Verband der Islamischen Kulturzentren

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Innenraum einer Moschee des VIKZ in Emmendingen

Der Verband der Islamischen Kulturzentren e. V. (VIKZ; türkisch İslam Kültür Merkezleri Birliği, IKMB) ist der älteste und einer der größten islamischen Dachverbände Deutschlands. Er hat seinen Sitz in Köln (gegründet 1973). Er vertritt den sunnitischen Islam mit mystischer Prägung.[1] Der Verband ist in den Hansestädten Hamburg und Bremen bereits als eine islamische Religionsgemeinschaft anerkannt.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

Der Verband der Islamischen Kulturzentren geht zurück auf das in 1973 gegründete Islamische Kulturzentrum in Köln. Er versteht sich parteipolitisch neutral und kümmert sich um religiöse, soziale und kulturelle Bedürfnisse[3] von Muslimen.

1979 stellte das Islamische Kulturzentrum einen Antrag auf die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts, um Religionsunterricht an öffentlichen Schulen für muslimische Schüler geben zu können. Dieser Antrag wurde nicht weiter verfolgt. Der VIKZ stellte im Jahre 1994 erneut einen Antrag, der noch nicht beschieden ist und vom Verband momentan nicht verfolgt wird.

Der Verband der Islamischen Kulturzentren ist Gründungsmitglied des Koordinierungsrats der Muslime‎,[4] der kurz vor der Deutschen Islamkonferenz ins Leben gerufen wurde. Auf der Konferenz wird der Verband durch seinen Präsidenten vertreten. Seit Januar 2014 ist der Theologe Mehmed Duran der neue Präsident. [5]

Vereinsstruktur[Bearbeiten]

Der VIKZ seinerseits gehörte mit zu den Gründern des Zentralrats der Muslime in Deutschland, trat aber im Jahr 2000 nach einem Führungswechsel aus. Der Verband bekennt sich zur Richtung des sunnitischen Islam. Der Zentralisierungsprozess im Jahre 1980, bei dem alle selbständigen Gemeinden aufgelöst und zu einem einzigen Verband in Köln zusammengeschlossen wurden, wurde im Jahre 2006 wieder rückgängig gemacht. Die Gemeinden vor Ort sind wieder selbständige Vereine, die als Mitgliedsvereine des Dachverbandes für ihre Aktivitäten selbst verantwortlich sind. Sie stehen jedoch in einem Fördervertrag mit dem Dachverband.

Zum Verband gehören deutschlandweit mehr als 300 Moscheen.

Aktivitäten und Rezeption[Bearbeiten]

Einblick in das von OBS und VIKZ gegründete Lesecafé für Jugendliche

Der VIKZ betätigt sich nach seinen Angaben in sozialen, religiösen und kulturellen Bereichen. Er legt großen Wert auf die religiöse Bildung der nachwachsenden Generation von Muslimen und ihren Kindern in Deutschland. Neben der religiösen Unterweisung bietet der Verband Interessierten verschiedene Kurse wie Hausaufgabenhilfe, Deutsch- und Computerkurse an. Die Kurse werden in den meisten Fällen in Kooperation mit den örtlichen Volkshochschulen durchgeführt. Vorrangiges Ziel ist die verbesserte Kommunikation mit dem sozialen Umfeld und der verstärkten Teilnahme am öffentlichen Leben.[6] So führte der Verband gemeinsam mit der Otto Benecke Stiftung e.V. (OBS) das Modellprojekt „Verstärkte Partizipation von Migrantenorganisationen (PARTIMO)“ zur Verbesserung der Bildungs- und Jugendarbeit durch, welches vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert wurde.[7] In diesem Rahmen wurde im März 2011 ein Lesecafé im Schülerwohnheim für die Schüler und deren Freunde eröffnet, um das Lesen bei Migrantenkindern und die Begegnung mit anderen Jugendlichen zu fördern.[8]

Umstritten in der Öffentlichkeit war der Versuch, verbandseigene Wohnheime für Schüler einzurichten. Das erste, amtlich genehmigte Schüler-Wohnheim des VIKZ in Nordrhein-Westfalen wurde 2003 in Duisburg eröffnet; es gilt als in das Stadtviertel mittlerweile gut integriert und als ein „Vorzeigeprojekt“.[9] Der Verband betont, dass es ihm allein um eine intensive schulische und religiöse Förderung der Schüler gehe.

Im Bereich der integrationsfördernden Jugendarbeit möchten der Verband und die Stiftung Methoden zur interkulturellen Öffnung der Moscheegemeinden und der Jugendarbeit vermitteln und die Jugendarbeit des Verbandes professionalisieren.[10] In dem unveröffentlichten Gutachten der Marburger Turkologin Ursula Spuler-Stegemann aus dem Jahre 2004 im Auftrag des hessischen Sozialministeriums wird behauptet, die Heime dienten entgegen anderslautenden Beteuerungen „fast ausschließlich islamischer Lehre und der Einübung in die Glaubenspraxis“ und seien „absolut integrationshemmend“. Die Schüler würden in einen „strengstens scharia-orientierten“ Islam „hinein-indoktriniert und gegen das Christentum wie auch gegen den Westen ebenso immunisiert wie gegen unser Grundgesetz“[11]. Gegen Spuler-Stegemann erhebt die durch den VIKZ beauftragte Migrationsforscherin Prof. Ursula Boos-Nünning in einer durch den Verband verbreiteten Stellungnahme den – bei einem unveröffentlichten Gutachten schwer zu überprüfenden – Vorwurf: „Das Problem des Gutachtens ist, dass kaum eine Aussage belegt wird. Es wird nicht mit empirischen Daten oder auch nur Einzelerfahrungen auf der Ebene der Beschreibung argumentiert, sondern viele Aussagen lassen die emotional ablehnende Grundhaltungen der Verfasserin erkennen“, so Boos-Nünning (S.7)[12].

Im Jahre 2008 zitierte die lokale Zeitung Kölner Stadt-Anzeiger Vorwürfe gegen den VIKZ aus einem zwei Jahre alten Papier der Polizei Köln aus dem Jahr 2006, die sich auf Spuler-Stegemann beruft. Darin wurde dem Verband vorgeworfen, er sei antiwestlich, antidemokratisch und antijüdisch, der „heilige Krieg“ und das Märtyrertum würden in Predigten verherrlicht und ein „Strategiepapier“ gebe umfassende Anweisungen zur „Verdunkelung“ illegaler Umtriebe.[13] Der VIKZ selbst reagierte auf die Vorwürfe in einer Presseerklärung und wies die Vorwürfe zurück. Er berief sich dabei auf seine 35-jährige Arbeit. „Heiliger Krieg“ nach dem religiösen Verständnis des VIKZ gebe es nicht und Dschihad verstehe er nur als Dienst an den Menschen.[14] Das Polizeidossier lieferte keinen Ansatz für strafrechtliche Verfolgung, noch ergab es Beweise für eine Beobachtung durch die Verfassungsschutzämter aufgrund – so die VS-Formel – „aggressiv-kämpferischen Vorgehens gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung“ (VIKZ wird infolgedessen in keinem Verfassungsschutzbericht erwähnt) oder politischen Missbrauchs des Islam; es hatte daher auch keine Konsequenzen für die Zusammenarbeit des VIKZ mit staatlichen Behörden. [15].

