Uwe Timm

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Schriftsteller Uwe Timm. Zum Autor und Herausgeber siehe Uwe Timm (libertärer Autor).
Uwe Timm Frankfurter Buchmesse 2013

Uwe Hans Heinz Timm (* 30. März 1940 in Hamburg) ist ein deutscher Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten]

Uwe Timm − drittes Kind des Ehepaares Hans und Anna Timm − wurde während des Zweiten Weltkrieges im Alter von drei Jahren (1943) gemeinsam mit seiner Mutter zu Verwandten nach Coburg evakuiert. Im Spätsommer 1945 kehrten sie nach Hamburg zurück, wo der aus dem Krieg heimgekehrte Vater eine Kürschnerei eröffnete. Im Anschluss an den Besuch der Volksschule absolvierte Uwe Timm eine Kürschnerlehre in der Firma Levermann. Nach Abschluss der Lehre übernahm Uwe Timm 1958 das hoch verschuldete Pelzgeschäft seines kurz zuvor verstorbenen Vaters († 1. September 1958).[1] Nach der Sanierung des Geschäftes besuchte Timm ab 1961 das Braunschweig-Kolleg. Hier lernte er Benno Ohnesorg kennen. Ohnesorg war Herausgeber der Zeitschrift teils-teils. In der Nr. 1 − weitere Nummern folgten nicht − erschienen Timms erste Gedichte.

Das Kolleg beendete Uwe Timm am 5. März 1963 mit dem Abitur. Gemeinsam mit seiner Freundin Jutta Kosjek − sie wird im Mai 1964 die Mutter seiner ersten Tochter Katharina − ging Timm nach München, um an der Ludwig-Maximilians-Universität München die Fächer Philosophie und Germanistik zu studieren. Benno Ohnesorg hingegen begann ein Studium in Berlin. Timms akademische Lehrer in München waren der Philosoph Max Müller (Schüler Martin Heideggers), der Mediävist Hugo Kuhn und der Germanist Walter Müller-Seidel.[2]

1966 setzte Uwe Timm sein Studium bei Raymond Aron und Jean Wahl an der Sorbonne in Paris fort. Hier lernte er Alice Dermigny und den Mathematiker Diederich Hinrichsen kennen. Gemeinsam mit Hinrichsen schrieb Timm ein Theaterstück, für das sie jedoch keinen Verlag finden konnten. In Paris hörte Timm im Juni 1967 die Nachricht vom Tod seines Freundes Benno Ohnesorg.[3]

Im September 1967 kehrte Uwe Timm nach München zurück. Hier war er von 1967 bis 1969 im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) politisch tätig. Er schrieb Agitprop-Lyrik und Straßentheaterstücke; und er beteiligte sich an der Besetzung der Münchner Universität. Während der Proteste im Jahr 1968 wohnte Timm einige Monate in Hamburg. Er nahm Kontakt auf zum Autorenkollektiv Hamburg linksliterarisch, dem u. a. die Schriftsteller Klaus Kuhnke, Peter Schütt und Uwe Wandrey angehörten.[4]

Im November 1969 heiratete Uwe Timm die aus Villa Gesell (Argentinien) stammende und spätere Übersetzerin Dagmar Ploetz: Ihre Vorfahren leben seit 150 Jahren in Südamerika.[5] Ein Zweitstudium der Soziologie und Volkswirtschaft, das er 1970 begonnen hatte, gab er 1972 wieder auf. 1971 promovierte Uwe Timm über das Thema Das Problem der Absurdität bei Albert Camus.

Seitdem arbeitet Timm als freier Schriftsteller. 1971/72 gründete er die »Wortgruppe München« und war Mitherausgeber der Zeitschrift Literarische Hefte. Von 1972 bis 1981 wirkte er − in den ersten Jahren gemeinsam mit Uwe Friesel, Richard Hey und Hannelies Taschau − als Herausgeber der AutorenEdition im Bertelsmann-Verlag.[6] Nach deren Auflösung wechselte Uwe Timm zum Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln.

1973 wurde Uwe Timm ein Mitglied der DKP. Mit den Zielen konnte er sich aber nicht vollständig identifizieren, so dass er 1981 seinen Austritt erklärte, u. a. wegen der unkritischen Haltung der Partei gegenüber der DDR. Im selben Jahr siedelte er für zwei Jahre nach Rom über. Uwe Timm lebt derzeit mit seiner Familie in München und Berlin.

Dreimal wurde Timm als writer in residence an Universitäten des englischsprachigen Raums berufen:

In Deutschland hielt Uwe Timm folgende Poetikvorlesungen:

Im Frühjahr 2009 hatte Timm an der Leuphana Universität Lüneburg die erste Heinrich-Heine-Dozentur inne. Außerdem war er 2006 Ehrengast der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom, ferner erhielt Uwe Timm 2012 die Kasseler Brüder-Grimm-Professur.[7]

Mitgliedschaften[Bearbeiten]

Seit Herbst 1994 ist Uwe Timm ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt, des PEN-Zentrums Deutschland und der Akademie der Künste (Berlin).

Rezeption[Bearbeiten]

Nach der Veröffentlichung seines Romans Heißer Sommer im Jahr 1974 erlangte Uwe Timm als Autor erstmals große Aufmerksamkeit: Das Werk zählt bis heute zu den wenigen literarischen Zeugnissen der 68er-Studentenrevolte. Auch sein postkolonial-historischer Roman Morenga aus dem Jahr 1978 hat zu seiner wachsenden Popularität beigetragen.

Große Erfolge feierte Uwe Timm Anfang der 90er Jahre mit der Novelle Die Entdeckung der Currywurst, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde. Die Novelle wurde 2008 von Ulla Wagner mit Barbara Sukowa und Alexander Khuon in den Hauptrollen verfilmt.

Im neuen Jahrtausend wurde Uwe Timm gefeiert für seinen Roman Rot (2001), der von den Hoffnungen und Wünschen der 68er, von Lebensläufen und ihren Geheimnissen, von den Utopien und Verbrechen unserer Geschichte erzählt. 2003 erschien Timms autobiografische Erzählung Am Beispiel meines Bruders, die eine allgemeine Diskussion über die deutsche Erinnerungskultur und den Nationalsozialismus auslöste. Ein großes Echo rief auch die Erzählung Der Freund und der Fremde (2005) hervor, in der er die Geschichte seiner Freundschaft zu Benno Ohnesorg aufarbeitet. Mit dem Roman Vogelweide gelangte er 2013 auf die Auswahlliste des Deutschen Buchpreises.

Uwe Timms Werke wurden u. a. ins Dänische, Englische, Französische, Italienische, Niederländische, Norwegische, Polnische, Russische, Spanische, Tschechische, Ukrainische und Ungarische übersetzt.

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Lehrzeugnis. Auch schon zur Kürschner-Gesellenprüfung außergewöhnliche Leistungen von Uwe Timm

Werke[Bearbeiten]

Monografie[Bearbeiten]

  • 1971: Das Problem der Absurdität bei Albert Camus. Dissertation, Hamburg.

Lyrik[Bearbeiten]

  • 1971: Widersprüche. Gedichte und ein Essay. Hamburg.
  • 1977: Wolfenbütteler Straße 53.. Zeit-Gedichte. München.

Prosa[Bearbeiten]

  • 1974: Heißer Sommer. Roman. Bertelsmann, München/Gütersloh/Wien.
  • 1978: Morenga. Roman. AutorenEdition, Gütersloh.
  • 1980: Kerbels Flucht. Roman. AutorenEdition, Gütersloh.
  • 1981: Die Zugmaus. Kinderbuch mit Zeichnungen von Tatjana Hauptmann. Diogenes, Zürich.
  • 1983: Die Piratenamsel. Kinderbuch mit Zeichnungen von Gunnar Matysiak. Benziger, Zürich/Köln.
  • 1984: Der Mann auf dem Hochrad. Legende. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 1984: Kerbels Flucht. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 1986: Der Schlangenbaum. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 1989: Rennschwein Rudi Rüssel. Kinderbuch mit Zeichnungen von Gunnar Matysiak. Obelisk, Innsbruck/Wien.
  • 1989: Vogel, friss die Feige nicht. Römische Aufzeichnungen. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 1991: Kopfjäger. Bericht aus dem Innern des Landes. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 1993: Erzählen und kein Ende. Versuche zu einer Ästhetik des Alltags. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 1993: Die Entdeckung der Currywurst. Novelle. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 1995: Der Schatz auf Pagensand. Jugendbuch. Nagel & Kimche, Zürich/Frauenfeld.
  • 1996: Johannisnacht. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 1999: Nicht morgen, nicht gestern. Erzählungen. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 2000: Die Entdeckung der Currywurst. Neuausgabe mit Zeichnungen von Isabel Kreitz. Carlsen, Hamburg.
  • 2001: Rot. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 2003: Am Beispiel meines Bruders. Erzählung. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 2003: Die Zugmaus. Kinderbuch, dtv-junior, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003, ISBN 978-3-423-70807-4.
  • 2005: Der Freund und der Fremde. Erzählung. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 2008: Halbschatten. Roman über Marga von Etzdorf. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 2009: Von Anfang und Ende. Über die Lesbarkeit der Welt. Frankfurter Poetikvorlesung. Kiepenheuer & Witsch, Köln.
  • 2011: Freitisch. Novelle. Kiepenheuer & Witsch, Köln ISBN 978-3-462-04318-1.
  • 2013: Vogelweide. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln, ISBN 978-3-462-04571-0.

Filme[Bearbeiten]

  • 1984: Viele Wege führen nach Rom. Drehbuch und Regie, WDR.
  • 1984: Kerbels Flucht. Drehbuch, Regie. Erwin Keusch, ZDF.
  • 1985: Morenga. 3 Teile. Drehbuch gemeinsam mit Egon Günther. Regie: Egon Günther, ARD.
  • 1987: Der Flieger. Drehbuch. Regie: Erwin Keusch.
  • 1995: Rennschwein Rudi Rüssel. Drehbuch gemeinsam mit Ulrich Limmer. Regie: Peter Timm.
  • 1997: Die Bubi Scholz Story. Drehbuch. Regie: Roland Suso Richter, ARD.
  • 2000: Eine Hand voll Gras. Drehbuch. Regie: Roland Suso Richter.

Herausgeber[Bearbeiten]

  • 1981: Deutsche Kolonien. Fotoband. Autoren, München.

Hörspiele[Bearbeiten]

  • 1972: Herbert oder die Vorbereitung auf die Olympiade
  • 1972: Die Steppensau
  • 1984: Lauschangriff. Westdeutscher Rundfunk
  • 1994: Die Piratenamsel. Süddeutscher Rundfunk
  • 2004: Die Zugmaus. Norddeutscher Rundfunk, Audiolino ISBN 3-83395-327-6
  • 2009: Rot. Norddeutscher Rundfunk

Literatur[Bearbeiten]

  • Baboucar Ndiaye: Beschreibung Afrikas in der neueren deutschsprachigen Literatur. Am Beispiel von Hans Grimms afrikanischen Dramen und Novellen und Uwe Timms Roman „Morenga“. Magisterarbeit, Universität Konstanz 2006 (Volltext)
  • Christof Hamann (Hrsg.): TEXT + KRITIK. Zeitschrift für Literatur: Uwe Timm; mit Beiträgen von Axel Dunker, Matteo Galli, Kerstin Germer, Martin Hielscher, Alexander Honold, Clemens Kammler, Julian Osthues, Rolf Parr und Julia Schöll, Heft 195, München 2012, ISBN 978-3-86916-197-6
  • David Basker (Hrsg.): Uwe Timm. University of Wales Press, Bd.1, Cardiff 1999 (= Contemporary German Writers), ISBN 978-0-7083-1447-0
  • David Basker (Hrsg.): Uwe Timm. University of Wales Press, Bd.2, Cardiff 2007 (= Contemporary German Writers), ISBN 978-0-7083-2122-5
  • Fatih Tepebaşılı: 68 Kuşağı Yazarlarından Uwe Timm ve Toplumsal Eleştiri. Çizgi Kitapevi, Konya 2002, ISBN 975-8156-41-1
  • Helge Malchow: Der schöne Überfluß. Texte zu Leben und Werk von Uwe Timm. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005, ISBN 3-462-03461-8
  • Manfred Durzak (Hrsg.): Die Archäologie der Wünsche. Studien zum Werk von Uwe Timm. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1995 ISBN 3-462-02408-6
  • Martin Hielscher (Hrsg.): Uwe Timm Lesebuch. Die Stimme beim Schreiben. München 2005
  • Martin Hielscher: Uwe Timm. DTV, München 2007, ISBN 3-423-31081-2
  • Sabine Weisz: Die 68er-Revolte im Werk von Uwe Timm. Tectum, Marburg 2009, ISBN 978-3-8288-9981-0
  • Tanja Bierau: Uwe Timms Currywurst: Analyse und Interpretation für Schule und Studium. Diplomica, Hamburg 2012. ISBN 978-3-86341-333-0
  • GegenwartsLiteratur. Ein germanistisches Jahrbuch (hrsg. v. Paul M. Lützeler): Schwerpunkt: Uwe Timm, Band 11/2012, ISBN 3860575821
  • Markus Lorenz: Subversiver Meistersang. Eine Studie zum Werk Uwe Timms, Königshausen & Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-3826048319

Film[Bearbeiten]

  • Uwe Timm − Die Freiheit zu schreiben. Dokumentation, Deutschland, 2007, 43 Min., Regie: Arpad Bondy, Margit Knapp, Produktion: SWR, Inhaltsangabe von arte

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikiquote: Uwe Timm – Zitate
 Commons: Uwe Timm – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Martin Hielscher: Uwe Timm. DTV, München 2007, S. 31 u. 183.
  2. Martin Hielscher: Uwe Timm. DTV, München 2007, S. 46–49.
  3. Martin Hielscher: Uwe Timm. DTV, München 2007, S. 55–59.
  4. Martin Hielscher: Uwe Timm. DTV, München 2007, S. 65.
  5. Martin Hielscher: Uwe Timm. DTV, München 2007, S. 66f.
  6. Martin Hielscher: Uwe Timm. DTV, München 2007, S. 72 u. 75.
  7. focus.de: Brüder-Grimm-Professur geht an Uwe Timm Abgerufen am 27. März 2012
  8. Preisrede im Wortlaut für die Carl-Zuckmayer-Medaille bei Kiepenheuer & Witsch (pdf; 105 kB)