Verbalphrase
Eine Verbalphrase (VP) bezeichnet in der Linguistik eine Phrase, also eine Gruppe von zusammengehörigen Wörtern, deren sogenannter Kopf oder Kern ein Verb ist. Zu einer vollständigen Verbalphrase gehören daneben noch die Ergänzungen (= Argumente) des Verbs (das sind in der traditionellen Schulgrammatik das Subjekt und die Objekte). Optional können weitere freie Angaben (= Adjunkte) wie adverbiale Bestimmungen vorhanden sein.
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Finitheit und Infinitheit [Bearbeiten]
Verbalphrasen können finit oder infinit sein, je nachdem, ob das Verb finit oder infinit ist. Wie diese Phrasen verstanden werden, unterscheidet sich je nach Grammatiktheorie. Die meisten Konstituentengrammatiken erkennen finite Verbalphrasen als Konstituenten an, während Dependenzgrammatiken nur infinite Verbalphrasen als Konstituenten anerkennen.
Beispiele für infinite Verbalphrasen [Bearbeiten]
Das infinite Verb einer infiniten Verbalphrase trägt keine Markierungen bezüglich Person, Numerus, Modus, oder Tempus. Im Satz kann es mehr als eine infinite Verbalphrase geben. Die infiniten Verbalphrasen in den folgenden Sätzen sind fettgedruckt und der jeweilige Kopf der Verbalphrase ist unterstrichen:
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- Ich will eure Hände sehen. - Infinite Verbalphrase mit Infinitiv als Kopf
- Sie werden schon alles versucht haben. – Infinite Verbalphrase mit Infinitiv als Kopf
- Sie werden alles versucht haben. – Infinite Verbalphrase mit Partizip Perfekt als Kopf
- Das ist mehrmals gesagt worden. – Infinite Verbalphrase mit Ersatzinfinitiv (Sonderform des Partizip Perfekts) als Kopf
- Das ist mehrmals gesagt worden. – Infinite Verbalphrase mit Partizip Perfekt als Kopf
- Sie weigern sich, mehr zu lesen. – Infinite Verbalphrase mit zu-Infinitiv als Kopf
- Nichts sagend saß er ruhig in der Ecke. – Infinite Verbalphrase mit Partizip Präsens als Kopf
Viele infinite Verbalphrasen gelten als Satzglieder, weil sie verschoben werden können, z.B.
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- Eure Hände sehen will ich. – Infinite Verbalphrase kann verschoben werden.
- Alles versucht werden sie schon haben. – Infinite Verbalphrase kann verschoben werden.
- Mehr zu lesen, weigern sie sich. - Infinite Verbalphrase kann verschoben werden.
Dieses Charakteristikum ist wichtig, insofern als es infinite Verbalphrasen von den finiten Verbalphrasen unterscheidet.
Beispiele für finite Verbalphrasen [Bearbeiten]
Das finite Verb einer finiten Verbalphrase zeigt Person, Numerus, Tempus, und Modus, z. B. bin (1. Person, Singular, Präsens, Indikativ), würdet (2. Person, Plural, Präsens, Konjunktiv II), zeichneten (1. oder 3. Person, Plural, Präteritum, Indikativ oder Konjunktiv). Es gibt nur ein finites Verb im Satz (es sei denn, Koordination liegt vor wie beispielsweise in Sie lacht und weint). Die finiten Verbalphrasen in den folgenden Sätzen sind fettgedruckt und der Kopf der Verbalphrase ist unterstrichen:
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- Die Leute verstehen kein Wort. – Finite Verbalphrase mit Vollverb als Kopf
- Fritz studiert Geschichte und Mathematik. – Finite Verbalphrase mit Vollverb als Kopf
- Ich will eure Hände sehen. – Finite Verbalphrase mit Modalverb als Kopf
- Das ist nicht zu fassen. – Finite Verbalphrase mit Kopula als Kopf
- Sie hätten weniger essen müssen. – Finite Verbalphrase mit Auxiliarverb als Kopf
- Der Text wurde mehrmals revidiert. – Finite Verbalphrase mit Auxiliarverb als Kopf
Finite Verbalphrasen sind eindeutig keine Satzglieder, weil sie nicht verschoben werden können:
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- *Versteht kein Wort Hans. – Finite Verbalphrase kann nicht verschoben werden.
- *Studiert Geschichte und Mathematik Fritz. – Finite Verbalphrase kann nicht verschoben werden.
- *Will eure Hände sehen ich. – Finite Verbalphrase kann nicht verschoben werden.
Dieses Charakteristikum ist wichtig, weil es darauf hinweist, dass die finite Verbalphrase nicht als Konstituente anzusehen ist.[1]
Finite Verbalphrase als Konstituente? [Bearbeiten]
Die obigen Beispiele legen dar, dass es wesentliche Unterschiede zwischen finiten und infiniten Verbalphrasen gibt. Diese Unterschiede führen in verschiedenen Grammatiktheorien zu unterschiedlichen Verständnissen der Verbalphrase. Der Hauptunterschied in diesem Bereich betrifft den Status der finiten Verbalphrase. Die meisten Konstituentengrammatiken betrachten sie als Konstituente, während Dependenzgrammatiken finite Verbalphrasen als Konstituenten ablehnen. In anderen Worten: Dependenzgrammatiken erkennen gar keine finiten Verbalphrasen an (wenigstens im Sinne der Zweiteilung des Satzes).[2]
Die Annahme der finiten Verbalphrase als syntaktischer Einheit entstammt dem amerikanischen Strukturalismus. Diese Tradition der Grammatik geht von der Zweiteilung des Satzes aus. Der Satz besteht aus einer Nominalphrase (NP) als Subjekt und einer Verbalphrase (VP) als Prädikat.[3] Die Zweiteilung findet am deutlichsten in der ersten Phrasenstrukturregel der Phrasenstrukturgrammatik von Noam Chomsky Ausdruck: S → NP VP. Diese Zweiteilung ist eindeutig in den frühen Strukturbäumen der Phrasenstrukturgrammatik zu erkennen, z. B.
Diese Sätze werden je in zwei Teile eingeteilt. Satz a. besteht aus der NP die Leute und der finiten VP verstehen kein Wort, und Satz b. aus der NP bzw. dem (ein Nomen vertretenden) Pronomen ich und der finiten VP will eure Hände sehen. Nach dieser Zweiteilung handelt es sich bei der finiten Verbalphrase um eine Konstituente. Diese Ansicht der Satzstruktur ist zu einem festen Aspekt der Konstituentengrammatiken geworden.
Lucien Tesnière, Urheber der modernen Dependenzgrammatiken, kritisierte diese Zweiteilung des Satzes. Anstelle der Zweiteilung setzte er das finite Verb an die Wurzelposition des Satzes und ließ die anderen Satzglieder von dieser Wurzel abhängen. Moderne Dependenzgrammatiken analysieren die obigen zwei Sätze wie folgt:
Da die finiten Teile verstehen kein Wort und eure Hände sehen in diesen Bäumen nicht als komplette Teilbäume vorhanden sind, gelten sie nicht als Konstituenten, was wiederum bedeutet, dass sie keine Phrasen sind. Wenn man in solchen Fällen eine Verbalphrase anerkennen will, muss man so jeweils den ganzen Satz als Phrase anerkennen. In der Praxis aber zieht man bei solchen Einheiten den Terminus „Satz“ dem der „Verbalphrase“ vor. Dies führt dazu, dass Dependenzgrammatiken finite Verbalphrasen einfach ablehnen.
Infinite Verbalphrasen allerdings sind sowohl in Konstituentengrammatiken als auch in Dependenzgrammatiken Konstituenten. Dieser Sachverhalt ist in den b-Bäumen zu erkennen, wo eure Hände sehen jeweils als kompletter Teilbaum und daher als Konstituente gilt.
Anmerkungen [Bearbeiten]
- ↑ Was den Status einer finiten VP-Konstituente in Hinsicht auf die Konstituententests wie Verschiebung betrifft, vgl. Osborne et al. (2011:323–324).
- ↑ Vgl. Tesnière (1959:103–105).
- ↑ Die Zweiteilung des Satzes geht auf die antike Logik zurück und wurde in den prominenten Werken von Bloomfield (1933), Wells (1947), und Chomsky (1957) zur Grundlage der Theorie der Syntax gemacht.
Literatur [Bearbeiten]
- Leonard Bloomfield: Language. New York: Henry Holt 1933.
- Noam Chomsky: Syntactic Structures. The Hague/Paris: Mouton 1957.
- Timothy Osborne, Michael Putnam, and Thomas Groß: Bare phrase structure, label-less trees, and specifier-less *syntax: Is Minimalism becoming a dependency grammar? The Linguistic Review 28, 315–364, 2011.
- Lucien Tesnière: Éleménts de syntaxe structurale. Paris: Klincksieck, 1959.
- Rulon S. Wells: Immediate Constituents, in: Language 23, 1947, 81–117.

