Unterstützungskommando (WHNS)

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Die Unterstützungskommandos (UKdo) der Bundeswehr waren Großverbände des Territorialheeres, die im Rahmen des Wartime-Host-Nation-Support-Programms von 1982 bis 1997 bestanden.

Geschichte[Bearbeiten]

Politischer Hintergrund[Bearbeiten]

Anfang der 1970er-Jahre war im Kräfteverhältnis zwischen NATO und Warschauer Pakt durch die Aufrüstungsbemühungen der Sowjetunion eine neue Situation eingetreten.

  • Bei den strategischen Atomwaffen bestand eine Patt-Situation, da beide Seiten über eine Zweitschlagfähigkeit verfügten.
  • Durch die Indienststellung der SS-20 war ein sowjetisches Übergewicht bei den Mittelstreckenraketen entstanden. Dem begegnete die NATO durch den Doppelbeschluss vom 12. Dezember 1979.
  • Der bisherige qualitative Vorsprung der Landstreitkräfte der NATO in Mitteleuropa verringerte sich durch die Einführung moderner Kampf- und Schützenpanzer sowie neuer Panzerhaubitzen und gepanzerter Flugabwehrwaffen bei den Armeen der UdSSR und ihrer Verbündeten. Deren zahlenmäßige Überlegenheit erhielt so eine neue quantitative Dimension. Als Reaktion darauf wurden durch die Bundesrepublik Deutschland einerseits ab 1975 die noch fehlenden dritten Brigaden bei der 7., 10. und 12. Panzerdivision aufgestellt und damit der NATO-Beitrag von 36 Brigaden erfüllt, andererseits der WHNS-Vertrag abgeschlossen. Dadurch sollte eine weitere Steigerung des Abschreckungswerts der NATO-Streitkräfte erreicht und die Fähigkeit zur flexiblen Reaktion innerhalb der NATO-Strategie erhöht werden.

WHNS-Vertrag[Bearbeiten]

Nach der bisherigen NATO-Planung für eine schnelle Zuführung von Streitkräften aus den USA und Kanada nach Europa (Rapid Reinforcement Concept, RRC) sollten diese Verstärkungen innerhalb von 30 Tagen in Europa einsatzbereit sein.

Am 15. April 1982 schlossen die USA und die Bundesrepublik Deutschland den Vertrag über das Wartime Host Nation Support-Programm (WHNS, Unterstützung durch die gastgebende Nation in Kriegszeiten) [1] .

In diesem Vertrag verpflichteten sich die USA, innerhalb von 10 Tagen zusätzlich 6 Divisionen und 1.000 Kampfflugzeuge in der Bundesrepublik Deutschland zu stationieren. Das Material (Kampf- und Transportfahrzeuge, Waffen, Versorgungsgüter usw.) dieser Divisionen war in Deutschland eingelagert. Durch das schnelle Heranführen des Personals aus Übersee, das dann lediglich das Material übernehmen und aktivieren musste, sollte die rasche Verstärkung der konventionellen Streitkräfte in Europa ermöglicht werden.

Im Gegenzug verpflichtete sich die Bundesrepublik, entsprechende Unterstützungsleistungen zu erbringen. Art und Umfang der militärischen Leistungen sowie Ausstattung, Ausbildung und Organisation der Unterstützungskräfte wurde im „Folgevertrag Militärische Leistungen“ im Juni 1986 festgelegt. Diese umfassten im Einzelnen

  • die Sicherung von 57 Objekten (Standorten),
  • den täglichen Transport von 6.800 t Material und 7.000 Kubikmeter Betriebsstoffen sowie Umschlag von 72.900 t,
  • das Einrichten von Versorgungsplätzen für bis zu 1.700 Verwundete,
  • die Schaffung von Übernahmekapazitäten von täglich bis zu 200 Kriegsgefangenen.

Hinzu kam die Instandsetzung bzw. der Ausbau von 26 Flughäfen.

Das benötigte Material war in vier Klassen eingeteilt:

I. deutsches STAN-Material (persönliche Bekleidung und Ausrüstung, Handwaffen) von Deutschland bezahlt,
II. deutsches STAN-Material (über 850 definierte Artikel, z.B. Panzerfäuste, Feuerlöscher, Umrüstsätze für zivile Kfz) von den USA bezahlt,
III. amerikanisches Armee-Material (Schwerlasttransporter, Gabelstapler, Tarnnetze) von den USA bezahlt,
IV. deutsche materielle Mobilmachungs-Ergänzung (vor allem Kraftfahrzeuge) von Deutschland gestellt.

Zur Wahrnehmung des Unterstützungsauftrags wurden sechs Unterstützungskommandos aufgestellt.

Aufstellung[Bearbeiten]

Am 11. Januar 1982 wurde in Köln zunächst der Planungsstab WHNS aufgestellt. Er sollte die Realisierbarkeitsuntersuchungen für die dem Heer übertragenen WHNS-Aufgaben durchführen, die Planungsgrundlagen für die Aufbau- und Ablauforganisation erarbeiten und die Voraussetzungen für Realisierungsentscheidungen des Führungsstabes des Heeres schaffen. Der Planungsstab, der am 1. Oktober 1983 in Unterstützungskommando WHNS umbenannt wurde, schloss seine Arbeit zum Jahresende 1985 ab und die Unterstützungskommandos wurden in der Folgezeit aufgestellt.

Auflösung[Bearbeiten]

Am 27. April 1995 kündigten die USA als Konsequenz der veränderten sicherheits- und militärpolitischen Lage in Europa das WHNS-Abkommen. Im Rahmen der Umsetzung der Heeresstruktur 5 wurden die deutschen Unterstützungskommandos für die US-amerikanischen Verstärkungskräfte zwischen September 1992 und März 1997 aufgelöst.

Auftrag[Bearbeiten]

Die Unterstützungskommandos hatten die Aufgabe, Unterstützungsforderungen der US-Streitkräfte nach den Führungs- und Einsatzgrundsätzen sowie den logistischen Verfahren der Bundeswehr im Rahmen der vertraglichen Vereinbarungen zu erfüllen. Dazu gehörten im Einzelnen

  • der Transport und Umschlag von Versorgungsgütern sowie das Einrichten und Betreiben von Versorgungspunkten,
  • das Sichern von Truppen, Einrichtungen und Objekten,
  • der Transport von Verwundeten,
  • das Erzeugen / Einsetzen von künstlichem Nebel,
  • der Kriegsbrückenbau,
  • das Instandsetzen von Waffen und Gerät,
  • die Aufnahme von Kriegsgefangenen.

Sie arbeiteten hierzu unmittelbar mit den zu unterstützenden US-Bedarfsträgern zusammen.

Im Frieden wurden hierzu von den UKdos entsprechende Vorbereitungen getroffen:

  • die Aufstellung von Mobilmachungstruppenteilen sowie die Vorbereitung der Alarmierung und Mobilmachung einschließlich der Einrichtung von Mobilmachungsstützpunkten,
  • das Entwickeln, Abstimmen und Festlegen der Verfahren für das Zusammenwirken der Truppenteile mit den zu unterstützenden US-Truppen,
  • die Teilnahme an Übungen der entsprechenden amerikanischen Einheiten, insbesondere im Zusammenhang mit den REFORGER-Truppen.

Organisation[Bearbeiten]

Die Unterstützungskommandos waren sehr unterschiedlich gegliedert, da sie mit unterschiedlichen amerikanischen Kommandobehörden zusammenarbeiten sollten. Die aufgestellten Truppenteile umfassten Verbände / Einheiten mit unmittelbarem Unterstützungsauftrag sowie zur Führung, Versorgung und Personalersatz der eigenen Truppenteile.

Die Friedensaufgaben sollten für den Heeresanteil durch präsente Kräfte in Form von etwa 780 Soldaten und 620 zivilen Mitarbeitern erfüllt werden. Dazu kamen 650 Wehrübungsplätze (Planungszahl, Stelle, auf der an jedem Tag eines Jahres ein Reservist eine Wehrübung leisten kann). Im Fall von Krise und Krieg sollten diese Kräfte durch Einsatz von Reservisten auf etwa 85.000 Mann anwachsen.

Die materielle Ausstattung der Unterstützungskommandos bestand zu etwa 60 % aus Gerät der materiellen Mobilmachungsergänzung und zu je 20 % aus STAN-Gerät der Bundeswehr und US-Material.

Die einzelnen Kommandos sind:

