Ural-Werk

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Ural Cross Tourist, Baujahr 2010

Die Geschichte der russischen Ural-Werke in Irbit (russisch Ирбитский мотоциклетный завод,Irbitski Motozikletny Sawod „Ural“, IMZ Ural) mit ihrer Motorradproduktion geht bis ins Jahr 1939 zurück. Die Firma wurde nach ihrem Standort in der Uralregion benannt.

Firmengeschichte[Bearbeiten]

1939 bis 1969[Bearbeiten]

Bei gemeinsamen Manövern mit der deutschen Wehrmacht zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde die Rote Armee auf die deutschen BMW-R-71-Motorradgespanne aufmerksam (hergestellt 1938-1941), die mit einem Maschinengewehr und dem Behördenbeiwagen TR500 ausgerüstet waren und sich wegen ihrer Schnelligkeit und Wendigkeit sehr bewährten. Das sowjetische Verteidigungsministerium beriet zu dieser Zeit über die Anschaffung neuer Fahrzeuge. Nach längerer Diskussion wurde entschieden, die R-71 im eigenen Land nachzubauen.

Wie die Pläne in die Sowjetunion gelangt sind, ist historisch nicht einwandfrei geklärt. Eine verbreitete Version ist, dass fünf Exemplare des BMW-Motorrads über das neutrale Schweden in die Sowjetunion eingeführt wurden und dort über Reverse-Engineering die Grundlage für die Ural-Produktion bildeten. Wahrscheinlicher ist, dass die Pläne auf offiziellem Weg im Rahmen eines Technologietransfers von Deutschland in die Sowjetunion gelangten, der infolge des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes eingetreten war.[1]

Die M-72 wurde bis 1957 in Irbiter Motorradwerken hergestellt, wobei das M für „Motozikl“ (russ. Мотоцикл für Motorrad) steht. Die M-72 war zunächst eine detailgetreue Kopie der BMW R 71, die jedoch für schweres Gelände ungeeignet war, weshalb das Modell laufend verbessert wurde: Neuer Luftfilter mit Ölfüllung, höher gelegtes vorderes Schutzblech sowie hinterer Schutzblechbügel zum besseren Aufklappen des Schutzbleches, was den Radwechsel erleichtert. Ebenso Knotenbleche an der hinteren Stoßdämpferaufnahme, da im Feldeinsatz Rahmenbrüche auftraten.

Die M-72 läuft mit einem quadratisch ausgelegten (Bohrung x Hub 78 × 78 mm), seitengesteuerten 2-Zylinder-Viertakt-Boxermotor. Die Höchstleistung beträgt 16 kW (22 PS) bei 4950/min. Das Gespann wiegt betriebsfertig ca. 350 kg und kann drei Personen mit Gepäck/Ausrüstung tragen. Es wurde von der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg als geländetaugliches Fahrzeug eingesetzt.

Ab 1941 lief die Produktion der Seitenwagenmotorräder in Moskau auf Hochtouren. In der Moskauer Fabrik wurden 1753 Motorräder produziert, bevor die Wehrmacht näher rückte und die Fabrik 1200 Kilometer weiter nach Osten nach Irbit ins Ural-Gebirge verlagert wurde.[2] Dies führte schließlich zum Namen "Ural" für das Gespann. In der Stadt Irbit wurden während des Krieges weitere 9799 Maschinen gefertigt, bis 1950 waren insgesamt 30.000 Motorräder hergestellt worden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg baute man, wie auch im neuen Kiewer Dnepr Werk, die Maschinen weiterhin hauptsächlich für das Militär und sonstige staatliche Behörden. Im Jahr 1953 entschied man sich, mit steigendem Bekanntheitsgrad die Ural-Motorräder auch zu exportieren. Ab den 1960er Jahren stiegen die Ural-Werke in die Produktion rein ziviler Motorräder ein. Die Fertigung von Fahrzeugen für das Militär wurde eingestellt. Mittlerweile wurde nicht mehr der alte und unverwüstliche Seitenventiler-Motor mit 750 cm³ gebaut, sondern schon eine Eigenentwicklung mit 650 cm³ und hängenden Ventilen mit Ventilbetätigung über Stoßstangen durch eine Nockenwelle im Motorgehäuse, der sich aber vom 650 cm³ OHV der Dnepr Modelle erheblich unterscheidet.

1966 verließ die 500.000. Maschine das Werk in Irbit. Die Jahresproduktion lag damals bei 200'000 Motorrädern.[3]

1970 bis 1989[Bearbeiten]

Ab 1970 importierte der Londoner Fred Wells erstmals die damalige Ural M63 nach Großbritannien. Von 1972 bis 1979 hatte die Soviet American Trade Association (SATRA) die Konzession für den Export sowjetischer Motorräder und führte in den angelsächsischen Ländern den Handelsnamen «Cossack» ein.[4] In den deutschsprachigen Ländern waren die Motorräder aus Irbit jedoch immer unter ihrem Namen Ural bekannt.

1975 wurde das 1'000'000 Motorrad in Irbit produziert.

1989 waren bei IMZ Ural schon 2 Millionen Maschinen vom Band gelaufen. Zu Spitzenzeiten waren etwa 9.000 Menschen bei IMZ Ural beschäftigt.

1990 bis 1999[Bearbeiten]

Im November 1992 wurde die staatliche Fabrik privatisiert und in Uralmoto AG umbenannt. 40 Prozent der Aktien wurden dem damaligen Management und den Mitarbeitern zugeteilt und 38 Prozent wurden in Form von Privatisierungs-Gutscheinen größtenteils an Management und Mitarbeiter versteigert. 22 Prozent der Aktien blieben zuerst bei der Regierung, wurden später aber ebenfalls an Investoren weitergegeben.[5]

Für die russischen Sicherheitskräfte lieferte Ural im Jahre 1999 letztmals Motorräder.

2000 bis heute[Bearbeiten]

Nachdem das Unternehmen von 1998 bis 2000 einer privaten russischen Investorengruppe gehörte, kauften im Jahre 2000 drei in den USA lebende russischstämmige Unternehmer die Fabrik und nannten sie neu Irbit MotorWorks of America, Inc. (IMWA).

Seinen letzten bedeutenden Großauftrag erhielt das Irbiter Motorradwerk 2002, als die irakische Regierung unter Saddam Hussein 1000 Ural-Gespanne bestellte. Ausgeliefert wurden die grau lackierten Gespanne mit 650er-Motor, E-Starter und Alu-Zylinder. Die Lieferungen mussten nach Kriegsbeginn gestoppt werden, die schon gelieferten Ural wurden im Krieg größtenteils zerstört.[6]

Die neuen Eigentümer setzten ein neues Management ein, CEO ist Wladimir Kurmatschew, Chefdesigner ist Sergei Swetlowski. Bei einer kompletten Reorganisation der IMWA wurde das über mehrere Hektar verteilte Fabrikgelände stark verkleinert, ebenso wurde die Mitarbeiterzahl auf heute rund 150 Mitarbeiter reduziert und in Teilbereichen wurden neue Produktionstechniken eingeführt. Dazu gehörte eine Qualitätskontrolle an allen Punkten der Produktion und der Einbau von Komponenten aus 15 westlichen Ländern. Die Fertigungsqualität stieg rapide und es kam vermehrt zur Entwicklung neuer Modelle.

Aus ökologischen Gründen musste das Werk vor einigen Jahren die hauseigene Galvanische Abteilung schließen.

In den letzten Jahren wurden nur noch 500 (2009), 800 (2010) bis 900 Motorräder/Gespanne (2011) produziert. Hauptabsatzmarkt ist mit 496 Motorrädern die USA. Fast so viele Maschinen werden nach Westeuropa geliefert und Einzelstücke nach Kanada, Australien, Japan, Südafrika und Korea.[7]

Nur ganz wenige Ural Gespanne werden in Russland selbst verkauft, 2009 waren es nur gerade 17 Maschinen.[8] Die Motorräder aus Irbit sind für russische Verhältnisse teuer, ein Ural Retro-Gespann kostet beispielsweise 355'000 Rubel oder 9000 Euro.

Das Händlernetz umfasst in den USA und in Europa je 60 Händler, in Kanada 10, in Australien 5, in Japan 3 sowie einzelne Händler in Korea, Neuseeland und den Golf-Staaten. Insgesamt rund 140 Händler weltweit. Seit 2003 hat die Ural Motorcycles GmbH im österreichischen Linz den Generalvertrieb für Ural Motorräder, Ersatzteile und Zubehör in Europa inne.[9]

Seit 1942 wurden in Irbit mehr als drei Millionen Motorräder und Gespanne gebaut.

Technische Entwicklung des Ural-Motorradbaus[Bearbeiten]

1930–1950[Bearbeiten]

Das sowjetische Militär hatte schon vor dem Krieg BMW-Boxer-Motorräder gekauft, analysiert, mit Harley-Davidson verglichen und dann den BMW-Boxer aufgrund der besseren Kühlungseigenschaften als nachzubauendes Fahrzeug ausgewählt. Produktionsstandort wurde das sichere Uralgebiet.

