Valentin Haüy

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Valentin Haüy

Valentin Haüy (* 13. November 1745 in Saint-Just-en-Chaussée, Département Oise; † 19. März 1822 in Paris) war ein französischer Lehrer und Bruder des Mineralogen René Just Haüy.[1] Eine weitere Namensansetzung ist Valentin Aj.

Leben und Schaffen[Bearbeiten]

Valentin Haüy war der Begründer der ersten Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für blinde Menschen, der Institution Royale des Jeunes Aveugles (Königliches Institut für junge Blinde).

Die Brüder Haüy; im Vordergrund Valentin. Kupferstich von Alphonse Boilly.

Haüy widmete sich zuerst dem Studium der Sprachwissenschaften und wurde später Beamter im französischen Ministerium. Er war Lehrer in Paris, als er erlebte, wie am Place de la Concorde in Paris Blinde des Quinze-Vingts Hospice während des religiösen Straßenfestes Saint Ovid's Fair zum Gespött der Leute gemacht wurden, indem sie als Kapelle mit Narrenkappen und (ungelernt) auf Instrumenten spielten. Er fasste den Plan, für blinde Kinder ähnlich zu sorgen, wie es schon Abbé Charles-Michel de l’Epée für taubstumme Kinder getan hatte.

Mit Hilfe der blinden Komponistin, Pianistin und Musikpädagogin Maria Theresia Paradis aus Wien war es ihm möglich, seine Ideen und Systeme zu einer Blindenschrift weiterzuentwickeln. Für Maria Theresia Paradis war ein Setzkasten gebaut worden, mit dem sie ihre Korrespondenz verfassen, ihre Noten selbst drucken und so blinde und sehende Schülerinnen gemeinsam unterrichten konnte. Auf ihrer dreijährigen Europatournee gastierte sie auch in Paris - bei einem ihrer Konzerte lernte sie neben Carl Philipp Emanuel Bach auch Haüy kennen, der von ihrem Setzkasten fasziniert war und auch versuchte, dieses System an seiner Schule umzusetzen. Sein bekanntester Schüler, Louis Braille, entwickelte dieses System weiter und schuf die heute gültige Blindenschrift[2]. 1784 errichtete Haüy in Paris zu diesem Zweck eine Anstalt, die 1791 vom Staat übernommen wurde. Die Erweiterung der Anstalt auf einhundert Zöglinge wurde aber durch den Eintritt der Französischen Revolution unterbrochen. Napoleon Bonaparte, der den Idealisten wenig zugeneigt war, dankte ihm 1802 für seine Arbeit und ernannte einen anderen Direktor. Haüy gründete sofort eine Privatanstalt zur Erziehung der Blinden unter dem Titel "Musee des Aveugles". Haüy hatte damit allerdings wenig Erfolg und geriet immer stärker in eine missliche Lage.[3]

In dieser Situation bekam er den Auftrag von Kaiser Alexander I., in Russland eine Blindenanstalt in St. Petersburg zu gründen. Er arbeitete 1803 einen Plan dafür aus. Während der Reise nach Russland lernte Haüy in Berlin den damals berühmten Augenarzt Dr. Grapengießer kennen. Die Leistungen Fourniers, einer seiner Schüler, bewegten den Arzt derart, dass er Haüy zu längerem Bleiben veranlasste. Auch der König fand die Idee lobenswert, eine Blindenanstalt ins Leben zu rufen. Die Pläne Haüys waren aber für die damaligen unruhigen Zeiten zu weitgehend angelegt und konnten deshalb nicht umgesetzt werden.

Über die Erfolge Haüys in St. Petersburg ist nicht viel Günstiges zu berichten, er kam nach elfjährigem Aufenthalt 1817 nach Paris zurück, ohne eine Blindeneinrichtung aufgebaut zu haben. Haüy starb 1822 in Paris, wo er auf dem Friedhof Père-Lachaise beigesetzt wurde.

Die Grabstätte von Valentin Haüy und seinem Bruder René-Just Haüy auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris.

Werke[Bearbeiten]

  • Essai sur l'éducation des aveugles gilt als erstes Blindenbuch. Darin gibt Haüy Aufschluss über seine Ansichten bezüglich der Bildung von Blinden. Sowie e. Übers. dieses Buches "Abhandlung über die Erziehung blinder Kinder" von Oberlehrer Michel. Vorw. zur vorliegenden Ausg. von Dietrich Schabow. Nachdr. d. Ausg. Paris 1786 und Düren, 1883. Würzburg: Ed. Bentheim, 1990. ISBN 3-925265-22-8.

Literatur[Bearbeiten]

  • M. Dupré: Adresse du citoyen Haüy, auteur des moyens d'éducation des enfans aveugles et leur premier instituteur aux 48 sections de Paris, présentée à la suite d'une adresse de la section de l'Arsenal, en date de l'an I de la République française le 13 décembre 1792, dont il étoit porteur par .... Mikroform-Nachdr. d. Ausg. 1793, Witney : Micro Graphix, 1992
  • Johann Wilhelm Klein:: Geschichte des Blinden-Unterrichts und der den Blinden gewidmeten Anstalten in Deutschland sammt Nachrichten von Blinden-Anstalten in andern Ländern. Wien, 1837.
  • Aleksander Skrebickij: Valentin Haüy in Petersburg; Nach bisher nicht veröffentlicht. Urkunden von Alexander Skrebitzky. Paris 1884. Im Auftr. d. Deutschen Blindenlehrer-Ver. übers. von H[ubert] Horbach. Düren: Hamel, 1917.
  • Pierre Villey et Georges Pérouze: Etudes pédagogiques: recueil d'articles extraits du Valentin Haüy, revue universelle des questions relatives aux aveugles; (1884 - 1923). Caën: Robert, 1923.
  • Gerda Wachsmuth: Licht den Blinden: Erzählung um Valentin Haüy, den Erfinder der Blindenschrift. Neustadt an der Haardt: Kranz-Verl., 1948.
  • Alfred Mell: Von Vives bis Haüy: Dokumente und Betrachtungen zur Begründungsgeschichte der Blindenbildung. Hannover: Verein zur Förderung der Blindenbildung, 1952.
  • Pierre Henri: Valentin Haüy: premier instituteur des aveugles; 1745 - 1822. Paris: Assoc. Valentin Haüy, ca. 1970.
  • Pierre Henri: Le siècle des Lumières et la cécité: de Molyneux à Valentin Haüy, 1692 - 1822. Paris: Ed. Groupement des Intellectuels Aveugles ou Amblyopes, 1984.
  • Pierre Henri: Le siècle des Lumières et la cécité. Paris: Presses Universitaires de France, 1984. ISBN 2-13-038642-3. (Extrait de "Le Siècle des Lumières et la cécité").
  • Alexander Mell (Hrsg.): Enzyklopädisches Handbuch des Blindenwesens, Wien-Leipzig 1900.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Valentin Haüy – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Raymonde Monnier: Haüy Valentin. In Albert Soboul (Hrsg.): Dictionnaire historique de la Révolution française. Presses universitaires de France, Paris (1989) S. 536
  2. Vgl. Marion Fürst: Maria Theresia Paradis. Mozarts berühmte blinde Zeitgenossin. 405 S., 2005, ISDN-Nr. 978-3-412-19505-2
  3. Weygand, Zina: The Blind in French Society From the Middle Ages to the Century of Louis Braille. Stanford University Press Stanford, California (2009) ISBN 0-8047-5768-2
Meyers Dieser Artikel basiert auf einem gemeinfreien Text aus Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage von 1888–1890.
Bitte entferne diesen Hinweis nur, wenn du den Artikel so weit überarbeitet hast, dass der Text den aktuellen Wissensstand zu diesem Thema widerspiegelt, dies belegt ist und er den heutigen sprachlichen Anforderungen genügt.

Um danach auf den Meyers-Artikel zu verweisen, kannst du {{Meyers Online|Band|Seite}} benutzen.