Unendlicher Spaß

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Unendlicher Spaß (engl. Originaltitel: Infinite Jest) ist ein Roman von David Foster Wallace aus dem Jahr 1996. Das im englischen Original 1079, in der deutschen Übersetzung 1545 Seiten starke Buch wurde vom TIME-Magazin zu einem der 100 einflussreichsten Romane seit 1923 gewählt.[1] Der Titel ist ein Zitat aus dem Shakespeare-Stück Hamlet.

Handlungsüberblick[Bearbeiten]

Wallace thematisiert im Buch unter anderem Drogenabhängigkeit, Hedonismus, Depressionen, Kindesmissbrauch, Materialismus, die Unterhaltungsindustrie, den Unabhängigkeitskampf von Québec und Tennis.

In einer nicht allzu fernen Zukunft haben sich die Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko zur O.N.A.N. vereint, der Organisation Nordamerikanischer Nationen. Das frühere US-kanadische Grenzgebiet wurde evakuiert und in eine riesige Müllkippe verwandelt. Die durch den Gebietsverlust entstandenen Steuerausfälle werden kompensiert, indem an zahlungskräftige Firmen das Recht verkauft wird, die Jahre nach ihren Produkten zu benennen (so tragen beispielsweise die meisten Kapitel des Romans die chronologische Überschrift Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche). Einige frankokanadische Separatistengruppen haben ihre Operationen auf ehemaliges US-Gebiet ausgedehnt, insbesondere die rollstuhlfahrenden „Assassins des Fauteuils Roulants“ (A.F.R.). Als Waffe würden sie gerne eine Videokassette einsetzen, den Film Unendlicher Spaß, das letzte Werk des Regisseurs James O. Incandenza. Jeder, der diesen Film sieht, wird innerhalb von wenigen Minuten unwiderruflich in den Geisteszustand eines Kleinkinds zurückversetzt und will nichts anderes mehr, als wieder und wieder diesen Film anschauen - für die A.F.R.-Aktivisten ideologisch die passende Waffe, weil die Amerikaner so Opfer ihrer unersättlichen Gier nach Unterhaltung würden. Die A.F.R. sucht daher nach der kopierbaren Master-Kassette von Unendlicher Spaß - genauso wie der Geheimdienst, der die Verbreitung des Films verhindern möchte.

Diese Suche verbindet unterschiedliche Handlungsstränge und Figurengruppen miteinander und fokussiert den Handlungsort auf die Bostoner Enfield-Tennisakademie, die von James O. Incandenza gegründet wurde und wo sich während des Handlungszeitraums des Romans seine beiden jüngeren Söhne Mario und Hal aufhalten. Neben dem aufstrebenden und drogensüchtigen Tennistalent Hal Incandenza und dem A.F.R.-Aktivisten Remy Marathe gehört der hünenhafte Don Gately zu den Hauptfiguren des Romans. Gately, ein Ex-Dieb und Mörder, lebt in einem Drogenentzugsheim unterhalb der Enfield-Tennisakademie und ist zu einem vehementen Anhänger der Anonymen Alkoholiker geworden. Mit der Suche nach Unendlicher Spaß verbindet ihn eine Beziehung zu Joelle van Dyne, die im Laufe des Romans nach einem Suizidversuch in das Heim einzieht; sie ist die Hauptdarstellerin von Unendlicher Spaß, kennt den Inhalt des Films allerdings nicht, da sie ihn nie gesehen hat.

Form[Bearbeiten]

Die Süddeutsche Zeitung schrieb: „Infinite Jest war mit den Mitteln des postmodernen Erzählens ein Generalangriff auf die läppische postmoderne Ironie, den hochglanzverspiegelten Nihilismus, Wallace ging es tatsächlich ums ‚echte Menschsein‘. Er wollte die total medialisierte Welt abbilden, ohne aber dünnsuppige Popaffirmation zu servieren.“[2]

Typisch für den Roman Unendlicher Spaß sind seine bildhafte Sprache und sehr langen Bandwurmsätze. Die Süddeutsche Zeitung bescheinigte dem Buch „endlose Sätze und ein apokryphes Fachvokabular“, in dem Perioden mit zweistelliger Zeilenzahl die Regel sind und Fremdwörter aus Gossenslang und Wissenschaft nebeneinander stehen. Auffällig sind auch die extrem häufigen, z.T. mehrere Seiten langen Fußnoten: im englischen Original machen sie 98 der 1079, in der deutschen Fassung 134 der 1545 Seiten des Buches aus. Übersetzer Ulrich Blumenbach, der für seine Übertragung des Romans in die deutsche Sprache den Preis der Leipziger Buchmesse 2010 erhielt, brauchte sechs Jahre, um seine Arbeit abzuschließen.[3]

Zeitrechnung[Bearbeiten]

In dem Werk gibt es eine alternative Zeitrechnung, weil der Gregorianische Kalender von der Organisation Nordamerikanischer Nationen abgeschafft und durch ein System von Sponsorennamen ersetzt wurde. Die Jahresnamen lauten nun (in chronologischer Reihenfolge):

  1. Jahr des Whoppers
  2. Jahr des Tucks-Hämorrhoidensalbentuchs
  3. Jahr der Dove-Probepackung
  4. Jahr des Perdue-Wunderhuhns
  5. Jahr der mäuschenstillen Maytag-Spülmaschine
  6. Jahr des Yushityu 2007 Mimetische-Auflösungs-Patronensicht-Hauptplatine-Leicht-Zu-Installieren Upgrades Für Infernatron/InterLace TP-Systeme Für Heim, Büro oder Unterwegs
  7. Jahr der Milchprodukte aus dem Herzen Amerikas
  8. Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche
  9. Jahr des Glad-Müllsacks.

Der Großteil der Handlung spielt im Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche. Foster Wallace hat verschiedene Hinweise darauf gestreut, welchem Jahr des Gregorianischen Kalenders das J.d.I.-U. entspricht. Auch wenn sich seine Hinweise teilweise widersprechen, lässt sich das J.d.I.-U. doch irgendwann zwischen den damaligen Zukunftsjahren 2008 und 2011 ansiedeln.[4]

Kritiken[Bearbeiten]

  • „Saukomisch, unglaublich lustige Dialoge und endlos einfallsreich.“ – TIME[1]
  • Infinite Jest ließ so viele Bücher auf einen Streich antiquiert aussehen“ − Jeffrey Eugenides[5]
  • „Anders als Don De Lillo und andere Postmodernisten würzt David Foster Wallace seine bandwurmartig verschachtelten Satzkonvolute und seine im Grunde pessimistischen Visionen einer sich selbst zu Tode quasselnden Gesellschaft mit so viel Sprachwitz und Humor, dass das Lesen der vor Fachbegriffen, Details und Ausschweifungen schier berstenden Prosa einigermaßen erträglich bleibt.“ − spiegel.de[6]
  • Infinite Jest ist eine irrlichternde Abrechnung mit der Spaßgesellschaft, überbordend, voller postmoderner Finessen, mal Zukunfts- und mal Bildungsroman, mal Satire und letztlich bodenlos traurig.“ − Die Welt[7]
  • „Weil dieser Unendliche Spaß von einem unendlichen Ernst beherrscht ist, von einer geradezu christlichen Empathie, verzeihen wir dem Autor, dass er uns nicht selten quält mit virtuosen, nicht aufhören könnenden Schilderungen von Tennisturnieren oder aberwitzigen Kabinettssitzungen beim amerikanischen Präsidenten.“ – Die Zeit[8]

Sonstiges[Bearbeiten]

  • 2013 arbeiteten Malte Kettler, Anna Daßler und Jonas Sander für das Stör & Fried Theater den Roman zu einem Theaterstück um. Die Erstaufführung fand am 15. Juni 2013 im Haus der Wissenschaft in Braunschweig statt. [9]

