Usbeken

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Gemälde usbekischer Männer in traditioneller Kleidung

Usbeken (usbekisch O‘zbeklar/Ўзбеклар; russisch  Узбеки/Usbeki) sind ein zentralasiatisches Turkvolk, das vor allem in Usbekistan und den angrenzenden Staaten lebt. Weltweit gibt es ca. 27 Millionen Usbeken, die damit nach den Türkei-Türken das zweitgrößte Turkvolk bilden.[1]

Namensherkunft und Ethnogenese[Bearbeiten]

Die Bezeichnung „Usbeke“ leitet sich von Usbek Khan ab, einem Herrscher der Goldenen Horde. Die Usbeken entstanden zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert, als von mongolischen Khanen geführte Stämme aus den nördlichen Steppengebieten in das bereits turkisierte Transoxanien einfielen. Dort gingen die Eindringlinge rasch in der dort ansässigen turk- und iranischsprachigen Bevölkerung auf. Die Nomaden Transoxaniens, diese kamen in der Zeit zwischen dem 6. und 12. Jahrhundert in dieses Gebiet, waren überwiegend turksprachig und standen der mongolischen Lebensweise noch sehr nahe. Die Stadt- und Oasenbevölkerung wurde vor allem aus Tadschiken gebildet und sobald die turksprachigen Nomaden sesshaft wurden, nahmen sie recht bald das Idiom der einheimischen Bevölkerung an.

Usbeke in Tracht um 1846

Ihrer Entstehungslegende nach bestanden die heutigen Usbeken aus 97 Stämmen, die heute in drei Hauptgruppen eingegliedert sind:

  1. Die Sart sind die sesshaften Usbeken und bilden die Bevölkerungsmehrheit. Diese sollen von den Tadschiken abstammen.
  2. Die Turki gelten als die Nachfahren der alten Oghusenstämme, die die Region zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert beherrschten. Diese Bevölkerungsgruppe weist noch heute eine strenge archaische Stammesstruktur auf und ist unter anderem als Qarkuq und Barlas bekannt.
  3. Die Qipchaq sind die Nachfahren der ehemaligen Stämme aus der Goldenen Horde. Diese stehen sprachlich-kulturell den Sprechern der kiptschakischen Sprachen nahe und weisen ebenfalls eine traditionelle Stammesgliederung auf. So gehören heute die Stämme der Qunqurt, Manggyt und Qurama zu dieser Gruppe.

Siedlungsgebiete und Religion[Bearbeiten]

In Usbekistan leben heute knapp 22 Millionen Usbeken,[2] den Rest der Einwohner stellen Russen, Tadschiken und Angehörige anderer Ethnien.

Usbekische Minderheiten gibt es in angrenzenden Gebieten Afghanistans (3,5 Millionen),[3] Tadschikistans (1,1 Millionen),[4] Kirgisistans (740.000),[5] Kasachstans (371.000),[6] Turkmenistans (260.000),[7] Russlands (126.000),[8] im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang der Volksrepublik China (10.582, Zensus 2010),[9] und in der Ukraine (13.000).[10]

Die Usbeken sind überwiegend sunnitische Muslime hanafitischer Rechtsschule.

Geschichte[Bearbeiten]

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Die heutigen Usbeken haben eine gemeinsame Geschichte mit den Kasachen, da sie wie diese aus Westsibirien stammen. Gemeinsam fielen ihre Stämme um 1430 mehrfach in Transoxanien ein. Die Stämme, die nördlich des Syrdarja lebten, standen unter der Führung des Muslim Abu'I-Chair Chan (1412–1468) und dieser nannte die Angehörigen seiner Stammesförderation „Usbeken“. Diese lösten dann die Timuriden als Herrscherschicht ab.[11]

Trennung der Kasachen von den Usbeken[Bearbeiten]

Abu'I-Chair Chan sah sich in der Tradition und als Nachfolger von Usbek Khan (reg. 1322–1342) , der den Islam in der Goldenen Horde einführte und dort alle Stämme und Horden unter seiner Führung vereinte. Doch die nördlichen Nomadenstämme zwischen dem Aralsee und der Wolga waren mit den Zuständen im „Usbeken-Khanat“ unzufrieden. So gründeten diese Mitte des 15. Jahrhunderts ein eigenständiges „Kasachen-Khanat“.

