Váša Příhoda

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Váša Příhoda (* 22. August 1900 in Vodňany (Königreich Böhmen, Österreich-Ungarn); † 26. Juli 1960 in Wien) war ein tschechischer Violinist.

Leben[Bearbeiten]

Příhoda wurde in der südböhmischen Stadt Wodnian (Vodňany) im Hause seiner Großeltern geboren[1], wuchs aber in Prag auf. Sein Vater Alois Příhoda gründete nach dem Staatsexamen für Violine und Musik 1896 in Prag-Pankrác eine Musikschule. 1919 setzte er sich endgültig in Prag-Nusle nieder. Er nannte sein Institut fortan „Erste tschechoslowakische Musikschule des Herrn Direktor Alois Příhoda in Nusle“. Alois Příhoda unterrichtete seinen Sohn bis 1910. Danach ging Váša Příhoda bis 1919 als Privatschüler zu Jan Mařák.[2] Darüber hinaus war Příhoda im wesentlichen Maße Autodidakt[3]; Konservatoriumsausbildung hatte er keine[4].

Am 30. September 1912 absolvierte Váša Příhoda seinen ersten öffentlichen Auftritt. Am 12. Dezember 1913 spielte er zum ersten Mal im Prager Mozarteum. Während des Ersten Weltkrieges kann er durch gelegentliche Konzerte zum Unterhalt der Familie beitragen. 1915 tritt er drei Mal im Prager Smetana-Saal auf. Seine erste Nachkriegs-Tournee führte ihn 1919 in die Schweiz. In Zürich konnte er bei einem Herrn Kučera logieren – was bei den geringen Einnahmen eine fühlbare Hilfe war. Danach nahm ihn sein Impresario Richter – zusammen mit der Pianistin Asta Doubravská – mit nach Mailand und nach Jugoslawien. Ein selbst finanziertes Konzert in Triest brachte gute Kritiken, aber kein Honorar. Příhoda kehrte völlig mittellos nach Mailand zurück.

Die Wende kam am 27. Dezember 1919 durch ein Konzert im „Café Ristorante GRANDE ITALIA“ in Mailand. Auf dem Programm standen Paganinis Variationen über „Nel cor più non mi sento“. Ein Journalist konnte Arturo Toscanini bewegen, sich den jungen Geiger anzuhören. Nach dem Konzert sagt Toscanini zu Příhoda: “Paganini konnte nicht besser spielen“. Toscaninis Fürsprache verhilft Příhoda zum endgültigen Durchbruch.

Der italienische Manager Frattini konnte für die nächsten fünf Monate eine große Anzahl von Konzerten beschaffen. Die handschriftlich geführte Konzertliste führt 48 Konzerte in Italien auf.

Im Juni 1920 reiste Příhoda mit der Pianistin Asta Doubravská von Genua aus nach Südamerika. Nach Konzerten in Buenos Aires und Sao Paolo wagt er den Sprung in die USA. Seine Konzerte in der Carnegie Hall in New York City, sowie in Chicago, Detroit, Cleveland und anderen großen Städten brachten ihm große Erfolge. 1921 nahm die Edison-Company eine erste Schallplatten-Serie auf. Begleiterin am Klavier war Asta Doubravská. Nach Europa zurückgekehrt, mietete er sich in Sankt Wolfgang am Wolfgangsee ein Zimmer und bereitete sich auf Konzerte in Wien vor.

Nachdem er mit Paganinis „Nel cor piu non mi sento“-Variationen bereits enthusiastische Reaktionen erlebte, nutzte er diese zur Vervollkommnung seiner Technik und trieb sie in einer eigenen Bearbeitung auf die Spitze. Die „Nel cor-Variationen“ begleiteten ihn bis an sein Lebensende.

Als Příhoda Mitte der Zwanziger Jahre an der Spitze der europäischen Violinvirtuosen stand, machte er in Wien die Bekanntschaft mit Arnold Rosé. Arnold Rosés Tochter Alma lernte Příhoda bei einem Konzert am 11. November 1928 kennen. Alma und Váša heirateten am 16. September 1930 in Wien. Trauzeugen waren Vater Arnold Rosé und der Schriftsteller Franz Werfel.

1930 erwarb Příhoda in Zaryby unweit Prag ein Landgut. Von hier aus setzen Alma und Váša ihre Konzerttätigkeit teils getrennt, teils gemeinsam fort. Alma Rosé gründete 1933 die Frauenkapelle „Wiener Walzermädeln“. Im März 1935 wurde die an Turbulenzen reiche Ehe in der Tschechoslowakei geschieden.

Um die Jahreswende 1935/36 wirkte Váša Příhoda bei dem österreichisch-italienischen Gemeinschaftsfilm Die weiße Frau des Maharadscha mit. Der Zweite Weltkrieg schränkte Příhoda Konzerttätigkeit drastisch ein. Doch gab ihm dies Gelegenheit, seine Lehrtätigkeit zu intensivieren. Gemeinsam mit dem Cellisten Paul Grümmer und dem Pianisten Michael Raucheisen gründete er 1942 das Meistertrio.

Sein letztes heimatliches „Kriegs-Konzert“ fand am 31. März 1944 im Prager Smetana-Saal statt. 1944 gab er noch Konzerte in München, Nürnberg, Dresden und Leipzig. In München unterrichtete Příhoda an der Musik-Akademie bis zum Ende des Krieges.

Das Kriegsende bedeutete keine Verbesserung seiner Lage. Das Zentralkomitee der Stadt Prag verurteilte ihn wegen seines Auftretens in Deutschland zu einer Geldstrafe und belegte ihn für Tschechien – nicht aber für die Slowakei - mit Auftrittsverbot. Der Geiger Dusan Pandula erlebte diese Zeit in Prag mit: „Man müsste aber auch über ihn schreiben, wie er von den eigenen Tschechen misshandelt war nach 1945. Er, Ludikar und Talich, also drei absolute Spitzen, mussten marschieren über Wenzelsplatz, wurden bespuckt, geschlagen und mussten Latrinen putzen.“ Während einer Konzertreise in Frankreich telefonierte er seiner Frau, sie solle „mit Sack und Pack“ nach Rapallo kommen, wohin auch er - ohne in die Tschechoslowakei zurückzukehren – gegen Ende 1946 nachkam.

Die Wiener Presse erreichte durch Kampagnen, in denen sie Příhoda die Schuld am Tod seiner ersten Frau geben, dass er keine Engagements mehr erhielt und bereits vereinbarte Konzerte abgesagt wurden. 1946 wurde Příhoda in Österreich voll rehabilitiert. Příhoda sah sich anderweitig um. Mit Konzerten in Alexandria, Ankara, Istanbul und Italien konnte er an frühere Erfolge anknüpfen. Ab 1947 konzertierte er auch in Wien wieder jährlich.

Die italienischen Behörden bereiteten zunehmend Schwierigkeiten. Diesen Querelen war er bald so überdrüssig, dass er im Oktober 1948 das Angebot des ihm befreundeten türkischen Botschafters ergriff, die türkische Staatsbürgerschaft anzunehmen. So konnte er unbehelligt seinen Wohnsitz in Rapallo beibehalten und von hier aus seine Konzertreisen unternehmen.

Im Januar 1949 konzertierte er ein letztes Mal in den USA, danach in der Schweiz, Deutschland und Osterreich. Die amerikanischen Agenten lehnten ihn mehr als deutlich wegen seines Wirkens in Nazi-Deutschland ab. In dieser Zeit stellten sich Herz- und Atembeschwerden ein, die ihn erheblich beeinträchtigten.

Privat wohnte und lehrte er in St. Gilgen am Wolfgangsee, das er von seinem früheren Aufenthalt in dieser Gegend in angenehmer Erinnerung hatte. Seine rege pädagogische Tätigkeit konzentrierte sich hauptsächlich auf Prag, Salzburg, München und ab 1950 als Hochschulprofessor an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien.

Im Jahre 1954 entstand im WDR Köln ein Konzertmitschnitt des Violinkonzertes von Henri Vieuxtemps mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester unter Leitung von Franz Marszalek. Wenige Tage nach diesem Konzert brach sich Příhoda in Salzburg bei einem Unfall den rechten Oberarm.

Gesundheitliche Probleme beeinträchtigten Příhoda zunehmend. Příhoda konnte ab Januar 1955 wieder konzertieren, aber die psychischen und physischen Belastungen und sein Herzleiden erzwangen eine Einschränkung seiner Tätigkeiten. Er nahm einen zweiten Wohnsitz in Wien, um das Pendeln zwischen Wohnort und der Musikhochschule zu vermeiden.

1956 wurde er - nach zwölfjähriger Abwesenheit von seiner Heimat – zum „Prager Frühling 56“ eingeladen. Er wurde mit einer der größten Ovationen empfangen, die dieser Saal in seiner Geschichte zu verzeichnen hatte. Nicht eingelassene Musikfreunde kletterten an den Fassaden hoch und stellten sich in die Fensteröffnungen. Trotz des phänomenalen Konzertes brachten die Zeitungen auf „Weisung von oben“ schlechte Kritiken. 1956 und 1957 nahm er in Italien seine letzten Schallplatten auf.

Im April 1960 gab er die letzten Konzerte. Danach verstarb er an einem Herzleiden.

Es sollte 51 Jahre dauern, bis man sich – nach einigen eher privaten Anläufen – in Tschechien wieder begann, sich an ihn zu erinnern. 2011 wurde in Budweis das erste Příhoda-Festival mit angeschlossenem Jugend-Violinwettbewerb abgehalten. Ihm folgte im Juni 2012 die zweite Veranstaltung. Sie soll fortan jährlich weitergeführt werden

Geigen im Besitz von Příhoda[Bearbeiten]

Violine von Váša Příhoda „Laurentius Storioni“

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jan Vratislavský: Váša Příhoda, Editio Supraphon, Praha 1974.
  2. Antonín Moravec: Ad honorem, Editio ViVo, Brno 1994.
  3. Joachim W. Hartnack: Große Geiger unserer Zeit, Atlantis Musikbuch-Verlag, Zürich 1993.
  4. Jan Vratislavský: Mistr stradivárek (in der tschechischen Zeitung Svobodné slovo vom 22. August 1975.)