Umbanda

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Die Umbanda ist eine synkretistische oder esoterische Religion aus Brasilien, in deren Zentrum das Verkörperungsgeschehen von Geistwesen sozialer Randgruppen sowie das Gespräch mit ihnen stehen. Die Sprache ist das Verbindungsglied zwischen den materiellen und den immateriellen Welten. Geschulte Medien treten in Trance, um sie in ihren Körpern manifestieren zu lassen.[1]

Umbanda grenzt sich sowohl vom Spiritismus nach Allan Kardec (Kardezismus), als auch vom Candomblé ab und integriert in ihrem Glaubenssystem sowohl christlich-katholische, kabbalistische als auch hinduistische bzw. buddhistische Werte.[2]

Sogenannte (weibliche) Caboclas und (männliche) Caboclos, spirituelle Wesen indigener Ureinwohner Brasiliens, und Pretas Velhas und Pretos Velhos, spirituelle Wesen afrikanischer Sklaven aus Brasiliens Kolonialzeit, bilden die zentralen Figuren des umbandistischen Pantheons. Außerdem gibt es die Geistergruppe der Baianos, einer ethnischen Gruppe aus dem Nordosten Brasiliens, Geister von Kindern (crianças), Geistwesen von Matrosen (marinheiros) und Viehhirten (boiadeiros) und die Gruppe von Pombagiras und Exus, dem Teufel assoziierten Geistwesen. Die umbandistischen Geister sind Vorstellungen bzw. symbolische „Bilder“ von Stereotypen der brasilianischen Gesellschaft über „die Indianer“, „die Bahianer“ oder die „schwarzen Sklaven der Kolonialzeit“.

Diese Personifizierungen von Geistwesen in der Umbanda vollzieht sich durch eine symbolische Umwertung, wie die brasilianische Kulturanthopologin Patrícia Birman betont, bei der die sozial stigmatisierten Bevölkerungsgruppen eine besonders wertgeschätzte Stellung in der religiösen Hierarchie einnehmen.

„As entidades mais valorizadas na umbanda são pensadas pelos próprios umbandistas como seres inferiores e subalternos ao homem branco. Só podemos supor, então, que a subalternidade tem um valor positivo para a religião. E è exatamente isso que acontece. Podemos dizer que o poder religioso da umbanda decorre disso, de uma inversão simbólica em que os estruturalmente inferiores na sociedade são detentores de um poder mágico particular, advindo da própria condição que possuem.“

„Die am meist geschätzten [spirituellen] Wesen in der Umbanda werden von den Gläubigen als minderwertig und dem weißen Mann untergeordnet angesehen. Wir können also nur annehmen, dass die Unterordnung einen positiven Wert für die Religion hat. Und dies ist exakt, was passiert. Wir können behaupten, dass die religiöse Macht der Umbanda sich aus der symbolischen Umkehrung speist, durch die die strukturell Untergebenen der Gesellschaft die Inhaber einer bestimmten magischen Macht sind, die sich aus dem eigenen Stand ergibt.“

Patrícia Birman (1985:46)

Die espíritos (Geister), entidades espirituais (Geistwesen) bzw. guias (Leiter), die gleichmäßig aus weiblichen und männliche Wesen bestehen, haben eine irdische Herkunft und kehren aus dem Anliegen der caridade, der Nächstenliebe (bzw. Caritas), nach ihrem physischen Tod als Geistwesen zur Erde zurück. Sie sind in Abstammungslinien (linhas) unterteilt, die wiederum in Gruppen (legiões/falanges) unterschieden werden und von einem Orixá (einer afrikanischen Gottheit) geleitet und beschützt werden, der mit einer/m katholischen Heiligen korrespondiert. Die Geistergruppen werden in wertende Kategorien aufgeteilt. Die sogenannten „Geister des Lichtes“ (espíritos de luz) befinden sich auf der rechten Seite und umfassen die Caboclos und die Pretos Velhos. Sie werden dem häuslichen und familiären Bereich zugeordnet. Die „Geister der Finsternis“ (espíritos das trevas) der linken Seite hingegen werden durch die Pombagiras und Exus gebildet und der marginalisierten, der Straße zugehörigen Welt zugerechnet.

Die Umbanda ist am Anfang des 20. Jahrhunderts in den städtischen Zentren im Südosten des Landes entstanden und hat sich in den Jahrzehnten darauf im ganzen Land ausgebreitet bzw. mit den dortigen afro-indigenen religiösen Traditionen ergänzt. In Abgrenzung zum Kardezismus, aus dem sie hervorging, definiert die Umbanda sich nicht über Dogmen oder Schriften, die Universalcharakter für ihre Gläubigen hätten.[3]

Begründet wurde die Umbanda durch die autonomen tendas bzw. terreiros[4] (Kulthäuser), in deren Zentrum sich eine das Kultgeschehen leitende charismatische Persönlichkeit (mãe- oder pai-de-santo) befindet. Ihre Struktur ist auf eine sehr bewusste Art und Weise nicht zentralistisch, sondern geradezu föderativ bzw. demokratisch vielfältig. Sogar die kardezistisch orientierte Gruppierung innerhalb der Umbanda Ordem Iniciática do Cruzeiro Divino in der Tradition von Matte e Silva betont, dass die Umbanda kein religiöses Oberhaupt (wie z. B. den Papst) hat, sondern die Geistwesen als direkte Vermittler zum Sakralen sind.[5]

Unmittelbaren Einfluss haben auch die später entstandenen Dachverbänden (federações), die im Austausch mit den einzelnen tendas stehen.

