Tupolew Tu-4

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Tupolew Tu-4
Tupolew Tu-4 im Fliegermuseum Monino
Tupolew Tu-4 im Fliegermuseum Monino
Typ: Strategischer Bomber
Entwurfsland: Sowjetunion 1923Sowjetunion Sowjetunion
Hersteller: OKB Tupolew
Erstflug: 3. Juli 1947
Indienststellung: 1948
Produktionszeit: 1948 bis 1952
Stückzahl: 847

Die Tupolew Tu-4 (russisch Туполев Ту-4, NATO-Codename: „Bull“) war ein viermotoriger Langstreckenbomber der Anfangszeit des Kalten Krieges, der in der Sowjetunion vom Konstruktionsbüro Tupolew aus der amerikanischen Boeing B-29 entwickelt wurde.

Geschichte[Bearbeiten]

Um einen Nachfolger für den bis dahin einzigen sowjetischen schweren Bomber Petljakow Pe-8 zu finden, hatte sich die Sowjetunion schon während des Zweiten Weltkrieges erfolglos darum bemüht, von den verbündeten USA im Rahmen des Leih- und Pachtvertrages moderne strategische Bomber zu bekommen.

Daher verfügten die sowjetischen Fernfliegerkräfte Mitte der 1940er-Jahre über keinen strategischen Langstreckenbomber. Vier gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in Sibirien notgelandete US-amerikanische Boeing B-29 behielten die Sowjets ein und verwendeten sie als Basis für einen eigenen Nachbau.

Dafür war eine Übertragung der Abmessungen in das metrische System und eine Anpassung an die zur Verfügung stehenden Werkstoffe und Triebwerke erforderlich. Um die anfangs relativ großen sowjetischen Atombomben aufnehmen zu können, musste auch der druckbelüftete Tunnel zwischen der vorderen und der hinteren Druckkabine entfallen, der bei der B-29 oberhalb der Bombenschächte verlief. Die Integraltanks der B-29 fehlten bei der Tu-4 ebenfalls. Als Abwehrbewaffnung sollten anfangs von N. M. Afanassjew speziell für diesen Typ entwickelte 12,7-mm-Maschinengewehre genutzt werden, später wurde jedoch entschieden, B-20E-Kanonen zu verwenden. In den späteren Serien wurde diese durch 23-mm-Kanonen NR-23 ersetzt.

Mit dem Erstflug am 3. Juli 1947 begann die Erprobung des anfangs als B-4 bezeichneten Flugzeugs, die von den Piloten M. Gallai, N. Rybko und A. Wassiltschenko durchgeführt und im Winter 1947/48 beendet wurde.

Die sowjetischen Fernfliegerkräfte erhielten mit der Tu-4 ihren ersten Nuklearbomber (im Oktober 1951 wurde mit diesem Typ erstmals in der sowjetischen Geschichte eine Atombombe vom Flugzeug aus getestet).[1] 1952 wurden Tu-4 zur Minimierung der Flugdistanz nach Nordamerika auf den neu eingerichteten polnahen Luftstützpunkten in Dikson und auf der Schmidt-Insel stationiert. Andere Standorte waren das Baltikum, die Ukraine, Polen und die Tschechoslowakei. Auch in der DDR war die Tu-4 zeitweise stationiert. Während des Ungarischen Volksaufstandes erhielten auf dem Flugplatz Borispol stationierte Tu-4 der 43. Luftarmee den Befehl, das in einem Budapester Theater vermutete Hauptquartier der Aufständischen zu bombardieren. Am 3. November 1956 um 23:40 Uhr startete eine aus vier Flugzeugen bestehende Gruppe unter Führung von Oberstleutnant Semjonowitsch mit je 3000 Kilogramm Bomben an Bord zum Flug. Über Rumänien erhielt die Gruppe den Befehl zur Umkehr, da eine versehentliche Bombardierung eigener Truppen befürchtet wurde. Das Führungsflugzeug wurde zwei Jahre später in das Zentrales Museum der Luftstreitkräfte der Russischen Föderation in Monino überführt, wo es seitdem besichtigt werden kann.[2]

KJ-1

Einzelne Maschinen wurden auch als Versuchsträger Tu-4LL (Letajuschtschaja laboratorija, fliegendes Labor) bei verschiedenen Erprobungen wie beispielsweise von Propellerturbinen TW-4 und NK-12 von Kusnezow und TW-02 von Iwtschenko (dort als Tu-4TWD), Luftbetankungssystemen und Funk- und Funkmessgeräten, eingesetzt. Es soll auch eine Aufklärerversion Tu-4R existiert haben, in deren vorderen Bombenschächten zusätzliche Kraftstofftanks zur Erhöhung der Reichweite und in den hinteren die Kamerausrüstung mitgeführt wurde.

Zehn Maschinen gingen 1953 anlässlich des sechzigsten Geburtstages von Mao Zedong als Geschenk an die Volksrepublik China. Dort wurden fünf Stück nach dem Ablauf ihrer Dienstzeit in den 1970er-Jahren mit Propellerturbinen WJ-6 ausgerüstet und als Versuchsträger für Drohnen oder einem AEW-Radom (als KJ-1) auf dem Rumpf verwendet. Zwei Maschinen dieser Versionen, darunter auch die KJ-1, befinden sich im Chinesischen Luftfahrtmuseum im Norden Pekings.[3]

Die Serienfertigung der Tu-4 lief 1952 nach 847 Exemplaren aus.[4]

Weiterentwicklungen[Bearbeiten]

Ableitungen der Tu-4 waren das Passagierflugzeug Tu-70 und der Transporter Tu-75. Wie diese ging auch die Weiterentwicklung des Bombers als Tu-80/85 mit stärkeren Kolbentriebwerken bzw. Propellerturbinen nicht in Serienproduktion.

Betreiber[Bearbeiten]

Technische Daten[Bearbeiten]

Kenngröße Daten
Länge    30,19 m
Flügelspannweite    43,08 m
Höhe    8,46 m
Flügelfläche    161,70 m²
Antrieb    vier 18-Zylinder-Doppelsternmotoren Schwezow ASch-73TK mit je 2.400 PS
Höchstgeschwindigkeit    420 km/h in Bodennähe
558 km/h in 10.000 m Höhe
Reichweite    5100 km mit 2.000 kg Bomben
Dienstgipfelhöhe    11.200 m
Rüstmasse    35.270 kg
Fluggewicht    normal 47.500 kg
maximal 66.000 kg
Besatzung    9–10 Mann
Bewaffnung    fünf Geschütztürme mit Zwillings-Kanonen B-20E (20 mm) oder NR-23 (23 mm),
bis zu 8.000 kg Bomben

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rainer Göpfert: „Maria“ und „Tatjana“ – Die Erprobung von Atomwaffen durch die Luftstreitkräfte der UdSSR. In: Flieger Revue Extra Nr. 36, PPVMedien, Bergkirchen 2012, ISSN 2194-2641. S. 11.
  2. Jewgeni Podolny, Ulrich Unger: Ihr Ziel ist Budapest. In Flieger Revue 3/96, S. 35–37.
  3. Andreas Rupprecht: AWACS auf Chinesisch. Frühwarnprogramme jenseits der großen Mauer. In: Fliegerrevue Nr. 01, 2010, S. 28.
  4. Pavel Podvig, Frank van Hippel: Russian Strategic Nuclear Forces. Massachusetts Institute of Technology, Cambridge 2001, S. 367.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tupolew Tu-4 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien