Verfassungsgericht der Republik Türkei

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Das Verfassungsgericht der Republik Türkei (türkisch Türkiye Cumhuriyeti Anayasa Mahkemesi) ist der türkische Staatsgerichtshof mit Sitz in Ankara und ist Teil der Gerichtsbarkeit der Türkei.

Geschichte[Bearbeiten]

Am 27. Mai 1960 putschte sich das Militär in der Türkei an die Macht und ordnete die Ausarbeitung einer neuen Verfassung an. Über die Notwendigkeit eines Verfassungsgerichts zur Kontrolle des Parlaments und seiner Entscheidungen auf Verfassungsmäßigkeit herrschte weitgehend Konsens, doch es kam zwischen Politikern und Rechtswissenschaftlern zu zahlreichen Diskussionen darüber mit welchen Kompetenzen das künftige Verfassungsgericht ausgestattet und wie es organisiert und besetzt werden sollte. Schließlich einigten sich die Verfassungsväter und die neue Verfassung, in der nun auch erstmals ein Verfassungsgericht verankert war, wurde am 9. Juli 1961 per Volksentscheid bestätigt und trat am 20. Juli in Kraft. Die erste Entscheidung konnte das Gericht am 5. September 1962 fällen.

Am 12. September 1980 putschte das Militär erneut, womit die Verfassung außer Kraft trat. Die neu ausgefertigte Verfassung trat, bestätigt durch Referendum (91,37 %), am 9. November in Kraft und übernahm mit einigen Änderungen die Bestimmungen über die Verfassungsgerichtsbarkeit von der Verfassung von 1961.

Wahl und Zusammensetzung der Mitglieder[Bearbeiten]

Die Wahl und Zusammensetzung der Mitglieder des Verfassungsgerichts ist in den Art. 146 f. der türkischen Verfassung geregelt.

Seit der Verfassungsreform 2010 besteht das Verfassungsgericht aus siebzehn Mitgliedern. Für jede freie Stelle werden von bestimmten Einrichtungen drei Kandidaten gestellt, aus denen der Staatspräsident bzw. die Große Nationalversammlung ein Mitglied auswählt. Dabei dürfen pro Einrichtung nur eine bestimmte Anzahl an Mitgliedern im Verfassungsgericht vertreten sein.

Der Staatspräsident wählt je zwei Mitglieder aus dem Kassationshof und dem Staatsrat sowie je ein Mitglied aus dem Militärkassationshof und dem Hohen Militärverwaltungsgerichtshof. Zudem wählt er drei Mitglieder aus Mitgliedern der Lehrkörper der Hochschulanstalten, die vom Hochschulrat vorgeschlagen werden, diesem jedoch nicht angehören dürfen, wobei darunter mindestens zwei Juristen sein müssen. Schließlich werden seitens des Staatspräsidenten vier Mitglieder aus den Reihen leitender Beamter, freiberuflich tätiger Rechtsanwälte, der Richter Erster Klasse, der Staatsanwälte sowie Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Verfassungsgerichts ausgewählt. Insgesamt beläuft sich die Zahl der Mitglieder, die vom Staatspräsidenten ausgewählt werden auf 14. Die Große Nationalversammlung wählt in geheimer Abstimmung zwei Mitglieder aus dem Rechnungshof und ein Mitglied aus der freiberuflichen Anwaltschaft.

Die Richter haben eine durch die Altersgrenze von 65 Jahren begrenzte Amtszeit von zwölf Jahren und können nicht wiedergewählt werden. Die Mitgliedschaft endet zudem bei einer Verurteilung wegen einer Straftat, die die Entlassung aus dem Richteramt erfordert oder durch einfachen Mehrheitsbeschluss der übrigen Mitglieder bei gesundheitlichen Problemen, die die Amtsausübung nicht mehr ermöglichen.

Aufgaben[Bearbeiten]

Das Türkische Verfassungsgericht hat die Aufgabe Gesetze, gesetzeskräftige Beschlüsse oder die Geschäftsordnung des Parlaments auf Vereinbarkeit mit der Verfassung zu überprüfen. Daneben überwacht es den Staatspräsidenten, die Kabinettsmitglieder, die Präsidenten, Mitglieder, Oberstaatsanwälte oder stellvertretende Oberstaatsanwälte von Obergerichten, die Mitglieder des Hohen Rats der Richter und Staatsanwälte und des Rechnungshofes hinsichtlich möglicher Gesetzesverstöße bei der Amtsausübung. Das Gericht hat Parlamentsbeschlüsse über die Aufhebung der Immunität oder die Entlassung eines Parlamentsabgeordneten auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Außerdem kann es Parteiverbotsverfahren durchführen. Seit Ende 2010 (Verfassungsreferendum) ist ferner die Möglichkeit der Verfassungsbeschwerde gegeben.

In der Zeit seit der Gründung bis 1999 wurden durch das Gericht 2.693 Annullierungs- und Revisionsverfahren, in 79 Verbotsverfahren gegen politische Parteien und in 66 Verfahren über die Aufhebung der parlamentarischen Immunität oder Entlassung eines Abgeordneten geurteilt. Die letzten Verfahren, die international Aufsehen erregten, waren ein Normenkontrollverfahren zur Aufhebung des Kopftuchverbotes[1] und ein Verbotsverfahren gegen die Regierungspartei AKP 2008.[2][3]

Präsidenten und stellvertretende Präsidenten[Bearbeiten]

Präsidenten des Verfassungsgerichts[Bearbeiten]

Nr. Name Beginn der Amtszeit Ende der Amtszeit
1 Sünuhi Arsan (1899-1970) 22. Juni 1962 13. Juli 1964
2 Ömer Lütfi Akadlı (1902-1988) 7. Oktober 1964 8. Juli 1966
3 İbrahim Hilmi Senil (1903–1981) 8. Juli 1966 14. Juli 1968
4 İsmail Hakkı Ketenoğlu (1906-1977) 15. Dezember 1970 13. Juli 1971
5 Muhittin Taylan (1910–1983) 14. Juli 1971 14. Juli 1975
6 Kâni Vrana (1913-1984) 1. Oktober 1975 13. Juli 1978
7 Şevket Müftügil (* 1917) 24. Oktober 1978 7. August 1982
8 Ahmet Hamdi Boyacıoğlu (1920-1998) 9. August 1982 6. April 1985
9 Hasan Semih Özmert (* 1921) 9. April 1985 27. Juli 1986
10 Orhan Onar (1923-2009) 28. Juli 1986 1. März 1988
11 Mahmut Cuhruk (* 1925) 2. März 1988 1. März 1990
12 Necdet Darıcıoğlu (* 1926) 2. März 1990 4. Mai 1991
13 Yekta Güngör Özden (* 1932) 8. Mai 1991 8. Mai 1995
Yekta Güngör Özden (* 1932) 25. Mai 1995 1. Januar 1998
14 Ahmet Necdet Sezer (* 1941) 6. Januar 1998 5. Mai 2000
15 Mustafa Bumin (* 1940) 31. Mai 2000 31. Mai 2004
Mustafa Bumin (* 1940) 2. Juni 2004 26. Juni 2005
16 Tülay Tuğcu (* 1942) 25. Juli 2005 12. Juni 2007
17 Haşim Kılıç (* 1950) 22. Oktober 2007 voraussichtlich 13. März 2015 (Altersgrenze)

Stellvertretende Präsidenten des Verfassungsgerichts[Bearbeiten]

Nr. Name Beginn der Amtszeit Ende der Amtszeit
1 Tevfik Gerçeker (1898-1982) 22. Juni 1962 16. Dezember 1963
2 Ömer Lütfi Akadlı (1902-1988) 2. Dezember 1963 7. Oktober 1964
3 Rifat Orhan Göksu (1901–1988) 12. Juni 1965 14. Juli 1966
4 Ömer Lütfi Ömerbaş (1914-2000) 11. Februar 1967 2. März 1971
5 Avni Givda (1909–1987) 3. März 1971 13. Juli 1974
6 Kâni Vrana (1913-1984) 15. Juli 1974 1. Oktober 1975
7 Şevket Müftügil (* 1917) 3. November 1975 24. Oktober 1978
8 Ahmet Hamdi Boyacıoğlu (1920-1998) 8. November 1978 9. August 1982
9 Hasan Semih Özmert (* 1921) 9. August 1982 9. April 1985
10 Orhan Onar (1923-2009) 9. April 1985 28. Juli 1986
11 Mahmut Cuhruk (* 1925) 28. Juli 1986 2. März 1988
12 Yekta Güngör Özden (* 1932) 2. März 1988 8. Mai 1991
13 Güven Dinçer (* 1934) 12. Juni 1991 24. November 1999
14 Haşim Kılıç (* 1950) 7. Dezember 1999 22. Oktober 2007
15 Osman Alifeyyaz Paksüt (* 1953) 23. Oktober 2007 23. Oktober 2011
16 Serruh Kaleli (* 1954) 14. April 2011 ---
16 Alparslan Altan (* 1968) 26. Oktober 2011 ---

