Umgekehrte Diskriminierung

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Umgekehrte Diskriminierung (engl. Reverse Discrimination) bezeichnet die Diskriminierung von Mitgliedern einer als bevorteilt erachteten zugunsten einer als benachteiligt erachteten Gruppe.

Verwendung[Bearbeiten]

Australien[Bearbeiten]

Die Bordbestimmungen einiger australischer Fluggesellschaften wie Qantas Airways, Jetstar Airways und Virgin Australia verbieten es männlichen Fluggästen, einen Sitzplatz neben alleine reisenden Kindern einzunehmen.[1] Diese Regelung wurde im August 2012 wegen des implizierten Generalverdachts der Pädophilie als umgekehrte Diskriminierung von Männern kritisiert.[2] Qantas Airways zufolge ist diese Bordpolitik bei Fluglinien auf der ganzen Welt verbreitet.[3] Virgin Australia hat als Reaktion auf die öffentliche Kritik angekündigt, seine Sitzbestimmungen für Kinder ohne erwachsene Begleitung zu überdenken.[4] In Großbritannien änderte die British Airways 2010 ihre langjährige Sitzpolitik, nachdem ein betroffener Mann wegen Verstoßes gegen die Gleichbehandlung der Geschlechter erfolgreich geklagt hatte.[5]

Europäische Union[Bearbeiten]

2007 berichtete The Times über die Kritik eines ehemaligen Vizepräsidenten des britischen „Royal College of Surgeons“ an der Quotenpolitik des National Health Service:[6]

„It is time that someone spoke up concerning the reverse discrimination with respect to merit awards [...] In the politically correct environment in which we live, there is now definitely reverse discrimination.”
(deutsch: „Es wird Zeit, dass jemand die umgekehrte Diskriminierung bei der Vergabe von Preisen zur Sprache bringt [...] In der politisch korrekten Umgebung, in der wir leben, findet heute definitiv eine umgekehrte Diskriminierung statt.”)

Vereinigte Staaten[Bearbeiten]

In den USA wird der Ausdruck „Reverse Discrimination“ unter anderem bei Diskussionen um Minderheitenquoten für staatliche Bildungseinrichtungen verwendet. Quoten für die gleichmäßige Verteilung von Schülern verschiedener ethnischer Zugehörigkeit auf die Schulen eines Bezirks gelten mittlerweile als verfassungswidrig.[7] Manche Städte verwenden nach wie vor ethnische Quoten für die Vergabe öffentlicher Aufträge. So legte die Stadt Chicago fest, dass die Mittel für Bauaufträge zu einem Viertel an Betriebe vergeben werden müssen, deren Eigentümer Angehörige von Minderheiten sind.[8] 2009 klagten Feuerwehrleute erfolgreich gegen die Stadt New Haven (Connecticut), die Ergebnisse eines Beförderungstests verworfen hatte, nachdem sechzehn weiße und drei hispanische, aber kein afroamerikanischer Bewerber den Test bestanden hatten.[9][10]

Indien[Bearbeiten]

In Indien findet der Begriff bei Protesten gegen Quotenregelungen für politische Gremien und die Vergabe von Arbeits- und Ausbildungsplätzen vielfach Verwendung.[11][12]

Kritik am Begriff[Bearbeiten]

Kritisiert wird an diesem Begriff, dass er für eine moderne Spielart des Rassismus benutzt werde. In einer empirischen US-amerikanischen Untersuchung hoben Bonilla-Silva und Forman hervor, dass weiße Studierende institutionellen Rassismus selten wahrnähmen und daher positive Diskriminierung (Affirmative Action) zu Unrecht als unfair und als umgekehrte Diskriminierung ansähen:[13]

“Color-blind racism allows Whites to appear ‘not racist (“I believe in equality”), preserve their privileged status (“Discrimination ended in the sixties!”), blame Blacks for their lower status (“If you guys just work hard!”), and criticize any institutional approach – such as affirmative action – that attempts to ameliorate racial inequality (“Reverse discrimination!”)”

„Farbenblinder Rassismus erlaubt es Weißen, nichtrassistisch zu erscheinen („Ich glaube an die Gleichheit“), ihren privilegierten Status zu erhalten („Diskriminierung endete in den Sechzigern!“), Schwarzen die Schuld für ihren niedrigeren Status zu geben („Wenn ihr nur hart genug arbeitet!“) und jeden institutionellen Ansatz - wie affirmative Maßnahmen - zu kritisieren, der Ungleichheit zwischen ethnischen Gruppen verringern soll („Umgekehrte Diskriminierung!“).“

Bonilla-Silva und Forman, 2000[13]

Darüber hinaus handele es sich bei Diskriminierungsformen wie Rassismus nicht einfach um Einstellungen, sondern sie bedürften gesellschaftlicher Macht, um systematische Diskriminierungspraktiken über soziale Institutionen umzusetzen.[14] Der Begriff Reverse Racism (dt. „umgekehrter Rassismus“) würde implizieren, dass Minderheiten weiße Amerikaner durch rassistische Handlungen, Einstellungen, und institutionelle Strukturen genauso unterordnen können wie Schwarze traditionell von Weißen unterdrückt wurden.[14] Da Schwarzen als Gruppe die institutionelle Macht fehle, um Weiße systematisch zu diskriminieren, sei der Begriff irreführend.[14][15]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Spiegel: Australische Airlines: Männer dürfen nicht neben Kindern sitzen, abgerufen am 15. August 2012
  2. The Age: Nurse 'humiliated' by Qantas policy, 13. August 2012, abgerufen am 15. August 2012
  3. The Age: Seat swap outcry moves Virgin to think again, 10. August 2012, abgerufen am 15. August 2012
  4. The Age: Virgin policy change after male passenger was moved away from children, .August 2012, abgerufen am 15. August 2012
  5. BBC News: BA changes child seating policy following court case, 23. August 2010, abgerufen am 15. August 2012
  6. Sarah-Kate Templeton: Doctor's Revolt at Anti-White Bias', in: The Times, 18. November 2007 (nicht mehr abrufbar)
  7. Urteil zum Fall Parents involved in Community Schools vs. Seattle School District No. 1
  8. Chicago Municipal Code, Ch. 2-92, Ch. 2-92-430, Ch. 2-91-445.
  9. Urteil zum Fall Ricci v. DeStefano
  10. High court backs firefighters in reverse discrimination suit, bei: CNN, 29.Juni 2009
  11. Devanesan Nesiah: „Discrimination With Reason? The Policy of Reservations in the United States, India and Malaysia”, Oxford University Press, 1997 (Seitenangabe fehlt)
  12. Excess reservation will cause reverse discrimination, cautions Supreme Court, in: The Hindu, 24. Oktober 2006
  13. a b Eduardo Bonilla-Silva und Tyrone A. Forman: “I Am Not a Racist But...”: Mapping White College Students' Racial Ideology in the USA (PDF; 178 kB). In: Discourse & Society 11, Nr. 1. 2000, S. 50–85, doi:10.1177/0957926500011001003.
  14. a b c Jeffrey Scott Mio: Reverse Racism. In: Key words in multicultural interventions. A dictionary. Greenwood Publishing Group, Westport 1999, ISBN 978-0-313-29547-8, S. 223 f.
  15. Kopano Ratele und Norman Duncan (Hrsg.): Social Psychology: Identities and Relationships. University of Cape Town Press, Lansdowne 2003, ISBN 978-1-919713-83-0, S. 52.

Literatur[Bearbeiten]