Ulrich Seidl

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Ulrich Seidl beim Odessa International Film Festival (2013)

Ulrich Seidl (* 24. November 1952 in Wien) ist ein österreichischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent.

Leben[Bearbeiten]

Seidl – aufgewachsen im niederösterreichischen Horn in einer streng religiösen Ärztefamilie – sollte Priester werden.[1] Für Dokumentarfilme wie Good News, Tierische Liebe, Models oder Jesus, du weißt erhielt er zahlreiche internationale Auszeichnungen.

Models stellt den Alltag zweitklassiger österreichischer Models dar, die zwischen Club, Wohnung und Katalog-Shooting versuchen, ein Leben voller Glamour zu führen und mit betonter Oberflächlichkeit und Kokainkonsum auf sexistische Fotografen und enttäuschende Beziehungen reagieren. In Slowenien wurde der drastische Film beschlagnahmt.

Tierische Liebe porträtiert Tierfreunde, die mit ihren Haustieren seltsam intime emotionale Beziehungen pflegen.

2001 veröffentlichte er mit Hundstage seinen ersten Spielfilm, in dem auch Profidarsteller zum Einsatz kommen. Er wurde in Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet und erzielte international rund 250.000 Kinobesuche.[2]

2003 gründete er die Ulrich Seidl Filmproduktion GmbH und tritt seitdem auch als Produzent seiner Filme auf. Mit Import Export war er 2007 im Wettbewerb der 60. Filmfestspiele von Cannes vertreten.

2012 stellte Seidl mit Paradies: Liebe den ersten Teil seiner Paradies-Trilogie fertig, die von drei Frauen einer Familie erzählen soll, die getrennt voneinander ihre Urlaube verbringen. Die weiteren Teile handeln von einer missionierenden Katholikin (Paradies: Glaube) und einer Jugendlichen in einem Diät-Camp (Paradies: Hoffnung). In Paradies: Liebe ist Margarethe Tiesel als Sextouristin zu sehen, die von Österreich nach Kenia reist, um dort von jungen schwarzen Männern Liebe zu erfahren. Für diesen Film erhielt Seidl 2012 seine zweite Einladung in den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes.[3] Bei der Verleihung des Österreichischen Filmpreises wurde er als beste Filmproduktion sowie in den Kategorien Regie und Darstellerin (Margarethe Tiesel) ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde Seidl für den zweiten Teil seiner Trilogie, Paradies: Glaube, in den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig eingeladen. Der Film handelt von einer alleinstehenden Frau Maria Hofstätter, die in ihrem Urlaub mit einer „Wandermuttergottes-Statue“ von Haus zu Haus geht, um Österreich katholischer zu machen. Zu Hause entwickelt sich ein Kleinkrieg um Ehe und Religion, als ihr auf einen Rollstuhl angewiesener Ehemann, ein ägyptischer Moslem, nach Jahren der Abwesenheit wieder zu ihr zurückkehrt.[4] Der letzte Trilogie-Teil Paradies: Hoffnung erhielt eine Einladung in den Wettbewerb der 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Ulrich Seidl ist mit der Journalistin Veronika Franz (* 1965) verheiratet. Veronika Franz war bisher bei allen Seidl-Filmen seit Bilder einer Ausstellung als Co-Autorin, Regieassistentin und Casterin beteiligt. Das Paar lebt in Wien und hat zwei Kinder.[5]

Stil[Bearbeiten]

Logo von Seidls Produktionsfirma

Sein filmischer Stil erinnert oft an TV-Doku-Dramen. Dabei soll ein inszeniertes (Laien-)Schauspiel wie die dokumentierte Realität wirken. Doch ist Seidl in seinen oft langen und distanzierten Einstellungen weit poetischer und zurückhaltender.[6] Sein Zugang zum Film ist der Dokumentarfilm bzw. das Dokumentarische im Film.

Vielen gilt er als Extremfilmer, weil er mit radikaler Aufgeschlossenheit Einsame, Hässliche, Außenseiter und Deformierte porträtiert.[1]

Seidl arbeitet mit formal zum Teil verstörenden Mitteln – lange, starre Einstellungen, harte Schnitte, Distanz.

Filmografie[Bearbeiten]

Ulrich Seidl bei der Premiere seines Films Import Export in Linz (2007)

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ulrich Seidl – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Martina Knoben: Verstörung ist auch eine Form der Berührung - Eine Expedition in die Welt des Ulrich Seidl. In: Süddeutsche Zeitung, 28. Juni 2010
  2. lumiere.obs.coe.int Lumiere – Datenbank über Filmbesucherzahlen in Europa; abgerufen 8. November 2007
  3. PARADIES: LIEBE Im Wettbewerb der 65. Filmfestspiele von Cannes bei ulrichseidl.com; abgerufen 25. April 2012.
  4. PARADIES: Glaube im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig bei ulrichseidl.com (abgerufen am 29. Juli 2012).
  5. Presseheft zum Film Kern von Veronika Franz (PDF; 4,7 MB)
  6. Weniger freundlich beschreibt Rüdiger Suchsland den Stil: Rassismus für die Gebildeten unter seinen Verächtern. Telepolis, 3. Januar 2013, Rezension
  7. Jürgen Haberleithner: Film als soziale Dimension: Luis García Berlanga und Ulrich Seidl als Exponenten sozialer Filmkultur. (PDF; 549 kB) Wien, September 2003; abgerufen 28. Jänner 2012
  8. Gala: Ulrich Seidl mit Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. In: Der Standard, 8. September 2012; abgerufen 22. Dezember 2012
  9. ORF-Online: Ehrenzeichen an Regisseur Ulrich Seidl; abgerufen am 14. Nov. 2013