Tschüs

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Tschüs [tʃyːs] (auch tschüss [tʃʏs]) ist ein Abschiedsgruß.

Tschüs hat sich in Norddeutschland langsam aus dem bis in die 1940er-Jahre üblichen atschüs entwickelt und findet sich inzwischen – in weitaus stärkerem Ausmaß als die Begrüßung moin – zunehmend auch im hochdeutschen (oberdeutschen) Sprachraum. Besonders im Ostseeraum wird auch die Form tschüssing verwendet; im Rheinland ist auch die Form tschö, in Schleswig-Holstein die Variante tüüs verbreitet und in weiten Teilen Ostdeutschlands auch tschüssi neben anderen Abschiedsformeln. Der schleswig-holsteinische NDR-Moderator Wilken F. Dincklage (genannt „Willem“) machte durch seine Musiksendungen die jugendsprachliche Verballhornung tschüssikowski zeitweilig populär. Im Unterschied zu diesen Abwandlungen klingt Tschüs ähnlich wie Hallo zumindest in den Ohren vieler Nord- und Ostdeutscher keineswegs respektlos-umgangssprachlich und ist in allen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen gebräuchlich (nicht unähnlich dem süddeutschen und österreichischen Grüß Gott).

Dies hängt mit dem durchaus hochsprachlichen Ursprung des Grußes zusammen: Tschüs ist als Lehnwort aus dem romanischen Sprachraum übernommen worden (vgl. adieu, adiós, ade). Einen Hinweis auf die Abstammung des Wortes gibt die oben erwähnte, selten auch heute noch im Norden verwendete ältere Form atschüs (auch adjüs geschrieben, z. B. bei Fritz Reuter (19. Jh., niederdeutsch), adjüst bei Gorch Fock (frühes 20. Jh., niederdeutsch), oder adjüüs im durch die Brüder Grimm aufgezeichneten niederdeutschen Märchen Vom Machandelbaum (1857)).

Ursprung des Wortes[Bearbeiten]

Für den Ursprung werden mehrere Quellsprachen angenommen:

  • Spanisch oder Portugiesisch: Norddeutschland, insbesondere Hamburg und Bremen, hatte seit der Hansezeit intensive Handelskontakte mit den Niederlanden, Portugal und Spanien. Nach diesem Modell stammt das Wort Tschüs ursprünglich aus dem Spanischen (adiós) bzw. dem Portugiesischen (adeus), wurde in den damals spanischen Niederlanden zu atjüs und drang von dort aus in den niederdeutschen Sprachraum ein. Eine Herkunft direkt aus dem Spanischen oder Portugiesischen ist aber unplausibel, weil sie den Vokal ü nicht erklärt.
  • Französisch: Nach diesem Modell ist das Wort tschüs aus französisch adieu für „mit Gott“, genauer gesagt dessen wallonischer Variante adjuus (Aussprache wie adjüüs, also genau wie die Belege aus dem 19. Jh. im Niederdeutschen) entstanden, woraus zunächst atschüs wurde.[1]
    • Ende des 17. Jahrhunderts siedelten sich in Norddeutschland, insbesondere in Bremen und Altona, aus Frankreich geflüchtete Hugenotten an. Mit ihnen kamen einige französische Ausdrücke als Modewörter auch in die plattdeutsche Sprache, vermutlich auch „Atschüs“.

Die genaue Entstehungsgeschichte ist aufgrund spärlicher schriftlicher Quellenlage vor dem 19. Jahrhundert nicht mit letzter Sicherheit aufzuklären. Fest steht jedoch, dass im 19. Jahrhundert der Ausdruck adjüs auch in Mecklenburg die wichtigste Abschiedsformel war. Ebenso ist er durch Klaus Groth für den Holsteiner Raum belegt (u. a. in Mien Jungsparadies).

Tschüs(s), adjüs, adiós, adeus und adieu haben vermutlich den gleichen Ursprung: Das lateinische „ad deum“ – zu Gott.

Rechtschreibung und Aussprache[Bearbeiten]

Seit der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 haben je nach Aussprache sowohl die Schreibweise tschüs als auch tschüss amtliche Geltung; die Duden-Redaktion differenziert in der 23. Auflage nach der Aussprache: tschüss bei kurzer Aussprache des Vokals, tschüs bei langer. Bis einschließlich zur 21. Auflage galt nur die Schreibweise tschüs.

Tschüs(s) und atschüs(s)/adjüs können – je nach Kontext – sowohl mit langem ü wie auch mit kurzem ü ausgesprochen werden. Dies gilt auch für die Form tschüssing, deren ss jedoch immer stimmlos ist.

Verkleinerungsformen[Bearbeiten]

Verkleinerungsformen wie tschüsschen kommen ebenfalls vor – vielleicht auch wegen der lautmalerischen Ähnlichkeit zu Küsschen – sowie in Jugendkreisen das tschüssi (siehe unten) und vereinzelt sogar tschüssikowski (siehe auch Die Zwei).

Parallelformen im mittel- und oberdeutschen Sprachraum[Bearbeiten]

Parallel zur Entstehung von Tschüs aus span. adiós [aˈðjos] dürfte sich das alemannische/schwäbische ade aus frz. adieu [aˈdjø] entwickelt haben.

Seit den 1980er-Jahren dringt das Wort tschüss in den schwäbischen Großdialektraum ein, doch wird das Fremdwort durch die übliche Verkleinerungsform (Anhängen des Diminutivsuffixes -le) zum Lehnwort tschüssle, oft auch in der Aussprache tschissle.

Das rheinische tschö wird stärker dialektal zum tschökes und in der etwas kindlich angehauchten i-Sprache zu tschüssi, das auch im thüringisch-sächsischen Raum verbreitet ist. In der Region Aachen existiert parallel die (eher dialektale) Form adië oder adiëda. In Westfalen findet sich auch gelegentlich die Form tschüsskes oder tüsskes. Im Moselfränkischen hingegen, d. h. im heutigen Luxemburg, ist adieu zu äddi mutiert.

In den alpinen Regionen Österreichs und den ländlichen Gebieten Bayerns konnten sich diese Ausdrücke bis vor kurzem nicht recht durchsetzen. Hier blieben die traditionellen Grußworte erhalten, also Grüß Gott und Pfiat di (Kurzform von Pfiat di God = „Behüt dich Gott“). Inzwischen nimmt aber der Gebrauch des Wortes ciao zu. Ciao und auch das seltenere tschüs werden hier aber ausschließlich bei Freunden und guten Bekannten verwendet, mit denen man per Du ist. In einigen Regionen Österreichs ist das tschüs nicht erwünscht, da es mit seinem manchmal zynisch ausgesprochenen ü für Landsleute als abwertend und „dreckig“ gewertet werden kann (kindisch, zu schwabenhaft). Die Abwertung wird dabei mit der Floskel Und tschüss bewusst verstärkt. Ein arroganter Eindruck kann in Österreich dann entstehen, wenn tschüs bei Personen angewandt wird, mit denen man eigentlich per Sie ist. Stattdessen sind die „Sie-Grüße“ Auf Wiederschaun (auch kurz: Wiederschaun) beziehungsweise das formellere Auf Wiedersehen empfehlenswert.

Das auch in der Deutschschweiz gebräuchliche Grußwort tschau bzw. tschou entspricht ciao, einer Dialektform von italienisch schiavo [sˈkjaːvo], das, wie Servus, eigentlich „Diener“ oder „Sklave“ bedeutet. Unter Deutschschweizern wird Tschüss in der Regel nur dann verwendet, wenn man mit jemandem per Du ist, oder zwischen Deutschen und Schweizern – dann auch, wenn man per Sie ist. Als Ersatz empfehlen sich förmlichere Verabschiedungen wie Adieu und auf Wiedersehen.

Statistik der Abschiedsgrüße[Bearbeiten]

Eine Allensbach-Meinungsumfrage ergab, dass in Deutschland der Abschiedsgruß auf Wiedersehen seine frühere Vorherrschaft langsam verliert. Knapp die Hälfte der Deutschen ziehen ihm andere Formen vor, tschüs und tschau kommen zusammen auf etwas über 50 Prozent. Von Freunden verabschieden sich rund 15 Prozent mit auf Wiedersehen, was um 1965 noch 54 Prozent taten. Bei Jüngeren ist diese Entwicklung noch deutlicher.

Sonstiges[Bearbeiten]

Mediale Aufmerksamkeit erregte 2012 die Passauer Rektorin Petra Seibert, als sie ihre Schule zur „Hallo- und tschüss-freien Zone“ erklärte. Bereits sechs Jahre zuvor hatte ein Dialektpfleger an einem oberbayerischen Ort Verbotsschilder, die eine Tschüssfreie Zone ausweisen sollten, aufgestellt.[2]

Quellen[Bearbeiten]

  1. siehe: adieu In: Kluge – Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23. Auflage.
  2. Initiative gegen norddeutsche Grußformeln: Passauer Schule wird zur "Tschüss-freien Zone". www.sueddeutsche.de, 6. Februar 2012

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: tschüs – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen