Ukrainisierung

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Straßenschild in der Ukraine, an dem die russischen Ortsnamen durch Ukrainische ersetzt wurden
Wir sprechen ukrainisch“. Tafel an der Poliklinik Lviv.

Unter Ukrainisierung (ukrainisch Українізація/Ukrajinisazija) wird eine Politik verstanden, die darauf abzielt, den Einfluss der ukrainischen Kultur und Sprache auszudehnen. Der Begriff hat insbesondere seit der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 wieder an Bedeutung gewonnen und führt immer wieder zu kontroversen und emotionalen Auseinandersetzungen zwischen den politischen Parteien des Landes.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Demonstranten in Charkiw protestieren gegen die Ukrainisierung

Das Territorium der heutigen Ukraine stand seit Jahrhunderten unter dem Einfluss verschiedener Großreiche, zunächst Polen-Litauens, später Österreich-Ungarns und insbesondere Russlands. Die verschiedenen Regionen des heutigen ukrainischen Staates erlebten daher zum Teil lang andauernde Phasen sowohl der Polonisierung wie später auch der Russifizierung. Da große Teile im Osten und Süden des Landes zum Russischen Kaiserreich gehörten, waren sie einem bedeutenden Russifizierungsdruck der zaristischen Regierung ausgesetzt. Zwischenzeitlich war die Verwendung der ukrainischen Sprache als Schriftsprache durch den Emser Erlass im von Russland kontrollierten Teil der Ukraine sogar gänzlich verboten. Vor der Herausbildung des Begriffes „Ukrainisch“ wurden sowohl die späteren Ukrainer als Kleinrussen als auch das Ukrainische als „kleinrussische Sprache“ bezeichnet. Kleinrussisch wurde als eigenständige Sprache eingeordnet.[2]

Eine zwischenzeitliche Blütezeit erlebte die ukrainische Sprache und Kultur zwischen 1923 und 1931. Im Rahmen der Korenisazija-Politik der Sowjetunion kam es im Gebiet der Ukrainischen SSR zu einer vorübergehenden Ukrainisierungsphase.[3] Die ukrainische Sprache wurde explizit gefördert, die Alphabetisierungsrate stieg stark an, das Schulsystem wurde nahezu vollständig auf Ukrainisch umgestellt, die ukrainische Presse entwickelte sich in einem nie dagewesenen Ausmaß und der Einfluss der Russischen Sprache wurde stark zurückgedrängt. Die Sowjetunion beabsichtigte somit die Ukrainer in die Sowjetunion zu integrieren. Bereits zu Beginn der 1930er-Jahren kam die Sowjetunion jedoch wieder von dieser Politik ab und förderte erneut die russische Sprache. Nach einer kurzen Phase in der Tauwetter-Periode um 1960, in der die gesellschaftliche Stellung der ukrainischen Sprache wieder gestärkt worden war, kehrte die politische Führung unter Breschnew wieder zur Förderung der russischen Sprache zurück. Vor allem im Bildungssektor wurde die ukrainische Sprache zurückgedrängt und weitgehend durch Russisch ersetzt. Diese Politik änderte sich erst, als 1989 ein Sprachengesetz erlassen wurde, in dem Ukrainisch zur alleinigen Amtssprache erklärt wurde. In der Westukraine, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der Sowjetunion wurde, blieb der Einfluss der ukrainischen Sprache größer.[4]

Als die Ukraine 1991 unabhängig wurde, verwendete ein signifikanter Teil der ukrainischen Bevölkerung bevorzugt die russische Sprache, einigen Statistiken zufolge tat dies sogar mehr als die Hälfte der Bevölkerung.[5] Seitdem begann erneut (und vor allem im Bildungssektor) eine Phase der Ukrainisierung, auch in mehrheitlich russischsprachigen Gebieten. So wurde etwa der Anteil ukrainischsprachiger Schulen bis 2009 auf über 80 % gesteigert[6] und Gesetze erlassen, die den Gebrauch des Russischen einschränkten. Die Sprachverhältnisse in der Ukraine verschieben sich seitdem zugunsten des Ukrainischen, wenn auch die russische Sprache bis heute in vielen Regionen der Ukraine die dominierende Sprache geblieben ist.