1950–1980[Bearbeiten]

Nach dem Krieg wurden diese Zweizylinder-Boxer-Modelle unter den Handelsnamen Ural und Dnjepr weitergebaut. Die Konstruktion wurde dabei weiterentwickelt u.a. im Bereich des Zylinderkopfes, des Rahmens und der Vordergabel, so dass von der ursprünglichen R 71 lediglich die Grundkonzeption erhalten blieb. Insbesondere die Ausstattung späterer Modelle mit auf der R 75 basierenden OHV-Motoren führte zu einer Abkehr vom ursprünglichen R-71-Konzept und verdeutlichte die Eigenständigkeit diese Nachfolgemodelle.

Modelle seit 1941[Bearbeiten]

Zeitleiste der Ural-Modelle von 1941 bis 1979
Typ 1940er 1950er 1960er 1970er
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9
Gespann M-72
M-61
M-62
M-63
M-66
M-67
Ural …
Solo M-75
M-76
M-77
M-72M
Zeitleiste der Ural-Modelle seit 1980
Typ 1980er 1990er 2000er 2010er
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2
Gespann … Ural
GearUp
Tourist 99
Retro
Classic
SportsMan
Basic
Tourist 04
Patrol 04
Retro
SportsMan
Tourist
Solo Solo 650
Solo Classic
Wolf
Patrol
Solo Classic 02
Solo Retro
Solo Classic 03
Wolf 03
Wolf 04
Patrol 04
Sondermodelle Woronja
Pustinja
Wjuga
Roter Oktober
Schneeleopard
M-70

Ab Modelljahr 1998 werden die Gespann-Modelle unter der Bezeichnung Ranger (Gear-Up), Patrol (Sportsman), Tourist und Retro gebaut. Die Solo-Modelle heißen ab 1991 Wolf, Ural Solo und Retro Solo. Sämtliche Modelle verwenden seit 2008 den gleichen luftgekühlten Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor mit 745 cm³ Hubraum. Die Nennleistung beträgt dabei 29 kW. Das Getriebe umfasst vier Vorwärtsgänge und einen Rückwärtsgang, der im Leerlauf über eine extra Getriebewelle geschaltet wird.

Ebenfalls seit dem Modelljahr 2008 werden viele sicherheitsrelevante Bestandteile aus westlichen Ländern verbaut: So werden Keihin L22AA 32 mm Vergaser und Denso-Lichtmaschinen aus Japan eingebaut. Aus Italien kommen die elektronische Zündanlage von Ducati Energia, die Lenkerarmaturen, Züge, Hebel sowie die Brembo-Scheibenbremsanlage am Vorderrad. Aus Deutschland werden ZF Sachs-Stoßdämpfer und Herzog-Zahnräder (Motor, Getriebe) verbaut. Auch alle Lager, Wellendichtringe, Schrauben, Muttern, Kabel und elektrischen Verbindungsstecker am Gespann sind westlicher Herkunft.

Nach all diesen Verbesserungen gelten die Ural-Gespanne ab Baujahr 2008 als zuverlässige und alltagstaugliche Fahrzeuge.

Der Endantrieb erfolgt über Kardan. Bei den Modellen Ranger und Sportsman lässt sich der Beiwagenradantrieb zuschalten. Allerdings erfolgt die Übersetzung 1:1 ohne Differential. Somit sollte er nur für Fahrten im Gelände benutzt werden, wo man mit dem normalen Hinterradantrieb nicht mehr weiterkommt.

Seit dem Jahr 2006 kommt jedes Jahr ein limitiertes Sondermodell auf den Markt.

Sondermodell „Worona“ 2006[Bearbeiten]

Das erste Sondermodell war 2006 die schwarze „Worona“ ("Der Rabe"). Sie ist komplett mattschwarz, kein Chrom, und wurde in nur 33 Exemplaren produziert.

Sondermodell „Pustinja“ 2007[Bearbeiten]

Das Sondermodell von 2007 erhielt den Namen „Pustinja“ („Wüste“). Es wurde in wüstenbrauner Farbe lackiert und nur in 35 Exemplaren angefertigt.

Sondermodell „Wjuga“ 2008[Bearbeiten]

Das Sondermodell 2008 heißt „Wjuga“ („Schneesturm“) und ist in Winter-Tarnfarben lackiert. Ein großes Windschild, Knieschutzbleche und Heizgriffe schützen den Fahrer.