Die Usbeken unter den Scheibaniden und den Dschaniden[Bearbeiten]

Unter Abu'I-Chair Chans Enkel Mohammed Shiban Chan fielen die usbekischen Stämme um 1500 in Samarkand, Buchara, Taschkent und Urgentsch (dem heutigen Köneürgenç) ein. Shiban Chan sah sich als Dschingiskhanide und führte seine Familienlinie auf Shibani Khan, einem Enkel des Mongolenherrschers, ab. Mohammed Shiban Chan gründete die nach ihm benannte Scheibanidendynastie.[12]

Nach dem Niedergang der Schaibanidendynastie (1599) regierte über Buchara und Samarkand das Geschlecht der Dschaniden, das sich in die Dynastie eingeheiratet hatte. Diese Dynastie herrscht bis 1785 über die Region und stammte aus Astrachan, von wo sie flüchten mussten. Die Dschaniden führten sich von Dschani Chan ab und galten als eine untergeordnete Nebenlinie der Dschingiskhaniden. Diese Dynastie hatte seit dem 17. Jahrhundert enge Beziehungen mit dem persischen Sufi-Orden und so kamen infolgedessen auch die ersten Schiiten in die Region.

Die usbekischen Stämme waren seit dem 18. Jahrhundert in den drei turkestanischen Khanaten vereinigt. Diese Khanate waren nun kulturell nach dem damaligen Persien ausgerichtet und so genoss auch die persische Sprache eine große Achtung unter den Fürsten. Es handelt sich um folgende Staaten, die von Usbeken beherrscht wurden und unter der losen Oberherrschaft des persischen Schahs standen:

  1. Das Khanat Kokand, das 1710 von Quqan Chan gegründet wurde und das bis 1876 unter der Regierung seiner Erben stand.
  2. Das Khanat Chiwa, das zwischen 1717 und 1920 unter der Herrschaft der Qunurat stand.
  3. Das Emirat Buchara, das zwischen 1785 und 1920 den Khan der Manggyt zum Oberhaupt hatte.

Russische und sowjetische Zeit[Bearbeiten]

Der Reichtum Mittelasiens forderte das Zarenreich heraus und diesem gelangen zwischen 1852 und 1884 umfassende koloniale Eroberungen. Während des letzten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts bis zum sowjetischen Anschluss ordneten die Russen die Region im Namen des Zaren. Die russische Herrschaft über Mittelasien teilte sich das Generalgouvernement Turkestan und das Generalgouvernement der Steppe, sowie die halbkolonial verwalteten Emirate von Buchara (seit 1868 Protektorat) und Chiwa (seit 1873 Protektorat), deren Außenbeziehungen kontrolliert wurden. Im ausgehenden 19. Jahrhundert fand auch der sogenannte „Dschadidismus“ bei einem Teil der Usbeken Eingang.[13] Die Mehrheit der Usbeken lehnte diesen jedoch ab und berief sich auf die persischen Traditionen ihrer Gebiete.

