Umweltgerechtigkeit

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Umweltgerechtigkeit ist die übliche deutsche Übersetzung des Begriffs „environmental justice“, der in den Vereinigten Staaten seit Anfang der 1980er-Jahre ein Problem im Schnittfeld von Umwelt-, Sozial- und Gesundheitspolitik benennt. Es geht dabei vor allem um die unterschiedliche Umweltbelastung verschiedener sozialer bzw. ethnischer Gruppen und der Orte/Regionen, an/in denen sie wohnen. Fragen in diesem Zusammenhang lauten beispielsweise: Haben Arme und Sozialbenachteiligte mehr Umweltbelastungen? Warum? Mit welchen ökonomischen, politischen, sozialen, psychischen und gesundheitlichen Folgen? Was lässt sich dagegen unternehmen?

Problemhintergrund[Bearbeiten]

In der BRD wird seit Anfang der 2000er Jahre Gerechtigkeit wieder stärker problematisiert. Sie wird dabei meist - positiv oder negativ - auf Gleichheit bezogen. Damit müsste Ungleichheit für Gerechtigkeit relevant sein, was für soziale Ungleichheit breit akzeptiert wird, aber nicht für gesundheitliche oder umweltbezogene Ungleichheit. Aus deutscher Sicht ist es daher ungewöhnlich, dass in den USA Gerechtigkeit auch auf Umwelt bezogen wird.

Umweltgerechtigkeit wird in den USA seit den 1980er Jahren diskutiert und bezeichnet dort die Gleichbehandlung und Einbeziehung aller Einwohner eines bestimmten Gebiets in die Entscheidungsfindung eines umweltbeeinträchtigenden Projekts (z. B. Müllverbrennungsanlage, Raffinerie, etc.) unabhängig von ihrer Rasse, ihrer Ethnie, ihrem Einkommen oder ihrem Ausbildungsniveau. Themen sind vor allem die soziale und räumliche (sozialräumliche) Verteilung von Umweltlasten und Umweltgütern (Aspekt der Verteilungsgerechtigkeit) und das Zustandekommen von Entscheidungen, die bestimmten Orten und sozialen Gruppen ein Mehr an Umweltbelastungen zumuten (Aspekt der Verfahrensgerechtigkeit). EJ-Programme fördern den Schutz von menschlicher Gesundheit und Umwelt durch Hilfe zur Teilnahme an öffentlichen Aushandlungsprozessen. Sie tun dies insbesondere durch die Verbreitung von umweltrelevanten Informationen und gezielte Ausbildung betroffener Gemeinden und Wohnquartiere.

Beispiele[Bearbeiten]

Umweltbelastungen sind erfahrungsgemäss sozialräumlich ungleich verteilt:

  • Häufung von Fabriken, Kraftwerken, Tanklagern, Raffinerien in Gewerbegebieten, umgeben von Sozialwohnungen und Laubenkolonien
  • Bau neuer Autobahnen, Schnellstraßen, Bahnstrecken, Hochspannungstrassen quer durch Unterschicht-, nicht aber Oberschichtbezirke
  • Führung der An- und Abflugschneisen von Flughäfen so, dass Prominenten-Viertel möglichst nicht berührt werden
  • auf Altlasten eventuell Errichtung von Sozialsiedlungen, aber nicht von Golfplätzen
  • Platzierung von Risikoanlagen, wie Sondermülldeponien, atomaren Zwischen- und Endlagern in strukturschwachen Gebieten, wo mangels Arbeitsplätzen mit höherer Akzeptanz in der Bevölkerung gerechnet wird.

Synonyme[Bearbeiten]

In den USA werden neben dem meist verwendeten Begriff „environmental justice“ weitere Begriffe mit ähnlicher Bedeutung verwendet: „environmental inequity“ (politisch abschwächend), „environmental discrimination“ und „environmental racism“ (politisch verstärkend). Inhaltlich bestehen Beziehungen zu „environmentalism of the poor“ (Martinez-Alier 2005) und „popular environmentalism“ (Carruthers 2008). Der englische Begriff „ecological justice“ bzw. „eco-justice“ entstammt einer anderen Theorietradition („deep ecology“) und meint etwas sehr anderes.