Unterstützungskommando 3
Am 14. Januar 1986 wurde das Unterstützungskommando WHNS in Unterstützungskommando 3 umbenannt und dem Wehrbereichskommando III in Düsseldorf unterstellt. Es arbeitete auf amerikanischer Seite mit dem 13th Corps Support Command (COSCOM) zusammen.
Das Unterstützungskommando 3 wurde durch Organisationsbefehl Nr. 549 / 94 (H) vom 11. Oktober 1993 zum 31. März 1994 aufgelöst.
Unterstützungskommando 4
Das Unterstützungskommando 4 wurde am 1. Oktober in Mainz aufgestellt, im Mai 1994 wurde es nach Diez verlegt. Das UKdo 4 war dem Wehrbereichskommando IV unterstellt und arbeitete auf amerikanischer Seite mit dem 3rd Corps Support Command zur Unterstützung des V. (US) Corps zusammen.
Das Unterstützungskommando 4 wurde durch die Organisationsbefehle Nr. 102 / 96 (H) und Nr. 103 / 96 (H) zum 31. März 1997 aufgelöst
Unterstützungskommando 5
Gliederung des Unterstützungskommando 5 in amerikanischen Unterlagen
Das Unterstützungskommando 5 wurde durch den Organisationsbefehl Nr. 565 / 85 (H) vom 4. Juni 1985 zum 15. Dezember in Ludwigsburg aufgestellt und dem Wehrbereichskommando V unterstellt. Es arbeitete auf amerikanischer Seite mit dem 2nd Corps Support Command zur Unterstützung des VII. US-Korps zusammen.
Welchen Umfang ein Unterstützungskommando erreichen konnte, soll am Beispiel des UKdo 5 dargestellt werden. Ihm waren folgende Verbände / Einheiten unterstellt:
  • die Stabskompanie,
  • die Verbindungskommandos 4500 / 1 und 4500 / 2,
  • die Instandsetzungslenkgruppen 451, 452,
  • das Transportregiment 45 mit den Transportbataillonen 451, 452, 453 und 454,
  • das Nachschubregiment 45 mit den Nachschubbataillonen 451, 452, 453 und 454,
  • das Instandsetzungsbataillon 451,
  • das Krankentransportbataillon 451,
  • das Sicherungsbataillon 451,
  • das ABC-Abwehrbataillon 451 (großräumiger Einsatz von Nebelstoffen),
  • das Instandsetzungsbataillon 451,
  • die Begleitbatterien 4501 und 4502 (Begleitung / Sicherung amerikanischer Einheiten mit Atomwaffen)
  • die Schwimmbrückenkompanie 4501,
  • das Feldersatzbataillon 451 (zur Ergänzung des eigenen Personals),
  • die Versorgungskompanie 4501 (zur Versorgung der eigenen Truppenteile).
Bei einer Friedensstärke von ca. 100 Soldaten und 80 Zivilbeschäftigten sollte das UKdo 5 in Krise und Krieg auf 100 aktive Soldaten und rund 12.000 einberufene Reservisten und rund 2.500 Kraftfahrzeuge aufwachsen. Seine Stärke entsprach also etwa zwei Brigaden des Feldheeres.
Das UKdo 5 und Teile der unterstellten Verbände / Einheiten nahm an 13 Übungen, überwiegend unter amerikanischer Leitung oder zumindest mit amerikanischer Beteiligung, teil, davon drei mal in den Vereinigten Staaten. In 39 dienstlichen Veranstaltungen, 2 Planübungen, 94 Kurzwehrübungen und 32 Truppenwehrübungen wurden 5.400 Reservisten aus- und weitergebildet.
Nach der Auflösung des Warschauer Paktes wurde das VII. US-Korps Anfang 1992 in die USA zurück verlegt und dort aufgelöst. Seine Unterstützung war daher nicht mehr erforderlich. Das UKdo 5 wurde am 14. Dezember 1992 bei einem feierlichen Appell durch den Befehlshaber im Wehrbereich V förmlich von seinem Auftrag entbunden. Am 10./11. September 1993 wurde die letzte Kurzwehrübung des Stabes und der Stabskompanie mit Abschlussappell durchgeführt, die Auflösung erfolgte aufgrund Organisationsbefehl Nr. 1890 / 93 (H) vom 14. April 1993 mit Wirkung zum 31.Dezember 1993.
Unterstützungskommando 7
Das Unterstützungskommando 7 wurde am 1. Oktober 1988 in Mönchengladbach aufgestellt und unterstand dem Territorialkommando Nord. Es arbeitete auf amerikanischer Seite zunächst mit dem 7th Theater Army Area Command (TAACOM) in Rheinberg, später mit dem 21st TAACOM in Kaiserslautern zusammen.
Das UKdo 7 wurde zum 30. September 1992 aufgelöst.
Unterstützungskommando 8
Das Unterstützungskommando 8 wurde am 1. April 1986 in Zweibrücken aufgestellt und unterstand dem Territorialkommando Süd. Auf amerikanischer Seite arbeitete es mit dem 21st Theater Army Area Command zusammen.
Mit Organisationsbefehl Nr. 104 / 97 (H) vom 15. Oktober 1996 wurde das Unterstützungskommando 8 zum 31. März 1997 aufgelöst.
Unterstützungskommando 9
Das Unterstützungskommando 9 wurde am 1. Oktober 1986 in Mannheim aufgestellt, 1993 wurde es nach Philippsburg verlegt, und unterstand dem Territorialkommando Süd. Ansprechpartner des Unterstützungskommandos 9 auf Seiten der Amerikaner war das 4th Transportation Command.
Das Unterstützungskommando 9 wurde aufgrund Organisationsbefehl Nr. 106 / 97 (H) vom 15. Oktober 1996 zum 31. März 1997 aufgelöst.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bundesgesetzblatt II vom 22. April 1992

Literatur[Bearbeiten]

  • Manfred Berg, Philipp Gassert: Deutschland und die USA in der Internationalen Geschichte des 20 Jahrhunderts, Festschrift für Detlef Junker, Franz Steiner Verlag, 2004, ISBN 3-5150-8454-1
  • Gerd Kaldrack, WHNS-Unterstützungskommando Neuer Großverband des deutschen Heeres, in Truppenpraxis Heft 3/1986, S. 225ff

Weblinks[Bearbeiten]

  • Bundesarchiv – Militärarchiv Bestand BH 36
  • Chronik Unterstützungskommando 5 (Stab/ Stabskompanie), Verbindungskommandos 45001/45002, InstLenkgruppen 451/452 im Bestand des Stadtarchivs Ludwigsburg, SG 1.4
  • Bundesminister der Verteidigung, Informations- und Pressestab, Hrsg.; Faltblatt: ’Heer, Stichworte + Zahlen, Bonn, 1980