Tupolew Tu-22M

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Tupolew Tu-22M
Tu-22M3 Ryazan2.JPG
Tu-22M3 im Landeanflug
Typ: Mittelstreckenbomber
Entwurfsland: Sowjetunion 1955Sowjetunion Sowjetunion
Hersteller: OKB Tupolew
Erstflug: 30. August 1969
Indienststellung: 1972
Produktionszeit: 1972 bis ca. 1987
Stückzahl: 497

Die Tupolew Tu-22M (russisch Туполев Ту-22М, NATO-Codename: Backfire) ist ein vom sowjetischen Konstruktionsbüro Tupolew entwickelter viersitziger Überschallbomber. Nach ihrer Identifizierung durch die NATO wurde sie mit der vermuteten Bezeichnung „Tu-26“ benannt. Erst bei den Abrüstungsverhandlungen (SALT) mit den USA wurde ihre Bezeichnung Tu-22M bekannt.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Tu-22M entstand als Weiterentwicklung der Tupolew Tu-22, als klar wurde, dass die Tu-22 die in sie gestellten Anforderungen nicht erfüllen konnte. Nur ein geringer Teil der Einsätze konnte mit dieser Maschine tatsächlich im Überschallbereich (für den sie eigentlich entwickelt wurde) ausgeführt werden, zudem lagen Reichweite und Zuladung der TU-22 bei erhöhten Betriebskosten unter dem Niveau der Tupolew Tu-16, die sie eigentlich ablösen sollte. Das OKB Tupolew und die sowjetischen Luftstreitkräfte entschieden sich daher zum Bau des Modells 145, der späteren Tu-22M. Das „M“ steht hierbei zwar offiziell für „modernisiert“, am Ende verließ jedoch ein komplett neuer Entwurf die Werkshallen, der mit der Tu-22 keinerlei strukturelle Gemeinsamkeiten mehr besaß. Tupolew nutzte hierbei auch die Ergebnisse, die im Jahre 1964 bei Untersuchungen von schwenkbaren Flügeln beim ZAGI gemacht wurden. Dabei zeigte sich, dass Schwenkflügler Vorteile bei der benötigten Start- und Landebahn sowie bei Reichweite und Nutzlast aufweisen. Sichtbare Unterschiede sind der jetzt vorhandene Schwenkflügel und nebeneinander im Rumpf angeordnete Triebwerke. Die Tragflächen sind in Tiefdeckeranordnung angebracht und verfügen über relativ große Ansätze, 2/3 der Tragflächen sind vierstufig schwenkbar.

Das Rollout eines noch Tu-22KM bzw. Artikel-45-01 bezeichneten Prototyps fand im April 1969 statt; der Erstflug fand im September 1971 statt. Es folgten noch acht weitere Prototypen, welche die WWS-Dienstbezeichnung Tu-22M0 erhielten.

Mit zwölf weiteren Tu-22M1 Backfire-A-Vorserienmaschinen wurde eine erfolgreiche Flugerprobung abgeschlossen. Diese Maschinen wurden danach einer operativen Einheit der Fernflieger übergeben. Die Maschine verfügte über eine ferngesteuerte GSch-23L-Zwillingskanone, die das hintere Schussfeld abdeckte.

Das endgültige Serienmodell Tu-22M2 Backfire-B besaß zwei NK-22-Triebwerke und war für den Transport von bis zu drei Ch-22 oder Ch-26 Langstrecken-Antischiffslenkwaffen ausgelegt. Diese Version bildete den Großteil der etwa 400 Flugzeuge umfassenden „Backfire“-Flotte. Oberhalb der Radarnase war noch ein Betankungsstutzen eingebaut. Nach den START-Abkommen mussten diese demontiert werden, um aus einem Langstreckenbomber einen Mittelstreckenbomber zu machen. Ein Teil der Maschinen wurden später mit den leistungsstärkeren NK-25–Triebwerken nachgerüstet. Diese Maschinen tragen die Bezeichnung Tu-22ME. Weitere Maschinen wurden zur Aufklärungsversion Tu-22MR umgerüstet. Des Weiteren existiert die Ausführung Tu-22MP zur elektronischen Kriegsführung.

Die zweite Serienversion, die Tu-22M3 Backfire-C flog erstmals 1976 und wurde 1983 bei den sowjetischen Streitkräften eingeführt. Diese Maschinen verfügen über abgeänderte Lufteinlässe und sind mit NK-25- oder NK-32-Triebwerken ausgerüstet. Daneben verfügen sie über ein OBP-15T-Bombenzielgerät, das PNA-D-Radar (NATO: Down Beat) und über das HK-45-Flugkontrollsystem. Dieses ermöglicht es der Tu-22M3, den Terrainfolgeflug bis unter 100 Meter über dem Boden bei Geschwindigkeiten knapp unter der Schallgrenze. Im abgeänderten Bombenschacht können bis zu sechs Ch-15-Abstandswaffen mitgeführt werden. Die aus der Tu-22M3 abgeleitete Aufklärungsversion trägt die Bezeichnung Tu-22M3R. Die Tu-22M3-Flotte besteht sowohl aus neugebauten Flugzeugen wie auch aus nachgerüsteten Tu-22M2-Maschinen.

Cockpit des WSO einer Tu-22M3

Modernisierung[Bearbeiten]

Russland plant, 30 Tu-22M3 zu modernisieren. Diese Flugzeuge tragen die Typenbezeichnung T-22M3M (Backfire-C)[1]. Hierbei stehen die Einrüstung neuer Navigationssysteme einschließlich Radar sowie von Geräten für elektronische Gegenmaßnahmen und auch die Verwendung neuer Waffen im Vordergrund. So ist in den nächsten Jahren, möglicherweise bis 2030, mit einer weiteren Verwendung des Bombers bei den russischen Streitkräften inklusive der Einbindung in avisierte Neustrukturierungen und mit der Ausrichtung auf mögliche kleinere regionale Konflikte zu rechnen.

Nach entsprechender Modernisierung können Präzisionsbomben vom Typ KAB-500/1500 mit Laserzielsuche sowie KAB-500S-E-Bomben mit GLONASS-Lenksystem eingesetzt werden. Ebenso können dann modernere Lenkwaffen vom Typ Ch-31, Ch-35, Ch-38 und Ch-41 mitgeführt werden. Auch das Mitführen der konventionellen Marschflugkörper Ch-65, Ch-101 und Ch-555 ist möglich[2].

Über längere Zeit hinweg wird die Tu-22M3 allerdings durch die Suchoi Su-34 abgelöst werden, da diese in der Luft betankt werden kann.

Einsatzländer[Bearbeiten]

Tupolew Tu-22M3 des 840. BAP in Solzy
Die sowjetischen WWS und die Marineflieger nutzten ihre 370 Tu-22 ab Stützpunkten in der heutigen Ukraine, Weißrussland und in Russland. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieben 52 Tu-22M in Weißrussland und 29 in der Ukraine.
Im Jahre 2001 sind vier Marinemaschinen der indischen Marine verleast und danach retourniert worden.
Verfügte nach dem Ende der Sowjetunion über 29 Maschinen, bis sie zerstört wurden.
Verfügte nach dem Ende der Sowjetunion über 52 Maschinen, bis sie zerstört wurden.

Die Tu-22M2 wurden teils nach START-Abkommen zerstört. Die Tu-22M3 wird noch vom 52. Bombenfliegerregiment in Schaikowka und vom 840. BAP in Solzy geflogen, das 444. BAP wurde 2007 der aktiven Reserve zugeteilt. Ende 2008 verfügten die russischen Streitkräfte über 141 Tu-22M3-Bomber, wobei nur 83 Flugzeuge in flugfähigem Zustand sind. Bislang wurde nur eine Maschine auf den Tu-22M3M-Standard modernisiert.

Einsätze[Bearbeiten]

Der erste Gefechtseinsatz der Tu-22M erfolgte im Sowjetisch-Afghanischen Krieg. Die Tu-22M wurde zum Flächenbombardement aus großer Höhe eingesetzt.

Der nächste Gefechtseinsatz erfolgte während des Tschetschenienkrieges. Auch hier wurden die Tu-22M zum Flächenbombardement eingesetzt.

Russische Tu-22Ms wurden im August 2008 im Konflikt zwischen Russland und Georgien um Südossetien eingesetzt. Eine Tu-22M3 wurde von den georgischen Streitkräften abgeschossen.[3][4]

Varianten[Bearbeiten]

Tu-22KM
Auch Artikel 45-01, erster Prototyp.
Tu-22M0
Acht Prototypen.
Tu-22M1 „Backfire-A“
Ein Dutzend Vorserienmaschinen.
Tu-22M2 „Backfire-B“
Diese erste Serienversion hatte abgerundete Lufteinläufe.
Tu-22ME „Backfire-B“
Leistungsgesteigerte Variante.
Tu-22MP „Backfire-B“
Aufklärervariante.
Tu-22M3 „Backfire-C“
Modernisierte Variante mit rechteckigen Lufteinläufen.
Tu-22M3R „Backfire-C“
Aufklärervariante.
Tu-22M3M „Backfire-D“
Modernisierte Variante mit neuer Avionik; Navigation sowie Zielzuweisung über GLONASS-Satellitensystem.

Technische Daten[Bearbeiten]

Dreiseitenriss
Tu-22M-Prototyp
Kenngröße Daten der Tu-22M3 (Backfire-C)
Typ: Mittelstreckenbomber
Länge: 42,46 m
Flügelspannweite:
  • ausgeschwenkt: 34,28 m
  • eingeschwenkt: 23,30 m
Flügelfläche: 183,57 m²
Flügelstreckung:
  • ausgeschwenkt: 6,4
  • eingeschwenkt: 2,96
Tragflächenbelastung:
  • minimal (Leergewicht): 425 kg/m²
  • nominal (normales Startgewicht): 610 kg/m²
  • maximal (maximales Startgewicht): 686 kg/m²
Höhe: 11,05 m
Leergewicht: 78.000 kg
Normales Startgewicht: 112.000 kg
Maximales Startgewicht: 126.000 kg
Treibstoffkapazität: 53.550 kg
Kraftstoffverhältnis: 0,48
Höchstgeschwindigkeit:
  • Mach 2,19 bzw. 2.327 km/h (auf 10.975 m Flughöhe)
  • Mach 0,84 bzw. 1.050 km/h (auf Meereshöhe)
Marschgeschwindigkeit: 930 km/h
Dienstgipfelhöhe: 13.300 m
Maximale Steigrate: 15 m/s
Einsatzradius:
  • im Überschallflug: 1.850 km
  • im Unterschallflug in Bodennähe: 1.650 km
  • im Unterschallflug: 2.410 km
Überführungsreichweite: ca. 7.000 km
Triebwerk: zwei Kusnezow/KKBM NK-25-Mantelstromtriebwerke
Schubkraft:
  • mit Nachbrenner: 2 × 245,25 kN
  • ohne Nachbrenner: 2 × 142,24 kN
Schub-Gewicht-Verhältnis:
  • maximal (Leergewicht): 0,64
  • nominal (normales Startgewicht): 0,45
  • minimal (maximales Startgewicht): 0,4

Bewaffnung[Bearbeiten]

Ch-22-(AS-4)-Marschflugkörper im Bombenschacht und an einer Außenlaststation

Rohrbewaffnung zur Selbstverteidigung[Bearbeiten]

Tu-22M2
  • 1 × Heckstandeinheit UKU-9A-502 mit einer Lafette in einem Drehkuppelturm mit zwei doppelläufigen 23-mm-Maschinenkanonen Grjasew-Schipunow GSch-23 mit 600 Schuss Munition pro MK. Die Heckstandeinheit wird von einem Besatzungsmitglied ferngesteuert bedient. Als Zielhilfe ist oberhalb der Kugelblende das Feuerleitradar PRS-3 „Argon 2“ eingebaut. Am Ende der Einheit sind in einer Kugelblende zwei GSch-23 als Zwillingslafette beweglich eingebaut. [5]
Tu-22M3
  • 1 × Heckstandeinheit UKU-9A-502MA mit einer Lafette in einem Drehkuppelturm mit einer doppelläufigen 23-mm-Maschinenkanone Grjasew-Schipunow GSch-23 mit 600 Schuss Munition. Für das Heck der Tupolew Tu-22M3 wurde die Heckstandeinheit erneut angepasst und mittels Reduktion auf eine Maschinenkanone leichter gefertigt. Ein Besatzungsmitglied bedient die Maschinenkanone ferngesteuert vom Cockpit aus. Als Zielhilfe sind oberhalb der Kugelblende das Feuerleitradar PRS-4KM „Krypton“ sowie eine Videokamera eingebaut. Am Ende der Einheit ist in einer Kugelblende eine GSch-23 in einer Lafette beweglich eingebaut. Die Munitionszuführung führt bis zu 600 Schuss Munition zu.

Abwurfwaffen[Bearbeiten]

Waffenzuladung von 21.000 kg an zwei Außenlaststationen sowie im Bombenschacht. Im Bombenschacht können an einem internen MKU-6-1-Drehgestell Marschflugkörper mitgeführt werden.

Marschflugkörper
CH-22 (AS-4) unter einer Tu-22M2
Ungelenkte Bomben
  • 8 × Seeminen vom Typ RMI, UDM, UDM-5, APM, AMD-2M, oder AGDM
  • 12 × AMD-500M (Seemine)
  • 18 × IGDM-500 oder UDM-500 (Seemine)
  • 69 × FAB-100 (100-kg-Freifallbombe)
  • 69 × FAB-250 (250-kg-Freifallbombe)
  • 69 × RBK-250-275 (275-kg-Streubombe)
  • 69 × ZAB-250 (250-kg-Brandbombe)
  • 42 × FAB-500 (500-kg-Freifallbombe)
  • 42 × OFAB-500 (500-kg-Freifallbombe)
  • 42 × OFZAB-500 (500-kg-Brandbombe)
  • 42 × RBK-500 (500-kg-Streubombe)
  • 20 × FAB-750 (750-kg-Freifallbombe)
  • 16 × FAB-1000 (1.000-kg-Freifallbombe)
  • 8 × FAB-1500 (1.500-kg-Freifallbombe)
  • 3 × FAB-3000 (3.000-kg-Freifallbombe)
  • 2 × FAB-5000 (5.000-kg-Freifallbombe)
  • 2–4 nukleare Freifallbomben

Weblinks[Bearbeiten]

Quellenangaben[Bearbeiten]

  1. Rian.ru
  2. Ausairpower
  3. Russia confirms lost 2 warplanes in S.Ossetia-Ifax
  4. Aviationweek
  5. Yefim Gordon, Vladimir Rigmant: Tupolev Tu-22 „Blinder“, Tu-22M „Backfire“. Aerofax, 1998.