VP8

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VP8 ist der Name eines lizenzgebührenfreien Videocodecs für verlustbehaftete Komprimierung von Videodaten. Er baut auf der Entwicklungsreihe TrueMotion auf, einer Reihe von Video-Codecs, die vom Unternehmen On2 Technologies entwickelt und vertrieben wurden.

Zusammen mit dem Audio-Codec Vorbis und einem auf Matroska aufbauenden Containerformat bildet VP8 Googles Empfehlung WebM für das Internet. Auf der Intra-Frame-Kodierung von VP8 basiert das Grafikformat WebP.

Technik[Bearbeiten]

VP8 ist ein klassisches blockbasiertes Transformations-Verfahren. Zum Zeitpunkt der ersten Vorstellung von VP8 zählten laut On2 der Loop-Filter[1] und die Golden Frames[2] zu den Neuheiten gegenüber den Vorgängern. Die erste Definition eines solchen Filters fand sich jedoch schon im Standard H.263, Golden Frames wurden schon in VP5[3] und VP7[4] benutzt. Die VP8-Implementierung von On2 unterstützt in der ersten veröffentlichten Version Mehrkernprozessoren mit bis zu 64 Kernen gleichzeitig. Laut Aussage von On2 Technologies ist im Vergleich zu VP7 bei gleicher Qualität die doppelte Decodiergeschwindigkeit möglich. Laut x264-Entwickler Jason Garrett-Glaser ist der VP8-Decoder – in der ursprünglich veröffentlichten Open-Source-Version von Google – langsamer als der H.264/AVC-Decoder aus dem FFmpeg-Projekt.[5]

Vergleich zu H.264/AVC[Bearbeiten]

Vergleich der Kompressionsleistung von h264 und VP8: Im Schnitt benötigt VP8 21 % mehr Speicherplatz als h264, um ein Video bei vergleichbarer Qualität zu speichern.

Laut On2 ist VP8 konkurrenzfähig zu H.264/AVC. VP8 hat viele Gemeinsamkeiten mit H.264/AVC, zum Beispiel einige Prädiktionsmodi.[6] On2 gab an, VP8 habe vergleichsweise dramatisch überlegene Qualität.[7] Ein von On2 Technologies veröffentlichtes Vergleichsvideo[8] soll die Verbesserungen gegenüber (einer Implementation des Standards) H.264/AVC demonstrieren. Dem gegenüber verglich ein x264-Entwickler VP8 mit der Qualität von H.264/AVC Constrained Baseline.[9] In ersten unabhängigen Tests erwiesen sich VP8 und H.264/AVC im niedrigsten Profil „Baseline“ als gleichwertig,[10][11] diese Ergebnisse wurden in anderen Artikeln jedoch angezweifelt.[12] Im ersten veröffentlichten Test, der eine objektive Metrik (SSIM) verwendet, konnte VP8 für einige Beispielvideos bei hohen Bitraten Xvid – einen Codec, der den älteren MPEG-4-ASP-Standard implementiert – nicht schlagen (bei niedrigen Bitraten ist VP8 stets deutlich überlegen), und es schnitt für alle Beispielvideos schlechter als x264 ab. Nur für ein Video konnte es – bei deutlich langsamerer Geschwindigkeit – ähnliche, wenngleich unterlegene, Qualität wie x264 erreichen. Dieser Test führt VP8 lediglich in einem Anhang auf, da die aktuelle Version zu langsam ist, um die für einen fairen Vergleich vorgegebenen Geschwindigkeitskriterien auch nur annähernd erreichen zu können.[13]

Patentsituation[Bearbeiten]

Zur Patentfreiheit gibt es verschiedene Ansichten – unter anderem Zweifel an der Unbelastetheit, die bis zu der Aussage reichen, dass die wichtigen Techniken für Videokompression derart von Patenten abgedeckt seien, dass sämtliche Video-Codecs betroffen seien. Es gab schon beim Vorgänger Theora Befürchtungen über sogenannte U-Boot-Patente, die einige große Firmen von der Nutzung abhielten. 2010 wurde von der MPEG LA versucht, einen Patent-Pool zusammenzustellen, der Ansprüche gegen Theora und andere freie Codecs bündeln sollte.[14] Auch aus der Freie-Software-Szene gibt es unterschiedliche Ansichten. Der x264-Entwickler Jason Garrett-Glaser kam nach seiner Analyse des Verfahrens zu dem Schluss, dass es viel zu viele Ähnlichkeiten zu H.264/AVC aufweise, um nicht von denselben Patentansprüchen betroffen zu sein. Christopher Montgomery („Monty“, Entwickler von Vorbis und Theora) hingegen hält die Patentdrohungen für erfahrungsgemäß substanzlos.[15]

Ein Mitarbeiter des Joint Technical Committee 1 der ISO und der IEC kommt in seiner Analyse zum Schluss, dass On2 jedenfalls große Anstrengungen unternommen hat, gegen keine Patente zu verstoßen, er weist aber auch auf die Schwierigkeiten hin, mit einem modernen Video-Codec keine Verletzungen zu begehen. Außerdem hält er es aufgrund der aktuellen Gesetzeslage in den USA für unwahrscheinlich, dass die Öffentlichkeit je erfährt, wie die firmeninternen Untersuchungen der Patentsituation genau ausgesehen haben.[16]

Abgesehen von der schwierigen Patentsituation war die ursprüngliche Software-Lizenz von VP8 nicht mit den Anforderungen der Open Source Initiative vereinbar.[17] Google hat den umstrittenen Paragraphen am 4. Juni 2010 aus der Lizenzdatei entfernt.[18]

Am 7. März 2013 traf Google mit MPEG LA eine finanziell gestützte Übereinkunft, um mögliche Patentansprüche und die Formung eines VP8-Patentpools abzuwenden. Dadurch steht es Google zu, sowohl VP8, als auch den Nachfolger VP9 quelloffen und gebührenfrei zu verbreiten. [19]

Geschichte[Bearbeiten]

2008 veröffentlichte On2 Technologies VP8 als Nachfolger ihrer früheren Codecs der TrueMotion-Videocodecserie wie VP6 und zuletzt VP7. Er sollte zu einer Verbesserung der Kompression bei gleichzeitiger Verringerung der Komplexität führen. VP8 wurde ursprünglich als proprietäre, lizenzgebührenpflichtige Technik entwickelt und nach der Übernahme durch Google Inc. offengelegt.

Seit dem Bekanntwerden von Googles Bemühungen, das Herstellerunternehmen On2 zu übernehmen, gab es Erwartungen, dass VP8 nach erfolgter Geschäftsübernahme freigegeben werden solle. Nachdem Monate später am 19. Februar 2010 die Übernahme für 134 Millionen US-Dollar besiegelt war, gab es intensivierte Spekulationen über die Freigabe.[20] Infolge der Übernahme ersuchte die Free Software Foundation (FSF) Google am 30. April in einem offenen Brief um die Freigabe der Videotechnik und sprach von einer Chance, die Abhängigkeit von patentbelasteten Videocodecs wie H.264 und der proprietären Flash-Technik von Adobe im Internet zurückzudrängen.[21] Durch einen solchen Schritt könnte Google mit seinem populären (weltgrößten) Video-Portal YouTube den Auseinandersetzungen um den künftigen Standard-Codec für Web-Video mit HTML5 neue Impulse geben. Google hat auf seiner Entwicklerkonferenz Google I/O am 19. Mai 2010 den Codec als Freie Software im Quelltext zur (patent-)freien Nutzung für jedermann unter einer modifizierten BSD-Lizenz freigegeben[22] und gleichzeitig das neue, auf Matroska basierende WebM-Containerformat für den Einsatz im Internet vorgestellt, bei dem neben VP8 für die Audiokompression Vorbis eingesetzt wird.

Die Freigabe bedeutet einen großen Fortschritt im Bereich patentfreier Videokompressionssoftware, wo VP8 neben dem für Echtzeitanwendungen weniger geeigneten Dirac an die Stelle des qualitativ deutlich unterlegenen Theora treten kann. Die Hersteller des Großteils der populären Webbrowser (Internet Explorer,[23] Firefox, Opera, Chrome) haben mit Freigabe angekündigt, das Format in Verbindung mit HTML5 in der jeweils nächsten (Haupt-)Version zu unterstützen und teils auch schon Entwicklerversionen mit eingebauter Unterstützung veröffentlicht.[24]

Seit 23. Juni 2010 enthält FFmpeg einen nativen VP8-Decoder.[25] Nach einmonatiger Optimierung benötigt diese Implementierung zwischen 20 % und 40 % weniger Ressourcen zum Dekodieren eines VP8-Videos als Googles Dekodierer.[26]

Skype führte in Version 5 VP8 als Codec für die Videokompression bei Telefonaten ein.[27]

Unter dem Projektnamen VP-Next fing Google an, den Codec VP9 als Nachfolger für VP8 zu entwickeln. Er ist als Vorschlag für eine Grundlage für einen zukünftigen Internetstandard bei der IETF in der Diskussion.[28] Ende 2012 wurde Unterstützung für VP9 in Chromium eingebaut.[29]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Loop Filter (Version vom 18. September 2008 im Internet Archive)
  2. Golden Frames (Version vom 22. Oktober 2008 im Internet Archive)
  3. VP5 Beschreibung
  4. Beschreibung zu VP7
  5. Analyse des x264-Entwicklers Jason Garrett-Glaser
  6. Kurzbeschreibung im MultimediaWiki
  7. heise-Meldung im Vergleich zu H.264/AVC.
  8. Vergleichsvideo
  9. Vergleich von VP8 und H.264/AVC (englisch)
  10. Streamingmedia.com (englisch) In diesem Artikel wird Googles VP8 Encoder mit Sorenson Squish verglichen, nicht mit einem modernen H.264/AVC-Encoder wie x264
  11. quAVlive (englisch)
  12. ZDnet: Kritiker zweifeln an Qualität von Googles Videocodec VP8
  13. Anhang 8 des jährlichen MSU Codec Tests von 2010
  14. http://www.golem.de/1005/75291.html
  15. http://www.heise.de/newsticker/meldung/Steve-Jobs-Patentpool-mit-Anspruechen-gegen-Ogg-Theora-und-andere-Update-991639.html
  16. Carlo Daffara's Patentanalyse
  17. Bericht in The Register
  18. Heise.de
  19. http://www.businesswire.com/news/home/20130307006192/en/Google-MPEG-LA-Announce-Agreement-Covering-VP8
  20. heise.de
  21. Offener Brief der FSF an Google
  22. http://www.golem.de/1005/75243.html
  23. heise.de zur VP8-Unterstützung in Internet Explorer
  24. heise.de zur Freigabe von VP8
  25. VP8 in FFmpeg integriert
  26. Dark Shikaris Bericht über Optimierungen an ffvp8 (englisch)
  27. http://www.golem.de/1108/85467.html
  28. BoF-Treffen im Rahmen der Konferenz IETF85 in Atlanta, USA mit einer Präsentation zu VP-Next. Audio-Mitschnitt (MP3, ~60 MiB), Präsentationsfolien (PDF, ~233 kiB)
  29. http://news.cnet.com/8301-1023_3-57561111-93