Trotula

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Darstellung der Trotula, Mittelalterliches Manuskript um 1200

Trotula war eine italienische Ärztin des 11. oder 12. Jahrhunderts der Schule von Salerno, deren Name synonym mit ihrem Werk verwendet wird.

Der Autorin werden die weiteren Namen Trotula di Ruggerio und Trota von Salerno zugeschrieben. Die genauere Identität der Autorin ist Gegenstand verschiedener Spekulationen.

Nach Salvatore Renzi (1800–1872) war sie die Frau von Johannes Platearius, der ebenfalls Arzt war. Ihre beiden Söhne, Matthias und Johannes der Jüngere, wurden als medizinische Autoren bekannt. Nach Gilmore & Greenfield (siehe Lit.) hieß die als Trotula bekannte Ärztin in Wahrheit Trota (Trotula wäre der Name ihres Werkes), und ihre Zugehörigkeit zur Familie Ruggiero sei ebenso wenig belegt wie ihre Ehe mit Platearius.

Trotula war als praktische Ärztin Mitglied der Fakultät von Salerno. Sie schrieb mehrere Abhandlungen über die medizinische Praxis und arbeitete gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Söhnen an der medizinischen Enzyklopädie Practica Brevis. Im Haupttext der Schule von Salerno, De Aegritudinum Curatione aus dem 12. Jahrhundert, sind Texte der sieben Großmeister der Schule enthalten, darunter auch Trotulas Lehren.

Hauptwerk: Passionibus Mulierum Curandorum[Bearbeiten]

Illustration aus einem Passionibus Mulierum Curandorum

Das wichtigste Werk Trotulas war Passionibus Mulierum Curandorum (ebenfalls als Trotula Major bekannt), eine Abhandlung über Gynäkologie und Frauenkrankheiten. Ornatu Mulierum (Trotula Minor), eine Schrift über Hautkrankheiten und Kosmetika, wurde nachträglich in den Trotula Major eingefügt.

Trotula betont, wie wichtig Sauberkeit, ausgewogene Ernährung und körperliche Betätigung für Frauen sind und warnt gleichzeitig vor Stress und Unruhe. Wie Hildegard von Bingen arbeitet sie mit einfachen, auch für Mitglieder des einfachen Volkes erschwinglichen Mitteln und Rezepten.

In der Einleitung schreibt Trotula über die Hemmungen der Frauen, mit einem männlichen Arzt über Beschwerden ihrer Fortpflanzungs- und Sexualorgane zu sprechen. Ihre Schriften zeugen von erstaunlich fortschrittlichen gynäkologischen Kenntnissen. So wusste sie beispielsweise über den Zusammenhang von Amenorrhoe und weiblicher Unfruchtbarkeit. Bei unregelmäßiger Menstruation vermutet sie Mangelernährung, eine Krankheit oder psychischen Stress (Kummer, Ärger, Aufregung oder Angst) als Ursache. Ihre Erklärung für starke Blutungen hingegen richten sich nach den Theorien von Galenus und Hippokrates über die Galle.

Trotula schrieb zudem über Geburtenkontrolle und Unfruchtbarkeit. Sie kannte die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage während des weiblichen Zyklus und empfahl ihren Patientinnen Enthaltsamkeit bzw. sexuelle Aktivitäten an bestimmten Tagen, je nachdem ob sie einen Kinderwunsch hatten oder nicht. Im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Ärzten sah sie Unfruchtbarkeit nicht als rein weibliches Problem, sondern betonte, dass oft der Ehemann diesbezüglich Schwierigkeiten hätte.

Im Kapitel über die Geburtshilfe gibt sie – aus heutiger Sicht – ebenfalls sehr fortschrittliche Anweisungen. So empfiehlt sie zur Vermeidung eines Dammrisses das Abstützen des Damms während der Wehen. Erfolgt trotzdem ein Dammriss, soll dieser „mit einem Seidenfaden in drei bis vier Stichen“ zusammengenäht werden. Zudem gibt sie den Hebammen detaillierte Hinweise zur Prävention schwieriger Geburten und Schäden während der Geburt.

Auch über die Säuglingspflege äußert sich Trotula. Sie empfiehlt, bei Neugeborenen Gesicht und Ohren mit Massagen zu stimulieren. Sie zählt Kriterien auf, die bei der Wahl der richtigen Amme zu beachten seien. Schmerzstillende Lotionen und andere Tipps und Tricks beim Zahnen werden ebenso beschrieben wie allgemeinmedizinische Hinweise bei Läusen, Würmern, Zahnschmerzen, Beschwerden der Augen, Krebs, Gehörlosigkeit und Übergewicht.

Der Passionibus Mulierum nach Trotulas Tod[Bearbeiten]

Bis ins 16. Jahrhundert galt Trotulas Passionibus Mulierum an den medizinischen Fakultäten Europas als Standardwerk. Daneben gingen ihre Schriften ebenfalls in die Volksheilkunde über, und es begannen Legenden über ihre Person zu kursieren.

Der Trotula Major wurde oft kopiert, und viele Kopisten nahmen sich jeweils die Freiheit, eigene Änderungen und Ideen in die Texte einzufügen. Andere gaben Trotulas Werk unter einem anderen Titel und dem eigenen Namen heraus. Einzelne Kapitel wurden in andere Werke übertragen. Im 13. Jahrhundert kürzte eine andere Ärztin aus Salerno das Manuskript und nahm wesentliche Änderungen am Inhalt vor. Bei einigen Kopien wurde ihr Name zu „Trottola“, „Tortola“ oder gar des männlichen „Trottus“ verstümmelt. Bereits im 12. Jahrhundert erschienen Kopien des Passionibus Mulierum unter dem Namen ihres Mannes, Johannes Platearius.

