Trikont-Verlag

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Der Trikont-Verlag war eines der bekanntesten Publikationshäuser der Protest- und Alternativ-Bewegung der 1968er Jahre. Er wurde 1967 von zwei Mitgliedern des SDS, Herbert Röttgen – der später sein Autorenpseudonym Victor Trimondi als Namen annahm – und Gisela Erler, in Köln gegründet und kurz darauf nach München verlagert.

Trikont nannte sich nach 1968 eine lose antidogmatische Gruppe um den engagierten Karam Khella. Sie sprach programmatisch von der „Trikontinentale Asien-Afrika-Lateinamerika“ und von der „Dritten Welt“ und übte damit auf das Denken der westdeutschen Linken einen starken Einfluss aus. In ihrer Vorstellung spielte der „Islam als Hauptreligion der unterdrückten Massen und Völker in der Dritten Welt“ eine wichtige Rolle.[1]. Sie gab später eine Zeitschrift gleichen Namens heraus. [2]

Erste Publikationen[Bearbeiten]

Zuerst publizierte der Verlag Schriften der Befreiungs-Bewegungen aus der Dritten Welt (Südamerika, Kuba, Afrika, Vietnam) und des amerikanischen Protest-Movements (Black Panther), darunter eine deutsche Übersetzung des berühmten Bolivianischen Tagebuchs von Che Guevara. Weitere Autoren aus dieser Publikationsphase waren Fidel Castro, Ho Chi Minh, Régis Debray, Rudi Dutschke

Neben der eigenen Verlagsproduktion verbreitete Trikont Bücher, Zeitschriften, Plakate und Schallplatten aus der Volksrepublik China, unter anderem Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung („Mao-Bibel“).

Der Name Trikont soll sich von der kubanischen Internationalismus-Zeitschrift Trikontinentale ableiten, die bei den Studenten sehr beliebt gewesen sein soll.[3]

1974 beschlossen 18 Frauen aus der Münchener Frauenbewegung, kritische Publikationen zu veröffentlichen, um sie für alle Frauen zugänglich zu machen, unter anderem das Frauenjournal. Darüber hinaus publizierte der Verlag die Reihe Frauenoffensive: Texte der deutschen, amerikanischen, englischen, italienischen und französischen Frauenbewegung. Wenig später gründeten die Herausgeberinnen der Reihe Frauenoffensive unter dem gleichen Namen den ersten autonomen feministischen Verlag in der Bundesrepublik. Hierüber schrieb die Süddeutsche Zeitung 1999 unter dem Titel Das süße Gift des Feminismus.[4]

Trikont war auch das Publikationshaus, das die einschlägigen Schriften der so genannten Sponti-Bewegung veröffentlichte, jener radikalen, libertären, alternativen und außerparlamentarischen Jugend-Opposition der 70er, zu der damals Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, beide Trikont-Autoren, zählten. Ab 1973 gab der Verlag die „Hauszeitschrift“ der Spontis heraus: Autonomie – Materialien gegen die Fabrikgesellschaft.

Der Fall Bommi Baumann[Bearbeiten]

Wie viele der kleinen, linksorientierten Verlage dieser Zeit veröffentlichte der Trikont-Verlag Bücher, die den „bewaffneten Widerstand“ gegen Faschismus und Kolonialismus sowie die „revolutionäre Gewalt“ als Mittel radikaler Gesellschaftsveränderung reflektierten. Die Gewalt-Thematik wurde von Anfang an differenziert und kontrovers im Verlags-Team, später insbesondere in der Zeitschrift „Autonomie“, diskutiert. Wie bei vielen ihrer Verleger-Kollegen und Weggefährten führte die zunehmende Eskalation des RAF-Terrors bei Herbert Röttgen und Gisela Erler zu der Einsicht, „revolutionäre Gewalt“ als Mittel der Politik abzulehnen. Sie demonstrierten ihren Gesinnungswandel, indem sie unter anderem die Autobiographie Bommi Baumanns Wie alles anfing herausbrachten. Baumann, ein ehemaliges Mitglied der linken Terror-Gruppe Bewegung 2. Juni, plädierte mit überzeugenden Erfahrungsberichten für einen Ausstieg aus der bewaffneten Szene („Genossen, werft die Knarre weg!“).[5] Viele Intellektuelle, darunter an exponierter Stelle Heinrich Böll, sahen in dem Buch den authentischsten Beitrag, um die Gewaltspirale zu stoppen.

Schon vor Erscheinen von Wie alles anfing erhielt Verleger Röttgen mehrere Morddrohungen aus dem RAF-Milieu. Er entschloss sich trotzdem zur Publikation. Paradoxerweise bewirkte die bayerische Staatsanwaltschaft ein Verbot des Buches. Die Verleger Röttgen und Erler wurden angeklagt, weil der Text angeblich zur Gewalt aufriefe, obgleich er gerade das Gegenteil tat. In den Räumen des Trikont-Verlages, in zahlreichen Buchhandlungen und privaten Wohnungen fanden Hausdurchsuchungen statt, um das Buch zu beschlagnahmen. Der vielbeachtete Prozess gegen die beiden Verleger erstreckte sich über drei Jahre und alle Instanzen. Er endete 1978 mit einem umfassenden Freispruch.

In der Zwischenzeit fand eine der spektakulärsten Kampagnen um ein verbotenes Buch seit 1945 statt. Herbert Röttgen hatte eine Reprint-Ausgabe von Wie alles anfing organisiert, die nicht vom Trikont-Verlag, sondern von mehr als 400 namhaften Personen, Verlagen, Buchhandlungen, Druckereien und Institutionen publiziert wurde, unter anderem von Jean-Paul Sartre, Peter Handke, Wolfgang Abendroth, Bernt Engelmann, Inge Feltrinelli, Helmut Gollwitzer, Jakob Moneta, Luise Rinser, Alice Schwarzer, Peter Weiss und Gerhard Zwerenz. Während des Gerichtsverbotes der Trikont-Ausgabe zwischen 1975 und 1978 war der Reprint im Buchhandel erhältlich und wurde zu einem Bestseller.

Mit den Baumann-Memoiren beginnt die nach-esoterische Phase des Verlages. Der Duisburger TRIKONT-Verleger Bernd Kalus produziert seitdem pop-theoretische, sozialhistorische und Theater-Literatur.[6]

Weitere Publikationen[Bearbeiten]

Mit dem Trikont-Verlag schufen die Verleger Herbert Röttgen, Gisela Erler und das Verlags-Team einen Trendsetter der Protest- und Alternativ-Literatur: In ihm erschienen die frühesten deutschsprachigen Bücher und Übersetzungen zum Feminismus, zur Grey-Panther-Bewegung, zur Homosexuellen- und Männerbewegung, zu verschiedenen alternativen Lebensformen, zu unterdrückten Völkern, zur neuen Indianerbewegung, zum Regionalismus. Bekannte Autoren und Titel („revolutionäre Klassiker“ aus dieser Zeit) waren: Rudi Dutschke: Der Lange Marsch (1968); Daniel Cohn-Bendit: Der grosse Basar (1975); Rainer Langhans und Fritz Teufel: Klau mich (1977); Jerry Rubin: Do it (1976); Volker Elis Pilgrim: Manifest für den freien Mann (1977). „Einen besonderen Ruf hat sich Trikont mit profunden und schillernden Zusammenstellungen nachgerade obskurser Genres und wenig beachteter Gattungen gemacht“, schrieb Michael Scheiner in „Der neue Tag“ vom 27. September 2007.

Ende der 1970er Jahre änderte der Trikont-Verlag sein Programm und publizierte Themen, die später unter dem Begriff New Age klassifiziert wurden. Um die neue Ausrichtung anzuzeigen, wurde der Verlag in Dianus-Trikont-Verlag umbenannt. Gisela Erler schied aus, Herbert Röttgen blieb und führte den Verlag zusammen mit der französischen Schriftstellerin Christiane Singer (Thurn-Valsassina) fort. [7] Das Trikont-Platten-Label Unsere Stimme hat inzwischen rund 300 Alben verschiedenster Musikstile herausgebracht: von Liedermachern und Rockmusik über Punkrock, Swamp-Musik, Klezmer und weiteren Folklore-Adaptionen bis hin zu Kindermusik.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Peter Schütt (von 1966-1968 Mitglied des SDS in Hamburg): Im Sprechchor für die internationale Solidarität. Ausländer spielten in der studentischen Revolte eine beachtliche Rolle in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 31. März 1998, S.9
  2. „Binnen kurzer Zeit manövrierte sich das linksradikale Unternehmen in die Position eines ‚Vollstreckungsverlages’, mit der Potenz einer linken Autorität; was damals an Links-Ideen und Links-Kontroversen umlief, presste Trikont zwischen Deckel, und die Bücher induzierten neue Bewegungen.“ - Der Spiegel Nr. 40 am 4. Oktober 1982
  3. Über die Entstehung des Namens Trikont
  4. Über die Frauenoffensive im Trikont Verlag
  5. Stadtguerilla als Zeuge der Stasi. In: Der Spiegel, 2. Dezember 2008
  6. vergleiche Index, Trikont-Verlag
  7. Durst nach Mythen - Von Mao zum Dalai Lama, von Che Guevara zur Mutter Gottes - der einstige Links-Verlag Trikont ist auf dem spirituellen Trip Verlage, 4. Oktober 1982