Ulf Merbold

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Ulf Merbold
Ulf Merbold
Land (Organisation): Deutschland (DLR/ESA)
Datum der Auswahl: 18. Mai 1978
Anzahl der Raumflüge: 3
Start erster Raumflug: 28. November 1983
Landung letzter Raumflug: 4. November 1994
Gesamtdauer: 49d 21h 36min
Ausgeschieden: August 1998
Raumflüge

Ulf Dietrich Merbold (* 20. Juni 1941 in Greiz, Thüringer Vogtland) ist ein deutscher Physiker und ehemaliger Astronaut. Er war 1983, fünf Jahre nach dem DDR-Kosmonauten Sigmund Jähn, der erste Bürger der Bundesrepublik Deutschland im All. Merbold war als einziger Deutscher dreimal im All.

Herkunft[Bearbeiten]

Geboren als Einzelkind eines Lehrerehepaares, wuchs Merbold in Wellsdorf auf, einer kleinen Ortschaft in Ostthüringen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sein Vater eingezogen und geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Kurz nach seiner Rückkehr wurde er 1945 von Soldaten der Roten Armee verhaftet und in das Speziallager Nr. 2 Buchenwald gebracht. Dort starb er drei Jahre später.

Ulf Merbold lebte ab 1945 in Kurtschau, einem dörflichen Vorort von Greiz, mit seiner Mutter in einem Haus in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinen Großeltern. Diese betreuten ihn, während seine Mutter in der Schule unterrichtete.

Schulbildung und wissenschaftliche Karriere[Bearbeiten]

Merbold wurde im September 1948 eingeschult, kam nach vier Jahren Grund- auf eine Zentralschule und wechselte 1956 auf die Theodor-Neubauer-Oberschule, das heutige Ulf-Merbold-Gymnasium Greiz. Dort legte er vier Jahre später sein Abitur ab. Weil er nicht Mitglied in der Jugendorganisation FDJ war, wurde es ihm in der Deutschen Demokratischen Republik verwehrt, Physik zu studieren. Er entschloss sich deshalb, die DDR zu verlassen und ein Studium in West-Berlin zu beginnen.[1][2][3][4]

Im November 1960 reiste Merbold nach Ost-Berlin und ging über die damals noch offene Grenze in den Westteil der Stadt. Ein Jahr musste er die dortige Falk-Schule besuchen[5], weil sein DDR-Abitur nicht anerkannt wurde. Danach konnte er sein Physikstudium, unterstützt durch ein monatliches Stipendium von 135 D-Mark, beginnen. Da ihm die Trennung von seiner Mutter nicht leichtgefallen und er in Berlin allein war, entschied er sich nach drei Semestern, nach Baden-Württemberg zu gehen. In Stuttgart, wo seine Tante wohnte, schrieb er sich 1962 an der dortigen Universität ein und erhielt sechs Jahre später sein Diplom. Mit Gelegenheitsarbeiten als Hilfsbibliothekar und Skilehrer stockte er sein Taschengeld auf und konnte so an seiner Dissertation („Strahlenschädigung von stickstoffdotiertem Eisen nach Neutronen-Bestrahlung bei 140 Grad Celsius mit Hilfe von Restwiderstandsmessungen“) schreiben. 1976 wurde er an der Universität Stuttgart zum Dr. rer. nat. promoviert.

Merbold trat 1973 in das Stuttgarter Max-Planck-Institut für Metallforschung ein. Zunächst als Stipendiat, war er nach seiner Promotion als Mitarbeiter angestellt. Dort war er hauptsächlich auf dem Gebiet der Festkörper- und Tieftemperaturphysik tätig.

