Uhrenproduktion im Schwarzwald

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Eine Lackschilduhr aus Schwarzwälder Produktion.

Die Anfänge der Uhrenproduktion im Schwarzwald liegen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Besondere Verbreitung erreichten die Lackschild-Uhr und die Kuckucksuhr.

Geschichte[Bearbeiten]

Erste Anfänge und Entwicklung vor 1790[Bearbeiten]

Werkstätte eines Schwarzwälder „Musikuhrenmachers“ (1825)

Das Leben in den Höhenlagen des Schwarzwald war hart, die Erträge aus der Landwirtschaft waren aufgrund karger Böden und schlechten klimatischen Bedingungen mit langen Wintern kläglich. Die Bewohner begannen schon früh, ihre Lebensbedingungen mit dem Anfertigen von Gebrauchsgegenständen aufzubessern. Im Winter stellten sie Teller, Gabeln, Löffel, Schaufeln, Eimer und Kübel aus Holz her. Das Holzhandwerk war weit verbreitet.[1] Ab Mitte des 17. Jahrhunderts sind erste Uhrmacher im Schwarzwald bekannt, die Holzräderuhren herstellten,[2] jedoch wurden diese ersten zaghaften Anfänge der Uhrenproduktion aufgrund der unruhigen Zeiten für etwa 50 Jahre unterbrochen.[2]

Ausgehend von einigen Drechslerwerkstätten in Urach (Simon Dilger), Schönwald und Neukirch wurde ab etwa 1720 die Produktion von einfachen Holzuhren in größeren Mengen wieder aufgenommen.[3] Begünstigt wurde die Uhrmacherei durch die Herstellung der Uhren aus Holz. Zuvor waren nur Uhren mit Metallwerken bekannt, die wegen ihres Preises wohlhabenden Bürgern vorbehalten waren. Nun wurden Uhren aufgrund der niedrigen Herstellungskosten auch für einfache Bürger erschwinglich.[1]

Es bilden sich erste Nebengewerbe der Uhrenproduktion, rationelle Werkzeuge und Bauteile, zum Beispiel der „Schwarzwälder Blechanker“ wurden entwickelt. Die grundlegenden Werkgrößen mit unterschiedlicher Laufdauer entstanden (Jockele, Schottenwerk, 24h-Normalform und große 8-Tage-Uhr). Aus der konsequent fortgeführten technischen Weiterentwicklung entstand ein anhaltender Entwicklungsschub. Die anfänglich reinen Holzräderwerke erhielten Messingräder in Holzplatinen. Bis 1790 erfuhr die Uhrenproduktion eine vier- bis fünffache Erweiterung der Produktivität. Das Schwarzwälder Uhrmachergebiet reichte von St. Georgen im Norden bis Neustadt im Süden.

Stagnation von 1790 bis 1840[Bearbeiten]

Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts kam es zu einer Stagnation in dieser Entwicklung. Trotz Verbesserungen in der Arbeitsteilung stieg mit den Produktionszahlen (150.000 Uhren um 1800, 600.000 Uhren um 1850[2]) auch die Zahl der Beschäftigten. Aber das Hauptprodukt Lackschilduhr setzt sich auf Europas Märkten durch. Im Vergleich mit anderen strukturschwachen Mittelgebirgsgegenden trat im Schwarzwald keine Massenarmut auf, daher galt das „Modell Schwarzwälder Uhrenproduktion“ unter Zeitgenossen als geglückt.[3]

In den Kleinwerkstätten dieser Zeit waren, abgesehen von einer Drehbank und einer Zahnmaschine, so gut wie keine modernen Werkzeuge vorhanden. Der Uhrmacher fertigte, beginnend mit dem Gestell aus Buchenholz, sämtliche Uhrenteile einzeln oder in Serien von sechs Stück an. Von Nebengewerben zugekauft wurden Zier- und Kleinteile, zum Beispiel Lackschilde oder „Türlepapier“, sowie Glocken oder Tonstäbe, Ketten und Gewichte.[2]

„Uhrenträger“ und zwei Bäuerinnen in Triberger Tracht (um 1840)
Schwarzwälder „Uhrenträger“

Vertrieb und Export der Schwarzwälder Uhren vor der Industrialisierung[Bearbeiten]

Neben der Uhrmacherei wurde im Schwarzwald die Glasmacherei betrieben und die Produkte durch sogenannte Glasträger im weiteren Umland, bis in die Schweiz und nach Frankreich vertrieben. Schon die ersten Schwarzwälder Uhrmacher nutzten die Vertriebswege der Glasindustrie und gaben ihre Erzeugnisse mit auf den Handel.[1] Daraus entwickelte sich der Beruf der Uhrenträger, die sich in mehreren Gesellschaften zusammenfanden.

