Verein für Socialpolitik

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Der Verein für Socialpolitik ist eine ökonomische Vereinigung im deutschen Sprachraum. Er hat seinen Sitz in Frankfurt am Main. Zurzeit hat er etwa 3.800 persönliche und 48 korporative Mitglieder. Der Verein gibt die Schriftenreihe Schriften des Vereins für Socialpolitik (Neue Folge) und zwei Zeitschriften (German Economic Review und Perspektiven der Wirtschaftspolitik) heraus.

Er befasst sich in 23 ständigen Fachausschüssen mit allen Zweigen der Wirtschaftswissenschaften. Vorsitzende seit 2015 ist Monika Schnitzer.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Verein wurde 1873 gegründet.[1] Adolf Held war ab 1873 Sekretär. Ihm gehörten Ökonomen wie Gustav von Schmoller (Vorsitzender 1890–1917), Adolf Wagner und Lujo Brentano an.

Im Zusammenhang mit dem großen Aufschwung Preußens und Deutschlands entstand eine neue Schule der Volkswirtschaftslehre, die auf historisch-psychologischem Boden eine Brücke zwischen den Manchesterliberalen und den sozialrevolutionären Ideen des aufkommenden Sozialismus zu finden suchte. Die revolutionäre Agitation eines Ferdinand Lassalle oder Karl Marx schienen ihnen ebenso ungeeignet wie die Laissez-faire Politik der Liberalen, um die Lage der Arbeiter zu verbessern. Die Historische Schule schuf sich in der Bildung des Vereins für Socialpolitik eine Verfassung und beeinflusste immer mehr durch ihre Schriftenpublikation das öffentliche Interesse in Deutschland und darüber hinaus.

Heinrich Bernhard Oppenheim prägte für die Mitglieder den Begriff der „Kathedersozialisten“, um sie als Vertreter eines anti-liberalen Staatsinterventionismus zu brandmarken. Kritik an den Schattenseiten des Liberalismus wurde von den Liberalen allerdings oft pauschal als Sozialismus gewertet, auch wenn diese Kritik nicht aus dem sozialistischen Lager kam. Laut Gustav v. Schmoller wollten er und die Mitglieder „auf der Grundlage der bestehenden Ordnung die unteren Klassen soweit heben, bilden und versöhnen, dass sie in Harmonie und Frieden sich in den Organismus einfügen“. Zu der damaligen Zeit der Gewerbefreiheit waren die Rechte der Arbeiter minimal und ihre Behandlung vielfach menschenunwürdig. Zudem hatten die Arbeiter bis zur Bildung des Sozialversicherungswesens in den 1880er Jahren (das wilhelminische Deutschland galt als Pioniernation der modernen Sozialpolitik) kaum eine Absicherung gegen Arbeitsunfähigkeit, Krankheit oder Arbeitslosigkeit; und schwere Verletzungen und Tod am Arbeitsplatz gehörten damals vielfach zum Arbeitsalltag.

Die Lehre der Historischen Schule fand schnell öffentliches Interesse auch über Deutschland hinaus; so in den englischen Fabiern und der nordamerikanischen Academy of Political and Social Science. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten über soziale Angelegenheiten haben nicht bloß eine große Wirkung auf das damals heranwachsende Geschlecht, sondern auch auf die deutsche Politik, speziell auf Otto von Bismarck ausgeübt. Die Vertreter dieser Schule haben die deutschen Staatswissenschaften von 1860–1914 maßgeblich beeinflusst und auf ein viel breiteres Fundament als die rein mathematische Analyse der klassischen Volkswirtschaftslehre gestellt.

Der Verein war allerdings selbst keine Organisation der Arbeiterbewegung, nur ausnahmsweise konnten bei ihm etwa Gewerkschaftsfunktionäre selbst zu Wort kommen und ihre Positionen darlegen. Kein Interesse bestand an der Meinung von Sozialdemokraten und sozialdemokratischen Gewerkschaftern, welche zu der damaligen Zeit eine stark sozialistische Ausrichtung hatten. Nach schweren inneren Auseinandersetzungen entwickelte sich der sozialpolitische „Agitationsverein“ zu einer politisch neutralen, fachübergreifenden Gesellschaft fort. 1936 löste sich der Verein selbst auf, um der Gleichschaltung zu entgehen. 1948 wurde er wiedergegründet. Seit 1956 führt er den Namenszusatz Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Kontroversen[Bearbeiten]

Auf der Wiener Tagung 1909 gab es „scharfe Konflikte“[2] über gesellschaftspolitische Streitfragen, insbesondere um Werturteile in der Soziologie. Diese wurden unter dem Begriff Werturteilsstreit bekannt, Hauptkontrahenten waren Max Weber, Werner Sombart und Gustav Schmoller. Diese Meinungsverschiedenheit spielte eine „ernst zu nehmende Rolle“[3] bei der Trennung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) vom VfS, wobei bezweifelt wird, dass dies der wichtigste Streitpunkt gewesen sei.[2][3] Weber forderte für die DGS, dass sie im Gegensatz zum VfS keine „sozialpolitischen, praktischen Ziele und Ideale“ verfolge.[4]

Nach der „auseinandersetzungsreichen“[5] VfS-Tagung 1972 zu „Macht und ökonomisches Gesetz“[6] gründeten Wirtschaftswissenschaftler den Arbeitskreis politische Ökonomie, um marxsche, keynesianische, kritische neoklassische und institutionelle Theorien zu diskutieren.[5]

Auf der Jahrestagung des VfS 1992 hielten die Ökonomin Christiane Busch-Lüty und der Physiker Hans-Peter Dürr einen gemeinsamen Vortrag zu „Ökonomie und Natur“.[7] Busch-Lüty konstatierte, dass der Ansatz einer „dezidiert transdisziplinär ansetzenden und ganzheitlich ausgerichteten ökologischen Ökonomie dort auf absehbare Zeit keinerlei Chance für eine wissenschaftliche Beheimatung hat und haben wird.“[8] Dies führte zur Gründung der Vereinigung für Ökologische Ökonomie im Jahr 1996.[7]

2012 organisierte der heute im Netzwerk Plurale Ökonomik aufgegangene Arbeitskreis Real World Economics um Helge Peukert und Christoph Freydorf eine Gegenveranstaltung zur VfS-Tagung in Göttingen. Das mehrtägige Parallelprogramm bot Platz für die Forschungsrichtungen und Forscher, die nach Ansicht der Organisatoren ansonsten ausgegrenzt würden.[9][10][11] Dazu formulierten sie einen offenen Brief an den Verein für Socialpolitik, in dem sie „Theorienvielfalt statt geistiger Monokultur“, „Methodenvielfalt statt angewandter Mathematik“ und „Selbstreflexion statt unhinterfragter, normativer Annahmen“ forderten.[12][13] Der Vereinsvorsitzende Michael Burda erwiderte den Brief im August 2013.[14] Rudolf Hickel bezeichnete die Antwort auf den Nachdenkseiten als unglaubliche Provokation und kommentierte: „Hier präsentiert sich ein Armutszeugnis, das belegt, dass diese vorherrschende Ökonomik aber auch nichts aus der Finanzmarktkrise gelernt hat.“[15] Arne Heise kommentierte Burdas Brief im Handelsblatt: „Von kritischer Selbstreflexion in Anbetracht des Scheiterns an der Wirklichkeit ist nichts zu sehen.“[16] Unter den Doktoranden und Post-Doktoranden des Vereins durchgeführte Studien ergaben, dass gut die Hälfte der Aussage tendenziell zustimmte, die aktuelle volkswirtschaftliche Forschung sei zu stark auf mathematische Modellierung ausgerichtet. Knapp die Hälfte gab an, die Forschung orientiere sich nicht ausreichend an realen Problemen und über 60 Prozent stimmten der Aussage eher zu, historische Erfahrungen würden nicht in ausreichender Form genutzt.[17] 2014 veröffentlichte das Netzwerk Plurale Ökonomik gemeinsam mit internationalen Gruppen einen erneuten, inhaltlich ähnlicher Aufruf.[18][19][20]

Preise[Bearbeiten]

Der Verein vergibt jährlich die folgenden Auszeichnungen:

  • Gossen-Preis für einen Wirtschaftswissenschaftler aus dem deutschen Sprachraum, der mit seinen Arbeiten internationales Ansehen gewonnen hat.
  • Gustav Stolper-Preis für hervorragende Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die mit Erkenntnissen wirtschaftswissenschaftlicher Forschung die öffentliche Diskussion über wirtschaftliche Zusammenhänge und Probleme beeinflusst und wichtige Beiträge zum Verständnis und zur Lösung ökonomischer Probleme geleistet haben.
  • Reinhard Selten-Preis (Young Author Best Paper Award) für Beiträge, die sich insbesondere durch Originalität, Bedeutung der Fragestellung und saubere Methodik auszeichnen. Der mit 3000 Euro dotierte Preis wird an Autorinnen oder Autoren verliehen, die unter 32 sind.
  • Carl-Menger-Preis „für innovative, internationale Forschungsleistungen auf den Gebieten der monetären Makroökonomie, Geldpolitik und Währungspolitik“, der von der Deutschen Bundesbank, der Österreichischen Nationalbank sowie der Schweizerischen Nationalbank gemeinsam gestiftet wurde und mit 20.000,- Euro dotiert ist.[21][22]

Bekannte Mitglieder[Bearbeiten]

Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik
Zeitraum Vorsitzender
1890–1917 Gustav von Schmoller
1987–1991 Gernot Gutmann
1992–1996 Wolfgang Bühler
1997–2000 Hans-Werner Sinn
2001–2004 Martin Hellwig
2005–2008 Friedrich Schneider
2009–2011 Lars-Hendrik Röller
2011-2014 Michael C. Burda
seit 2015 Monika Schnitzer

Literatur und Quellen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zur Gründungsgeschichte vgl. Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914, I. Abteilung: Von der Reichsgründungszeit bis zur kaiserlichen Sozialbotschaft (1867–1881), 8. Band: Grundfragen der Sozialpolitik in der öffentlichen Diskussion: Kirchen, Parteien, Vereine und Verbände, bearbeitet von Ralf Stremmel, Florian Tennstedt und Gisela Fleckenstein, Darmstadt 2006, Nr. 46–103, Nr. 106–120, Nr. 122–124.
  2. a b Otthein Rammstedt: Wertfreiheit und die Konstitution der Soziologie in Deutschland, Zeitschrift für Soziologie, Jg. 17, Heft 4, August 1988, S. 264–271.
  3. a b Wolfgang Glatzer: Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS): Die akademische soziologische Vereinigung seit 1909, soziologie.de, abgerufen am 3. Februar 2015.
  4. M. Rainer Lepsius: Max Weber und die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, soziologie.de, abgerufen am 3. Februar 2015.
  5. a b Arbeitskreis politische Ökonomie, abgerufen am 8. Februar 2015.
  6.  Hans K. Schneider (Hrsg.): Macht und ökonomisches Gesetz (= Schriften des Vereins für Socialpolitik. 74). Duncker & Humblot, Berlin 1972, ISBN 3-428-02965-8.
  7. a b  Christiane Busch-Lüty, Hans-Peter Dürr: Ökonomie und Natur: Versuch einer Annäherung im interdisziplinären Dialog. In: Heinz König (Hrsg.): Umweltverträgliches Wirtschaften als Problem von Wissenschaft und Politik (= Schriften des Vereins für Socialpolitik. 224). Duncker & Humblot, Berlin 1993, ISBN 3-428-07771-7, S. 13–44 (Online auf voeoe.de, abgerufen am 3. Februar 2015). Vgl. auch die Vorbemerkung im Online-Dokument.
  8. Christiane Busch-Lüty: Gründung einer Vereinigung für Ökologische Ökonomie im deutschsprachigen Raum: Call for members. In: Ökologisches Wirtschaften 1/1996, S. 6.
  9. Erste Pluralistische Ergänzungsveranstaltung zur VfS Jahrestagung 2012 in Göttingen, Netzwerk Plurale Ökonomik, abgerufen am 3. Februar 2015.
  10. Norbert Häring, Hans Christian Müller-Dröge: Verein für Socialpolitik: Wenn Ökonomen aufeinanderprallen, Handelsblatt, 13. September 2012.
  11. Olaf Storbeck: Paralleltagung: Kritische Ökonomen unter sich. In: Handelsblatt, 7. September 2012.
  12. Offener Brief, Netzwerk Plurale Ökonomik, abgerufen am 3. Februar 2015.
  13. Stefan Holz und Wendelin Sandkühler: Klare Ansage aus dem Studierendenparlament der Universität zu Köln: Studierende wollen "Plurale Ökonomik". NRhZ-Online, 21. November 2012.
  14. Michael Burda: Brief an Thomas Dürmeier, 9. August 2013.
  15. Der Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik sieht keine Defizite in Lehre und Forschung, Nachdenkseiten, 20. August 2013.
  16. Burda lässt die Kritik kalt. Handelsblatt, 19. August 2013.
  17.  Alfons J. Weichenrieder und Danilo Zehner: Einschätzungen zu Promotion und Postdoktorandenzeit. Ergebnisse einer Umfrage unter Mitgliedern des Vereins für Socialpolitik. In: Perspektiven der Wirtschaftspolitik. 15, Nr. 3, 2014, ISSN 1465-6493, S. 256–270, doi:10.1515/pwp-2014-0016 (MPRA-Preprint).
  18. Internationaler studentischer Aufruf für eine Plurale Ökonomik, isipe.net, abgerufen am 3. Februar 2015.
  19. Friedemann Bieber: Volkswirtschaftslehre: Bitte weniger eintönig. In: Frankfurter Allgemeine, 7. September 2014.
  20. Jens Berger: Pluralisierung der Ökonomik. In: Nachdenkseiten, 28. Oktober 2014.
  21. Carl-Menger-Preis, socialpolitik.org, abgerufen am 3. Februar 2015.
  22. Hélène Rey mit Carl-Menger-Preis ausgezeichnet, Webseite der Deutschen Bundesbank, 10. September 2014.