Raumfahrertätigkeit[Bearbeiten]

Im April 1977 hatte die damalige Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt nach Experimentatoren für das Raumlabor Spacelab gesucht, woraufhin sich Merbold bewarb. Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) suchte Bewerber, um ihr erstes Europäisches Astronautenkorps aufzubauen. Den Aspiranten wurde in Aussicht gestellt, in dem von der ESA gebauten Raumlabor an Bord des amerikanischen Space Shuttle forschen zu können. Insgesamt reichten rund 2.000 Wissenschaftler ihre Unterlagen ein – davon 700 aus der Bundesrepublik –, wobei jedes der zwölf ESA-Mitgliedsländer lediglich einen Bewerber vorschlagen sollte. Von diesen zwölf Personen wurden im Dezember 1977 vier Kandidaten ausgewählt, von denen ein halbes Jahr später nur noch drei übrig blieben: neben Merbold der Schweizer Claude Nicollier und Wubbo Ockels aus den Niederlanden.

Alle drei ESA-Astronauten bereiteten sich gemeinsam auf die Teilnahme am ersten Flug des Spacelab vor, bis im Herbst 1982 die Wahl endgültig auf Merbold fiel. Unter dem Kürzel STS-9 wurde der Shuttle-Flug ein Jahr später unter dem Kommando von John Young durchgeführt, wobei Merbold der erste Nicht-US-Bürger auf einer Raumfähre war. 72 wissenschaftliche Experimente in acht Disziplinen standen auf dem Programm, von Biologie, über Plasmaphysik und Astronomie bis zu Materialwissenschaften. Die Mannschaft arbeitete im Zwei-Schicht-Betrieb, um eine besonders hohe Auslastung der Experimente zu erreichen.

Anschließend kümmerte sich Merbold als Reserve-Nutzlastexperte und Verbindungssprecher um die erste rein deutsche Spacelab-Mission D1, die im Herbst 1985 stattfand. Am ESA-Standort Noordwijk in den Niederlanden arbeitete er anschließend an der Planung des Raumlabors Columbus, dem europäischen Beitrag zur Internationalen Raumstation (ISS), bis er die Leitung des DLR-Astronautenbüros in Köln übernahm.

Ende 1988 wurde Merbold als einer der Kandidaten für eine weitere Spacelab-Mission aufgestellt: drei Jahre trainierte er für STS-42, das erste internationale Unternehmen für Schwerelosigkeitsforschung. Eine Woche forschte er im Januar 1992 als erster gesamtdeutscher Raumfahrer im All zusammen mit seiner kanadischen Kollegin Roberta Bondar an Bord der Raumfähre Discovery.

Nachdem Merbold die wissenschaftlichen Aspekte beim zweiten deutschen Spacelab-Flug D-2 koordinierte, trat er im August 1993 eine Ausbildung im Juri-Gagarin-Kosmonautentrainingszentrum in Moskau an. Gemeinsam mit dem Spanier Pedro Duque trainierte er für den europäisch-russischen Kooperationsflug „Euromir 94“. Duque wurde zum Ersatzmann für den Deutschen bestimmt, der Anfang Oktober 1994 mit den Kosmonauten Alexander Wiktorenko (Kommandant) und Jelena Kondakowa (Bordingenieurin) mit dem Raumschiff Sojus TM-20 zu seinem dritten Raumflug aufbrach. Einen Monat lang arbeitete Merbold als erster ESA-Astronaut auf der russischen Raumstation Mir und absolvierte den bis dahin längsten Aufenthalt eines Westeuropäers im All. Dabei führte er rund 30 Experimente durch. Die Rückkehr erfolgte mit dem Raumschiff Sojus TM-19. Die Landekapsel ist im Technik Museum Speyer ausgestellt.[6]

Im Januar 1995 übernahm Merbold, der einen Berufspilotenschein und mehr als 3000 Flugstunden Erfahrung besitzt, die Leitung der Astronautenabteilung des Europäischen Astronautenzentrums in Köln. Nach drei Jahren schickte ihn die ESA ins niederländische Noordwijk ans Europäische Weltraumforschungs- und Technologiezentrum, wo er im Direktorat für bemannte Raumfahrt arbeitete. Er war dort für die Nutzungsvorbereitung der ISS verantwortlich. Merbolds Aufgabe war es, Industrie und Forschungseinrichtungen in den ESA-Staaten mit den Möglichkeiten der Raumstation vertraut zu machen. 1996 erhielt er als Ehrung des Verbandes Deutscher Vermessungsingenieure das Goldene Lot verliehen.

Ulf Merbold, 2011

Seit 2004 ist Merbold als Raumfahrer pensioniert. Allerdings hat er einen Beratervertrag mit der ESA und hält Vorträge zum Themenkomplex „Wissenschaft im Weltraum“.

2012 sagte er in einem Interview mit dem Chefredakteur der Fliegerrevue, dass eine der wichtigsten Aufgaben der Menschheit im 21. Jahrhundert ein Bemannter Marsflug sein sollte.[7]

Persönliches[Bearbeiten]

Merbold ist seit 1969 verheiratet. In der Kapelle von Schloss Solitude bei Stuttgart ehelichte er seine Studentenliebe Birgit Riester. Mit ihr hat der hochdekorierte Raumfahrer – unter anderem ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse und des russischen Ordens der Freundschaft – eine Tochter und einen Sohn. Merbold lebt mit seiner Frau in Stuttgart.

Merbold ist im Besitz einer Amateurfunklizenz. Sein Rufzeichen lautet DB1KM. Während seines Mir-Aufenthalts 1994 nutzte er die Rufzeichen R0MIR und DP3MIR.

In seiner Freizeit verbringt Merbold viel Zeit beim Segelfliegen. Er besitzt ein eigenes Segelflugzeug.

Im Jahr 2008 hinterließ er seinen Händeabdruck auf der Mall of Fame in Bremen.

Seit dem 9. September 2010 trägt das Gymnasium in Greiz den Namen „Ulf-Merbold-Gymnasium“.[8]

Seit 2013 ist Merbold Mitglied im Komitee der Stauferfreunde.[9]

Besonderheiten und Rekorde[Bearbeiten]

  • erster Westdeutscher im All (STS-9) (vgl. Sigmund Jähn)
  • erster ausländischer Astronaut auf einer NASA-Mission (STS-9)
  • erster Sechs-Personen-Raumflug (STS-9)
  • erster Deutscher mit zwei Raumflügen (STS-42)
  • erster Deutscher mit drei Raumflügen (Euromir 94)

Schriften[Bearbeiten]

  • D1 – unser Weg ins All; Braunschweig; Westermann; 1985; ISBN 3-07-508886-2
  • Flug ins All. Von Spacelab 1 bis zur D1-Mission; Bergisch Gladbach; Lübbe Verlagsgruppe; 1986; ISBN 3-7857-0399-6

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ulf Merbold – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jochen Stahnke: Von oben sieht man keine Grenzen. FAZ, 28. November 2008, abgerufen am 18. Dezember 2013.
  2. Philipp Schwenke: Eine Antwort, fünf Fragen. Zeit Online, 19. Juni 2009, abgerufen am 18. Dezember 2013.
  3. Alexander Stirn: Der Mann, der ins All wollte. Süddeutsche.de, 17. Mai 2010, abgerufen am 18. Dezember 2013.
  4. Ulf Merbold. In: Who's Who. Abgerufen am 18. Dezember 2013.
  5. Karl-Heinz Böckstiegel: Manned space flight: legal aspects in the light of scientific and technical development : proceedings of an international colloquium, Cologne, May 20-22, 1992. C. Heymanns Verlag, 1993, S. 251
  6. Sojus-Kapsel in Speyer angekommen. morgenweb, 3. Mai 2010, abgerufen am 16. August 2010.
  7. FliegerRevue Interview mit Ulf Merbold auf der AERO 2012. youtube, 16. Mai 2012, abgerufen am 28. August 2012.
  8. Schulgeschichte. Ulf-Merbold-Gymnasium Greiz, abgerufen am 12. Juni 2013.
  9. Tragisch gescheitert. Interview mit Ulf Merbold. Abgerufen am 13. Dezember 2013.