Erste Schwarzwälder Uhrenhändler erscheinen ab 1740. Die Uhren wurden in so großer Stückzahl produziert, dass sie vor allem auf dem Exportmarkt abgesetzt werden mussten. Kleinere Uhrmacher schlossen sich zu zweit oder dritt zusammen und bereisten die Exportländer Frankreich, England, Niederlande, Italien und Österreich, später auch fernere Ländern wie Russland oder das Osmanische Reich,[2][4] wobei vor allem in Frankreich und England sehr viele Uhren verkauft werden konnten. Die Ware ließen sie sich nachschicken und lagerten sie zentral. Danach durchstreiften sie, mit einigen Uhren bepackt, die ländlichen Gebiete und Dörfer. Dadurch trugen sie auch stark zur allgemeinen Verbreitung von Uhren bei, die Ware Uhr änderte ihren Charakter vom Luxusgut zum Alltagsgegenstand. Der „Uhrenträger“ wurde zum Sinnbild für die Schwarzwälder Uhr, Blechfiguren in Schwarzwälder Tracht zierten bald die Schaufenster der Uhrengeschäfte.[3]

Ab 1790 bildeten sich im Ausland Uhrenhändlergesellschaften, sogenannte Kleine Compagnien, die zwar zunächst dem Aufschwung der Uhrenproduktion dienten, aber den Schwarzwäldern den Uhrenhandel nach und nach aus der Hand nahmen. Ein Verfall der Herstellererlöse zugunsten der Händlermargen war die Folge.[2]

Strukturwandel und Industrialisierung ab 1840 bis 1880[Bearbeiten]

Hausuhrmacher und Kleinstwerkstätten, die immerhin in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts um 15 Millionen Uhren gefertigt hatten, beklagen um 1840 ihre wirtschaftliche Lage und sahen die Ursachen in Zollerhöhungen und Handelsbeschränkungen. Bei vielen reisenden Uhrenhändlern bestand zudem eine Abhängigkeit von den heimischen „Packern“, die die bestellten Uhren ankauften und ihnen in Kisten nachschickten. Allerdings stagnierte auch die Uhrenentwicklung schon längere Zeit, und die bis dahin gut verkaufte Lackschilduhr genügte den Ansprüchen der Kunden nicht mehr. Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten sich in den großen Zentren vermehrt Ladengeschäfte, die über den Uhrengroßhandel versorgt wurden und die wandernden Uhrenhändler verloren zumindest in den Städten an Boden.[3]

Im Rahmen einer Strukturförderung gründete die badische Landesregierung im Jahr 1850 in Furtwangen die erste deutsche Uhrmacherschule (1850-1863), um den kleineren Handwerkern eine gute Ausbildung zu garantieren und damit die Absatzchancen zu steigern.[3] Auch versuchte man dort, die Uhrmacher zu größerer Arbeitsteilung anzuleiten und eine gewisse Standardisierung von Maßen und Formen zu etablieren[2] Doch gerade von den Kleinuhrmachern wurde die Schule nicht angenommen.[3]

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es erste Anzeichen für einen Strukturwandel, dem ab 1880 ein rascher Übergang zur industriellen Uhrenherstellung folgte. Noch 1850 hatten Klein- und Kleinstbetriebe die Uhrenproduktion dominiert, aber ab etwa 1870 entstand eine Verschiebung zu Unternehmensformen an der Schwelle zur Uhrenfabrik, überschaubare Uhrenwerkstätten mit Qualitätsbewußtsein, die zwischen 10 und 35 Personen beschäftigten. Bekannte Beispiele sind Emilian Wehrle, Johann Baptist Beha oder Lorenz Bob. Diese Unternehmer wurden tonangebend in den nach 1850 sukzessive gegründeten Gewerbevereinen und engagierten sich dort unter anderem für den Eisenbahnbau und einheitliche Arbeits- und Werkstattordnungen.

Die Uhrenproduktion konzentrierte sich in der Folge um einige wenige Zentren. Noch vor dem beginnenden Eisenbahnzeitalter bestimmen Vorteile wie gute Verkehrsbedingungen und Wasserkraft die Standortwahl im badischen Teil des Schwarzwaldes. Die Städte St. Georgen, Triberg, Furtwangen, Titisee-Neustadt und Lenzkirch konnten davon profitieren und wuchsen. Ländliche Gewerbezentren wie zum Beispiel Eisenbach entwickeln sich wieder zurück. Ab 1880 kam es zu einer Verlagerung in den württembergischen Teil, wo in Schramberg die Firma Junghans und in Schwenningen die Firmen Mauthe, Kienzle und Haller ihre Werke hatten. Die Kleinbetriebe verloren nun stark an Bedeutung.

Einzelne Uhrmacher hielten sich aber noch längere Zeit, einerseits weil durch die einsetzende Massenproduktion auch für sie die Beschaffung von Uhrenteilen günstiger wurde und sie bis zu einem gewissen Grad wettbewerbsfähig blieben, andererseits aus Scheu vor dem Eintritt in eine Fabrik und der damit verbundenen Aufgabe der Selbstständigkeit. Auch spielten grundlegende Vorbehalte gegen die Industrialisierung eine Rolle, die damals eher als Bedrohung, denn als Hoffnung verstanden wurde.[3]

Junghans, Produktion von Taschenuhren (um 1925)

Blütezeit und Niedergang der Uhrenindustrie 1880 bis in die 1930er Jahre[Bearbeiten]

Zum Ende des 19. Jahrhunderts befand sich die Schwarzwälder Uhrenindustrie in einer Blütezeit. Uhrenfabriken wie zum Beispiel die Aktiengesellschaft für Uhrenfabrikation Lenzkirch gewannen an Bedeutung und konnte sich ständig vergrößern. Viele kleinere Unternehmen schlossen sich zu größeren Firmen zusammen (z. B. Badische Uhrenfabrik).

Mit dem Ersten Weltkrieg in dem die Uhrenproduktion zum Erliegen kam und dem anschließenden Wegfall des russischen und amerikanischen Marktes schlug diese Blütezeit in eine Krise um. Zwar kam es in den 1920er Jahren nochmal zu einem sprunghaften Anstieg der Nachfrage, doch es folgte bald die Weltwirtschaftskrise die viele Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten brachte oder zur Schließung zwang. In der Zeit des Nationalsozialismus kam es in der Produktion durch Rohstoffrationierung und im Export durch Devisenbewirtschaftung zu Behinderungen. Schließlich unterbrach der Zweite Weltkrieg vielfach erneut die Uhrenproduktion.

Badische Uhrenfabrik AG, Endkontrolle (1954)

Ständiger Strukturwandel[Bearbeiten]

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam es durch den nachzuholenden Exportbedarf zu einer Erholung. Auch während der siebziger Jahre führten die Einführung von Kunststoffgehäusen und Quarzuhrwerken zu schwerwiegenden Einschnitten. Die neuen Verfahren benötigten einen dramatisch geringeren Arbeitsaufwand und verstärkten zudem die Konkurrenz aus Schwellenländern. Auch die Einführung von LCD-Armbanduhren stellte sich als schwere Belastung heraus.

Die Beschäftigtenzahl der Schwarzwälder Uhrenindustrie sackte zwischen 1973 und 1976 von 28.600 auf 21.000 Beschäftigte. Allgemein sah sich die „exportintensive deutsche Uhrenindustrie […] mit Problemen konfrontiert, die aus krassen Wechselkursschwankungen, v. a. gegenüber dem US-Dollar, Konjunktureinbrüchen, Konkurrenz aus Billiglohnländern sowie aus der Beschleunigung des technologischen Umbruchs resultier[t]en.“[5] Neue Techniken und globale Konkurrenz prägen den Markt.

Schwarzwälder Uhrentypen[Bearbeiten]

Als Sonderformen wurden die „Kuckucksuhr“, „Figurenuhr“, „Musikuhr“ mit Melodien im Stundentakt, die „Stockuhr“ und die „Regulator-Uhr“ im Holzgehäuse entwickelt.[6][7]

Ab Ende des 18. Jahrhunderts gab es Wanduhren, deren Zifferblatt aus einem lackbemalten Holzschild bestand („Lack-Schilderuhr“). Ende des 18. Jahrhunderts fertigte Jacob Herbstreith kleine Wanduhren mit Porzellan- oder Messingschild („Jockele-Uhr“). Anfang des 19. Jahrhunderts fertigte die Uhrmacherfamilie Sorg eine sehr kleine Wanduhr („Sorg-Uhr“).[8][9]

Uhrenhersteller im Schwarzwald[Bearbeiten]

Unter seiner Sammlung von Uhren aus aller Welt hat das Deutsche Uhrenmuseum in Furtwangen auch eine Sammlung von Holzuhren aus dem Schwarzwald und von Exponaten der Uhrenindustrie im Schwarzwald. Die Ferienstraße Deutsche Uhrenstraße verbindet Uhrenmuseen und Fertigungsorte im Schwarzwald.

Ehemalige Uhrenhersteller[Bearbeiten]

Aktive Uhrenhersteller[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Helmut Kahlert:300 Jahre Schwarzwälder Uhrenindustrie, Katz 2007, ISBN 978-3938047156.
  • Herbert Jüttemann: Die Schwarzwalduhr. Badenia-Verlag, Karlsruhe 2000, ISBN 978-3-89735-360-2.
  • Ekkehard Liehl, Wolf Dieter Sick (Hrsg.): Der Schwarzwald. Beiträge zur Landeskunde. Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts, 47, Freiburg im Breisgau, 4. Aufl. 1989.
  • Berthold Schaaf: Schwarzwalduhren. G. Braun Buchverlag Karlsruhe, 4. Auflage 2008. ISBN 978-3-7650-8391-4.
  • Gerd Bender: Die Uhrmacher des hohen Schwarzwalds und ihre Werke. Band 1 1998 und Band 2 1978. Verlag Müller, Villingen.
  • (en) Rick Ortenburger: Black Forest Clocks. Schiffer Publications, Ltd, Atglen, Pennsilvania, USA, 1991. ISBN 0-88740-300-X.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schwarzwalduhren – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Herbert Jüttemann: Schwarzwälder Uhren. Badenia, Karlsruhe 1991, ISBN 3-7617-0280-9.
  2. a b c d e f g Romulus Kreuzer: Die Zustände des Uhrmachenden Schwarzwaldes wie sie sind. Eine Denkschrift. 1856
  3. a b c d e f g Helmut Kahlert: Vom Hausgewerbe zur Uhrenfabrik […]. Deutsches Uhrenmuseum, Furtwangen 1989, ISBN 3-922673-04-X.
  4. A. Meitzen: Über die Uhrenindustrie des Schwarzwaldes Diss. Breslau 1848
  5. Bernhard Mohr, Klaus Leier: Wirtschaftsräume unter Anpassungsdruck – erläutert am Beispiel des Schwarzwälder Uhrenindustriegebietes. In: Regio Basiliensis, 29. Jg., 1988, Heft 3, S. 179–194.
  6. Internetseite der Deutschen Uhrenstraße mit Aufzählung der Uhrentypen, aufgerufen am 22. März 2012
  7. (en) Antike Schwarzwalduhren aus einer privaten Sammlung aufgerufen am 22. März 2012
  8. Internetseite der Deutschen Uhrenstraße mit Aufzählung der Uhrentypen, aufgerufen am 22. März 2012
  9. Jockele- und Sorg-Uhren bei Antiquitäten in Titisee - Schwarzwalduhren, aufgerufen am 22. März 2012
  10. Internetseite der AMS-Uhrenfabrik

Internetseite der Uhrenfabrik August Schwer
Internetseite der Uhrenfabrik Adolf Herr