Trofim Denissowitsch Lyssenko

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Trofim Denissowitsch Lyssenko

Trofim Denissowitsch Lyssenko (russisch Трофим Денисович Лысенко, wiss. Transliteration Trofim Denisovič Lysenko; * 17. Septemberjul./ 29. September 1898greg. in Karlowka, Russisches Kaiserreich; † 20. November 1976 in Moskau) war ein sowjetischer Biologe und Agronom, der unter Josef Stalin großen politischen Einfluss erlangte. Seine Theorie des Lyssenkoismus, nach der Erbeigenschaften durch Umweltbedingungen bestimmt werden, war wissenschaftlich unhaltbar und widersprach bereits zu Lyssenkos Zeiten den bekannten Grundlagen der Genetik. Einige seiner Forschungsergebnisse wurden als Fälschung entlarvt.

Lyssenkos Theorien wurden vom stalinistischen Regime als valide angesehen und gefördert, wodurch es zu Missernten und Verschärfung der Hungersnot kam. Überdies wurden durch Lyssenkos Einfluss andere Wissenschaftler mit gegenteiligen Ansichten als Dissidenten verfolgt und – mindestens im Falle des renommierten Biologen Nikolai Wawilow – auch umgebracht.

Biografie[Bearbeiten]

Lyssenko stammte aus einer bäuerlichen Familie. 1925 wurde er am landwirtschaftlichen Institut der Universität Kiew als Agronom graduiert.

1929 ging er an das Allunions-Institut für Genetik und Saatzucht in Odessa, das er von 1934 bis 1939 leitete. Ab 1940 leitete er das Institut für Genetik der Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion. Als treuer Parteianhänger (er war niemals Mitglied der KPdSU) versprach er, ertragreiche Nutzpflanzen-Sorten zu züchten und alle Ernährungsprobleme zu lösen. 1936 wurde er von Josef Stalin mit dem Lenin-Orden ausgezeichnet, den er später noch sechsmal erhielt. Bis in die Endphase der Ära Chrustschow hatte er bedeutenden Einfluss in Partei und Wissenschaft.

1948 organisierte er die berüchtigte Augustsitzung der Sowjetischen Akademie für Landwirtschaftswissenschaften. Lyssenkos Geleitrede "Über die Situation der Biologie" wurde durch persönliche Initiative Stalins in einen formalen Bann gegenüber der sogenannten Mendel-Weismann-Morgan-Genetik verwandelt. Damit wurden die Lehren Gregor Mendels, August Weismanns und Thomas Hunt Morgans und damit die moderne Genetik an sich in der Sowjetunion verworfen. Bis in die 1960er Jahre hielt man an einer neolamarckistischen Position fest, welche im Gegensatz zum Darwinismus die Vererbung anerworbener Eigenschaften favorisierte. Dies hatte auch intensiven gesellschaftspolitischen Einfluss und katastrophale Folgen für die Landwirtschaft in der Sowjetunion und weiteren Ländern des RGW.

Im März 1953 wurde er von Nikita Chruschtschow persönlich kritisiert. Mitte April 1956 wurde er als Präsident der Lenin-Akademie für landwirtschaftliche Forschung durch P. P. Lobanow ersetzt, blieb jedoch landwirtschaftlicher Berater Chruschtschows.

1962 wurden seine wissenschaftlichen Fehlinterpretationen und Fälschungen sowie seine Politik der politischen Ausgrenzung wissenschaftlicher Kritiker durch prominente Naturwissenschaftler, darunter Jakow Seldowitsch, Witali Ginsburg und Pjotr Kapiza, offengelegt. Lyssenko wurde daraufhin von Chruschtschow entlassen.

Lyssenkos Werk[Bearbeiten]

Lyssenko war unter Josef Stalin der führende Biologe der UdSSR. Er vertrat in der Nachfolge Lamarcks die Ansicht, dass erworbene Eigenschaften vererbt würden und negierte die Existenz von Genen als unsozialistisch und deshalb falsch. Die Entstehung der Arten erfolge also nicht, wie Charles Darwin herausgefunden hatte, durch Mutation und Selektion, sondern durch Vererbung erworbener Eigenschaften. Seine Theorien prüfte er in groß angelegten Landwirtschaftsprojekten. So säte er Weizen unter ungünstigen klimatischen Bedingungen und fand daraufhin im nächsten Jahr Roggenpflanzen auf dem Feld. Tatsächlich hatten sich Roggenpflanzen von benachbarten Feldern ausgesät. Lyssenko interpretierte dagegen solche Ergebnisse als Beleg für seine Thesen. Mit der Einführung der künstlichen Jarowisation von Weizensaatgut wollte er die nach der Kollektivierung verbreiteten Missernten in der Ukraine und Russland verhindern. Die von ihm prognostizierten Ertragssteigerungen erwiesen sich bald als unhaltbar.

