die Öffnung des Schädels, teilweise einschließlich der Hirnhäute kann entweder in Form einer Bohrung oder auch eines ausgesägten Stücks Knochen geschehen. Bis zum Wiedereinsetzen des Knochenstücks wird dieses oft im Bauchraum zwischengelagert. Dadurch wächst es schneller wieder an. Bei der Trepanation des Schädels kommen zwei verschiedene Operationsverfahren zur Anwendung: Bei der osteoplastischen Trepanation wird das aus dem Schädel entnommene Knochenstück wieder zum Verschluss der Operationswunde verwendet. Bei der moderneren osteoklastischen Trepanation wird der entstandene Defekt auf andere Weise geschlossen, z. B. durch Implantate aus Metall oder Kunststoff.

In der Technik bezeichnet Trepanation ein spezielles Verfahren, kleine und kleinste Bohrungen, z. B. mit einem Laser, herzustellen.

Die Elliot-Trepanation in der Augenheilkunde ist ein Verfahren zur Therapie des Glaukoms, bei dem der Augapfel operativ eröffnet und ein künstlicher Abfluss für das Kammerwasser unter die Bindehaut geschaffen wird.

In der Zahnheilkunde bezeichnet man die Eröffnung der Zahnhöhle als Trepanation. Diese wird z. B. vor einer Wurzelbehandlung nötig um die Eingänge der Wurzelkanäle darzustellen, welche dann mit Wurzelkanalinstrumenten gereinigt, desinfiziert und möglichst vollständig gefüllt werden können.

Anthropologie[Bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten]

Trepanierter Schädel aus der Jungsteinzeit
Kontinent untersuchte Schädel sichtbare Heilung bei  %
Europa 334 244 73 %
Ägypten 14 10 71 %
Altes Peru 400 250 63 %

Trepanationen (Schädelöffnungen) können bereits um 10.000 v. Chr. im Natufien und später sogar weltweit nachgewiesen werden.

  • Der französische Arzt Pierre-Barthélémy Prunières (1828–1893) entdeckte 1873 im Département Lozère mehrere durchlochte steinzeitliche Schädel. Damals nahm man an, dass die Knochenstücke nach dem Tod ausgeschnitten wurden, um sie als Schmuck bzw. Amulett zu tragen.
  • Der französische Anthropologe Paul Broca (1824–1880) entdeckte an einigen der 1873 gefundenen Schädel Anzeichen von Heilungsprozessen an den Knochenrändern, womit belegt war, dass in der Frühzeit erfolgreiche Schädelöffnungen an lebenden Menschen durchgeführt wurden.
  • In St. Urnel en Plomeur-Finistère wurde in den 1950er Jahren u.a. eine Trepanation mit Heilungsspuren entdeckt, bei der fast die gesamte Scheiteldecke fehlt.
  • Eine radial verzierte und doppelt durchlochte, aus einer Schädelkalotte erstellte Scheibe fand sich in einem Frauengrab auf dem schnurkeramischen Gräberfeld „Wöllerspfad“ südlich von Lauda-Königshofen im Main-Tauber-Kreis.

In Europa konnten mehr als 450 Trepanationen aus dem Neolithikum nachgewiesen werden. Der umfangreichste Befund liegt mit mehr als 100 neolithischen Trepanationen aus Frankreich vor. Die meisten Schädel stammen aus dem Départment Lozere und der Seine-Oise-Marne-Kultur (S-O-M-Kultur). In Mitteleuropa lassen sich die Anfänge der Trepanation bis ins mittlere Neolithikum (etwa ab 4500 v. Chr.) belegen. Als eine der ältesten nachgewiesenen Trepanationen gilt der Eingriff am Schädel eines Mannes der bandkeramischen, ggf. auch der La-Hoguette-Kultur (etwa 5500 bis 4900 v. Chr.) vom elsässischen Gräberfeld Hönheim-Suffelsweyersheim in Frankreich. Trepanationen in Deutschland sind aus der Trichterbecherkultur (TBK), der Walternienburg-Bernburger Kultur und der schnurkeramischen Kultur bekannt. Die von Trägern der Walternienburg-Bernburger Kultur vorgenommenen Trepanationen sind – wie man an den verheilten Wundrändern erkennen kann – in den meisten Fällen überlebt worden. Allerdings ist die Datenbasis zu klein, um daraus etwas zu schließen.

Trepanierte Personen endeten selten in Erdgräbern, sondern während der TBK in Megalithanlagen. Nach Untersuchungen zur Trepanationshäufigkeit und -technik in der Jungsteinzeit von J. Piek, G. Lidke, T. Terberger, U. von Smekal und M. R. Gaab ergibt sich folgendes Bild: Von den 113 gefundenen bzw. untersuchten Schädeln und acht Fragmenten wiesen sechs Trepanationsspuren (fünf vollendet) auf. Nur vier der Schädel waren männliche.

Aus alten Papyrusschriften ist bekannt, dass spätestens im 3. Jahrtausend v. Chr. im alten Ägypten Schädel geöffnet wurden. Einige Schädelfunde bestätigen dies. In Südamerika wurden mehrere Gräber (etwa 2000 Jahre alt) mit trepanierten Schädeln und chirurgischen Werkzeugen gefunden. Die meisten Schädel wiesen Heilungsprozesse auf.

Ob vorzeitliche Trepanationen aus medizinischen oder religiösen Gründen vorgenommen wurden, ist umstritten. Eine religiöse Erklärung ist die, dass eingedrungene Dämonen durch die geschaffene Öffnung entweichen würden oder dass umgekehrt einem positiven Geistwesen die Möglichkeit eröffnet würde, von dem Betroffenen Besitz zu ergreifen. Beleg für Letzteres ist u. a., dass die Wunde nicht verschlossen wurde, sondern das entnommene Knochenstück durchbohrt und als Amulett o. Ä. getragen wurde. Auf ähnliche Vorstellungen geht z. B. die abendländische Tonsur des Apostels Jakobus zurück [1].

Moderne Medizin[Bearbeiten]

Hieronymus Bosch – Detail: Entfernung des Wahnsinnssteines

Der griechische Arzt Hippokrates (ca. 460–370 v. Chr.) benutzte für Schädelöffnungen Perforativ- und Kronentrepan. Das Christentum verbot im frühen Mittelalter Trepanationen an lebenden Menschen, so gab es nur sehr wenige geheime Kopfoperationen. Erst im 13. Jahrhundert wurde wieder öfter trepaniert. Eine Vielzahl von Trepanationen gab es im 16. Jahrhundert. Damals setzte man, neben den typischen Werkzeugen wie Hammer, Meißel oder Messer, auch Schraubapparate oder primitive Bohrgeräte ein. Neben den echten Ärzten gab es auch Scharlatane und Betrüger, die den Patienten gegen Geld angeblich Steine, Metall oder gar Tiere aus dem Kopf schnitten. Eine Kopfoperation wird in dem Gemälde „Die Narrenheilung“ (Die Steinoperation) von Hieronymus Bosch dargestellt. Den Höhepunkt gab es im 18. und 19. Jahrhundert. Damals stieg auch die Sterblichkeit rapide an. Mit der Einführung von Betäubungsmitteln und der Antiseptik begann die moderne Gehirnchirurgie. In der modernen Neurochirurgie stellt die Trepanation einen Standardeingriff mit relativ kurzer OP-Dauer (oft weniger als eine Stunde) dar. Über das Schädelloch können Katheter und Drainagen eingelegt werden, z. B. zur Entlastung eines raumfordernden Hämatoms oder als Liquordrainage zum Abfluss des Hirnwassers (Liquor) bei erhöhtem Hirndruck.

Trepanationen bei den Kisii (Ostafrika)[Bearbeiten]

Die ersten schriftlichen Überlieferungen über die ostafrikanischen Trepanationen stammen von britischen und deutschen Beamten und Ärzten Ende des 19. Jahrhunderts. In Europa wurden diese Trepanationen erst um 1957 bekannt, als britische Ärzte erfolgreiche Schädeltrepanationen fotografierten und veröffentlichten. Sie konnten zwischen 20 und 35 Medizinmänner ausfindig machen, die noch Schädelöffnungen vornahmen. Erstmals wurde eine Trepanation 1958 von dem Österreicher Max Lersch gefilmt, womit auch bestätigt wurde, dass keine Betäubungsmittel eingesetzt wurden. 1979 zählte der deutsche Arzt Rolf Meschig nur noch sechs Schädelöffner. Heute sind in Kenia Schädeltrepanationen ohne fachärztliche Aufsicht offiziell verboten.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Ralf Grauel: Loch im Kopf. In: Die Zeit. 7. November 1997 (zeit.de, abgerufen am 5. August 2013).
  • Carola Hanisch: Loch im Kopf. In: Abenteuer Archäologie. Heft 1, 2005, S. 50-55. Artikel (Auszug) auf Wissenschaft-Online (PDF; 203 kB).
  • Ramseier, F., Hotz, G., Meyer, L., Eades, S., Kramar, C., Mariéthoz, F.: Ur- und frühgeschichtliche Schädeltrepanationen der Schweiz. Vom Neolithikum bis ins Mittelalter. Bulletin der Schweizerischen Gesellschaft für Anthropologie 2005/1 u. 2.
  • Jürgen E. Walkowitz: Das Megalithsyndrom. In: Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas. Band 36, 2003. ISBN 3-930036-70-3

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Renate Schafberg in "Schönheit, Macht und Tod" über den Mann von Pritschöna: "Zweifellos handelt es sich bei solchen Eingriffen um zeremoniell begangene Rituale, die den Anfang einer langen Tradition Tradition bilden. Trepanationen lassen sich allen nachfolgenden Epochen bis in die heutige Zeit belegen"

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Trepanation – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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