Sondermodell „Roter Oktober“ 2009[Bearbeiten]

Im Jahr 2009 hieß das Sondermodell „Roter Oktober“ und sollte an die Oktoberrevolution und den Film „Jagd auf roten Oktober“ erinnern. Das Modell entstand auf der Grundlage der „Tourist“-Version ohne Beiwagenantrieb und mit dem Beiwagenfahrgestell des „Retro“-Modells. Daraus sollen eine bessere Straßenlage und höhere Kurvengeschwindigkeiten resultieren. Ausgestattet ist die Ural „Roter Oktober“ mit einem Rückwärtsganghebel am Tank, runden Lichtern am Beiwagen, Gepäckträger an Motorrad und Beiwagen, sowie einem Erste-Hilfe-Kasten. Alle Blechteile sind in Grenadierrot lackiert, alle Rahmen- und Motorenteile in Mattschwarz. Auch dieses Sondermodell wurde nur in 35 Exemplaren angefertigt.

Sondermodell „Schneeleopard“ 2010[Bearbeiten]

Im Jahr 2010 kam das Sondermodell „Schneeleopard“ auf den Markt mit grau lackierten Rahmenteilen und weißen Blechen. Von der edlen Version „Schneeleopard“ Retro wurden nur fünf Stück für ganz Europa produziert. In Abweichung zur Standard Ural Retro sind die Sitze und Beiwagenverdeck grau gehalten, der Beiwagen ist mit einem Gepäckträger am Kofferraumdeckel, einem Benzinkanister aus Chromstahl, einem Windschild, einem Sturzbügel und einem zusätzlichen Scheinwerfer ausgerüstet.

Die Version „Schneeleopard“ Ranger ist hingegen ein voll ausgestattetes Winterfahrzeug, ausgerüstet mit drei Heidenau M+S Winterreifen und einem Reservereifen mit Spikes, Heizgriffen und Windschild für den Fahrer, Sturzbügel und Zusatzscheinwerfer am Beiwagen vorne, Spaten, Reservekanister und Gepäckträger. Beide Versionen zusammengezählt wurden insgesamt nur 20 Stück gebaut.

Sondermodell „Jubiläumsmodell M70“ 2011[Bearbeiten]

Am 19. November 2011 feierte das Irbiter Motorradwerk seinen 70. Geburtstag und brachte aus diesem Anlass ein Jubiläumsmodell M70 auf den Markt. Es soll in der Optik an die Original M72 erinnern, die technischen Details sind allerdings auf dem heutigen Stand. Als Basisfahrzeug diente das Modell Retro, welches in den Farben der M72 aus den Kriegsjahren lackiert wird. Das Material und die Farbe der Beiwagenabdeckung sind fast identisch mit dem Original aus den 1940er Jahren, ebenso das alte rote runde IMZ Logo am Tank, das seit 1956 nicht mehr im Gebrauch war. Eine Maschinengewehrhalterung ist am Beiwagen integriert.[10]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: IMZ-Ural motorcycles – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ural Motorcycles Europe: Die Geschichte der Ural Motorräder. Ural Motorcycles Europe. 2014. Abgerufen am 9. Februar 2014.
  2. Ural Team: Historie der Ural-Gespanne. Ural Team Oberhausen. 2011. Abgerufen am 28. Januar 2012.
  3. Ural Team: Historie der Ural-Gespanne. Ural Team Oberhausen. 2011. Abgerufen am 28. Januar 2012.
  4. http://750cc.ru: История марки Урал. http://750cc.ru.+2011.+Abgerufen am 3. Februar 2012.
  5. IMWA: Ural factory. Irbit MotorWorks of America, Inc.. 2012. Abgerufen am 28. Januar 2012.
  6. ural.at: Das IRAQUI Bike. Ural Motorcycles Europe. 2011. Abgerufen am 18. März 2012.
  7. uraldnepr.ru: О нынешней жизни мотоциклов Урал. uraldnepr.ru. 30. Januar 2012. Abgerufen am 3. Februar 2012.
  8. motonews.ru: Historie der Ural-Gespanne. motonews.ru. 28. April 2010. Abgerufen am 3. Februar 2012.
  9. http://750cc.ru: Цены на мотоциклы Урал. http://750cc.ru.+2011.+Abgerufen am 3. Februar 2012.
  10. DNEPR-URAL GmbH: Jubiläumsmodell M70. DNEPR-URAL GmbH. 19. November 2011. Abgerufen am 28. Januar 2012.