Trochäus

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Der Trochäus (griechisch τροχαῖος trochaios „laufend“, „schnell“, lateinisch trochaeus; Plural Trochäen) ist in der quantitierenden antiken Verslehre ein aus zwei Verselementen bestehender Versfuß, bei dem einem Longum (lang/schwer) ein Breve (kurz/leicht) folgt, notiert als —◡. Sein metrisches Gegenstück ist der Jambus (◡—).

Trochäus und Choreus[Bearbeiten]

Der Trochäus wurde gelegentlich auch Choreus (χορεῖος choreios „zum Tanz gehörig“) genannt, beispielsweise bei Cicero. Choreus bzw. Chorius erscheint bei Diomedes Grammaticus allerdings auch als Bezeichnung für den dreisilbigen Tribrachys (◡◡◡).[1] Umgekehrt erscheint in Ciceros Orator Trochäus auch als Bezeichnung des Tribrachys. Er erwähnt an einer Stelle unter Bezug auf Aristoteles, dass Trochäus und Choreus die gleiche Länge hätten, was zutrifft, da —◡ und ◡◡◡ drei Moren zählen. Die Verwirrung bzw. Identifikation der beiden Füße könnte dadurch entstanden sein, dass man sich ◡◡◡ als durch Auflösung der Länge in —◡ in eine Doppelkürze entstanden dachte.[2] Weiter unten erwähnt Cicero den Dichoreus, der aus zwei Choreen bestehe und die Gestalt —◡—◡ habe, kurz darauf sagt er dann, dass der Choreus aus drei Kürzen bestehe.[3] Die Frage, welchen Versfuß Aristoteles, Cicero und andere jeweils meinten, wenn sie von Trochäus bzw. Choreus sprachen, konnte bis heute nicht befriedigend in allen Details geklärt werden.[4] Die Bezeichnung Choreus als Synonym für Trochäus hat sich im Namen des Chorjambus (—◡◡— = Choreus —◡ + Jambus ◡—) erhalten.

Realisierung[Bearbeiten]

In der antiken Dichtung erscheint der Trochäus in ambivalenter Form mit einem Anceps (×) an zweiter Stelle:

—×

Er kann also nicht nur als —◡, sondern auch als spondeisch als —— und anapästisch als —◡◡ realisiert werden.

Für den Trochäus gilt Dipodie, das heißt das Metron, das Grundelement, als welches der Trochäus in der antiken Metrik erscheint, besteht aus zwei Versfüßen, gebildet nach dem Schema:

—◡—×

In einem aus aus Trochäen gebildeten Versmaß werden daher die ungeradzahligen Versfüße in der Regel mit einem elementum breve (◡) am Ende gebildet sein, während die geradzahligen Füße ambivalent enden, also mit elementum anceps enden. Das letzte Element im Versmaß ist meist indifferent ().

In der akzentuierenden Metrik moderner Sprachen wie dem Deutschen fehlt dem Trochäus die Ambivalenz und er wird regelmäßig nach dem Schema —◡ (bzw. x́x in der Heuslerschen Notation) gebildet, das heißt, dass er stets aus zwei Silben besteht, wobei die erste unbetont und die zweite betont ist.

Als Wortfuß ist der Trochäus im Deutschen häufig. Beispiele sind „Vater“, loben“ und „freundlich“ (die Hebungen sind durch Unterstreichung der entsprechenden Silben kenntlich gemacht).

Trochäische Versmaße[Bearbeiten]

Antike Dichtung[Bearbeiten]

Trochäisch Versmaße sind in der antiken Metrik:

—◡ˌ—
—◡ˌ—×ˌ—
—◡ˌ—×ˌ—◡ˌ—, auch katalektisch (tr4c) als —◡ˌ—×ˌ—◡ˌ
Der katalektische Dimeter ist als Kolon auch unter der Bezeichnung Lekythion bekannt.
  • Trochäischer Septenar (tr7) mit Zäsur ( ‖ ) nach dem vierten Fuß:
—◡ˌ—×ˌ—◡ˌ— ‖ —◡ˌ—×ˌ—◡
  • Trochäischer Oktonar (tr8), ebenfalls mit mit Zäsur nach dem vierten Fuß:
—◡ˌ—×ˌ—◡ˌ— ‖ —◡ˌ—×ˌ—◡ˌ—
—◡—×ˌ—◡—×ˌ—◡—×ˌ—◡—

Neuzeitliche Dichtung[Bearbeiten]

In der akzentuirenden Metrik moderner Sprachen wie dem Deutschen verliert der Trochäus wie schon gesagt seine Ambivalenz. Die trochäischen Versmaße sind daher entsprechend regelmäßig und können allein durch die Zahl der Hebungen bestimmt werden. Man spricht daher zum Beispiel im Deutschen eher von trochäischem Vierheber, Fünfheber usw.

Die Bildung trochäischer Verse im Deutschen ist relativ einfach, da zahlreiche zweisilbige Worte trochäische Wortfüße bilden, mit denen sich leicht trochäische Rhythmen bilden lassen.

Trochäische Versmaße im Deutschen[Bearbeiten]

Obwohl zahlreiche deutsche Wörter von ihrer natürlichen Betonung her trochäisch sind, sind dennoch jambische Versmaße bei weitem die am häufigsten verwendeten in der deutschen Dichtung. Einer der Gründe ist, dass mit einem vorangestellten Funktionswort wie zum Beispiel dem Artikel sich sofort ein jambischer Ansatz ergibt („Vater“ → „der Vater“). Trotzdem sind trochäische Verse im Deutschen durchaus nicht selten. Bekannte Beispiele solcher trochäische Versmaße sind:

Trochäischer Vierheber

Im Deutschen zuerst nach griechischem Vorbild in den Übersetzung anakreontischer Oden durch Johann Christoph Gottsched[5] (daher auch anakreontische Trochäen), dann als Nachbildung des spanischen Nationalverses in Herders Übersetzung des Cid[6] (daher auch spanische Trochäen). Als Vers der Romanzenstrophe vor allem bei den Romantikern sehr beliebt. Außerdem ist das finnische Nationalepos Kalevala in einer speziellen Form trochäischer Vierheber verfasst.

Schema: —◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—(◡)

Als Beispiel das Gedicht Meeresstille von Goethe[7]:

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

Trochäischer Fünfheber

Besser bekannt als Serbischer Trochäus nach einem in der serbischen Volksdichtung verbreiteten ungereimten katalektischen Zehnsilbler, der ebenfalls von Herder im Deutschen eingeführt wurde.

Schema: —◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—(◡)

Als Beispiel die ersten Verse des Gedichts Tristan von August von Platen[8]

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheimgegeben, […]

Längere Formen

Längere Formen trochäischer Verse sind im Deutschen extrem selten, was daran liegen mag, dass durch das häufige Zusammenfallen von Wortgrenze und Versgrenze die Neigung groß ist, einen trochäischen Sechs- oder Achtheber in zwei gleichlange Halbverse zu zerlegen. Das wird merklich in den Übersetzungen spätantiker trochäischer Tetrameter, die meist als Vierheber übersetzt werden. Ein Beispiel eines katalektischen trochäischen Sechshebers ist das Gedicht Der Krieg I von Georg Heym[9]. Hier die erste Strophe:

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

Ein Beispiel eines katalektischen trochäischen Achthebers findet sich in dem Sonett Ewige Freude der Außerwehlten von Andreas Gryphius[10], hier die ersten beiden Verse:

O! wo bin ich! O was seh’ ich / wach ich! treummt mir? wie wird mir?
JEsu! welcher Wollust Meer / überschwemmt mein frölich Hertz

Hier sieht man die stark ausgeprägte Dihärese, die den Achtheber de facto in zwei Vierheber zerlegt.

Verse wechselnder Länge

Häufig werden in deutschen Gedichten Strophen aus trochäischen Versen unterschiedlicher Länge gebaut. Als Beispiel das bekannte Gedicht Er ist's von Eduard Mörike[11]:

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
ße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!

Es hat drei-, vier- und auch einen fünfhebigen Vers. Davon enden der erste, vierte, fünfte, siebte und achte männlich, also mit einer betonten Silbe. Da im trochäischen Gedicht das Enden mit einer betonten Silbe keinen vollständigen letzten mehr ergibt, sind diese Verse auch katalektisch.

Stellung des Trochäus im Deutschen[Bearbeiten]

Die Taktreihe

x́x | x́x | x́x | x́

in der Heuslerschen Schreibweise, lässt sich sowohl als katalektisch trochäisch

—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—

als auch als akephal jambisch

—ˌ◡—ˌ◡—ˌ◡—ˌ◡—

interpretieren. Man hat daher den fehlenden Auftakt als Kennzeichen des trochäischen Versmaßes ausgemacht und diesem dementsprechend einen fallenden Rhythmus zugeschrieben, weshalb nach einem Vorschlag von Ivo Braak der Trochäus im Deutschen besser als Faller bezeichnet werden sollte.[12] Gerhard Storz hat diese Bezeichnung als irreführend kritisiert, da „mit Hebung und Senkung keineswegs ein Wechsel der Tonhöhe verbunden ist“. Storz meint im trochäischen Vers weiterhin „eine gewisse Beschwingtheit […], die durch das Drängen auf den Anfang zu verursacht wird“[13] wahrnehmen zu können. Heusler sah im Trochäus den Grundtakt der deutschen Sprache und Ulrich Pretzel schlug dieser Linie folgend vor, nur „Trochäen mit und ohne Auftakt“ zu unterscheiden.[14] Auch Wolfgang Kayser macht den Unterschied am Auftakt fest: „Es ist gewiß seltsam, aber unleugbar, daß der kleine Unterschied des vorhandenen oder fehlenden Auftaktes, denn darauf läuft praktisch der Unterschied zwischen den beiden Geschwistern hinaus, dem Vers einen völlig anderen Charakter gibt.“[15] Das hält Otto Knörrich für falsch und verweist darauf, „daß der Rhythmus eines Verses nicht nur vom Metrum bestimmt wird, sondern vor allem auch von Faktoren wie dessen sprachlicher Realisation und dem Verhältnis zwischen Wortfüßen und Versfüßen.“[16]

Tatsächlich entsteht durch eine allzu regelmäßige und allzu vorhersehbare Übereinstimmung von Wort- und Versfüßen ein Effekt, den Heinrich Heine als „Klappern“ bezeichnete. In einem Brief an Immermann schrieb er, dass es nicht wünschbar sei, „daß die Wörter und die Versfüße immer zusammenklappen, welches bei vierfüßigen Trochäen immer unerträglich ist, nämlich wenn nicht just das Metrum sich selbst parodieren soll“.[17] Den Effekt sieht man deutlich, wenn man den ersten Vers von Goethes Zauberlehrling

Hat der alte Hexenmeister … (—◡—◡—◡—◡, trochäischer Vierheber})

mit dem ersten Vers von Heines Wintermärchen

Denk ich an Deutschland in der Nacht (◡—◡—◡—◡—, jambischer Vierheber)

vergleicht. Der Unterschied liegt hier nicht in einer rhythmischen Zauberwirkung des Auftakts, sondern darin, dass im pseudonaiven Vers Goethes der Rhythmus nach den ersten vier Silben klar ist und klar bleibt, während bei Heine es nach den ersten drei Silben nicht klar ist, welcher Rhythmus sich etablieren wird, da z. B. das relative Gewicht von „denk“ und „ich“ ungefähr gleich ist. Es könnte auch ganz anders weiter gehen:

Denk ich an Glaube und Hoffnung und Liebe … (—◡◡—◡◡—◡◡—◡)

Oder:

Denk ich an den alten Sack … (—◡—◡—◡—)

Es ist jedenfalls so, dass der jambischen Vers gegenüber dem trochäischen im Deutschen mit sehr großem Abstand die verbreitetste Versform ist und die Domänen des trochäischen Verses die sich harmlos gebende Satire und humoristische Dichtung und der naive Ton im Volksliedhaften sind.

Literatur[Bearbeiten]

  • Sandro Boldrini: Prosodie und Metrik der Römer. Teubner, Stuttgart & Leipzig 1999, ISBN 3-519-07443-5, S. 99–110.
  • Otto Knörrich: Lexikon lyrischer Formen. 2. Aufl. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-47902-8, S. 242f.
  • Günther Schweikle, Dieter Burdorf (Hg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. Metzler, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-476-01612-6, S. 784f.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Diomedes Grammaticus ars grammatica 465,20 bzw. 479,2
  2. Cicero Orator 193: Trochaeum autem, qui est eodem spatio quo choreus, cordacem appellat, quia contractio et brevitas dignitatem non habeat. Vgl. auch 191.
  3. Cicero Orator 212f. u. 217
  4. David Mankin: Cicero. De Oratore III. Cambridge University Press, Cambridge 2011, ISBN 978-0-521-59657-2, S. 274.
  5. Gottsched: Versuch einer Übersetzung Anacreons in reimlose Verse. In: Beyträge zur critischen Historie der deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit. Bd. 2 (1733), S. 152ff, Digitalisat. Als Beispiel siehe die Übersetzung der III. Ode, S. 161.
  6. Herder: Der Cid : Nach Spanischen Romanzen besungen. Posthum erschienen als Johann Gottfried von Herder's sämmtliche Werke. Abt. 2: Zur schönen Literatur und Kunst. Dritter Teil. Cotta, Tübingen 1805.
  7. Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke. Bd. 1, Berlin 1960 ff, S. 47, online.
  8. August Graf von Platen: Werke in zwei Bänden. Band 1: Lyrik. München 1982, S. 69, online.
  9. Georg Heym: Dichtungen. Reclam, Stuttgart 1969, S.11–13, online.
  10. Gryphius: XLIX. Ewige Freude der Außerwehlten. In: Freuden vnd Trauer-Spiele auch Oden vnd Sonnette sampt Herr Peter Squentz Schimpff-Spiel. Sonnette. Das Ander Buch. Breslau 1658, S. 55f.
  11. Eduard Mörike: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Bd. 1, München 1967, S. 684, online.
  12. Ivo Braak: Poetik in Stichworten. 8. Aufl. Stuttgart 2001, S. 82.
  13. Gerhard Storz: Der Vers in der neueren deutschen Dichtung. Reclam, Stuttgart 1970, S. 45 u. 47.
  14. Ulrich Pretzel: Interpretationen Goethescher Verskunst. In: Veröffentlichungen des Instituts für Deutsche Sprache und Literatur. Bd. 11. Berlin 1958, S. 226.
  15. Wolfgang Kayser: Kleine deutsche Verslehre. Francke, Bern 1946, S. 26.
  16. Otto Knörrich: Lexikon lyrischer Formen. 2. Aufl. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-47902-8, S. 242f.
  17. Brief an Immermann, 3. Februar 1830, in Zusammenhang mit Heines Änderungsvorschlägen zu Immermanns Tulifäntchen.