Twer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Stadt
Twer
Тверь
Flagge Wappen
Flagge
Wappen
Föderationskreis Zentralrussland
Oblast Twer
Stadtkreis Twer
Innere Gliederung 4 Stadtrajons
Bürgermeister Wladimir Babitschew
Erste Erwähnung 1127
Fläche 147 km²
Bevölkerung 403.606 Einwohner
(Stand: 14. Okt. 2010)[1]
Bevölkerungsdichte 2746 Einwohner/km²
Höhe des Zentrums 135 m
Zeitzone UTC+3
Telefonvorwahl (+7) 4822
Postleitzahl 170000–170044
Kfz-Kennzeichen 69
OKATO 28 401
Website www.tver.ru
Geographische Lage
Koordinaten 56° 52′ N, 35° 55′ O56.86666666666735.916666666667135Koordinaten: 56° 52′ 0″ N, 35° 55′ 0″ O
Twer (Europäisches Russland)
Red pog.svg
Lage im Westteil Russlands
Twer (Oblast Twer)
Red pog.svg
Lage in der Oblast Twer
Liste der Städte in Russland

Twer (russisch Тверь) ist eine russische Stadt im Föderationskreis Zentralrussland, gelegen an der Bahnstrecke Sankt Petersburg–Moskau.

Sie ist die Hauptstadt der Oblast Twer und hat 403.606 Einwohner (Stand 14. Oktober 2010).[1] Von 1931 bis 1990 hieß die Stadt Kalinin (russisch Кали́нин) nach dem sowjetischen Politiker Michail Kalinin (1875–1946), der in der Nähe der Stadt geboren wurde.

Twer liegt rund 170 km nordwestlich von Moskau an der Mündung des Flüsschens Twerza in die Wolga und ist eine der ältesten russischen Städte. Entstanden ist die Stadt im 12. Jahrhundert als Handels- und Handwerkersiedlung.

Stadtgliederung[Bearbeiten]

Stadtrajon
(Gorodskoi Rajon)
Russischer Name Einwohner
(14. Oktober 2010)[1]
Bemerkung
Moskowski Московский 120.192 Name bedeutet Moskauer Rajon
Proletarski Пролетарский 91.032 Name bedeutet proletarischer Rajon
Sawolschski Заволжский 138.029 Name bedeutet hinter der Wolga
Zentralny Центральный 54.353 Name bedeutet Zentralrajon

Geschichte[Bearbeiten]

Twer, 1783

Erstmals schriftlich erwähnt wurde Twer 1127, womit die Stadt mindestens 20 Jahre älter als Moskau ist. Sie war zunächst eine Ansiedlung von Kaufleuten und Handwerkern. Bereits 1164 erhielt sie Stadtrechte. Twers Lage direkt an der Wolga begünstigte den Handel, führte aber auch zu andauernden Kämpfen zwischen den Fürstentümern um die Herrschaft über den Ort. Im 12. Jahrhundert ging Twer 1209 von der Republik Nowgorod an das Fürstentum Wladimir-Susdal und wurde dessen westlicher Vorposten, bis es 1238 von Mongolen angegriffen und verwüstet wurde, ohne jedoch unmittelbar danach an Macht zu verlieren. 1247 bildete sich das Fürstentum Twer unter dem Großfürsten Jaroslaw III., und Twer wurde bis zur Auflösung des Fürstentums 1485 dessen Hauptstadt.

Bis zum Aufstieg Moskaus zum Zentrum des einheitlichen Russischen Reichs war das Fürstentum Twer dessen erbittertster und teilweise auch überlegener Rivale im Kampf um die Nachfolge der Großfürsten der Kiewer Rus. 1327 kam es in Twer, das der Goldenen Horde tributpflichtig war, zu einem bewaffneten Aufstand der Bevölkerung gegen die Tataren, der mithilfe der Moskauer Truppen niedergeschlagen wurde und den politischen Niedergang der Stadt einleitete. Im 14. und 15. Jh. blieb Twer dennoch ein wichtiges kulturelles und wirtschaftliches Zentrum in der nordöstlichen Rus.

Dieser Zustand endete mit der Niederlage Twers gegen Moskau im Jahre 1475. In der Regierungszeit des Moskauer Großfürsten Iwan III. verzichtete Twer 1485 auf seinen Anspruch auf die Großfürstenwürde und wurde schließlich dem Großfürstentum Moskau angegliedert. Aus der Zeit unter Iwans IV. stammt auch das älteste bis heute erhaltene Kirchengebäude Twers, nämlich die 1564 erbaute Kirche der Weißen Dreifaltigkeit mit ihrem 27 Meter hohen Glockenturm.

Durch die Gründung von Sankt Petersburg erlebte Twer eine rasche Entwicklung; es entstanden neue Stadtviertel sowie im Jahre 1700 eine erste Brücke über die Wolga. Der Grund war die günstige Lage zwischen der alten und der neuen Hauptstadt. 1755 wurde mit der theologischen Akademie die erste Hochschule der Stadt gegründet. Diese Entwicklung erfuhr 1763 einen Rückschlag, als große Teile Twers einem Großbrand zum Opfer fielen. Daraufhin ließ Katharina die Große einen Wiederaufbauplan für Twer entwerfen, der der Stadt eine Reihe klassizistischer Gebäude beschert hat. Twer war ein wichtiges Handelszentrum an der oberen Wolga und wurde mit der Gebietsreform in Russland 1775 Zentrum des gleichnamigen Gouvernements. Twer erhielt 1780 ihr Stadtwappen. Die nach dem Brand neu errichtete Stadt verfügte nunmehr über ein – teilweise noch bis heute bestehendes – streng geometrisches Straßennetz rund um die Hauptverkehrsader der Stadt, nämlich den Weg von Moskau in die neue Hauptstadt Sankt Petersburg.

Die merkliche Entwicklung Twers als Handelsstadt setzte sich im 19. Jahrhundert fort und wurde 1851 durch die Linienführung der Bahnstrecke Sankt Petersburg–Moskau durch die Stadt zusätzlich begünstigt. Es entstanden in Twer nicht nur Industriebetriebe, sondern auch Schulen, Krankenhäuser, Altersheime sowie 1870 erstmals auch eine Wasserleitung. Anfang des 20. Jahrhunderts überschritt die Einwohnerzahl Twers erstmals 100.000.

1931 wurde Twer in Kalinin umbenannt, nach dem sowjetischen Politiker Michail Kalinin. 1940 wurden in der Stadt vom sowjetischen Geheimdienst NKWD mehr als 6200 polnische Polizisten und Kriegsgefangene ermordet.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt am 17. Oktober 1941 von der deutschen Wehrmacht besetzt, aber schon am 16. Dezember 1941 von Truppen der Kalininer Front der Roten Armee im Rahmen der Kalininer Operation zurückerobert. Besetzung und Kämpfe brachten der Stadt erhebliche Zerstörungen und zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung. Später bestanden in der Stadt die beiden Kriegsgefangenenlager 384, Kalinin, und 395, Kalinin, für deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs.[2] Dem Lager 384 war das Kriegsgefangenenhospital 2501 in Torschok zugeordnet. Das Lager 395 wurde später in den Raum Kursk/Obojan verlegt.

Zur Erinnerung an die Kriegsopfer wurde in Twer nach dem Krieg ein Mahnmal errichtet. Ein weiteres markantes Nachkriegsgebäude der Stadt ist das Empfangsgebäude des Wolga-Passagierhafens, der so genannte Flussbahnhof, an der Mündung der Twerza in die Wolga.

1990 erhielt die Stadt wieder ihren alten Namen Twer.

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten]

Christi-Himmelfahrts-Kathedrale
Jahr Einwohner
1897 53.544
1926 108.413
1939 216.131
1959 260.974
1970 345.112
1979 411.548
1989 450.941
2002 408.903
2010 403.606

Anmerkung: Volkszählungsdaten

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Blick über die Wolga

Da Twer 1763 einer Feuersbrunst zum Opfer fiel, wurde es von Katharina der Großen wieder aufgebaut. Der Wiederaufbau fand im Stil des Frühklassizismus statt. Katharina hatte unter anderem die bedeutenden klassizistischen Architekten Carlo Rossi sowie Matwei Kasakow nach Twer verpflichtet, deren Bauten sie schließlich zum Urteil verleiteten, dass Twer nach Sankt Petersburg die schönste Stadt des Russischen Reiches sei.

Von herausragender Stellung im Stadtbild der Stadt ist das prächtige frühklassizistische Stadtpalais Katharinas der Großen von Carlo Rossi und Matwei Kosakow, in dem heute ein Kunstmuseum untergebracht ist. Das Schloss und die prunkvolle Innenstadt ziehen alljährlich Touristen an.

Die Stadt hat mehrere Theater, eine Philharmonie, Museen und architektonische Denkmäler wie beispielsweise die Christi-Himmelfahrtskathedrale oder die Residenz der Adelsversammlung, die Mariä-Entschlafens-Kathedrale (1722), die Kirche der Weißen Dreifaltigkeit von 1564, die Iwan der Schreckliche in Auftrag gab, und die Pinakothek der Stadt. Das gesamte Stadtzentrum ist ein klassizistisches Plan-Kunstwerk der bedeutendsten russischen Klassizisten.

Wirtschaft und Verkehr[Bearbeiten]

Straßenbild in Twer

Twer ist eines der größten Industrie- und Kulturzentren Russlands. Die wichtigsten Wirtschaftszweige sind die Holzindustrie, Textil-, Chemie- und Druckereibetriebe sowie der Bereich Bioenergie. Bereits im September 2003 hatten Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder die Gründung eines russisch-deutschen Gemeinschaftsunternehmens für die Erzeugung und Nutzung von Biomasse (Holzpellets, Briketts und Rapsöl) in dezentralen Systemen und deren Export vereinbart, was in Twer realisiert wurde. Im Gebiet Twer befinden sich das Kernkraftwerk Kalinin mit vier Reaktoren. Zudem ist die Stadt der Hauptstandort der PPE Group außerhalb Moskaus.

Durch Twer verlaufen die wichtigsten Verkehrsverbindungen zwischen Moskau und Sankt Petersburg, darunter die Bahnstrecke Sankt Petersburg–Moskau, an der Twer über einen Fernbahnhof verfügt. Neben Fernzügen halten dort auch Nahverkehrszüge (sogenannte Elektritschkas) unter anderem von und nach Moskau, Klin und Bologoje. Der innerstädtische Nahverkehrsbedarf wird sowohl durch Bus- und Marschrutkalinien als auch durch ein eigenes Straßenbahnnetz abgedeckt.

Weiterführende Bildungseinrichtungen[Bearbeiten]

  • Staatliche Universität Twer
  • Staatliche Technische Universität Twer
  • Filiale des Geisteswissenschaftlich-Ökonomischen Instituts Moskau
  • Filiale des Russischen Ferninstituts für Textil- und Leichtindustrie
  • Institut für Business und Recht an der Oberen Wolga
  • Militärakademie der Grenztruppen Russlands
  • Schukow-Militärakademie für Kommandeure der Luftverteidigung
  • Abteilung Twer der Nordwestlichen Akademie für Staatsdienst
  • Filiale Twer der Staatlichen Universität für Ökonomie, Statistik und Informatik Moskau
  • Filiale Twer des Instituts des Innenministeriums Russlands in Moskau
  • Institut für Ökologie und Recht Twer
  • Institut für Ökonomie und Management Twer
  • Staatliche Landwirtschaftliche Akademie Twer
  • Staatliche Medizinakademie Twer

Städtepartnerschaften[Bearbeiten]

Diese Partnerschaft wird durch ständig vorhandene Städtebotschafter der jeweiligen Partnerstadt manifestiert. Diese vertreten ihre Stadt, betreuen Besucher, unterstützen bei Sprachproblemen durch Übersetzungsleistungen und sind in die jeweilige Verwaltung integriert. Die Städtepartnerschaft mit Osnabrück verhalf der Stadt Twer nicht nur zu einem Hotel mit westlichem Standard, sondern ließ auch mehrere gemeinsame Projekte des TACIS City-Twinning Programms der Europäischen Union bei der Unterstützung von Existenzgründern in Twer sowie bei Problemen der städtischen Abfallwirtschaft in Twer gelingen. Begründet wurde die Freundschaft der Städte Twer und Osnabrück durch zahlreiche Jugendbegegnungen des Stadtjugendrings Osnabrück ab Beginn der 1970er-Jahre. Unter Jugendverbänden und Schulen finden gegenseitige Besuche statt.

Die Stadt ist außerdem Mitglied des Städtebundes der Neuen Hanse.

Sport[Bearbeiten]

In Twer ist der Fußballverein Wolga Twer beheimatet. Der Eishockeyverein HK Dynamo Twer spielt in der zweiten Liga, der Wysschaja Hockey-Liga, während der THK Twer an der Perwaja Liga teilnimmt.

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

Denkmal von Afanassi Nikitin in Twer

Klimatabelle[Bearbeiten]

Twer
Klimadiagramm
J F M A M J J A S O N D
 
 
37
 
-7
-14
 
 
30
 
-5
-13
 
 
31
 
1
-7
 
 
39
 
9
1
 
 
60
 
18
6
 
 
72
 
21
10
 
 
100
 
23
12
 
 
66
 
21
11
 
 
58
 
15
6
 
 
50
 
8
2
 
 
50
 
1
-4
 
 
47
 
-4
-10
Temperatur in °CNiederschlag in mm
Quelle: Roshydromet
Monatliche Durchschnittstemperaturen und -niederschläge für Twer
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
Max. Temperatur (°C) −7,2 −4,9 1,0 9,4 17,8 21,2 22,7 21,0 15,0 7,8 0,6 −4,1 Ø 8,4
Min. Temperatur (°C) −14,2 −13,3 −7,4 0,6 6,4 10,3 12,3 10,8 6,1 1,5 −4,2 −9,9 Ø 0
Niederschlag (mm) 37 30 31 39 60 72 100 66 58 50 50 47 Σ 640
Regentage (d) 10 8 8 8 9 11 11 10 10 10 11 12 Σ 118
T
e
m
p
e
r
a
t
u
r
−7,2
−14,2
−4,9
−13,3
1,0
−7,4
9,4
0,6
17,8
6,4
21,2
10,3
22,7
12,3
21,0
10,8
15,0
6,1
7,8
1,5
0,6
−4,2
−4,1
−9,9
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
N
i
e
d
e
r
s
c
h
l
a
g
37
30
31
39
60
72
100
66
58
50
50
47
  Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
Quelle: Roshydromet

Literatur[Bearbeiten]

  • Zinaida Pastuchova und Elena Ponomarëva: Drevnerusskie goroda. Rusič-Verlag, Smolensk 2006, ISBN 5-8138-0470-6, S. 50–63

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Tom 1. Čislennostʹ i razmeščenie naselenija (Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010. Band 1. Anzahl und Verteilung der Bevölkerung). Tabellen 5, S. 12–209; 11, S. 312–979 (Download von der Website des Föderalen Dienstes für staatliche Statistik der Russischen Föderation)
  2. Maschke, Erich (Hrsg.): Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des zweiten Weltkrieges. Verlag Ernst und Werner Gieseking, Bielefeld 1962-1977.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Twer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien