Václav Talich

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Josef Suk, Václav Talich a Vítězslav Novák Skizze von Hugo Boettinger (1903)

Václav Talich (* 28. Mai 1883 in Kroměříž, Mähren; † 16. März 1961 in Beroun, Tschechoslowakei) war einer der bedeutendsten tschechischen Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Er war auch als Violinist und Pädagoge tätig, zu seinen Schülern gehören Charles Mackerras, Karel Ančerl, Ladislav Slovák, Václav Kašlík, Milan Munclinger.

Beruflicher Werdegang[Bearbeiten]

Er kam aus einer Musikerfamilie, sein Vater war Musiklehrer, sein Bruder Cellist.

Auf Anregung Antonín Dvořáks erhielt er ein Stipendium am Prager Konservatorium, wo er bei Otakar Ševčík studierte. Nach dem Abschluss wirkte er zunächst als Violinist: 1903 wurde er von Arthur Nikisch als Konzertmeister der Berliner Philharmoniker engagiert. Bald darauf ging er aber nach Odessa und Tiflis, später wirkte er auch in Prag, Ljubljana, Lublin und Pilsen. Auf Arthur Nikischs Einladung vollendete er dann seine Studien in Deutschland: er wurde Nikischs Assistent und studierte zugleich Komposition bei Max Reger. Eine nächste Studienreise führte ihn nach Mailand. Nach der Heimkehr arbeitete er mit seinem Freund Josef Suk im Tschechischen Quartett zusammen.

Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie[Bearbeiten]

1918 wurde er Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie, die er zu einem der renommiertesten europäischen Orchester machte und mit der sein Schicksal für immer eng verbunden blieb. Die Philharmonie machte unter seiner Leitung Konzertreisen nach Rom, Turin, Neapel, Mailand, Berlin, London, Liverpool, Paris, Wien sowie nach Norwegen und Finnland. In den 1920er und 1930er Jahren dirigierte Talich zugleich auch das Königliche Orchester in Stockholm.

Die Zusammenarbeit mit der Internationalen Gesellschaft für Zeitgenössische Musik sowie die Erstaufführungen von Josef Suks Orchesterwerken und anderen modernen Kompositionen (z.B. Leoš Janáček) begründeten Talichs internationalen Ruf (er unterzeichnete einen exklusiven Vertrag mit dem Label His Master’s Voice). Er dirigierte aber auch Werke von Bedřich Smetana, Antonín Dvořák, Johannes Brahms, Ludwig van Beethoven, Franz Liszt, Richard Strauss, Hector Berlioz, den französischen Impressionisten und russischen Komponisten und machte sich - wie später Karel Ančerl - um das Repertoire der Tschechischen Philharmonie am meisten verdient.

Am Anfang des Zweiten Weltkriegs gastierte er als Dirigent in Deutschland und erreichte später, dass einige von den Nationalsozialisten verbotene oder verstümmelte Werke in Tschechien wieder gespielt werden durften, so die symphonischen Gedichte Tábor und Blaník aus Smetanas Zyklus Mein Vaterland. 1941 gab er aber angesichts der immer deutlicher werdenden Unterdrückung der Menschenrechte (Schließung der tschechischen Hochschulen, Hinrichtungen und Deportationen vieler Intellektueller in Konzentrationslager) seinen Posten in der Tschechischen Philharmonie auf; sein Nachfolger wurde Rafael Kubelík.

Nachkriegsjahre[Bearbeiten]

1946 geriet er trotzdem in den Verdacht einer passiven Kollaboration mit den Protektoratsbehörden und wurde verhaftet, besonders wegen seines Briefes an einen Protektoratsminister, in dem er verzweifelt bat, das Prager Nationaltheater nicht zu schließen. Nach Protesten der Orchesterspieler sowie anderer Künstler wurde er aber nach einigen Wochen freigelassen.

Bald darauf gründete er mit Studenten des Prager Konservatoriums und der Akademie der musischen Künste das Tschechische Kammerorchester[1], mit dem sich z.B. Pierre Fournier oder Germaine Leroux dem Prager Publikum vorstellten.

1948 wurde Václav Talich sein öffentliches Wirken in Prag erneut verboten. Er durfte nur noch das Prager Rundfunkorchester dirigieren und mit der Tschechischen Philharmonie gelegentlich bei Einspielungen weiter zusammenarbeiten. Er lehnte jedoch alle ausländischen Engagement-Angebote ab und blieb in der Tschechoslowakei.

Bereits 1949 gehörte er zu den Mitbegründern der Slowakischen Philharmonie, deren erster Chefdirigent er bis 1952 war. Seit 1954 dirigierte er auch wieder die Konzerte der Tschechischen Philharmonie, konnte aber wegen ernster Gesundheitsprobleme mit dem Orchester nur bis 1956 zusammenarbeiten. Trotzdem verwirklichte er noch eine Reihe von einzigartigen Einspielungen für den Tschechoslowakischen Rundfunk und Supraphon.

Es entstand auch eine Filmaufnahme seiner letzten Gesamteinspielung der Slawischen Tänze von Antonín Dvořák, die Regie hatte Talichs Schüler Václav Kašlík.

Bedeutung[Bearbeiten]

Talichs Orchesterleitung charakterisierte eine vollkommene Kenntnis der Partitur sowie eine präzise und zugleich inspirative Arbeit mit dem Orchester, das er zu homogenem Organismus formte (sehr oft arbeitete er nicht nur mit Instrumentengruppen sondern auch mit einzelnen Instrumentalisten). Kennzeichnend waren auch seine immense Musikalität und Einbildungskraft, sein Sinn für das ästhetische Gesamtbild sowie für bedeutungstragende Details und Klangfarbe und nicht zuletzt seine charismatische Wirkung auf das Orchester, das er immer wieder zu herausragenden Leistungen anzuregen vermochte. Jewgeni Mravinski sagte, er habe in Talichs Augen immer eine gespannte Erwartung gesehen, die sich zum Inneren eines jeden Spielers wandte und ihm half, Talichs maximalen Ansprüchen nachzukommen.

Talich war Initiator und Mitbegründer des Musikfestivals Prager Frühling (1946) und der tschechoslowakischen Jeunesses Musicales.

1928 wurde er Mitglied der Stockholmer Akademie für Musik, 1936 Mitglied der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften und Künste. 1957 erhielt er die höchste tschechoslowakische Auszeichnung, den Titel Nationalkünstler.

Talichs Namen tragen etwa das Talich-Quartett und andere Musikensembles. Bedeutende Komponisten wie Bohuslav Martinů haben Talich Werke gewidmet.

2002 wurde ein Asteroid nach Václav Talich benannt: (11201) Talich.

Literatur[Bearbeiten]

  • František Sláma: Z Herálce do Šangrilá (Aus Herálec nach Shangri-La). Orego, Říčany 2001. ISBN 80-86117-61-8
  • Milan Kuna: Václav Talich. Praha 1985
  • Václav Holzknecht: Česká filharmonie, příběh orchestru (Tschechische Philharmonie, Geschichte eines Orchesters). SHV, Praha 1963
  • Stefan Jaeger: Das Atlantisbuch der Dirigenten, eine Enzyklopädie. Atlantis Musikbuchverlag, Zürich 1985
  • Československý hudební slovník (Tschechoslowakisches Musiklexikon), Bd.2. SHV, Praha 1965

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. František Sláma-Archiv