Im August 2012 trat unter der Regierung Wiktor Janukowytschs das neue Sprachgesetz „Zu den Grundlagen der staatlichen Sprachpolitik“ in Kraft, dieses Gesetz sieht u.a. vor, dass in Gebieten mit einem Anteil von wenigstens 10 Prozent Muttersprachlern einer anerkannten Minderheitensprache, diese Sprache zur Regionalsprache erhoben werden kann. Diese Bestimmung führt dazu, dass der russischen Sprache in 13 der 27 Verwaltungseinheiten des Landes ein offizieller Status zugestanden wird, daher wird das neue Gesetz auch vor allem als eine Aufwertung der russischen Sprache angesehen.[7][8] Die Debatte und die Abstimmung über das Sprachgesetz im Parlament im Mai 2012 war von Tumulten und Schlägereien begleitet.[9]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.archives.gov.ua/Sections/Revolution_2004/UKL/photos.php?UKL302
  2. Kleinrussische Sprache und Literatur. In: Meyers. 6. Auflage. Bd. 11, S. 122–124.
  3. Wasyl Iwanyschyn, Jaroslaw Radewytsch-Wynnyzyj, Mowa i Naziya, Drohobytsch, Vidrodzhennya, 1994, ISBN 5-7707-5898-8
  4. Karoline Pemwieser, Ukrainisch kontra Russisch, Die Sprachsituation in der Ukraine. Diplomarbeit, Grin-Verlag München 2011
  5. Gertjan Dijkink: The Territorial Factor: Political Geography in a Globalising World. Vossiuspers Amsterdam University Press, Amsterdam 2001, ISBN 90-5629-188-2, S. 359.
  6. Inna Sawhorodnja auf UkrainianWeek.com, 2. Februar 2012: How to Bring Up a Ukrainian-Speaking Child in a Russian-speaking or bilingual environment
  7. Der Sprachenstreit in der Ukraine Artikel von K. Savin und A. Stein für die Heinrich-Böll-Stiftung, 22. Juni 2012
  8. [1]Bundeszentrale für politische Bildung: Das am 10. August 2012 in Kraft getretene neue ukrainische Sprachengesetz »Über die Grundlagen der staatlichen Sprachenpolitik« löst das »Gesetz der Ukrainischen Sowjetrepublik ›Über die Sprachen‹« ab. Während das aus der Sowjetzeit stammende Sprachengesetz unter Wahrung der Rechte von Minderheiten und nicht-ukrainischer Nationalitäten in erster Linie den Status des Ukrainischen aufwertete und förderte, privilegiert das neue Sprachengesetz mit Verweis auf die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen in zahlreichen Gebieten der Ost- und Südukraine de facto v. a. die russische Sprache, ohne dass dies im Gesetz solchermaßen klar ausgesprochen wird. Das ist wohl auch den politischen Kräften und weiten Teilen der Bevölkerung – und damit der Wählerschaft – bewusst. In immer mehr Munizipalitäten wird unter Anwendung des neuen Sprachengesetzes in jüngster Zeit Russisch zur Regionalsprache erhoben. Deren Verwendung ist in allen öffentlichen Bereichen uneingeschränkt möglich. In sprachlicher Hinsicht bringt die Novelle eine gesetzliche Zementierung des Nebeneinanders des Russischen und des Ukrainischen; einer Entwicklung, die einerseits den faktischen Gegebenheiten entspricht und andererseits die sprachliche Segregation in der Ukraine fördert. Inwiefern das neue Sprachengesetz auch eine Eindämmung oder gar Zurückdrängung des Ukrainischen zeitigen wird, bleibt abzuwarten. Anzeichen hierfür lassen sich bisher nicht erkennen. Doch eines ist klar: Als integrations- und identifikationsstiftender Faktor im Nationsbildungsprozess hat die ukrainische Sprache in jedem Fall an Bedeutung verloren. Die von der Opposition eingerichtete »Fan-Zone der ukrainischen Sprache«, die in sprachlicher und örtlicher Anlehnung an die im Juni 2012 an gleichem Ort befindliche Fan-Zone für in- und ausländische Fußballfans anknüpft, befindet sich derzeit auf dem Prospekt der Freiheit in Lwiw. Sie ist allerdings nach Beobachtung der Autoren eher mäßig besucht und wird wohl spätestens nach den Parlamentswahlen Ende des kommenden Monats rasch wieder verschwinden. Damit ist auch die Hoffnung verbunden, dass sich die politischen Kräfte wieder dringenderen Problemen zuwenden werden.
  9. Ukrainische Politiker lassen die Fäuste sprechen Spiegel Online vom 25. Mai 2012