Eine der etymologischen Bedeutungen des Wortes Umbanda findet sich in den angolanischen Sprachen Kimbundu und Umbundu wieder und bezeichnet die traditionelle Medizin dieser Region. In der brasilianischen Form konzentriert sich dieser heilende Aspekt auf die psychotherapeutische Betreuung. Gesundungsprozesse und Problemlösungen emotionaler und sozialer Art wie Partnersuche und Arbeitslosigkeit sind immer wieder zentrale Aufgabengebiete dieser magischen Form von Religion. Hugo Saraiva nennt die Umbanda daher eine spirituelle Notaufnahme.[6]

Den afroamerikanischen Synkretismus bezeichnet Hubert Fichte in seiner Ethnopoesie als "Kultur der Unterdrückten", die im Bewusstsein der akademisch Gebildeten vernachlässigt bzw. übersehen werde. Er versteht ihn als eine neue Menschlichkeit, die durch ihre Theatralik die Burgeoise überwinde, eine

„psychodramatische, ästhetische Gegenbewegung innerhalb der Elendsviertel eines Kontinents, als eine Gegenbewegung, die der Pop Art, dem Surrealismus, dem Straßentheater, der Psychoanalyse verwandt ist und diese alle existenziell und formal übertrifft.“

Hubert Fichte[7]

In ihrer ästhetischen Symbolsprache integriert die Umbanda heterogenste Glaubensvorstellungen, wie z.B. aus dem Volkskatholizismus, der jüdischen Kabbala, der universalen Esoterik etc.[8]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Über religiöse Trance vgl. Scharf da Silva 2004:136-145.
  2. Scharf da Silva 2004:32f.
  3. Scharf da Silva 2004:62-70.
  4. Vgl. zum Begriff des "terreiros" Scharf da Silva 2004:86.
  5. Scharf da Silva 2004:58
  6. Scharf da Silva 2004:57
  7. Fichte, Hubert 1981: Xango.Die afroamerikanischen Religionen Bahia, Haiti, Trinidad. Frankfurt / Main: Fischer.
  8. Scharf da Silva 2004:56

Literatur[Bearbeiten]

  • Lindolfo Weingärtner: Umbanda. Synkretistische Kulte in Brasilien - eine Herausforderung für die christliche Kirche. (= Erlanger Taschenbücher, Band 8). Erlangen-Nürnberg: Verlag der Evangelisch-Lutherischen Mission Erlangen 1969.
  • Ulrich Fischer: Umbanda - eine Neu-Religion in Brasilien. In: Evangelische Mission. Jahrbuch 1973. Verlag der Deutschen Evangelischen Missionshilfe, Hamburg 1973.
  • Fischer Ulrich, Zur Liturgie des Umbandakultes, 1970
  • Renato Ortiz: A morte branca do feitiçeiro negro. Umbanda e sociedade brasileira. Brasiliense. São Paulo 1978.
  • Patría Birman: O que é Umbanda. Editora Brasiliense e Abril Cultural, Coleção primeiros passos 34. São Paulo 1983.
  • Lísias Nogueira Negrão: Entre a cruz e a encruzilhada. Formação do campo umbandista em São Paulo. Editora da Universidade de São Paulo. São Paulo 1996.
  • Maik Sadzio: Zwischen Magie und Sinn - Umbanda: Ethnopsychoanalyse eines Hauses-der-Religionen in Porto Alegre-RS/Brasilien. In: Brasilien-Dialog, 3/4/97, Heilung und Gesundheit, Institut für Brasilienkunde, Mettingen, 1997, S. 3-44.
  • Tina Gudrun Jensen: "Umbanda and its clientele". In: New Trends and Developments in African Religions (1998), S. 75-86
  • Rainer Flasche: Art. Umbanda. In: Theologische Realenzyklopädie 34 (2002), S. 263-265
  • Inga Scharf da Silva: Umbanda. Eine Religion zwischen Candomblé und Kardezismus. Über Synkretismus im städtischen Alltag Brasiliens. Spektrum 83. Lit Verlag, Münster 2004 ISBN 3-8258-6270-4
  • Sybille Pröschild: Das Heilige in der Umbanda. Geschichte, Merkmale und Anziehungskraft einer afro-brasilianischen Religion. Kontexte. Neue Beiträge zur historischen und systematischen Theologie, Band 39. Edition Ruprecht, Göttingen 2009. ISBN 978-3-7675-7126-6
  • Maik Sadzio: Gespräche mit den Orixás: Ethnopsychoanalyse in einem Umbanda Terreiro in Porto Alegre/Brasilien, Transkulturelle Edition München 2011. ISBN 978-3-8423-5509-5
  • Figge, Horst, Geisterkult, Besessenheit und Magie in der Umbanda-Religion Brasiliens, München 1973
  • Figge, Horst, Beiträge zur Kulturgeschichte Brasiliens. Unter besonderer Berücksichtigung der Umbanda-Religion und der westafrikanischen Ewe-Sprache, Berlin 1980

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Umbanda – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien