Unter dem Stern des Bösen

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Unter dem Stern des Bösen (span. La mala hora, im Deutschen auch unter „Die böse Stunde“ erschienen) ist ein Roman des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez. In Paris um 1956 begonnen[1], schrieb der Autor 1959/1960 in Bogotá[2] und 1961 in Manhattan an dem Text weiter[3]. 1961 erhielt García Márquez für das Werk den Romanpreis des Mineralölkonzerns Esso[4] in Bogotá[5]. 1962 druckte Luis Pérez den Roman in Madrid.[6] García Márquez erklärte diese spanische Erstausgabe für unautorisiert. Also gilt als erste autorisierte Ausgabe die mexikanische von 1966.[7]

Es geht um Mord und Totschlag in einem Dorf. Jene Ortschaft in dem Roman stehe als Gleichnis für das Kolumbien unter Rojas Pinillas. Mit dem Bürgermeister sei eigentlich der Diktator Pinilla gemeint, mit dem Richter Arcadio der Justizminister und mit dem Pater Angel der Kardinal.[8]

Überblick[Bearbeiten]

Etliche Bewohner eines unbenannten Dorfes[A 1] am Ufer eines unbenannten Flusses treten in nicht immer ganz abgeschlossenen Nebenhandlungen auf[9]. Allerdings hat García Márquez zwei Figuren erfunden, die das lose Konstrukt aus lauter kleinen Geschichten gleichsam verflechten[10] und nach schwierigem Einstieg einigermaßen lesbar machen. Die Figuren sind Pater Angel und der unbenannte Bürgermeister, ein Leutnant.

Spuren getrockneten Blutes und Kugeleinschläge erinnern in der Polizeistation des Dorfes an schlimme Zeiten anderthalb Jahre vor Handlungsbeginn. Richter Vitela, der Vorgänger des amtierenden Richters Arcadio, war umgebracht worden, weil er die Durchführung der Wahlen überwachen wollte. Der Dorfkämmerer war erschlagen worden. Jener oben genannte Leutnant war vor Handlungsbeginn mit drei gedungenen Totschlägern im Auftrag des Militärregimes[11] gekommen. Das Dorf sollte eingenommen werden. Es scheint so, als sei das dem uniformierten Bürgermeister und seinen Schlägern gelungen. Seit über einem Jahr sind die Verfolgungen eingestellt.[12] Angeblich wird keiner mehr geschlagen. Jedoch gilt nach wie vor der Ausnahmezustand.[13] Es gibt Bewohner, die am Ende des Romans bewaffnet in die Berge zu den Partisanen gehen. Zwar sind ihre Namen nicht genannt, aber zu ihnen gehören unter anderen höchstwahrscheinlich der Zahnarzt, der Barbier Guardiola und der Richter Arcadio.

Handlung[Bearbeiten]

Den Armen in ihren baufälligen Hütten gefällt die Unruhe, die sich unter den Reichen breitmacht. Fast täglich werden in der Frühe Zettel mit anonymen Schmähungen an die soliden Häuser der Besitzenden geklebt. Eigentlich steht auf den Papieren nur, was jeder im Dorf bereits seit Jahren über die Hausbesitzer zu wissen meint. Zum Beispiel wird behauptet, Roberto Asís sei gar nicht der leibliche Vater seiner Tochter. Immerhin schafft es der unerkannte Schmierfink, dass Roberto Asís dem vermeintlichen Galan seiner Gattin auflauert. Oder es steht morgens an der Wand geschrieben, von den elf Kindern des Señor Carmichael seien nur die schwarzen Kinder seine leiblichen Nachfahren. Witwe de Montiel, die reichste Frau des Ortes, ist den Schmierereien nervlich nicht gewachsen und bittet den Pater Angel, das Anbringen der Zettel in seiner nächsten Sonntagspredigt zu verurteilen. Der Geistliche entgegnet, die Sache sei des Erwähnens nicht wert und schweigt am nächsten Sonntag auf der Kanzel zu dem Thema. Allerdings bittet er den Bürgermeister um eine geeignete Maßnahme. Der Leutnant verhängt eine nächtliche Ausgangssperre und lässt nach dem Täter suchen. Es wird keiner gefunden. Als die Polizisten des Leutnants Pepe Amador beim Verteilen illegaler Flugblätter verhaften, nimmt das Unheil seinen Lauf. Der Bürgermeister lässt Pepe Amador foltern, um die Namen der Hintermänner zu bekommen. Der Gequälte schweigt und stirbt an der Tortur. Als der Dorfarzt Dr. Giraldo die Leichenschau fordert, lügt der Bürgermeister. Pepe Amador sei geflohen. Darauf greifen Dorfbewohner zu den Waffen.

Form und Interpretation[Bearbeiten]

Spannung wird erzeugt über die Frage: Wer ist der Zettelschreiber? Nachdem Pepe Amador von der örtlichen Polizei festgenommen wurde, hört die Zettelschmiererei auf. Auch wenn einer der Zettel an den Bürgermeister adressiert war - übrigens der einzige, der zitiert wird - so wäre es durchaus möglich, dass der Bürgermeister selbst der Verursacher sein könnte. Denn die Zettel werden vornehmlich an die Häuser Begüterter geklebt. Der Bürgermeister kam als armer Mann in das Dorf. Er will sich gesundstoßen, indem er den Gegner zunächst verunsichert und dann frontal angreift. Wie es scheint, bereichert er sich in der Tat. Indem der Bürgermeister Pepe Amador totschlagen lässt, hat er einen Gegner ausgeschaltet. Unverfroren deklariert er Pepe Amador als den gesuchten Zettelschreiber.

Neben dieser Variante erscheinen auch noch andere als möglich. Zum Beispiel ist mit einem Wanderzirkus eine Wahrsagerin namens Casandra in das Dorf gekommen. Vom Bürgermeister nach dem Rätsel befragt, erwidert sie ihm: „Es ist der ganze Ort, und es ist niemand.“[14]

Die Casandra-Version ist unwahrscheinlich, weil der Leutnant bei fast jeder Gelegenheit als Geschäftemacher dargestellt wird. Da ist zum Beispiel am Romananfang die Geschichte des Ehepaares Montero. Der Millionär César Montero erschießt den Liebhaber seiner Frau Rosario, einen gewissen Señor Pastor[A 2]. Natürlich wird der Todesschütze inhaftiert. Der Leutnant schlägt dem gehörnten Ehemann ein Gentlemen’s Agreement vor. Gegen Bezahlung ist alles möglich; auch die Flucht.

García Márquez versteht es, nach der Lektüre Aha-Effekte beim Leser auszulösen. Zum Beispiel wird der Bürgermeister im ersten Romandrittel von beinahe unerträglichen Zahnschmerzen geplagt. Als er gegen Ende des ersten Romandrittels mit seinen Polizisten gewaltsam in die örtliche Zahnarztpraxis eindringt und den Zahnarzt mit vorgehaltener Waffe zur Behandlung zwingt, kann der Leser die Unverhältnismäßigkeit der Mittel nicht fassen. Gegen Romanende wird aber klar, der Zahnarzt ist einer der Todfeinde des Leutnants (siehe oben).

Vorbilder seien für García Márquez Sophokles' „König Ödipus“ und Thornton WildersDie Iden des März“ gewesen.[15]

Rezeption[Bearbeiten]

Obwohl García Márquez dieses Werk nicht besonders schätze[16], sei es von besonderer Güte, weil es sein Eigenleben erst am Romanschluss entfalte.[17] Neben Pinilla (siehe oben) habe der Autor noch den Diktator Pérez Jiménez in seine Fallstudien einbezogen.[18]

Gleichnis

García Márquez habe, Gleichnisse betreffend, Anlehnung an Camus eingeräumt. Ist bei Camus eine Ratte Vorbote der Pest, so kündige die Mäuseschar, die Pater Angel gemeinsam mit seiner Haushälterin in der Kirche bekämpft, die Gewalt an[19]. Symbole für tödlichen Krankheiten habe der Autor auch in Daniel DefoesDie Pest zu London“ aufgefunden[20].

Gewalt

García Márquez thematisiere mit Macht und Gewalt[21] „die dunklen Kräfte in der kolumbianischen Gesellschaft“[22]. Der Bürgermeister vollstrecke als Alleinherrscher die Befehle der Regierung und wahre „Friedhofsruhe“ im Dorf[23]. Als Despot stehe der Bürgermeister einsam da. Der Liebe zu einer Frau sei er nicht fähig[24][A 3].

Mediale Adaption[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Textausgaben[Bearbeiten]

Verwendete Ausgabe
  • Unter dem Stern des Bösen. Aus dem Spanischen übersetzt von Ana Maria Brock. Aufbau-Verlag Berlin 1966, 188 Seiten, ohne ISBN
Andere deutschsprachige Ausgaben

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Waleri Semskow: Gabriel García Márquez. Aus dem Russischen übersetzt und bearbeitet von Klaus Ziermann. Volk und Wissen Verlag, Berlin 1990, ISBN 3-06-102754-8
  • Dagmar Ploetz: Gabriel García Márquez. Rowohlt, Hamburg 1992, ISBN 3-499-50461-8
  • Dasso Saldívar: Reise zum Ursprung. Eine Biographie über Gabriel García Márquez. Aus dem Spanischen von Vera Gerling, Ruth Wucherpfennig, Barbara Romeiser und Merle Godde. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1998, ISBN 3-462-02751-4

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Oberst Aureliano Buendía hatte auf dem Wege nach Macondo dort einmal übernachtet (Verwendete Ausgabe, S. 51, 20. Z.v.o.). Gemeint sei das kolumbianische Dorf Sucre am Südwestufer des Karibischen Meeres (Saldívar, S. 422, 7. Z.v.u. und S. 264). Das Motiv der Schmähschriften an den Hauswänden sei von einer Unsitte der Einwohner Sucres gegen Ende der 1940er Jahre entlehnt (Saldívar, S. 264, 13. Z.v.o.).
  2. Der Autor habe in Gestalt Pastors das unglückliche Ende des Musikers Joaquín Vega verarbeitet (Saldívar, S. 271, 17. Z.v.o.).
  3. Der Bürgermeister möchte mit Casandra schlafen. Auf Geheiß des Zirkusdirektors geht die Frau mehrere Male zum Leutnant hin. Wie es aussieht, wird es aber nichts aus einer Liebesnacht.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ploetz, S. 63, 4. Z.v.o. und S. 137, Eintrag 1956
  2. Saldívar, S. 524, Kapitel 11, Fußnote 36
  3. Saldívar, S. 406, 8. Z.v.o.
  4. Saldívar, S. 422, 6. Z.v.o. und Ploetz, S. 67, 4. Z.v.o.
  5. Saldívar, S. 421, 3. Z.v.o.
  6. span. Bibliographie García Márquez
  7. span. Era de México (Saldívar, S. 422, 16. Z.v.o. sowie S. 532, Kapitel 13, Fußnote 12 und Semskow, S. 86, 4. Z.v.o.)
  8. Saldívar, S. 351, 19. Z.v.o.
  9. Saldívar, S. 422, 5. Z.v.u.
  10. Semskow, S. 82, 7. Z.v.o.
  11. Verwendete Ausgabe, S. 12, 9. Z.v.u. und S. 73, 13. Z.v.u.
  12. Verwendete Ausgabe, S. 48, 13. Z.v.u.
  13. Verwendete Ausgabe, S. 67, Mitte
  14. Verwendete Ausgabe, S. 138, 1. Z.v.u.
  15. Saldívar, S. 424, 14. Z.v.o.
  16. Saldívar, S. 528, Kapitel 12, Fußnote 12 (10. Z.v.u.)
  17. Saldívar, S. 422, 4. Z.v.u.
  18. Saldívar, S. 424, 13. Z.v.o.
  19. Semskow, S. 81, 3. Z.v.o.
  20. Semskow, S. 81, 21. Z.v.u.
  21. Saldívar, S. 312, 5. Z.v.u.
  22. Saldívar, S. 317, 9. Z.v.o.
  23. Semskow, S. 82, 13. Z.v.u.
  24. Semskow, S. 83, 14. Z.v.o.
  25. Saldívar, S. 493, Kapitel 5, Fußnote 1
  26. deutschsprachige IMDb, englischsprachige IMDb