Aktuelle Mitglieder[Bearbeiten]

Präsident und stellvertretende Präsidenten[Bearbeiten]

Name Herkunft Mitglied seit gewählt von
Kılıç, HaşimHaşim Kılıç (* 1950) Rechnungshof   1990 Turgut Özal
Kaleli, SerruhSerruh Kaleli (* 1954) Leitende Beamte und Rechtsanwälte 19. Juli 2005 Ahmet Necdet Sezer
Altan, AlparslanAlparslan Altan (* 1968) Leitende Beamte und Rechtsanwälte 29. Mär. 2010 Abdullah Gül

Mitglieder[Bearbeiten]

Name Herkunft Mitglied seit gewählt von
Akıncı, Celal MümtazCelal Mümtaz Akıncı (* 1957) freiberufliche Anwaltschaft 13. Okt. 2010 Große Nationalversammlung
Arslan, ZühtüZühtü Arslan (* 1964) Mitglied eines Lehrkörpers 17. Apr. 2012 Abdullah Gül
Dursun, HicabiHicabi Dursun (* 1965) Rechnungshof 06. Okt. 2010 Große Nationalversammlung
Gökcan, Hasan TahsinHasan Tahsin Gökcan (* 1965) Kassationshof 17. Mär. 2014 Abdullah Gül
Kömürcü, RecepRecep Kömürcü (* 1955) Kassationshof 04. Dez. 2008 Abdullah Gül
Kuz, Muhammed EminMuhammed Emin Kuz (* 1959) Leitende Beamte und Rechtsanwälte 08. Mär. 2013 Abdullah Gül
Necipoğlu, NuriNuri Necipoğlu (* 1953) Militärkassationshof 22. Apr. 2010 Abdullah Gül
Özgüldür, SerdarSerdar Özgüldür (* 1955) Hoher Militärverwaltungsgerichtshof 21. Juni 2004 Ahmet Necdet Sezer
Paksüt, Osman AlifeyyazOsman Alifeyyaz Paksüt (* 1953) Leitende Beamte und Rechtsanwälte  Juli 2005 Ahmet Necdet Sezer
Perktaş, Zehra AylaZehra Ayla Perktaş (* 1949) Staatsrat 27. Juni 2007 Ahmet Necdet Sezer
Tercan, ErdalErdal Tercan (* 1961) Mitglied eines Lehrkörpers 07. Jan. 2011 Abdullah Gül
Topal, MuammerMuammer Topal (* 1966) Staatsrat 29. Jan. 2012 Abdullah Gül
Üstün, BurhanBurhan Üstün (* 1956) Kassationshof 30. Mär. 2010 Abdullah Gül
Yıldırım, EnginEngin Yıldırım (* 1966) Mitglied eines Lehrkörpers 09. Apr. 2010 Abdullah Gül

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Richter kassieren Erdogans Kopftuchgesetz (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung, Tagesschau vom 5. Juni 2008.
  2. Gericht prüft Verbot von Erdogans Partei AKP. Welt.de, 14. März 2008. Abgerufen am 3. April 2014.
  3. Islamisierung: Türkisches Verfassungsgericht lehnt Verbot der Regierungspartei ab. Spiegel Online, 30. Juli 2008. Abgerufen am 3. April 2014.

39.88259332.857748Koordinaten: 39° 52′ 57″ N, 32° 51′ 28″ O