Wesentliche Thesen Lyssenkos, z. B. in seinem Hauptreferat auf der Tagung der Leninakademie der Landwirtschaftswissenschaften der UdSSR im August 1948 in Moskau vorgetragen, waren:

  1. Die Vererbung ist eine Eigenschaft des gesamten Organismus. Es existieren keine diskreten Erbanlagen oder Gene.
  2. Durch veränderte Umwelt- und Lebensbedingungen können erbliche Veränderungen induziert werden. Der Charakter der Veränderungen ist dem Charakter der induzierenden Bedingungen adäquat.
  3. In der Auseinandersetzung mit den Umweltbedingungen erworbene Eigenschaften werden vererbt.
  4. Bei Pflanzen können gezielte Veränderungen durch Pfropfung im Prozess der vegetativen Hybridisation induziert werden; es existiert kein prinzipieller Unterschied zur sexuellen Hybridisation.
  5. Durch Aufzucht von Winterformen ohne Kälteschock können bei Getreide erbliche Sommerformen erzielt werden.
  6. Kulturpflanzenarten wie Weizen und Roggen lassen sich durch geeignete Umweltbedingungen ineinander umwandeln.

Durch gute Beziehungen zum sowjetischen Geheimdienst NKWD gelang es ihm, Kritiker mundtot zu machen. Insbesondere nach seiner Ernennung zum Präsidenten der Sowjetischen Akademie für Landwirtschaftswissenschaften (AdL) der Sowjetunion im Jahre 1938 ließ er andere Biologen, vor allem Genetiker, politisch verfolgen und in Straflager bringen. So war Lyssenko mitverantwortlich für den Tod des bedeutenden Biologen und Gründers der Akademie, Nikolai Wawilow, im Jahre 1943.

Lyssenko verstand es, sich durch gute Beziehungen innerhalb der Partei und zu Stalin persönlich erhebliche Ressourcen zu verschaffen. Auf seine Anweisung hin wurden erhebliche Flächen mit Weizen bepflanzt, die dafür klimatisch nicht geeignet waren. Die dadurch hervorgerufenen Missernten verschärften die ohnehin schlechte Ernährungslage der Sowjetbürger deutlich, es kam zu Hungersnöten. Ebenso in der Volksrepublik China, nachdem Mao Zedong für den Großen Sprung nach vorn den chinesischen Bauern die Anwendung der Methoden Lyssenkos befahl. In der Landwirtschaft der DDR kam es aufgrund der couragierten Tätigkeit Hans Stubbes bis auf einige Lippenbekenntnisse in Schulbüchern zu keiner praktischen Umsetzung der Thesen Lyssenkos.

Die biologischen Wissenschaften der Sowjetunion wurden nachhaltig geschädigt, so dass der Begriff Lyssenkoismus fortan als Schlagwort für Scharlatanerie und die Unterordnung wissenschaftlicher Erkenntnis unter die Wunschvorstellungen der Politik gebraucht wurde.

Epigenetik[Bearbeiten]

In ihrem absoluten Anspruch waren Lyssenkos Thesen falsch, und in keiner Weise bewiesen. Allerdings lassen sich nach heutiger Auffassung gewisse erworbene Eigenschaften je nachdem vererben. Vergleiche dazu den Artikel zur Epigenetik.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Die Lage in der biologischen Wissenschaft. Tagung der Lenin-Akademie der landwirtschaftlichen Wissenschaften der UdSSR. 31. Juli - 7.August 1948. Stenographischer Bericht. Verlag für fremdsprachige Literatur. Moskau 1949. (darin das gleichnamige Referat Lyssenkos: S.9-59)
  • Shores A. Medwedjew: Der Fall Lyssenko. Eine Wissenschaft kapituliert. Hamburg, 1971 (Original: The Rise and Fall of T.D.Lysenko. New York/London 1969) Sehr gute Einführung in alle Aspekte des „Falls“ Lyssenko.
  • Johann-Peter Regelmann: Die Geschichte des Lyssenkoismus. Frankfurt (Main) 1980.
  • Ekkehard Höxtermann: "Klassenbiologen" und „Formalgenetiker“ - Zur Rezeption Lyssenkows unter den Biologen der DDR. In: Acta Historica Leopoldina Bd. 36, 2000, S.273-300.
  • Nils Roll-Hansen: The Lysenko Effect: The Politics of Science. Humanity Books, 2005.
  • Martin Gardner: Fads and Fallacies in the Name of Science. Dover Publications, New York 1957, Neuauflage 2000, Kapitel 12 (Lysenkoism).
  • Dominique Lecourt: Proletarische Wissenschaft? Der Fall Lyssenko und der Lyssenkismus. VSA, Westberlin 1976.
  • belletristische Verarbeitung in: Dudinzew, Wladimir: Weiße Gewänder. Roman. Volk und Welt, Berlin 1990, Übers. Erich Ahrndt und Ingeborg Schröder ISBN 3-353-00508-0 (russ. Белые одежды)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Trofim Lyssenko – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien