Ulpian

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Ulpian († 223[1] in Rom), mit vollem Namen Domitius Ulpianus, war ein römischer Jurist und Prätorianerpräfekt.

Leben[Bearbeiten]

Über das Leben Ulpians informieren nur literarische und juristische Quellen, darunter Angaben in seinen eigenen Werken. Inschriftlich ist er nicht bezeugt. Es wird aber vermutet, dass er Cn. Domitius Annius Ulpianus hieß, wenn er der Eigentümer einer Villa nordwestlich von Rom war, dessen Bleirohre diesen Namen tragen. Er stammte aus Tyros in Syrien.[2] Über seine Anfänge wird spekuliert, dass er in Rom als Assessor des Stadtprätors arbeitete.[3] Karriere machte er in Rom, wo er zusammen mit dem etwas älteren Paulus Assessor im consilium des namhaften Juristen Papinian war, also frühestens ab 203/205. Papinian, der wohl Ulpians Lehrer war, genoss das Vertrauen des Kaisers Septimius Severus, der Papinian zum Prätorianerpräfekten ernannte. Ulpian war im Troß des Kaisers beim Feldzug nach Britannien im Frühjahr 208.

Möglicherweise leitete Ulpian schon unter Septimius Severus oder unter dessen Nachfolger Caracalla, der von 211 bis 217 regierte, die für Bittschriften zuständige Kanzlei a libellis,[4] wenn man mit Honoré davon ausgeht, dass er nach dem Sturz des Libellsekretärs Aelius Coeranus Anfang 205 er die Stellung bis Mai 209 selbst ausübte, nachdem er seit April 203 dort als Gehilfe gearbeitet haben soll. Nach einer abweichenden Forschungshypothese zufolge erhielt er dieses Amt erst 221 unter Kaiser Elagabal.[5]

Er war 211 rechtzeitig Parteigänger des Caracalla und überstand die Palastrevolution Ende 211 im Gegensatz zu Papinian unbeschadet. Es wird mit Honoré vermutet, dass die constitutio Antoniniana 212 seine Idee war.

Angeblich wurde Ulpian von Elagabal aus Rom verbannt.[6] Nach dem Sturz dieses Herrschers, der von meuternden Soldaten am 11. März 222 ermordet wurde, erlebte der Jurist einen rasanten Aufstieg. Elagabals Nachfolger Severus Alexander war bei seiner Erhebung zum Kaiser erst dreizehn Jahre alt; seine Mutter Julia Mamaea und seine Großmutter Julia Maesa führten für ihn die Regierung. Ulpian gehörte zu den Vertrauensleuten des neuen Regimes. Am 31. März 222 ist er als praefectus annonae bezeugt. Als Inhaber dieses Amtes war er für die Lebensmittelversorgung zuständig. Offenbar spielte er eine wesentliche Rolle als Berater der Kaiserfamilie. Noch im selben Jahr übertrugen ihm die regierenden Frauen das Oberkommando über die Prätorianer. Es gelang aber nicht, die Truppe zu disziplinieren. Aus geringfügigem Anlass entwickelten sich dreitägige Straßenkämpfe zwischen den Prätorianern und der Stadtbevölkerung, die zu chaotischen Verhältnissen in der Stadt führten. Erst als die bedrängten Prätorianer Häuser in Brand setzten und eine allgemeine Feuersbrunst drohte, gaben ihre Gegner nach.[7] Ulpian konnte einen Machtkampf mit seinen Untergebenen, den Prätorianerpräfekten Julius Flavianus und Geminius Chrestus, für sich entscheiden; die beiden Präfekten wurden hingerichtet.[8] Als aber im folgenden Jahr die Prätorianer meuterten, musste Ulpian in den Kaiserpalast flüchten. Dort konnte ihn Mamaea nicht schützen; in ihrer und Alexanders Anwesenheit wurde er von den Prätorianern ermordet. Der Hauptverantwortliche für den Mord, Epagathus, konnte wegen der Gefahr neuer Unruhen nicht in Rom bestraft werden. Er musste unter dem Vorwand der Ernennung zum Statthalter von Ägypten aus der Hauptstadt entfernt werden. Von Ägypten wurde er nach Kreta gebracht, wo er hingerichtet wurde.[9]

Werk[Bearbeiten]

Ulpians enzyklopädisches Werk beinhaltet: Ad Sabinum, ein Kommentar zum ius civile in 51 Büchern; Ad edictum, ein Kommentar zum prätorischen Edikt in 83 Büchern; Sammlungen von Meinungen, Erwiderungen und Disputationen; Bücher über Richtlinien und Institutionen; Abhandlungen über die Funktionen der verschiedenen Magistrate – eine davon, De officio proconsulis libri decem, enthält eine umfassende Exposition des Strafrechts; Monographien über verschiedene Statuten, Nachlassstiftungen sowie viele weitere Werke. Seinen Schriften insgesamt verdanken Justinians Digesten etwa ein Drittel ihres Inhalts, seinem Ediktskommentar alleine ein Fünftel. Als Autor wird er durch hochwertige Lehre, Kritikfähigkeit, Klarheit in Aufbau, Stil und Sprache charakterisiert.

Von Ulpian stammt die bis heute in juristischen Fachkreisen bekannte (wenn auch nicht mehr vorherrschend vertretene) "Interessentheorie" zur Abgrenzung des öffentlichen vom privaten Recht. Sie besagt, dass es sich um öffentliches Recht handelt, wenn staatliche Interessen ("res publica") betroffen sind, hingegen um Privatrecht, wenn es um Individualinteressen geht.

Seine Schriften erlangten so große Autorität, dass die Kaiser Theodosius II. und Valentinian III. ihn in ihrem Zitiergesetz aus dem Jahr 426 zusammen mit Gaius, seinem Lehrer Papinian, Modestinus und Iulius Paulus als einen der fünf Juristen bestimmten, deren Meinung bei juristischen Entscheidungen maßgeblich sein sollte.

Die Domitii Ulpiani fragmenta, aus 29 Titeln bestehend, wurden erstmals von Tilius (Paris 1549) herausgegeben. Andere Ausgaben stammen von Hugo (Berlin 1834), Eduard Böcking (Bonn 1836), die auch Fragmente des ersten Buchs der Institutiones enthält, die 1835 von Endlicher in Wien entdeckt wurden. Auch in Girards Textes de droit romain (Paris 1890) sind sie enthalten.

Textausgaben[Bearbeiten]

  • Eduard Böcking (Hrsg.): Liber singularis regularum codicis Vaticani exemplum. Hirzel, Leipzig 1855
  • Rudolf von Gneist: Institutionum et regularum juris Romani syntagma exhibens [...] Ulpiani librum singularem regularum [...]. Leipzig 1880
  • Fritz Schulz (Hrsg.): Die Epitome Ulpiani des Codex Vaticanus Reginae 1128. Marcus & Weber, Bonn 1926

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Nach anderen Quellen † 228
  2. Ulp. Dig. 50.15.1.pr.
  3. Ulp. Dig. 4.2.9.3
  4. Historia Augusta, Vita Pescennii Nigri 7,4.
  5. Robert Lee Cleve: Severus Alexander and the Severan Women, Los Angeles 1982, S. 212–216.
  6. Historia Augusta, Vita Heliogabali 16,4.
  7. Cassius Dio 80,2,3. Vgl. Julia Sünskes Thompson: Aufstände und Protestaktionen im Imperium Romanum, Bonn 1990, S. 41, 81, 128f.
  8. Nach der in der Forschung vorherrschenden Auffassung waren die beiden Präfekten Ulpian unterstellt. Zu einer abweichenden Hypothese, der zufolge Ulpian alleiniger Prätorianerpräfekt war, siehe Lukas de Blois: Ulpian’s Death. In: Pol Defosse (Hrsg.): Hommages à Carl Deroux, Bd. 3, Bruxelles 2003, S. 135–145, hier: 135–139.
  9. Cassius Dio 80,2,4. Vgl. Julia Sünskes Thompson: Aufstände und Protestaktionen im Imperium Romanum, Bonn 1990, S. 41, 81–83. Zur Datierung der Vorgänge siehe Cécile Bertrand-Dagenbach: Alexandre Sévère et l’Histoire Auguste, Bruxelles 1990, S. 16 Anm. 6.