1920 schafften die Sowjets die Emirate von Buchara und Chiwa ab und ersetzten sie bis Februar 1925 durch die Usbekische SSR. Die administrativen Angelegenheiten der Republik wurden in die Hände der jungen und progressiven usbekischen Intellektuellen gelegt, die durch Moskau sanktioniert wurden. Ein Versuch der Zerstörung muslimischer Traditionen durch Seiten der Russen schuf bei der usbekischen Bevölkerung den Wunsch einer autonomen Regierung. Diese Befreiungsbewegung arbeitete eng mit den Kasachen und Turkmenen zusammen und wurde von der Roten Armee unterdrückt. Doch während dieser Zeit entstand bei den Usbeken langsam ein eigenständiges Nationalbewusstsein und sie begannen zu einer Nation zusammenzuwachsen.[14]

Während der sowjetischen Ära wurde das Land hauptsächlich zu einer Rohstoff-Quelle (Baumwolle usw.), für deren Ausbeutung viele Fabriken hergestellt wurden. Es machte die Kollektivierung und Industrialisierung durch. In den späten dreißiger Jahren wurde seine Bevölkerung den Stalinistischen Säuberungen unterworfen. Am Ende der sowjetischen Ära hinterließen diese Bemühungen die Verwüstung des Landes und der Wasserbetriebsmittel der Region. Die Austrocknung des Aralsees ist ein Beispiel davon. Das Restwasser des Aral ist so toxisch, dass die damalige regionale Sowjet-Regierung den am Aralsee lebenden Karakalpaken noch in den 1980er Jahren den Gebrauch des Wassers zur Nahrungszubereitung untersagte.[15] Etwa ab 1983 erschütterte ein Korruptionsskandal die damalige Usbekische SSR, in deren Folge der usbekische Parteichef Scharaf Raschidow in Moskau Selbstmord beging. Raschidow galt als ausgesprochener Stalinist und er etablierte einen ähnlichen Personenkult. So ließ Raschidow sich als Otaxan, als „Vater der usbekischen Nation“ verehren.[16] Doch reichte dieser Skandal auch bis in die Familie des ehemaligen Staatspräsidenten Leonid Breschnew. Auslöser dieses Skandals war die Tatsache, dass Usbekistan zwischen 1978 und 1983 rund eine Milliarde Rubel für Baumwolle erhalten hatte, die es allerdings nie produziert hatte.[17]

Umbruch in der Sowjetunion[Bearbeiten]

Ab 1988 begann Michael Gorbatschow seine Politik der Perestroika. Es wurden nun auch den Unionsrepubliken mehr Entscheidungsmöglichkeiten gegeben und so wurde die Verwaltungsstruktur allmählich dezentralisiert. Doch aufgrund des 1983 bekannt gewordenen Korruptionsskandals galt Usbekistan schlechthin als „Wiege der systematischen Käuflichkeit“.

Im November 1988 gründeten 18 liberale Intellektuelle mit der Organisation Birliq („Einheit“) eine außerparlamentarische Bürgerbewegung, die schnell großen Zulauf hatte. Bereits bei der ersten Großdemonstration am 19. März 1989 erreichte „Birliq“ rund 12.000 Usbeken.[18] Bereits 1990 soll diese Bürgerbewegung über 600.000 Mitglieder besessen haben.[19] Eine Zahl, die von staatlicher Seite immer wieder bestritten wurde.

1989 fand im usbekischen Ferghanatal ein von der damaligen usbekischen Regierung geschürtes Pogrom an den 1944 zwangsangesiedelten Mescheten statt, bei dem ca. 100 starben.[20]

Postsowjetische Zeit[Bearbeiten]

Usbekistan wurde 1991 unabhängig. Seit damals hat das Land seine Wirtschaft variiert, seine Erdgas- und Erdölbetriebsmittel entwickelt und bewogen in Richtung zur Industrialisierung. 1993 begannen kurzfristig Grenzstreitigkeiten zwischen Usbekistan und seinen Nachbarn.[21][22] Doch während die Konflikte mit Afghanistan, Kasachstan und Turkmenistan rasch friedlich gelöst werden konnten, so wurden diese nicht mit dem Nachbarn Kirgisistan beendet. So kommt es regelmäßig zu Bürgerkriegsähnlichen Aufständen der usbekischen Minderheit in Kirgisistan und der kirgisischen Minderheit in Usbekistan. Auch fand eine Re-Islamisierung in Usbekistan statt, als 1990/91 dort eine Sektion der „Islamischen Partei der Wiedergeburt“ gegründet und deren Bestehen von staatlicher Seite aus bekämpft wurde.[23]

Usbekistan verfügt mit seinem nördlichen Nachbarn Kasachstan über freundschaftliche Beziehungen. Nachdem der Minderheit der Karakalpaken weitgehende Minderheitenrechte zugestanden wurden, war das befürchtete Auseinanderbrechen Usbekistans abgewendet. Zuvor bestand diese Volksgruppe auf den Austritt ihrer Autonomen Republik aus Usbekistan und die Übertragung der staatlichen Außenvertretung an den kasachischen Staat.[24] Doch von den slawischen Minderheiten (vor allem Russen und Ukrainer) hat der Großteil bereits das zentralasiatische Land verlassen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinz-Gerhard Zimpel: Lexikon der Weltbevölkerung. Geografie – Kultur – Gesellschaft. Nikol Verlagsgesellschaft, Hamburg 2000, ISBN 3-933203-84-8.
  • Willi Stegner (Hrsg.): TaschenAtlas Völker und Sprachen. Klett-Perthes Verlag, Gotha/ Hamburg 2006, ISBN 3-12-828123-8.
  • Carter Vaughn Findley: The Turks in World History. Oxford University Press, 2005, ISBN 0-19-517726-6.
  • Roland Götz, Uwe Halbach: Politisches Lexikon GUS. Beck'sche Reihe, Verlag C. H. Beck, München 1992, ISBN 3-406-35173-5.
  • Erhard Stölting: Eine Weltmacht zerbricht. Nationalitäten und Religionen in der UdSSR. Eichborn Verlag, 1990, ISBN 3-8218-1132-3.
  • Gabriele Intemann, Annette Snoussi-Zehnter, Michael Venhoff, Dorothea Wiktorin: Diercke Länderlexikon. Westermann Verlag, 1999, ISBN 3-07-509420-X.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Usbeken – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Roland Götz, Uwe Halbach: Politisches Lexikon der GUS. S. 284.
  2. CIA factbook 2008 - Uzbekistan
  3. CIA factbook 2008 - Afghanistan
  4. CIA factbook 2008 - Tajikistan
  5. CIA factbook 2008 - Kyrgyzstan
  6. Ethnic groups in Kazakhstan
  7. CIA factbook 2008 - Turkmenistan
  8. Всероссийская перепись населения 2002 года
  9. Chinese National Minorities
  10. State Statistics Committee of Ukraine: The distribution of the population by nationality and mother tongue
  11. Roland Götz, Uwe Halbach: Politisches Lexikon der GUS. S. 285.
  12. Roland Götz, Uwe Halbach: Politisches Lexikon der GUS. S. 285.
  13. Roland Götz, Uwe Halbach: Politisches Lexikon der GUS. S. 287.
  14. Willi Stegner: TaschenAtlas Völker und Sprachen. S. 107.
  15. Erhard Stölting: Eine Weltmacht zerbricht. S. 173.
  16. Roland Götz, Uwe Halbach: Politisches Lexikon der GUS. S. 289.
  17. Erhard Stölting: Eine Weltmacht zerbricht. S. 173.
  18. Erhard Stölting: Eine Weltmacht zerbricht. S. 173.
  19. Roland Götz, Uwe Halbach: Politisches Lexikon der GUS. S. 291.
  20. Erhard Stölting: Eine Weltmacht zerbricht. S. 175.
  21. Heinz-Gerhard Zimpel: Lexikon der Weltbevölkerung. S. 571.
  22. Roland Götz, Uwe Halbach: Politisches Lexikon der GUS. S. 295/296
  23. Roland Götz, Uwe Halbach: Politisches Lexikon der GUS. S. 292.
  24. Roland Götz, Uwe Halbach: Politisches Lexikon der GUS. S. 295.