Die Religionswissenschaftlerin Gerdien Jonker hielt die damaligen Vorwürfe für „aufgewärmt„ und als ein „institutionalisiertes Narrativ“.[15] Das Integrationsministerium NRW erklärte, dass Vorwürfe, der Verband sei „antiwestlich, antidemokratisch und antijüdisch“ von der Landesregierung nicht bestätigt werden können.[16] Ferner bestritt das Innenministerium NRW, den VIKZ jemals als „integrationsfeindlich“ bezeichnet zu haben.[17]

Der Verband gilt unter Experten als unpolitisch und tiefreligiös.[18] In dieser Diskussion wurde der VIKZ von der Christlich-Islamischen Gesellschaft in Schutz genommen.[19] Aufgrund der Vorwürfe und Kritik hat der VIKZ im September 2008 die emeritierte Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning beauftragt, ein Gutachten über die 19 Schülerwohnheime des VIKZ zu erstellen. Die Studie soll Vorbehalte von Öffentlichkeit und Behörden gegen den Verband entkräften.[20]

Die Ergebnisse der Untersuchung mit dem Titel „Beten und Lernen“ sind im Juli 2010 der Öffentlichkeit vorgestellt worden, laut Boos-Nünning hätten die beiden Kernvorwürfe - die Jugendlichen zögen auf Druck ihrer Eltern in die Heime; Ziel sei Elitebildung - sich jedoch nicht bestätigt. Die Jugendlichen würden weder religiös noch politisch indoktriniert, allerdings hätten viele der überwiegend türkischstämmigen Schüler kaum deutsche Freunde, und statt den jungen Leuten Medienkompetenz zu vermitteln, sei „Medien-Abstinenz“ ein Erziehungsziel. Kritik übte sie auch an der starken Fremdbestimmung der Schüler in deren Freizeit.[21] So ergäben beispielsweise die Ergebnisse der Studie auch, dass das wichtigste Motiv für den Besuch der Wohnheime mit 91 Prozent ein guter Schulabschluss ist.[22] Auch belege für Boos-Nünning die Studie, dass Tradition und Weltoffenheit für die Jugendlichen kein Widerspruch darstellten.[22]

Der VIKZ ist der einzige islamische Verband, der schon seit den 80er-Jahren Theologinnen und Theologen in Deutschland ausbildet.[23]

Gemeinsam mit den anderen Verbänden des KRM veranstaltet der VIKZ jedes Jahr am dritten Oktober den „Tag der offenen Moschee“. An diesem besonderen Tag öffnen die Moscheen der Verbände allen Interessierten ihre Türen und laden zum Dialog ein.[24] Zudem veranstaltet der Verband das Multifestival [25]. Ziel des Multifestivals ist es eine Begegnungsmöglichkeit der Kulturen zu schaffen. Das erste Multifestival fand 2010 mit über 50.000 Besuchern in Duisburg statt. Unter dem Motto „50 Jahre Einwanderung - 50 Jahre deutsch-türkische Freundschaft“ wurde das viertägige Multifestival 2011 zum zweiten Mal in der Messe Essen mit rund 100.000 Besuchern [26] gefeiert.

Verbindung zu den sogenannten "Süleymanlcılar"[Bearbeiten]

Der VIKZ steht in Verbindung mit der islamischen Laienbewegung der von anderen türkischen Muslimen oft als „Anhänger Süleymans“ (türkisch Süleymancılar) bezeichneten Föderation der Vereine zur Förderung der Schüler und Studenten in der Türkei. Die Bewegung geht auf den 1959 verstorbenen Professor, Prediger und Naqschbandi-Scheich Süleyman Hilmi Tunahan zurück, der von seinen Schülern und Anhängern als „veli“ Gottesfreund verehrt wird. Da Tunahan sein Amt als spiritueller Führer (Scheich) nicht weitergab, organisierten sich seine Schüler als Laienbewegung. Die Charakterisierung der „Süleymancılar“ als „Derwisch- bzw. Sufi-Orden“ (Tariqa) oder „Bruderschaft“ ist daher unzutreffend.

In Deutschland sind die Mitglieder des VIKZ meist betont unauffällig und tragen ihre Lehre kaum nach außen. Sie betonen jedoch ihre sunnitische Rechtgläubigkeit und lehnen die Bezeichnung Süleymancılar als pejorativ ab.[27] Sie bevorzugen stattdessen die Bezeichnung Süleymanlılar.[28]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.deutsche-islam-konferenz.de/DIK/DE/Magazin/MedienPolitik/Organisationen/organisationen-node.html
  2. http://www.hamburg.de/contentblob/3551370/data/download-muslim-verbaende.pdf; http://www.rathaus.bremen.de/sixcms/media.php/13/Islamische_Religionsgemeinschaften.pdf
  3. VIKZ e.V. Köln - Soziale Dienste
  4. Deutsche Muslime bilden gemeinsamen Koordinationsrat in Die Welt vom 11. April 2007
  5. VIKZ e.V. Köln - VIKZ wählt neuen Bundesvorstand - Neuer Präsident ist der Theologe Mehmet Duran
  6. VIKZ e.V. Köln - Jugendarbeit
  7. Projekt PARTIMO - Partizipation von Migrantenorganisationen
  8. Pr Inside - Eröffnung Lesecafé für Jugendliche
  9. Duisburg: "Hier wird nicht indoktriniert" von Peter Klucken, rp-online.de 9. Februar 2010
  10. VIKZ gibt Startschuss fĂźr eine bessere Bildungs- und Jugendarbeit | Migration und Integration in Deutschland | MiGAZIN
  11. „Und nachts der Koran“ - Immer mehr Muslime in Deutschland vertreten religiös-konservative Ansichten. Islamische Verbände befördern diese Tendenzen. (PDF; 635 kB), SPIEGEL 46/2006
  12. BESSERER START INS LEBEN DANK WOHNHEIMBESUCH
  13. Matthias Niewels: „Schwere Vorwürfe gegen Islam-Verein“, KStA vom 10. April 2008
  14. Köln: VIKZ wehrt sich mit Presseerklärung gegen Bericht des "Kölner Stadtanzeigers". Autorin Jonker: "Aufgewärmte Vorwürfe ". Brandanschlag in St. Ingbert? – Islamische Zeitung, 14. April 2008 (Version vom 21. Juli 2010 im Internet Archive), April 2008
  15. a b tagesspiegel.de: Muslim-Verein: SPD-Politiker für Boykott Justiz sieht keine Handhabe, Zugriff am 15. April 2011
  16. vikz.de: VIKZ steht nicht unter Beobachtung (PDF; 6 kB), Zugriff am 15. April 2011
  17. „Wir sind verfassungstreu“ (PDF-Datei; 426 kB) Der Westen, 23. April 2008
  18. vikz.de: Vorbild für andere Städte VIKZ (PDF; 22 kB), Zugriff am 15. April 2011
  19. Pressemitteilung der Christlich-Islamischen Gesellschaft zu den Vorwürfen gegen den VIKZ (PDF-Datei; 22 kB) 25. April 2008
  20. Arbeit der Schülerwohnheime untersuchen SWR 22. September 2008
  21. VIKZ: Islamverband indoktriniert Schüler nicht Von Harald Biskup, KStA vom 9. Juli 2010
  22. a b Gutes Zeugnis: Internate unter der Lupe | Wissenschaft - Frankfurter Rundschau
  23. HINTERGRUND: Die Ausbildung der Imame | Spezials - Frankfurter Rundschau
  24. TAG DER OFFENEN MOSCHEE 2010 - 3. Oktober
  25. Homepage Multifestival inkl. Archiv gilt für die Jahre 2010, 2011
  26. Meldung zum Verlauf des Multifestival 2011 VIKZ, 4.Oktober 2011
  27. Selbstdarstellung (Version vom 4. Februar 2005 im Internet Archive) siehe dort Punkt 5: Die Frage der „Mystischen Ausrichtung“ von Angehörigen des VIKZ
  28. SÜLEYMANLILAR NEDİR? süleymanlılar ne zaman? Türkischer Sammelband