Trockenmauerwerk

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Trockenmauer)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Alter Römerweg in Kolbnitz
Trockenmauer im Gartenbau

Das Trockenmauerwerk ist Natursteinmauerwerk, das ohne Zuhilfenahme von Mörtel errichtet wurde.

Trockenmauerwerk wird heute vor allem im Gartenbau angewandt, hatte aber in der Baugeschichte verschiedene Anwendungsbereiche, so beim Hausbau, Brunnenbau, im historischen Wasserbau, bei der Anlage von Feld- und Wehrmauern und im landwirtschaftlichen Terrassenbau (wie dem Steillagenweinbau). Vollständig aus Trockenmauerwerk bestehende Häuser beschreibt der Artikel Kraggewölbebauten aus Trockenmauerwerk.

Nicht zum Mauerwerk zählen die heutigen Steinkorbmauern.

Anwendungsbereiche[Bearbeiten]

Das Aufschichten von losen Steinen ohne Mörtel ist die älteste Form des Steinbaus. Besondere Qualität hat das bronzezeitliche Zyklopenmauerwerk im Mittelmeerraum.

Mauern[Bearbeiten]

Feldmauern auf Inisheer (Irland)

Trockenmauern, in Österreich auch Klaubsteinmauern genannt, werden fast ausschließlich im Freien errichtet, meist aus plattigem Sedimentgestein. Als Acker- und Weideeinfassung werden sie in Südeuropa, Irland, Wales sowie der Schweiz und in Österreich genutzt.

Lokale Typen[Bearbeiten]

Bedeutung für den Reis- und Weinbau[Bearbeiten]

Trockenmauer eines Weinbergs mit typischer Vegetation
Sanierung von Syenit-Trockenmauern in Weinbau-Steillage der Lößnitz
Rundbogen in Trockenmauerwerk

In Reisfeldern und Weinbergen werden Trockenmauern an besonders steilen Hangabschnitten errichtet, um durch den Aufbau von Terrassen die Nutzflächen zu vergrößern. Der Tagesverlauf der Lufttemperatur wird durch Trockenmauern ausgeglichen und ein Steillagenweinbau auch an exponierten Hangabschnitten ermöglicht. Die Trockenmauer strahlt am Abend bis in die Nacht die gespeicherte Wärme im langwelligen Bereich wieder an die bodennahe Luftschicht ab und mindert so die nächtliche Auskühlung der Weinbergflächen.

Die Trockenmauer hat sich in den terrassierten Weinbergen wegen ihrer Wasserdurchlässigkeit als stabiler erwiesen als mit Mörtel verfugtes Mauerwerk. Eine handwerklich gut gebaute Trockenmauer kann 100 Jahre und mehr überdauern. Durch die Verringerung der Hangneigung wird außerdem die traditionelle Weinlese mit der Hand wesentlich erleichtert. Viele Trockenmauern in verbuschenden und brachgefallenen Weinbergen sind heute dem Verfall preisgegeben. Da Trockenmauern nicht mit der zunehmenden Mechanisierung im Weinbau vereinbar sind, findet man sie nur noch in historisch gewachsenen und nicht flurbereinigten Weinlagen. Für die Erhaltung und den Wiederaufbau von Trockenmauern gewährt der Staat jedoch finanzielle Zuschüsse an die Winzer.

Bau von Trockenmauern[Bearbeiten]

Zur Anlage einer Trockenmauer ist handwerkliches Geschick erforderlich. Je nach Größe und Mächtigkeit der Trockenmauer ist es erforderlich, ein Fundament aus Schotter oder Schutt anzulegen. Grundsätzlich sind für Trockenmauern nur Natursteine zu verwenden, die örtlich vorkommen. Häufig werden Lesesteine aus dem Umfeld eingesetzt, aber auch Steinbruchmaterial, in denen möglichst rechteckige Steine gewonnen werden, kommt bei anspruchsvolleren Bauwerken zur Anwendung. In der Regel wird auch eine Hintermauerung, in manchen Gegenden auch Hinterschlag genannt, aus kleineren unregelmäßigen Steinen oder Steinbruchscherben hinter der Mauer eingebaut. Diese dient als Filter- und Frostschutzschicht.

Hausbau[Bearbeiten]

Vor allem in prähistorischer Zeit wurde Trockenmauerwerk beim Bau von Gebäuden benutzt. Siehe dazu: Bienenkorbhütte, Broch (Turm), Nuraghe, Talayot, Tanca-Mauer.

Brunnenbau[Bearbeiten]

Trockenmauerwerk spielte bei klassischen Schachtbrunnen lange eine wichtige Rolle.

Wasserbau[Bearbeiten]

Zum Schutz vor Erosion diente Trockenmauerwerk im historischen Wasserbau als Wellenschutzmauer oder zur Einfassung von Kanälen und Gräben.[1]

Burgenbau[Bearbeiten]

Im frühmittelalterlichen Burgenbau spielten Trockenmauerwerkstechniken ebenfalls eine Rolle, wenngleich die erhaltenen Beispiele meist mit Mörtel operieren.

Kirchenbau[Bearbeiten]

Auch bei frühen, meist ländlichen Kirchenbauten kommen Trockenmauerwerkstechniken zur Anwendung.

Außereuropäische Beispiele[Bearbeiten]

Berberarchitektur[Bearbeiten]

In der Architektur der Berbervölker Nordafrikas spielen Bauten aus Trockenmauerwerk eine große Rolle. Hier sind an erster Stelle die Agadire im Gebiet des Anti-Atlas in Marokko zu nennen, deren Feldsteinmauern mit nur sehr wenig Erde bzw. Lehm zusammengehalten und abgedichtet wurden. Daneben sind auch die während der islamischen Besetzung der Iberischen Halbinsel von Berbern errichteten Wachtürme (atalayas) von Bedeutung. Die Konstruktionstechniken wurden wahrscheinlich bei der Terrassierung von Berghängen entwickelt, die jedoch wegen ausbleibender Regenfälle bereits vor langer Zeit dem Verfall anheim gegeben wurden, so dass sie heute kaum noch in Erscheinung treten. Viele Wohnhäuser in Teilen des Anti-Atlas und des Hohen Atlas waren in derselben Technik errichtet – die meisten sind jedoch bereits durch Neubauten aus Hohlblocksteinen und mit Fundamenten und Decken aus Beton ersetzt.

Äquatorial- und südliches Afrika[Bearbeiten]

Einziges erhaltenes Beispiel für die Kenntnis und Anwendung von Trockenmauerwerkstechniken in Afrika südlich der Sahara sind die Ruinen von Groß-Simbabwe, die nach der Radiokarbonmethode in die Zeit um 1100 n. Chr. datiert werden.

Ruinenstätte von Kuelap, Peru

Südamerika[Bearbeiten]

Die im 14. und 15. Jahrhundert aus großen Steinblöcken errichteten Bauten der Inka in Peru (Cusco, Machu Picchu) sind ebenfalls Trockenmauern, doch unterscheiden sie sich in der Herstellungstechnik grundlegend von den europäischen oder nordafrikanischen Beispielen. Lediglich bei weniger bedeutsamen Bauten sind Ähnlichkeiten der Konstruktionstechniken festzustellen.

Im Hochland der Anden arbeiteten vereinzelt auch andere Kulturen mit einfachen Trockenmauerwerkstechniken – hier sind vor allem die um 1000 bis 1300 entstandenen Bauten der Chachapoya-Indianer zu erwähnen, bei denen jedoch auch Lehmmörtel Verwendung fand.

Südsee[Bearbeiten]

Die in ihrer Art einzigartige Anlage von Nan Madol auf dem Karolinen-Archipel wurde um 1300 n. Chr. aus übereinander gestapelten und miteinander verzahnten Basaltsäulen errichtet.

Japan[Bearbeiten]

Ecksteine an der Burg Himeji; kleine Steine dienen zur Unterfütterung und Stabilisierung der größeren Quader.

Typisch für den japanischen Burgenbau sind massive Trockenmauern, eigentliche Steinmauersockel, die vor einem Erdwall errichtet wurden. Für die Beschaffung der in ungeheuren Mengen benötigten Steine waren beamtete Steinkommissare eingesetzt.[2] Die Mauern sind zweischichtig, außen mit Bruchsteinen und Findlingen, innen mit kleineren Steinen hinterfüttert. Sie sind aufsteigend konkav gewölbt. Je höher die Mauern wurden, um so mehr Steine waren am Sockelgrund nötig, um dem Erd- und Wasserdruck entgegenzuwirken. Die Mauern wurden möglichst glatt und fugenlos erbaut, um das Erklettern zu erschweren. Engelbert Kaempfer weist in seiner Beschreibung der Sockelmauern der Burg Edo darauf hin, dass die Steine nur übereinandergelegt sind und „mit keinem Kalk oder sonst einer Klammer verbunden, weil man meint, daß sie bei einem Erdbeben auf solche Weise der Bewegung und Erschütterung eher nachgeben und also das ganze Gemäuer unbeschädigter erhalten könnten“.[3] Die nachfolgenden Jahrhunderte haben das bewiesen.[4]

Ökologischer Nutzen[Bearbeiten]

Trockenmauerwerke sind wichtige Biotope für zahlreiche Pflanzen und Tiere. In den Fugen findet man besondere Pflanzengesellschaften, die sich an extreme Standortbedingungen angepasst haben. Sie bieten des Weiteren einen wertvollen Lebensraum für verschiedene wärmeliebende Tierarten, beispielsweise für Eidechsen, Erdkröten, Wildbienen und Laufkäfer.

Trockenmauern in landwirtschaftlichen Terrassenkulturen unterstützen den Bodenschutz, indem sie den Bodenabtrag durch die Erosionswirkung des Wassers vermindern. Der Niederschlag versickert langsam hinter der Trockenmauer im Boden, so dass das Wurzelwerk der Pflanzen das Bodenwasser allmählich aufnehmen kann und der Oberflächenabfluss reduziert wird. Da das Mauerwerk der Trockenmauer nicht verfugt ist, kann das Wasser bei anhaltendem Niederschlag, der zu einer Sättigung des Bodenraums führt, zwischen den Lesesteinen austreten, ohne Druck auf das Gemäuer auszuüben.

Ein wichtiges Ziel des Naturschutzes ist, Trockenmauern in einer traditionell gewachsenen Landschaft zu erhalten. Besonders durch Maßnahmen der Flurbereinigung, die oft eine Neugestaltung ganzer Feldfluren bedeuten, gehen viele Trockenmauern verloren. Als Ausgleich werden zuweilen Gabionen gebaut, die aber nach Ansicht mancher Experten aus Naturschutz-Sicht kein gleichwertiger Ersatz für Trockenmauern sind.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Trockenmauerwerk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Justus Teicke: UNESCO Welterbe Oberharzer Wasserwirtschaft - Das Oberharzer Wasserregal Online, PDF 2,8 MB, abgerufen am 9. September 2013
  2. Engelbert Kaempfer: Reisen in Nippon, 1968 S. 200
  3. Engelbert Kaempfer: Reisen in Nippon, 1968 S. 200
  4. Irmtraud Schaarschmidt-Richter (Text), Mo Nishikawa (Fotos): Himeji Castle, S. 10