Nesselsucht

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Klassifikation nach ICD-10
L50 Urtikaria
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Die Nesselsucht (Urtikaria) ist eine krankhafte Reaktion der Haut auf Nahrungsmittel oder Medikamente (Allergien), auf Einwirkungen von Wärme oder Kälte, Licht, Druck oder Wasser, auf immunologische Phänomene oder auch auf psychischen Stress. Kennzeichen sind Quaddeln oder Erytheme. Die akute Urtikaria besteht − im Gegensatz zur chronischen Verlaufsform − nicht länger als sechs Wochen; oft kann ein Auslöser nicht bestimmt werden (idiopathische Urtikaria).[1]

In Deutschland soll es ca. 800.000 Betroffene geben. 2014 wurde für den 1. Oktober erstmals der Welt-Urtikaria-Tag ausgerufen.[2]

Überblick[Bearbeiten]

Die Erkrankung beginnt mit zunächst blassroten bis roten Erhebungen der Haut, ähnlich Mückenstichen. Die Veränderungen werden größer, bilden Quaddeln oder Erytheme und jucken stark – ähnlich der Reaktion bei der Berührung mit Brennnesseln (Urtica), daher der Name. Die Quaddeln können wenige Millimeter Durchmesser haben oder so groß wie die gesamte Handfläche sein. Bei einer disseminierten Urtikaria können große Teile der Körperoberfläche betroffen sein. Rund um die Quaddeln bildet sich oft ein rötliches Reflexerythem. Gelegentlich bleibt der Ausschlag nicht durchgehend an einer bestimmten Stelle, sondern er wandert über den Körper. Der Ausschlag wechselt dann seine Position innerhalb kurzer Zeit und am Ursprungsort ist nichts mehr davon zu erkennen. Die Rückbildung dauert in der Regel 3 bis 4 Stunden, maximal nach 12 Stunden ist für gewöhnlich kein Erscheinungsbild mehr sichtbar.[3]

Quaddeln sind ödematöse Erhabenheiten der Lederhaut von hellroter Farbe (Urticaria rubra), die bei ausgeprägten Ödemen hautfarben bzw. blass-weiß (Urticaria porcellanea) erscheinen können. Auslöser der Schwellungen ist meist die Freigabe des Botenstoffes Histamin aus Mastzellen, welcher die Durchlässigkeit der dermalen Blutgefäße erhöht und somit zu Wassereinlagerungen in der Lederhaut führt. Die Gründe für die Freisetzung dieses Stoffes sind verschieden, allerdings ist nur in 10 % aller Fälle eine Allergie die Ursache. So existieren vielmehr eine große Anzahl an Auslösern und Ursachen; meist handelt es sich um folgende Möglichkeiten:

  • Autoreaktivität (körpereigene Stoffe werden nicht vertragen; siehe Autoimmunerkrankungen)
  • Überempfindlichkeit gegen Medikamente oder Nahrungsmittelzusätze (Konservierungs-, Farb- und Aromastoffe)
  • chronische Infekte, die bis auf die Urtikaria beschwerdefrei verlaufen können (z. B. im Verdauungstrakt)[4]
  • eine Histaminabbaustörung, die eine vermehrte Histaminausschüttung aus den Mastzellen verursacht

Eventuell kann es zur Bildung eines Quincke-Ödems kommen; Schwellungen in Gesichtsregionen, im Bereich der Mund- und Rachenschleimhaut sowie am Kehlkopf können zu einer lebensbedrohlichen Atemnot führen.

Eine chronische Urtikaria kann auch organische Ursachen haben, z. B. Störungen in der Nebennierenrinde oder versteckte Entzündungsherde im Körper.

Ein Bakterium im Magen, Helicobacter pylori, kann Auslöser der Nesselsucht sein. Auch andere bakterielle Infekte als Auslöser der Nesselsucht sind bekannt.[5]

Stress kann die Urtikaria verstärken, wird jedoch auch als Auslöser diskutiert.[6] [7]

Physikalische Urtikaria[Bearbeiten]

Physikalische Urtikaria werden nicht durch chemische Substanzen, sondern durch äußere Einwirkung von Druck, Hitze oder Kälte ausgelöst. Sie gehören zu den Pseudoallergien, sind also keine Allergie im medizinischen Sinn. Vermutlich aufgrund einer Fehlsteuerung des histaminergen Systems bewirkt der Reiz die Freisetzung von Histamin, einer körpereigenen Mediatorsubstanz, die wiederum die Symptome auslöst.

Die einzelnen Formen sind Urticaria factitia oder urtikarieller Dermographismus (Quaddeln im Muster einer mechanischen Einwirkung wie nach Kratzen, Drücken, Bestreichen oder Schreiben auf der Haut), Wärmeurtikaria, Sonnenurtikaria, Vibrationsurtikaria und die relativ häufige Kälteurtikaria - umgangssprachlich auch oft als "Kälteallergie" bezeichnet.

Kontakt mit (Sonnen)licht löst bei einigen Formen der Stoffwechselstörung Erythropoetische Protoporphyrie (EPP) eine urtikaria-ähnliche Reaktion aus (EPP vom Urtikaria-Typ).

Weitere Formen[Bearbeiten]

Seltene Formen sind die durch psychische Reize ausgelösten cholinergische und adrenergische Urtikaria, wobei die Bezeichnungen ausdrücken, dass eine Aktivierung des vegetativen Nervensystems dabei eine Rolle spielt. Eine weitere Form ist die äußerst seltene aquagene Urtikaria, bei der juckende Quaddeln und Hautrötung selbst beim Kontakt mit destilliertem Wasser ausgelöst werden. Es gibt nur einzelne Fallbeschreibungen in der Literatur. Der Pathomechanismus dieser Störung ist noch unbekannt; Spekulationen vermuten, dass lösliche Substanzen der Haut mit dem Wasser in die Poren eingeschwemmt werden. Ebenso wie bei den physikalischen Auslösern ist es auch hier nicht korrekt, von einer Allergie oder gar „Wasserallergie“ zu sprechen.

Behandlungsmöglichkeiten[Bearbeiten]

Oft verschwinden die Symptome innerhalb weniger Stunden, meist ebenso schnell wie sie aufgetreten sind. Dann ist keinerlei Behandlung notwendig. Jedoch sollte darauf geachtet werden, den möglichen Auslöser zu vermeiden.

Bei längerer Dauer kann der Arzt Antihistaminika oder Kortison zur Unterdrückung der Symptome verabreichen. Bei chronischer Urtikaria kann die Behandlung auch über längere Zeit erfolgen, jedoch sollten immer wieder Therapiepausen eingelegt werden, um zu kontrollieren, ob sich die Nesselsucht spontan zurückgebildet hat.

Bei andauernder chronischer Nesselsucht kann die Suche nach den Auslösern unter Umständen einen mehrtägigen Krankenhausaufenthalt notwendig machen.

Eine im März 2013 veröffentlichten Studie der Allergie-Forschungsgruppe der Berliner Charité zeigte, dass bei den bisher erfolglos mit Antihistaminika behandelten Patienten das Asthma-Medikament Omalizumab eine erfolgreiche Therapiemöglichkeit darstellt[8].

Abbildungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Marcus Maurer, Jürgen Grabbe: Urtikaria – gezielte Anamnese und ursachenorientierte Therapie. In: Deutsches Ärzteblatt. Bd. 105, 2008, S. 458–466, doi:10.3238/arztebl.2008.0458.
  2. nesselsuchtinfo.de
  3. Peter Fritsch: Dermatologie und Venerologie für das Studium. Springer Medizin, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-540-79302-1.
  4. Allergieportal von ECARF zu den Ursachen der Urtikaria
  5. Bettina Wedi, Alexander Kapp: Evidenzbasierte Therapie der chronischen Urtikaria. In: JDDG. Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. Bd. 5, Nr. 2, Februar 2007, S. 146–155, doi:10.1111/j.1610-0387.2007.06074_supp.x.
  6. Urtikaria.net
  7. Urtikaria – Leiden ohne Ende?
  8. Omalizumab for the Treatment of Chronic Idiopathic or Spontaneous Urticaria. The New England Journal of Medicine 2013. Abgerufen am 14. August 2013.
Gesundheitshinweis Dieser Artikel bietet einen allgemeinen Überblick zu einem Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!