Vaskonische Hypothese

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Geografische Darstellung des zentralen Einflussbereich der vaskonischen Sprachfamilie des baskischen Substrates in vorindoeuropäischer Zeit.

Die vaskonische Hypothese nimmt für weite Teile Europas eine „vaskonischeSprachfamilie an, bevor sich die indoeuropäischen Sprachen im 3. Jahrtausend v. Chr. auch in West-Europa ausbreiteten. Vom Vaskonischen sei heute zwar nur das Baskische übrig geblieben, jedoch hätten sich Spuren dieser Sprachgruppe in Gewässer- und Flurnamen Mittel- und Westeuropas erhalten. Gewässernamen (Hydronyme) gelten unter Onomasten als besonders langlebig und können viele Sprachwechsel überstehen.[1]

Vaskonische Sprache[Bearbeiten]

„Vaskonisch“ bezeichnet eine frühe Form des heutigen Baskischen. Als vaskonisch im engeren Sinne werden durch Ortsnamen und kurze Inschriften überlieferte Sprachreste bezeichnet, die in der griechisch-römischen Antike Aquitanien und das heutige Baskenland bewohnten.[2]

Begründung der Hypothese[Bearbeiten]

Der Münchner Linguist Theo Vennemann begründet seine Hypothese einer „vaskonischen Ursprache“ mit einigen etymologischen Argumenten, auch von Flurnamen (Onomastik). Eine europäische Restbevölkerung sei durch die klimatischen Verhältnisse der Letzte Kaltzeit im Raum des heutigen Baskenlandes zusammengedrängt worden und habe sich mit der Erwärmung wieder über Europa ausgebreitet, bis sie von den indoeuropäischen Einwanderern verdrängt wurde.

Europa vor 20.000 Jahren. Das letzte glaziale Maximum (engl. Last Glacial Maximum, LGM) herrschte vor etwa 21.000 bis 18.000 Jahren.
Malereien in der Höhle von Lascaux

Europäische Flur-, Orts- und Gewässernamen enthalten oft ähnliche Wortkerne, die heute noch im Baskischen anzutreffen sind. Ausgehend von der Annahme, geographische Namen seien umso älter, in je mehr Sprachgebieten sie anzutreffen seien, folgert Vennemann, der Name dieser Orte stamme aus einer Sprache, die zeitlich vor dem Indoeuropäischen angesetzt werden müsse.

Das vaskonische Sprachgebiet könne durch die Zusammenschau von Gewässernamen mit gleichen Wortkernen wie al-/alm (Aller, Alm), var-/ver (Werre, Warne), sal-/salm (Saale), is-/eis (Isar, Eisack) sowie ur-/aur (Urach, Aurach) ermittelt werden und erstrecke sich über ganz West- und Mitteleuropa. Der Zusammenhang mit der baskischen Sprache wird hergestellt, da sich in deren Wortschatz charakteristische Wortelemente - is, arn und ibar - fänden, die in vielen Namen europäischer Gewässer stecken und im Baskischen stets eine Bedeutung in Zusammenhang mit Wasser oder natürlichen Gewässern haben.

Vennemann glaubt feststellen zu können, dass sich viele „ibar-Orte“ (baskisch ibar 'Tal, Flussmündung') auch außerhalb des Baskenlandes an Tälern oder Flüssen befinden. Die baskische Silbe is, die „Wasser, Gewässer“ bedeutet, findet sich europaweit bei Orten an Gewässern und die „Arn-Orte“ (aran: bask. „Tal“) in Tälern. Auch die Verwendung des Vigesimalsystems, dessen Spuren sich neben dem Baskischen noch in keltischen Sprachen, der französischen und dänischen Sprache erhalten haben, sei Kennzeichen der alteuropäischen Sprache gewesen. Erst durch die indoeuropäische Einwanderung habe sich das Dezimalsystem in Europa ausgebreitet.

Kritik[Bearbeiten]

Während das grundsätzliche Alter dieser Sprache in der westlichen Pyrenäenregion wegen ihrer isolierten Stellung und dem Fehlen von Hinweisen auf irgendeine Zuwanderung außer Zweifel steht, wird die Hypothese einer europaweiten Verbreitung einer hypothetischen vaskonischen Ursprache oder Sprachfamilie von der Mehrheit der Sprachforscher abgelehnt.

Der Indoeuropäist Dieter H. Steinbauer gibt zum Beispiel zu bedenken, dass es angesichts der großen Anzahl von Lehnwörtern aus dem Lateinischen und anderen indoeuropäischen Sprachen und der vergleichsweise jungen historischen Belege des Baskischen vermessen sei, eine vaskonische alteuropäische Ursprache rekonstruieren zu wollen. Außerdem finden sich bereits auf der iberischen Halbinsel mehrere vorindoeuropäische Sprachen, deren Verwandtschaft mit dem Baskischen (Vaskonischen) fraglich ist. Somit ist eine großflächige Verbreitung baskischer Vorgängersprachen über ganz West- und Mitteleuropa eher unwahrscheinlich (siehe Baskische Sprache und Genetische Verwandtschaft (Linguistik)).

Ergebnisse genetischer Untersuchungen[Bearbeiten]

Verbreitung der Haplogruppe R1b (Y-DNA), in der rezenten, ansässigen Bevölkerung Westeuropas.[3]

Die Haplogruppe R1b (Y-DNA) findet die größte Verbreitung in der rezenten Bevölkerung Westeuropas: Im Süden von England sind es etwa 70 %, im nördlichen und westlichen England, Wales, Schottland, Irland bis über 90 %, in Spanien 70 %, in Frankreich 60 %.[4]

In Portugal sind es über 50 %.[5] Bei den Basken sind es 88,1 %. Letzterer Wert suggeriert, dass schon die verschiedenen alteuropäischen Stämme, die vor der Ankunft der Kelten in Westeuropa lebten, Träger von R1b waren.[6] Die europäischen Varianten deuten auf einen Gründereffekt hin.[7] In Europa sind mehrere Ereignisse einer Genkonversion aufgetreten.[8]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Alfred Bammesberger, Theo Vennemann: Languages in Prehistoric Europe. Winter, Heidelberg 2003, ISBN 3-8253-1449-9, S. 319–332.
  • Andrea Böhm: Probleme der Deutung Mitteleuropäischer Ortsnamen. Herbert Utz Verlag, München 2003, ISBN 3-8316-0152-6.
  • Elisabeth Hamel: Das Werden der Völker in Europa. Forschungen aus Archäologie, Sprachwissenschaft und Genetik. Rottenbücher Verlag, Ebersberg 2009, ISBN 978-3-00-027516-6, S. 181–192, 429–439.
  • Elisabeth Hamel, Theo Vennemann: Vaskonisch war die Ursprache des Kontinents. In: Spektrum der Wissenschaft. Deutsche Ausgabe des Scientific American. Spektrumverlag, Heidelberg Mai 2002. ISSN 0170-2971.
  • Dieter H. Steinbauer: Vaskonisch – Ursprache Europas? In: Günter Hauska (Hrsg.): Gene, Sprachen und ihre Evolution. Universitätsverlag, Regensburg 2005, ISBN 3-930480-46-8.
  • Jürgen Udolph (Hrsg.): Europa Vasconica - Europa Semitica?: Kritische Beiträge zur Frage nach dem baskischen und semitischen Substrat in Europa. Baar-Verlag, 2012, ISBN 978-3-935536-06-6.
  • Theo Vennemann: Zur Frage der vorindogermanischen Substrate in Mittel- und Westeuropa. In: Patrizia Noel Aziz Hanna, Theo Vennemann (Hrsg.): Europa Vasconica - Europa Semitica. (= Trends in Linguistics. Studies and Monographs. Bd 138). de Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-017054-X, S. 517–590.
  • Theo Vennemann: Basken, Semiten, Indogermanen. Urheimatfragen in linguistischer und anthropologischer Sicht. In: Wolfgang Meid (Hrsg.): Sprache und Kultur der Indogermanen. Akten der X. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft, 22.-28. September 1996. (= Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft. Band 93). Innsbruck 1998, ISBN 3-85124-668-3, S. 119–138.
  • Theo Vennemann: Linguistic Reconstruction in the Context of European Prehistory. In: Transactions of the Philological Society. Oxford 92.1994, ISSN 0079-1636, S. 215–284.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Theo Vennemann: Basken, Semiten, Indogermanen. Urheimatfragen in linguistischer und anthropologischer Sicht. In: Wolfgang Meid (Hrsg.): Sprache und Kultur der Indogermanen. Akten der X. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft, (1996), S. 22–28.
  2. Michael Meier-Brügger, Matthias Fritz, Manfred Mayrhofer: Indogermanische Sprachwissenschaft. Walter de Gruyter, 2010, ISBN 978-3-11-025143-2, S. 170 f.
  3. Dieter H. Steinbauer: Vaskonisch - Ursprache Europas? In Günter Hauska (Hrsg.): Gene, Sprachen und ihre Evolution: Wie verwandt sind die Menschen - wie verwandt sind ihre Sprachen? Universitätsverlag, Regensburg 2005, ISBN 3-930480-46-8.
  4. Ornella Semino, A. Silvana Santachiara-Benerecetti, Francesco Falaschi, L. Luca Cavalli-Sforza, Peter A. Underhill: Ethiopians and Khoisan Share the Deepest Clades of the Human Y-Chromosome Phylogeny. In: The American Journal of Human Genetics. Volume 70, Issue 1, Januar 2002, S. 265–268.
  5. R. Gonçalves, A. Freitas, M. Branco, A. Rosa, A. T. Fernandes, L. A. Zhivotovsky, P. A. Underhill, T. Kivisild, A. Brehm: Y-chromosome lineages from Portugal, Madeira and Açores record elements of Sephardim and Berber ancestry. In: Annals of human genetics. Band 69, Pt 4, Juli 2005, ISSN 0003-4800, S. 443–454. doi:10.1111/j.1529-8817.2005.00161.x. PMID 15996172.
  6. K. L. Young, G. Sun, R. Deka, M. H. Crawford: Paternal genetic history of the Basque population of Spain. In: Human biology. Band 83, Nummer 4, August 2011, ISSN 1534-6617, S. 455–475. doi:10.3378/027.083.0402. PMID 21846204.
  7. N. M. Myres, S. Rootsi, A. A. Lin, M. Järve, R. J. King, I. Kutuev, V. M. Cabrera, E. K. Khusnutdinova, A. Pshenichnov, B. Yunusbayev, O. Balanovsky, E. Balanovska, P. Rudan, M. Baldovic, R. J. Herrera, J. Chiaroni, J. Di Cristofaro, R. Villems, T. Kivisild, P. A. Underhill: A major Y-chromosome haplogroup R1b Holocene era founder effect in Central and Western Europe. In: European journal of human genetics : EJHG. Band 19, Nummer 1, Januar 2011, ISSN 1476-5438, S. 95–101. doi:10.1038/ejhg.2010.146. PMID 20736979. PMC 3039512 (freier Volltext).
  8. S. M. Adams, T. E. King, E. Bosch, M. A. Jobling: The case of the unreliable SNP: recurrent back-mutation of Y-chromosomal marker P25 through gene conversion. In: Forensic science international. Band 159, Nummer 1, Mai 2006, ISSN 0379-0738, S. 14–20. doi:10.1016/j.forsciint.2005.06.003. PMID 16026953.