Trichterbrust

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Trichterbrust
Klassifikation nach ICD-10
Q67.6 Pectus excavatum
Angeborene Trichterbrust
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Als Trichterbrust (Pectus excavatum sive infundibulum) bezeichnet man eine krankhafte Veränderung des Brustkorbs. Durch Veränderungen in den Knorpelverbindungen zwischen Brustbein und Rippen sinkt der vordere Teil des Thorax ein.

Häufigkeit[Bearbeiten]

Die Inzidenz beträgt etwa 1:300 bis 1:400 Geburten.[1] Jungen sind dreimal häufiger betroffen als Mädchen. Eine familiäre Häufung wird in 35 % beobachtet. Die Trichterbrust tritt ebenfalls gehäuft beim Marfan-Syndrom, dem Poland-Syndrom und dem Fetalen Alkoholsyndrom auf.[2]

Folgen[Bearbeiten]

Je nach Grad der Ausprägung können die Funktionen von Herz und Lunge beeinträchtigt sein, auch körperliche Fehlhaltungen treten auf. Dabei sind die Schultern meist nach vorne geneigt und hängen leicht, der Rücken weist eine Kyphose auf, der Bauch tritt hervor.

Ein eventuell erhöhter intraabdomineller Druck auf die Cardia durch eine Fehlhaltung im Bauchbereich kann eine chronische Refluxösophagitis zur Folge haben.

Durch die Fehlhaltung kommt es häufig zu einer starken Belastung der Bandscheiben, was Schmerzen im gesamten Bereich der Wirbelsäule mit sich bringt (u.a. Lumbalgie, Ischialgie, Dorsalgie).

Diagnostik[Bearbeiten]

Die Deformität ist äußerlich sichtbar. Meist tritt sie bereits im ersten Lebensjahr auf, doch nimmt die Verformung bis zum Abschluss des Wachstums zu. Das komplette Ausmaß kann mittels CT sichtbar gemacht werden. Nach Folgeschäden wird mittels Lungenfunktionstest und EKG oder Echokardiografie gesucht. Zudem sollte die Wirbelsäule untersucht werden, z. B. durch Röntgen, um andere Krankheitsbilder auszuschließen.

Weitere Fehlbildungen des Thorax sind die Kielbrust und die Harrenstein-Deformität.

Behandlung[Bearbeiten]

Mittels Krankengymnastik kann die Fehlhaltung korrigiert werden, die Trichterbrust jedoch nicht. Folgeschäden kann man eingrenzen oder gar verhindern, indem die Rückenmuskulatur trainiert wird, um der Fehlbelastung der Bandscheiben entgegenzuwirken.

Die Indikation zur operativen Korrektur der Trichterbrust ergibt sich aus der psychischen und körperlichen Beeinträchtigung durch die Fehlbildung. Die Operationen führen in der Regel Kinderchirurgen oder Thoraxchirurgen aus.

Saugglocke[Bearbeiten]

Mittels einer Saugglocke soll durch regelmäßige Anwendung der Brustkorb langsam angehoben werden. Diese Methode ist relativ neu, eine Langzeitstudie wird momentan in der Universitätsklinik in Jena durchgeführt. Diese Saugglocke muss täglich eine Stunde verwendet werden und das über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren.[3] Anwender und die Herstellerfirma halten es für möglich, dass die Saugglocke die operative Behandlung in Zukunft überflüssig machen kann.[4][5]

Minimalinvasive Technik[Bearbeiten]

Lungentrainingsgeräte, die nach der OP bei der Physiotherapie eingesetzt werden

Bei der sogenannten „Nuss-OP“, die erstmals 1998 von Donald Nuss beschrieben wurde[6][7], wird durch zwei kleine Schnitte an den Seiten unter den Achseln ein individuell ausgemessener und vorgebogener Metallbügel unter das Brustbein geschoben. Dieser drückt das eingesunkene Brustbein und die betroffenen Rippen nach außen. Der Bügel wird seitlich fixiert. In manchen Fällen werden auch zwei oder drei Bügel eingebracht. Das Ergebnis ist sofort sichtbar.

Meist bleibt der Bügel für zwei bis drei Jahre im Körper und wird dann operativ entfernt; bei älteren Patienten ist eine längere Zeit erforderlich. Seit 1999 wird die Methode auch in Deutschland durchgeführt. Aufgrund der kleinen Narben ziehen viele Patienten diese Methode der offenen Methode nach Mark Michael Ravitch vor.[8]

Die minimalinvasive Trichterbrust-Korrekturmethode wurde von Rokitansky methodisch, unter anderem durch Kerbungen des Brustbeines, thorakoskopische Schlitzungen der Rippenknorpel und durch die Verwendung eines einstückigen Stützimplantates (Metallbügel), wo es zu keinem Metallabrieb im Körper kommt, weiterentwickelt.[9]

Offene Operation[Bearbeiten]

Die Techniken gehen auf Mark Ravitch[10] oder Fritz Rehbein und Hans Hellmut Wernicke[11] zurück.

Bei der Operation wird der Brustkorb durch einen mehrere Zentimeter langen vertikalen Schnitt (bei Männern) oder horizontalen Schnitt (bei Frauen) geöffnet. Anschließend werden die deformierten Rippen vom Brustbein abgetrennt. Knorpelanteile der deformierten Rippen werden entfernt. Das Brustbein wird angesägt, danach angehoben und mit Metallbügeln fixiert. Danach wird der Brustkorb wieder geschlossen.

Die in Erlangen von Hans Peter Hümmer weiterentwickelte Operation (Minimalisierte Erlanger Korrekturmethode, MEK)[12] verzichtet weitestgehend auf das vollständige Abtrennen der Rippen. Stattdessen werden die Rippen am Ansatz zum Brustbein nur angekerbt. Mit dem Tensiometer wird dabei die Spannung gemessen, die zur Hebung des Brustbeins notwendig ist.[13] Im Vergleich zu anderen Operationsmethoden wesentlich schonender, verkürzt dieses Verfahren die postoperative Liegezeit. Es ist das derzeit einzige, das Langzeitergebnisse nach mehreren Jahrzehnten vorweisen kann und sowohl bei symmetrischen als auch asymmetrischen Brustwanddeformitäten anwendbar ist.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans-Peter Hümmer: Die Trichterbrust. Stadien- und formgerechte Korrektur. Zuckschwerdt, München/Bern/Wien 1985, ISBN 3-88603-128-4.
  • Hans-Peter Hümmer, Bertram Reingruber, Peter G. Weber, Christian Knorr: Indikation und Technik der „minimal-invasiven“ Trichterbrustkorrektur, Teil 1. Chirurgische Allgemeine 4/11 (2010), S. 193–200.
  • M. Muschik, A. Wagenitz und H. Zippel: Operative Trichter- und Kielbrustkorrektur nach einer modifizierten Methode von Mark Ravitch. In: Zeitschrift für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie. Band 12, Number 5, 1998, S. 226–231. doi:10.1007/s003980050047
  • Anton H. Schwabegger (Hrsg.): Congenital Thoracic Wall Deformities. Diagnosis, Therapy and Current Developments. Springer, Wien/New York 2011, ISBN 978-3-211-99137-4. doi:10.1007/978-3-211-99138-1

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. P. Puri, M. Höllwarth: Pediatric Surgery, Springer 2006, S. 97
  2. Hebra, A.: Pectus excavatum bei emedicine.medscape.com aufgerufen am 5. Oktober 2006
  3. Schier, F., Bahr, M., Klobe, E.: The vacuum chest wall lifter: an innovative, nonsurgical addition to the management of pectus excavatum. In: Journal of Pediatric Surgery. 40 (3), 2005, S. 496–500.
  4. Non-surgical sunken chest treatment device may eliminate surgery. Mass Device. November 2012. Abgerufen am 22. Oktober 2013.
  5. Raver-Lampman: First patients in US receive non-surgical device of sunken chest syndrome. Eurek Alert. November 2012. Abgerufen am 22. Oktober 2013.
  6. Nuss D, Kelly RE Jr., u.a.: A 10-year review of a minimally invasive technique for the correction of pectus excavatum. In: J Pediatr. 33: 545-552, 1998
  7. Nuss D, Kelly RE Jr., u.a.: Repair of pectus excavatum. In: Ped Endosurg & Innovat Techn. 2:205-221, 1998
  8. Trichterbrustinfo.de: FAQ: Bis zu welchem Alter kann man die Nuss-Korrektur durchführen lassen? aufgerufen am 19. August 2007
  9. Rokitansky Method in Pediatric Surgery, Digest 2009, ISBN 978-3-540-34032-4 Springer Verlag
  10. Ravitch MM: The operative treatment of pectus excavatum. In: Ann Surg. 129:429–444, 1949
  11. Rehbein, F., Wernicke, HH: The operative treatment of the funnel chest. In: Arch Dis Child Lond. 32:5−8; 1957
  12. Hummer HP, Klein P, Simon S.: Techniques and experiences in funnel chest operations. In: Langenbecks Arch Chir Suppl Kongressbd. 1992:401-9
  13. Weber, P.: Heute macht man's schonend. In: Der Allgemeinarzt. 20/2005: 39-42

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Trichterbrust – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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