Literatur[Bearbeiten]

Ausgaben[Bearbeiten]

  •  David Foster Wallace: Infinite jest : a novel. 1st ed. Auflage. Little, Brown and Company, Boston 1996, ISBN 0316920045.
  •  David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. 3. Auflage. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009 (Originaltitel: Infinite jest, übersetzt von Ulrich Blumenbach), ISBN 978-3-462-04112-5.
  •  David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. 1. Auflage. rororo, Leipzig 2011 (Originaltitel: Infinite jest, übersetzt von Ulrich Blumenbach), ISBN 978-3-499249570.

Hörbuch[Bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Stephen Burn: David Foster Wallace's Infinite jest : a reader's guide. Continuum, New York 2003, ISBN=082641477X.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b All-Time 100 novels: Infinite Jest (1996), time.com. Originalzitat: „a damn funny book... painfully funny dialogue and... endlessly rich.“
  2. Jäger des verlorenen Wortschatzes (Teil 2), sueddeutsche.de
  3. Jäger des verlorenen Wortschatzes, sueddeutsche.de
  4. So wird zum Beispiel Mario Incandenza „am Mittwoch, dem 25. November, am Tag vor Thanksgiving, neunzehn Jahre alt“ (S. 849) Der 25. November fällt in den Jahren 2009 und 2015 auf einen Mittwoch, in beiden Fällen folgt Thanksgiving am Tag darauf. Im Jahr des Tucks-Hämorrhoidensalbetuchs fällt Thanksgiving auf den 24. November (S. 1138) – was tatsächlich 2005 und 2011 der Fall war bzw. ist. Matty Pemulis ist im J.d.I.-U. 23 Jahre alt (S.980). Sein Vater kam 1989 aus Irland in die USA, als Matty „drei oder vier“ war (S.981). Er ist also 1985 oder 1986 geboren worden, was bedeuten würde, dass das J.d.I.-U. 2008 oder 2009 entspräche. 2009 für das J.d.I.-U. folgt auch aus der Bezeichnung Yushityu 2007 usw. für das Jahr zwei Jahre vor dem J.d.I.-U. Dies wird auf anderem Wege bestätigt durch Stephen Burn, Infinite Jest. A Reader's Guide, 2003, S. 26: die M.I.T Sprachauschreitungen werden auf 1997 datiert (S. 1417, Endnote 24), während innerhalb eines Abschnitts aus dem J.d.I.-U. vermerkt wird, dass diese Ausschreitungen 12 Jahre vorher stattfanden (S. 1429, Endnote 60). James O. Incandenza war im Jahre 1960 10 Jahre alt (p. 159), nahm sich mit 54 Jahren das Leben (S. 94), also 2004. Das ist ein Jahr (p.140) vor dem Jahr des Perdue-Wunderhuhns (d.h. 2005) und vier Jahre (S. 201) vor dem J.d.I.-U (d.h. 2008). Das passt mit vielen anderen Hinweisen zusammen, allerdings nicht mit der Chronologie (S. 321 f), welche zwischen dem Suizid und dem J.d.I.-U ein 5-Jahres-Intervall aufweist. Don Gately ist im Jahr der Milchprodukte aus dem Herzen Amerikas 27 Jahre alt (S.80). Als es 1992 zu schweren Krawallen in Los Angeles kam, war er neun. Das Jahr der M.a.d.H.A. entspräche also dem Jahr 2010; das J.d.I.U. entspräche 2011.
  5. Sind Sie neidisch auf „Infinite Jest“, Mr. Eugenides?, faz.net
  6. David Foster Wallace tot aufgefunden
  7. Nach diesem Roman erhängte er sich, welt.de
  8. Der Hammer, zeit.de
  9. Die Spaßgesellschaft quasselt sich zu Tode, braunschweiger-zeitung.de