1544 erschien in Straßburg die erste gedruckte Ausgabe des Passionibus Mulierum als Teil des Sammelbandes Experimentarius medicinae[1], welcher neben anderen naturwissenschaftlichen Abhandlungen auch die Physica Hildegards von Bingen enthielt. 1554 veröffentlichte Victorius Faventius eine weitere Ausgabe, der er einige eigene Erfindungen beigefügt hatte. 1566 veröffentlichte Kaspar Wolff in Basel eine weitere Ausgabe des Trotula Major, das er jedoch dem römischen Hausarzt Julias, der Tochter von Kaiser Augustus, Eros Juliae zuschrieb. Eros Juliae hatte ebenfalls einen Text über Frauenheilkunde und Hautpflege geschrieben, was Wolff vermutlich mit den vorliegenden Schriften Trotulas verwechselte. Einige andere Verleger übernahmen diese Version des Passionibus Mulierum, andere wiederum schrieben ihn dem römischen Arzt Erotian zu, der selbst Kommentare zur hippokratischen Gynäkologie veröffentlicht hatte. Obwohl die Zuordnung des Passionibus Mulierum zu diesen beiden Autoren unmöglich stimmen konnte (viele der von Trotula zitierten Autoren lebten lange nach Erotian oder Eros Juliae), wurde dieser Fehler von Medizinhistorikern des 19. Jahrhunderts als „Beleg“ ihrer These benutzt, dass Trotula unmöglich gelebt haben könne und ihre Schriften in Wirklichkeit von einem Mann stammten.

Die Frage nach der Existenz Trotulas und der Authentizität ihrer Texte[Bearbeiten]

Obwohl es über die Person Trotulas zwischen dem 11. und dem 19. Jahrhundert sehr divergierende Vorstellungen gab, wurde ihre Rolle als Verfasserin der Passionibus Mulierum kaum angezweifelt.

Erst Karl Sudhoff, ein Medizinhistoriker des frühen 20. Jahrhunderts, stellte die Theorie auf, dass die Frauen, die an der Schule von Salerno studiert und unterrichtet hatten, in Wirklichkeit keine Ärztinnen gewesen seien, sondern Hebammen und Krankenschwestern. Dieser Logik zufolge konnten sie auch keine gynäkologischen Abhandlungen verfasst haben. Da Passionibus Mulierum Anweisungen zu chirurgischen Eingriffen enthalte und zudem das Hauptgebiet der Hebammen, die normale Geburtshilfe, nur am Rande streife, könne der Text laut Sudhoff unmöglich von einer Frau stammen.

Ein weiterer Historiker, Charles Singer, vertrat die These, Passionibus Mulierum sei in Wahrheit keine gynäkologische Schrift, sondern Pornographie. Der Autor, ein Arzt namens Trottus, hätte sich einen Frauennamen gegeben, um den erotischen Charakter der Schrift zu betonen.

Hauptargument Sudhoffs und Singers für die Vermutung, dass die Passionibus Mulierum nicht von einer Frau stammen könnten, soll die sehr direkte Form gewesen sein, in der in dem Text über Sexualität und Geschlechtskrankheiten gesprochen wird. Insbesondere Kapitel 15, „Methode, die Vulva zu verengen, so dass eine verführte Frau für eine Jungfrau gehalten werden kann“ gilt hierfür als Beispiel.

Obwohl die Existenz und Autorenschaft der Trotula von Salerno nicht zweifellos bewiesen werden kann, gibt es hierfür starke Indizien. So waren im Italien des Mittelalters weibliche Gelehrte wenngleich relativ selten, so doch voll akzeptierte Mitglieder der akademischen Gemeinschaft. Wenn Trotula gelebt hat, dann wäre sie in Salerno als Kapazität auf dem Gebiet der Frauenheilkunde und als Dozentin anerkannt worden. Italienische Medizinhistoriker haben die Authentizität Trotulas bzw. die Existenz von weiblichen Studenten und Dozenten an der medizinischen Fakultät von Salerno im 11. und 12. Jahrhundert nie bezweifelt.

In einem wissenschaftssoziologischen Sinn wird der Streit um die Existenz Trotulas als frühes Beispiel für den Matilda-Effekt angeführt, der zur systematischen Verdrängung des Beitrags von Wissenschaftlerinnen zur Forschung führen kann.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ina-Marie Cassens: Die Heilerin von Salerno. Droemer/Knaur, 2007, ISBN 978-3-426-63338-0
  • David D. Gilmore und Monica Greenfield: The Trotula: A Medieval Compendium of Women's Medicine. Pennsylvania University Press, 2001, ISBN 0-8122-3589-4
  • Monica H. Green: The Trotula: An English Translation of the Medieval Compendium of Women's Medicine. University of Philadelphia Press, 2001, ISBN 0-8122-1808-6
  • Margaret Alic: Hypatias Töchter. Unionsverlag, 2000, ISBN 3-293-00116-5
  • Anna Blanca Césarine Maria Delva: Vrouwengeneeskunde in Vlaanderen tijdens de late middeleeuwen, met uitgave van het Brugse 'Liber Trotula'. Brügge 1983 (= Vlaamse historische studies, 2)
  • Karin Maringgele: Trotula VIRUS - Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin 3, LIT-Verlag Wien, 2004, ISSN: 1605 7066

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Digitalisat des Experimentarius medicinae auf Google-Books. Abgerufen am 27. Oktober 2012.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Trotula of Salerno – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien