Trepanation

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Gebohrte Trepanationslöcher in einem menschlichen Schädel (Monte Albán Museum)
Trepanierbohrer aus den 1950er Jahren
Amulette (Schädelrondeln) aus Rundstücken menschlichen Schädelknochens, die durch eine Trepanation entstanden (Museum Quintana. Urnenfelder Kultur, 9. Jhdt. v. Chr.)
Trepanationsbesteck (18. Jhd., Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

Trepanation (französisch trépan ‚Bohrer‘) ist ein Begriff aus der Medizin und beschreibt operative Verfahren, bei denen meist knöcherne oder auf eine andere Weise fest umschlossene Räume mechanisch geöffnet werden.

Medizin[Bearbeiten]

Schädelchirurgie[Bearbeiten]

In der Neurochirurgie bezeichnet Trepanation die Kraniotomie, also die operative Öffnung des Schädels, entweder um operative Eingriffe im Schädelinnern vorzunehmen[1] oder um eingedrungene (militärische) Projektilspitzen zu entfernen[2] oder zur Senkung des Schädelinnendrucks. Man spricht in letzterem Fall auch von Entlastungstrepanation.

Die Öffnung des Schädels, teilweise einschließlich der Hirnhäute, kann entweder in Form einer Bohrung oder auch eines ausgesägten Stücks Knochen geschehen. Bis zum Wiedereinsetzen des Knochenstücks wird dieses oft im Bauchraum zwischengelagert. Dadurch wächst es schneller wieder an. Bei der Trepanation des Schädels kommen zwei verschiedene Operationsverfahren zur Anwendung: Bei der osteoplastischen Trepanation wird das aus dem Schädel entnommene Knochenstück wieder zum Verschluss der Operationswunde verwendet. Bei der moderneren osteoklastischen Trepanation wird der entstandene Defekt auf andere Weise geschlossen, z. B. durch Implantate aus Metall oder Kunststoff. Die Trepanation stellt einen Standardeingriff mit relativ kurzer OP-Dauer (oft weniger als eine Stunde) dar. Über das Schädelloch können Katheter und Drainagen eingelegt werden, z. B. zur Entlastung eines raumfordernden Hämatoms oder als Liquordrainage zum Abfluss des Hirnwassers (Liquor) bei erhöhtem Hirndruck.

Augenheilkunde[Bearbeiten]

Die Elliot-Trepanation in der Augenheilkunde ist ein Verfahren zur Therapie des Glaukoms, bei dem der Augapfel operativ eröffnet und ein künstlicher Abfluss für das Kammerwasser unter die Bindehaut geschaffen wird.

Zahnheilkunde[Bearbeiten]

In der Zahnmedizin bezeichnet man die Eröffnung des Pulpencavums als Trepanation. Diese wird z. B. vor einer Wurzelkanalbehandlung nötig um die Eingänge der Wurzelkanäle darzustellen, welche dann mit Wurzelkanalinstrumenten gereinigt, desinfiziert und möglichst vollständig gefüllt werden können.

Entdeckungsgeschichte früher Schädeleingriffe[Bearbeiten]

Der französische Arzt Pierre-Barthélémy Prunières (1828–1893) entdeckte 1873 im Département Lozère mehrere durchlochte steinzeitliche Schädel. Damals nahm man an, dass die Knochenstücke nach dem Tod ausgeschnitten wurden, um sie als Schmuck bzw. Amulett zu tragen. Der französische Anthropologe Paul Broca (1824–1880) entdeckte an einigen der 1873 gefundenen Schädel Anzeichen von Heilungsprozessen an den Knochenrändern, womit belegt war, dass in der Frühzeit erfolgreiche Schädelöffnungen an lebenden Menschen durchgeführt wurden.

Geschichte[Bearbeiten]

Vorzeit[Bearbeiten]

Trepanierter Schädel aus der Jungsteinzeit

Trepanationen (Schädelöffnungen) können ab etwa 10.000 v. Chr. in Europa[3] (z. B. in der Ukraine und Russland[4]), Asien (z. B. im Natufien und Anatolien[5]) und ab dem Neolithikum sogar weltweit[3] (z. B. in China[6] und Peru) nachgewiesen werden. In Südamerika wurden mehrere tausend Trepanationen aus dem Neolithikum auf medizinische oder kulturelle Zusammenhänge hin betrachtet.[7] Mehr als 100 neolithische Trepanationen aus Frankreich, die meisten aus der Seine-Oise-Marne-Kultur (Départment Lozère), wurden anthropologisch untersucht. Die von Trägern der Walternienburg-Bernburger Kultur vorgenommenen Trepanationen sind – wie man an den verheilten Wundrändern erkennen kann – in den meisten Fällen überlebt worden.

Trepanierte Personen endeten in Mitteleuropa selten in Erdgräbern, sondern während der Trichterbecherkultur (TBK) in Megalithanlagen. Nach Untersuchungen zur Trepanationshäufigkeit und -technik in der Jungsteinzeit Mitteleuropas durch J. Piek, G. Lidke, T. Terberger, U. von Smekal und M. R. Gaab ergibt sich folgendes Bild: Von den 113 untersuchten Schädeln und acht Fragmenten wiesen sechs Trepanationsspuren (fünf vollendet) auf. Nur vier der Schädel waren männlich. In St. Urnel en Plomeur-Finistère wurde in den 1950er Jahren eine Trepanation mit Heilungsspuren entdeckt, bei der fast die gesamte Scheiteldecke fehlt.

Viele Trepanationsöffnungen der Steinzeit haben eine runde oder ovale Form, andere eine rechteckige oder quadratische. Die zur Trepanation benutzten Werkzeuge in sind unbekannt, die Benutzung von Muschelschalen konnte elektronenmikroskopisch an den Knochenrändern nachgewiesen werden.[8] Bei rechteckigen oder quadratischen Trepanationen sind zumeist Sägespuren in den Ecken der erhaltenen Schädelknochen erkennbar.

Es wird angenommen, dass steinzeitliche Trepanationen teilweise aus medizinischen und teilweise aus kulturellen Gründen vorgenommen wurden, eine Zuordnung ist aber meistens unmöglich. Eine Erklärung zur Behandlung psychischer Probleme besteht darin, dass eingedrungene Dämonen durch die geschaffene Öffnung entweichen würden[9] oder dass umgekehrt einem positiven Geistwesen die Möglichkeit eröffnet würde, von dem Betroffenen Besitz zu ergreifen. Beleg für Letzteres ist u. a., dass meist kein Verschluss der Schädelöffnung gefunden wurde und das entnommene Knochenstück durchbohrt als Amulett o. Ä. getragen wurde. Zumindest bei einigen Trepanationen waren kulturelle Aspekte bedeutsam: Eine radial verzierte und doppelt durchlochte, aus einer Schädelkalotte erstellte Scheibe fand sich in einem Frauengrab auf dem schnurkeramischen Gräberfeld „Wöllerspfad“ südlich von Lauda-Königshofen im Main-Tauber-Kreis.

Altertum[Bearbeiten]

Aus alten Papyrusschriften ist bekannt, dass spätestens im 3. Jahrtausend v. Chr. im alten Ägypten Schädel geöffnet wurden. Einige Schädelfunde bestätigen dies.

Der griechische Arzt Hippokrates (ca. 460–370 v. Chr.) benutzte für Schädelöffnungen Perforativ- und Kronentrepan.

Hieronymus Bosch – Detail: Entfernung des Wahnsinnssteines

Mittelalter[Bearbeiten]

Das Christentum verbot im frühen Mittelalter Trepanationen an lebenden Menschen, so gab es nur wenige geheime Kopfoperationen.

Im 10.–12. Jahrhundert traten symbolische Trepanationen in Ungarn auf, sie wurden nur an Erwachsenen durchgeführt, meist an Männern, manchmal paarweise und dann meist symmetrisch ausgeführt.[10]

Erst im 13. Jahrhundert wurde in Mitteleuropa wieder öfter trepaniert. Eine Vielzahl von Trepanationen gab es im 16. Jahrhundert. Damals setzte man, neben den typischen Werkzeugen wie Hammer, Meißel oder Messer, auch Schraubapparate oder primitive Bohrgeräte ein. Neben den echten Ärzten gab es auch Scharlatane und Betrüger, die den Patienten gegen Geld angeblich Steine, Metall oder gar Tiere aus dem Kopf schnitten. Eine Kopfoperation wird in dem Gemälde „Die Narrenheilung“ (Die Steinoperation) von Hieronymus Bosch dargestellt.

Neuzeit[Bearbeiten]

Den Höhepunkt erfuhr die Trepanation in Mitteleuropa im 18. und 19. Jahrhundert. Damals stieg auch die Sterblichkeit rapide an. Mit der Einführung von Betäubungsmitteln und Antiseptik begann die moderne Gehirnchirurgie.

Trepanationen bei den Kisii (Ostafrika)[Bearbeiten]

Die ersten schriftlichen Überlieferungen über die ostafrikanischen Trepanationen stammen von britischen und deutschen Beamten und Ärzten Ende des 19. Jahrhunderts. In Europa wurden diese Trepanationen erst um 1957 bekannt, als britische Ärzte erfolgreiche Schädeltrepanationen fotografierten und veröffentlichten. Sie konnten zwischen 20 und 35 Medizinmänner ausfindig machen, die noch Schädelöffnungen vornahmen. Erstmals wurde eine Trepanation 1958 von dem Österreicher Max Lersch gefilmt, womit auch bestätigt wurde, dass keine Betäubungsmittel eingesetzt wurden. 1979 zählte der deutsche Arzt Rolf Meschig nur noch sechs Schädelöffner. Heute sind in Kenia Schädeltrepanationen ohne fachärztliche Aufsicht offiziell verboten.

Technik[Bearbeiten]

In der Technik bezeichnet Trepanation (englisch trepanning ‚bohren, tiefbohren‘) Bohrverfahren, z. B. um kleine und kleinste Bohrungen, etwa mit einem Laser, herzustellen. Im Tiefbohrbereich steht BTA für „Boring and Trepanning Association“.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Ralf Grauel: Loch im Kopf. In: Die Zeit. 7. November 1997 (zeit.de, abgerufen am 5. August 2013).
  • Carola Hanisch: Loch im Kopf. In: Abenteuer Archäologie. Heft 1, 2005, S. 50-55. Artikel (Auszug) auf Wissenschaft-Online (PDF; 203 kB).
  • Ramseier, F., Hotz, G., Meyer, L., Eades, S., Kramar, C., Mariéthoz, F.: Ur- und frühgeschichtliche Schädeltrepanationen der Schweiz. Vom Neolithikum bis ins Mittelalter. Bulletin der Schweizerischen Gesellschaft für Anthropologie 2005/1 u. 2.
  • Jürgen E. Walkowitz: Das Megalithsyndrom. In: Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas. Band 36, 2003. ISBN 3-930036-70-3

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Max Kappis: Die Chirurgie des Sympathicus. In: Ergebnisse der Inneren Medizin und Kinderheilkunde. Springer Berlin Heidelberg 1924, S. 562–694.
  2. Treatment of head wounds made by small projectiles. (Paris Letter—The Twenty-Sixth Annual Meeting of French Surgeons) In: JAMA. Band 310, Nr. 5, 2013, S. 540. doi:10.1001/jama.2013.5237.
  3. a b Ira M. Rutkow: Trephination. In: Archives of Surgery, Band 135, Nr. 9, 2000, S. 1119. doi:10.1001/archsurg.135.9.1119.
  4. Maria Mednikova: Prehistoric Trepanations in Russia: Ritual or Surgical? In: Robert Arnott, Stanley Finger, Chris Smith (Hrsg.): Trepanation CRC Press, 26. September 2005, S. 163.
  5. Y. S. Erdal, Ö. D. Erdal: A review of trepanations in Anatolia with new cases. In: International Journal of Osteoarchaeology, Band 21, Nr. 5, 2011, S. 505–534.doi:10.1002/oa.1154.
  6. Han Kangxin, Chen Xingcan: The archaeological evidence of trepanation in early China (PDF) In: Indo-Pacific Prehistoriy Association Bulletin, Band 27, 2007, 22–27.
  7. Domingo Campillo: Neurosurgical pathology in prehistory. In: Acta neurochirurgica, Band 70, Nr. 3–4, 1984, S. 275–290.
  8. G. C. Stevens, J. Wakely: Diagnostic criteria for identification of seashell as a trephination implement. In: International Journal of Osteoarchaeology, Band 3, Nr. 3, September 1993, S. 167–176. doi:10.1002/oa.1390030303.
  9. Skews Me: Trephination, gesehen 10. Mai 2014.
  10. Zsolt Bereczki, Antónia Marcsik: Trephined skulls from ancient populations in Hungary. (PDF) In: Acta Medica Lituanica, Band 12, Nr. 1, 2005, S. 65–69.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Trepanation – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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