Die übliche deutsche Übersetzung von „environmental justice“ ist „Umweltgerechtigkeit“; daneben wird auch „umweltbezogene Gerechtigkeit“ verwendet. „Ökologische Gerechtigkeit“ (als Übersetzung von „ecological justice“) hat einen weiten und heterogenen Bedeutungsumfang und darf nicht mit „Umweltgerechtigkeit“ verwechselt werden.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Umweltgerechtigkeits-Bewegung der USA hat zwei Wurzeln: einerseits die „schwarze“ Bürgerrechtsbewegung, die einen (oft verdeckten) Rassismus auch in vielen umweltrelevanten Entscheidungen und Praktiken entdeckte; andererseits die „weiße“ Anti-Giftmüll-Bewegung (Szasz 1994), die sich dagegen wehrte, dass die giftige Hinterlassenschaft der boomenden US-Chemieindustrie mehr oder weniger legal in Wasser, Boden, Luft „entsorgt“ wurde.

Historische Auslöser waren weitbekannte Fälle von sozialdiskriminierender Umweltverschmutzung, wie Love Canal, Warren County oder Woburn. Auch die von Hurricane Katrina 2005 ausgelöste Flutwelle in New Orleans, die vor allem bei der afroamerikanischen Bevölkerung - die eher in Überflutungsgebieten wohnt - viele Opfer forderte, galt als erneuter Beweis für fortdauernde Umweltungerechtigkeit.

Aber nicht nur solche historischen Umweltskandale sind Anlass zur Problematisierung, sondern auch die „normale“ Häufung von Autobahnen, Fabriken, Kraftwerken, Windfarmen, Tanklagern, Schrottplätzen, Klärwerken, Schweinemastanlagen, etc. in/neben Wohngebieten von Armen und „ethnischen Minderheiten“ gilt als skandalöse Diskrminierung.

Forschung[Bearbeiten]

Wissenschaftliche Studien zu Umweltgerechtigkeit fragen z.B. nach folgenden: der Verteilung bestimmter Umweltbelastungen auf unterschiedliche Orte (mit unterschiedlicher Bevölkerungsstruktur); der Entstehung sozialdiskriminierender Ungleichverteilungen von Umweltbelastungen; der Aufteilung der Kosten und Gewinne von Umweltverschmutzung; dem Vorkommen von umweltbedingten Krankheiten unter verschiedenen sozialen Gruppen.

Der Begriff der Umwelt ist dabei weit gefasst zu verstehen und kann so verschiedene Dinge meinen wie die Atemluft als globales öffentliches Gut oder die allernächste Umgebung des eigenen Wohnraums. Das Adjektiv „umweltgerecht“ beschreibt ein Verhalten oder Verfahren, welches sich im Einklang mit der Umwelt befindet. Dem gegenüber betont das Substantiv „Umweltgerechtigkeit“ den Bezug auf den Menschen und ist daher anthropozentrisch.

In Berlin gibt es inzwischen ein erfolgreiches Koopperationsprojekt von einerseits zwei Senatsverwaltungen (SenGUV, SenStadt) mit andererseits mehreren Universitäten (u.a. HU Berlin, TU Berlin, Uni Leipzig), das Umweltgerechtigkeit in Berlin zum Thema hat (Klimeczek 2010).

Deutung und Umsetzung der Ergebnisse[Bearbeiten]

Empirische Hinweise auf umweltgerechtigkeits-relevante Verteilungs- und Verfahrensmängel können - bei entsprechendem politischen Willen - zu Konsequenzen in Umwelt-, Wirtschafts-, Verkehrs-, Baupolitik, etc. führen.

Weitere Konsequenzen[Bearbeiten]

Überlegungen zur Umweltgerechtigkeit schließen oft das Verursacherprinzip mit ein. Wer für einen Umweltschaden verantwortlich ist, soll seine Beseitigung und eventuell entstandene weitere Kosten selber tragen und nicht zur Behebung der Allgemeinheit überlassen, also einer Umwelthaftung unterliegen. Als Beispiel für dieses Prinzip ist das Regelwerk der Europäischen Union zu nennen, das in der Richtlinie 2004/35/EG ausdrücklich darauf verweist.[1]

Unter diesen Gesichtspunkten lässt sich z.B. sagen, dass Niedrigverdiener, die in schlechten Wohnungen leben müssen, ebenso wenig Umweltgerechtigkeit erfahren wie Menschen in Entwicklungsländern, die besonders stark unter der globalen Erwärmung leiden, sie jedoch kaum mit verursacht haben.

Im Sinne gerechtigkeitstheoretischer Argumentation kann ebenfalls gefordert werden, dass Menschen oder Unternehmen, die in besonderer Weise von natürlichen Ressourcen profitieren, die Allgemeinheit an diesem Profit voll beteiligen sollen. Dahinter steht die Überlegung, dass die natürliche Umwelt nicht als normale Ware zu betrachten ist und daher auch niemandem als exklusivem Eigentum gehören kann. Dieser Bestandteil der Umweltgerechtigkeit findet sich beispielsweise in der Debatte über Biopiraterie wieder, bei der ein Konfliktpunkt die Erteilung von Patenten auf einzelne Gene ist.

Literatur[Bearbeiten]

  • Agyeman J, Ogneva-Himmelberger Y eds (2009): Environmental justice and sustainability in the former Soviet Union. MIT-Press, Cambridge (MA)
  • Anand R (2004): „International environmental justice: a North-South dimension.“ Ashgate, Hampshire (UK)
  • Aus Politik und Zeitgeschichte (2007): Ökologische Gerechtigkeit, Ausgabe 24/2007 (PDF; 2,9 MB)
  • Bolte G, Mielck A (2004): Umweltgerechtigkeit. Die soziale Verteilung von Umweltbelastungen. Juventa Verlag, ISBN 978-3779911418
  • Bryant B ed (1995): Environmental justice: Issues, policies, and solutions. Island Press, Washington (D.C.)
  • Bullard RD (2000): Dumping in Dixie: race, class, and environmental quality (3rd ed). Westview Press, Boulder (CO)
  • Bullard RD (2005): The quest for environmental justice: Human rights and the politics of pollution. Sierra Club, San Francisco
  • Camacho D ed (1998): Environmental injustices, political struggles. Duke University Press, Durham (NC)
  • Carruthers DV ed (2008): Environmental justice in Latin America. MIT-Press, Cambridge (MA)
  • Dunion K (2003): Troublemakers. The struggle for environmental justice in Scotland. Edinburgh University Press
  • Ebbesson J (2002): Access to justice in environmental matters in the EU. Kluwer, Den Haag
  • Elvers HD (2005): Umweltgerechtigkeit (Environmental Justice) - Integratives Paradigma der Gesundheits- und Sozialwissenschaften? UFZ Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle Diskussionspapier 14/2005 (PDF)
  • Faber D (2008): Capitalizing on environmental injustice: The polluter-industrial complex in the age of globalization. Rowman & Littlefield, Lanham (MD)
  • Fairburn J et al (2005): Investigating environmental justice in Scotland: links between measures of environmental quality and social deprivation. SNIFFER, Edinburgh
  • FoE (Friends of the Earth England, Wales and Northern Ireland) eds (2001): Pollution and poverty: braeking the link. FoE, London
  • Fotopoulos T (2007): The Ecological Crisis as Part of the Multi-Dimensional Crisis and Inclusive Democracy, in: The International Journal of Inclusive Democracy, vol.3, no. 3, 2007, siehe online
  • Heinrich J et al (1998): Soziale Ungleichheit und umweltbedingte Erkrankungen in Deutschland. Ecomed, Landsberg
  • Hornberg C, Pauli A hg (2009): Umweltgerechtigkeit - die soziale Verteilung von gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen. Universität Bielefeld
  • IOM (Institute of Medicine) ed (1999): Toward environmental justice: research, education, and health policy needs. National Academy of Sciences, Washington (D.C.)
  • Jarre J (1975): Umweltbelastungen und ihre Verteilung auf soziale Schichten. Otto Schwartz & Co, Göttingen
  • Klimeczek HJ (2010): Umweltgerechtigkeit im Land Berlin. Entwicklung und Umsetzung einer praxistauglichen Konzeption zur Untersuchung der (stadt-) räumlichen Verteilung von gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen. SenGUV, Berlin
  • Kloepfer M (2006): Umweltgerechtigkeit. Environmental Justice in der deutschen Rechtsordnung. Verlag Duncker & Humblot, ISBN 978-3-428-12134-2
  • Köckler H et al (2008): Umweltbezogene gerechtigkeit und Immissionsbelastungen am Beispiel der Stadt Kassel. CESR-Papier 1, Kassel University Press
  • Kruize H, Bouwman AA (2004): Environmental (in)equity in the Netherlands. RIVM, Bilthoven
  • Martinez-Alier J (2003): The environmentalism of the poor. A study of ecological conflicts & valuation. Edward Elgar Publishing
  • Maschewsky W (2001): Umweltgerechtigkeit, Public Health und soziale Stadt. VAS Verlag, ISBN 3-88864-330-9
  • Maschewsky W (2004): Umweltgerechtigkeit - Gesundheitsrelevanz und empirische Erfassung. Wissenschaftszentrum Berlin, discussion paper (PDF; 1,7 MB)
  • Maschewsky W (2006): Healthy public policy - am Beispiel der Politik zu Umweltgerechtigkeit in Schottland. Wissenschaftszentrum Berlin, discussion paper (PDF; 240 kB)
  • Maschewsky W (2008): Umweltgerechtigkeit als Thema für Public-Health-Ethik. Bundesgesundheitsblatt, 2
  • McLaren D et al (1999): The geographic relation between household income and polluting factories. FoE, London
  • Mielck A, Heinrich J (2001): Environmental Justice (Umweltbezogene Gerechtigkeit): Faire Verteilung von Umweltbelastungen auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit NRW, Expertenbericht zum Thema. (PDF; 266 kB)
  • Mielck A, Heinrich J (2002): Soziale Ungleichheit und die Verteilung umweltbezogener Expositionen (Environmental Justice). Gesundheitswesen, 64
  • MUNLV (Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen) hg (2004): Umwelt und Gesundheit an industriellen Belastungsschwerpunkten („Hot Spots“). Umweltmedizinische Wirkungsuntersuchungen in Dortmund und Duisburg. MUNLV, Düsseldorf
  • Naguib D, Pellow L, Park SH: The Silicon Valley of Dreams. Environmental Injustice, Immigrant Workers, and the High-Tech Global Economy. New York University Press, New York 2003, ISBN 0814767109
  • Pellow DN (2002): Garbage wars: The struggle for environmental justice in Chicago. MIT-Press, cambridge (MA)
  • Rechtschaffen C, Gauna E eds (2002): Environmental justice: Law, policy & regulation. Carolina Academic Press, Durham (NC)
  • Rosenbrock R, Maschewsky W (1998): Präventionspolitische Bewertungskontroversen im Bereich Umwelt und Gesundheit. Wissenschaftszentrum Berlin
  • Sachs W (2003): Ökologie und Menschenrechte. Wuppertal Paper Nr. 131 (PDF)
  • Szasz A (1994): Ecopopulism. Toxic waste and the movement for environmental justice. University of Minnesota Press, Minneapolis
  • Umweltmedizinischer Informationsdienst (2008): Umweltgerechtigkeit – Umwelt, Gesundheit und soziale Lage. UMID-Themenheft, Ausgabe 2/2008 (PDF, 1MB)
  • Walker G, Bickerstaff K (2000): Polluting the poor: An emerging environmental justice agenda for the UK? Critical Urban Studies, University of London

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Website der Europäischen Union: EUROPA - Glossar - Umwelthaftung