Verballhornung

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Verballhornung bezeichnet den Versuch, einen Text oder Begriff so wiederzugeben, dass das Resultat einen anderen Sinn ergibt. Der Duden gibt zu verballhornen die Bedeutung „(ein Wort, einen Namen, eine Wendung o. Ä.) entstellen“ an.[1][2] Dies erfolgt auch zu parodistischen Zwecken.[3]

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Der Etymologe Pfeifer sieht das Verb verballhornen für ‘einen Text, eine sprachliche Äußerung entstellen’ (in der Absicht, etwas vermeintlich Falsches zu verbessern) seit dem 18. Jahrhundert in der Literatursprache belegt, vgl. etwa Verjohannballhornung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Verballhornung (19. Jh.), ballhornisieren (Anfang 19. Jh.). Im norddeutschem Gebiet entstanden Ableitungen „vom Namen eines Lübecker Buchdruckers Johann Ballhorn, bei dem 1586 eine von einem Unbekannten fehlerhaft bearbeitete Ausgabe des lübischen Rechts erschien“.[4]

Die Bezeichnung Verballhornung soll auf den Lübecker Buchdrucker Johann Balhorn den Jüngeren († 1603) zurückgehen, der 1586 eine Ausgabe des Lübecker Stadtrechts verlegte, die viele sinnentstellende Fehler enthielt. Der Historie zufolge soll er eine ältere Ausgabe überarbeitet haben, wonach jedoch mehr Fehler enthalten waren als vorher, weshalb verballhornen (seltener: ballhornisieren) ursprünglich so viel wie „verschlimmbessern“ bedeutete. Peinlich war dies besonders deshalb, weil andere Städte ebenfalls nach Lübecker Stadtrecht urteilten.

So schrieb etwa Herders Conversations-Lexikon 1854:

„Ballhorn, Joh., Buchdrucker in Lübeck am Schlusse des 16. Jahrh., gab eine Abcfibel heraus, in welcher er auf einem Holzschnitte dem in den Fibeln althergebrachten Hahne die Sporen abgenommen und 2 Eier beigelegt hatte; darunter setzte er: Verbessert durch Joh. B. Davon heißt ein Buch ballhornen (ballhornisiren) soviel als dasselbe verschlechtern, indem man es ungeschickt verbessert.“

Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1854, Band 1, S. 392 [5].

Meyers Großes Konversations-Lexikon 1905 dagegen:

„Balhorn (nicht Ballhorn), Johann, Buchdrucker zu Lübeck 1530–1603. Das von seinem Namen abgeleitete Wort verballhornen oder ballhornisieren ist noch nicht überzeugend erklärt. Am wahrscheinlichsten ist es durch Balhorns Ausgabe der »Lübeckischen Statuta« (1586) entstanden, wegen der darin vorgenommenen Verbesserungen, die allgemein verurteilt wurden, und weil B., der das Buch nur gedruckt hatte, allein auf dem Titelblatt genannt war. Eine andre Erklärung leitet das Wort daher ab, daß [...] B. in einer Fibel dem üblichen Bilde des Hahnes ein paar Eier untergelegt habe, die Berechtigung dieser Erzählung ist aber nicht erwiesen. Vgl. Kopp in der »Zeitschrift für Bücherfreunde«, 1902.“

Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1905, S. 301–302.[6]
Titelblatt des Lübecker Stadtrechts von 1586

Der Volkskundler Lutz Röhrich geht inzwischen davon aus, dass die sinnentstellenden Änderungen nicht von Balhorn selbst, sondern von zwei Juristen des Stadtrates hineinredigiert wurden, denen bei der Übertragung vom Niederdeutschen ins Hochdeutsche Irrtümer und Missverständnisse unterlaufen seien. Auf dem Titelblatt des Werkes steht jedoch nur der Name des Druckers als „Auffs Newe vbersehen / Corrigiret / vnd aus alter Sechsischer Sprach in Hochteudsch gebracht. Gedruckt zu Lübeck / durch Johan Balhorn“, sodass sich sehr bald eine Redewendung „verbessert durch Balhorn“ einbürgerte. Eine solche Redewendung ist bereits im 17. Jahrhundert reichlich belegt, erstmals zu finden in der Korrespondenz zwischen zwei schwedischen Gesandten auf dem Westfälischen Friedenskongress von Anfang 1644 als „myket blifwa förbättrade durch Balhorn“. In gedruckter Literatur findet sich die Redewendung dann bei Johann Peter de Memel in Lustige Gesellschaft (Lübeck 1656). Einer anderen Variante gemäß druckte Johann Bal(l)horn im Jahr 1571 eine Ausgabe der als Schulbuch weit verbreiteten lateinischen Grammatik des Johannes Rivius, in der er eigenmächtige Ergänzungen vornahm, und trug so zur Begriffsbildung bei. Röhrich beendet seinen Artikel damit, dass er feststellt, Balhorn als Drucker sei kein Vorwurf zu machen; er sei vielmehr „ganz zu Unrecht in den schlechten Ruf gekommen, der ihm noch jetzt […] anhaftet“.[7]

Exemplarische Beispiele[Bearbeiten]

Eine erschöpfende Aufzählung von Beispielen würde den Rahmen sprengen; deshalb hier vier willkürlich ausgewählte Beispiele, bei denen auch die sinnentstellende Wirkung der Verballhornung gut zu erkennen ist:

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Duden. Die deutsche Rechtschreibung. 25., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Dudenverlag, Mannheim/Wien/Zürich 2009, ISBN 978-3-411-04015-5, Stichwort „verballhornen“.
  2. Verballhornen in duden.de, abgerufen am 13. November 2013
  3. Belén Santana López: Wie wird das Komische übersetzt?, Frank & Timme 2006, S. 254, online in Google Books
  4. Etymologisches Wörterbuch nach Pfeifer, online im DWDS, abgerufen am 14. November 2013
  5. online in zeno.org, abgerufen am 14. November 2013
  6. online in zeno.org, abgerufen am 14. November 2013
  7. Lutz Röhrich: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Band 1. Herder, Freiburg u. a. 1994, ISBN 3-451-04400-5, Stichwort „Ballhorn, Balhorn“.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Verballhornung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen