Verfolgung der Kopten

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In Staaten, in denen Kopten leben, kommt es in den letzten Jahren zu einer zunehmenden religiösen Diskriminierung und Verfolgung durch die moslemischen Regime. Darunter ist vor allem Ägypten, wo ägyptische Christen, meist orthodox, nur noch 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Damit bildet sie die größte religiöse Minderheit in dem Land. Aber auch etwa in Libyen werden koptische Christen diskriminiert.

Während die Kopten in ihrer gesamten Geschichte hindurch verschiedene Grade an Verfolgung erlebt hatten, verurteilen heute Menschenrechtsorganisationen die "wachsende religiöse Intoleranz" und sektiererische Gewalt gegen koptische Christen in den letzten Jahren sowie ein Versagen der ägyptischen und libyschen Regierung, sachgemäß zu ermitteln und die Verantwortlichen strafrechtlich zu belangen.[1][2]

Modifiziertes koptisches Kreuz

Verfolgungsgeschichte[Bearbeiten]

Arabisch-moslemische Eroberung[Bearbeiten]

Die moslemische Eroberung Ägyptens fand 640 nach Christus statt, bis dahin war Ägypten koptisch-christlich. Trotz des politischen Aufruhrs verblieb Ägypten ein überwiegend christliches Land, obwohl die durch Diskriminierung bedingten schrittweisen Konversionen zum Islam über die Jahrhunderte Ägypten von einem hauptsächlich christlichen zu einem hauptsächlich moslemischen Land wandelten; am Ende des 12. Jahrhunderts bildeten die Muslime erstmals die Mehrheit.

Dieser Prozess wurde zusammen mit den Christenverfolgungen während und nach der Herrschaft des fatimidischen Kalifen al-Hakim bi-amri llāh (reg. von 996–1021) und den Kreuzzügen beschleunigt, aber auch durch die Annahme des Arabischen als Liturgiesprache durch den Patriarchen von Alexandrien Papst Gabriel ibn-Turaik.[3]

Diskriminierung ab den 1970er Jahren[Bearbeiten]

Das letzte Viertel des 20. und das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts waren von einer Verschlechterung der Beziehung zwischen Muslimen und der koptischen Minderheit Ägyptens geprägt. Dies zeigt sich einerseits durch tägliche Interaktionen wie die Beleidigung von koptischen Priestern durch moslemische Kinder, aber auch durch ernsthaftere Ereignisse wie Angriffe auf koptische Kirchen, Klöster, Dörfer, Häuser und Geschäfte, vor allem in Oberägypten während der 1980er und 1990er Jahre; diese Zeit ist als Phase der Islamischen Wiedergeburt bekannt. Von 1992 bis 1998 töteten Islamisten in Ägypten mindestens 127 Kopten.[4]

Ende der 1990er Jahre wurden im Governorat Minya, einem "antiken Zentrum des koptischen Glaubens", fünf historische Kirchen, zwei Wohltätigkeitsorganisationen und 38 von Christen betriebene Geschäfte niedergebrannt. Die Zerstörungen wurden ausgetragen von "Banden junger Muslime, die Eisenstangen sowie Molotowcocktails schwingen und `Allah ist Groß!` rufen."[5] Der Polizei wurde vorgeworfen, sich den Angreifern in mehreren Fällen angeschlossen zu haben.[6] In Südägypten gab es Probleme, als Terroristen in Klöster eindrangen und Mönche bedrohten, entführten und folterten, etwa bei den Angriffen auf Mönche des Klosters Sankt Fana 2008.

Es wird angenommen, dass die Raubzüge, die Erpressungen und die "Einsammlung" von "Steuern" bei Kopten von dem Glauben der Islamisten herrührt, die traditionelle Dschisja-Kopfsteuer auf Nichtmuslime wieder einführen zu wollen. Der Oberste Führer der Muslimbrüder, Mustafa Maschhur, drückte diesen Willen 1997 in einem Interview aus. Er konstatierte auch: "Wir sind dagegen, christliche Abgeordnete in der Volksversammlung zu haben ... die Top-Beamten, vor allem in der Armee, müssen Muslime sein, da wir ein moslemisches Land sind." Christen könne nicht anvertraut werden, für Ägypten gegen christliche Ausländer zu kämpfen.[7] Aussagen der Muslimbruderschaft und des Präsidenten Anwar Sadat verschärften die Situation der Nichtmuslime, namentlich der Kopten.[8] 1981 verbannte Sadat den koptischen Papst Schenuda III., indem er ihn des Schürens interkonfessionellen Unfriedens beschuldigte. Sadat suchte sich danach fünf koptische Bischöfe aus und bat sie, einen neuen Papst zu wählen. Sie lehnten ab, und erst 1985 setzte Präsident Hosny Mubarak Papst Schenuda III. wieder ein.

Im Mai 2010 kam es in Ägypten zu einer Welle von Überfällen von Muslimen auf Kopten, was viele Christen dazu zwang, aus ihren eigenen Häusern zu fliehen. Trotz der verzweifelten Hilferufe traf die Polizei erst ein, nachdem die Gewalt vorbei war. Die Polizei nötigte die Kopten sogar dazu, die "Versöhnung" mit ihren Angreifern anzunehmen, um die Verfolgung zu vermeiden, während kein einziger Moslem für irgendeinen Angriff verurteilt wurde.[2]

Nach der Revolution in Ägypten 2011 kam es zu einer großen Furcht innerhalb der koptischen Bevölkerung.[9] Während des Sturzes von Hosny Mubarak wurde von einer Zunahme der sektiererischen Gewalt berichtet - mit 24 Toten, 200 Verwundeten und drei niedergebrannten historischen Kirchen.[10] Mitte 2012 wurde der Kandidat der Muslimbrüder Mohammed Mursi Präsident; er und die islamistische Muslimbruderschaft setzten Ende 2012 eine neue Verfassung durch.

Ab Januar 2013 nahmen Protestbewegungen gegen die neue Regierung deutlich zu; Ende Juni kam es zu riesigen Massenprotesten. Im April 2013 wurde erstmals die Sankt Martins Kathedrale, der Sitz des koptischen Papstes, angegriffen. Die Sicherheitskräfte ließen die Randalierer gewähren und griffen erst nach einer Stunde ein.[11] Die Muslimbruderschaft erklärte, die Christen hätten sich die Angriffe selbst zuzuschreiben, weil sie sich gegen die Muslimbrüder gestellt hätten. Daher dürften sich die Christen nicht über die Wut der Islamisten wundern.[11] Am 1. Juli stellte die Armee ein Ultimatum; zwei Tage später nahm sie Mursi fest. Die islamistischen Anhänger Mursis richteten Protestcamps ein. Seit der gewaltsamen Räumung der Protestcamps der Muslimbrüder in Kairo sahen sich die Christen in ganz Ägypten islamistischen Gewaltakten ausgesetzt. Innerhalb von fünf Tagen wurden durch die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi 63 Kirchen angezündet und zuvor geplündert. Fünf katholische Schulen in Minia, Suez und Assiut brannten zum Teil bis auf die Grundmauern ab. In den Städten Suez und Assiut wurden zwei Klöster zerstört, in Minia ein der Kirche zugehöriges Waisenhaus schwer beschädigt. In Kairo wurde auch der Konvent der Franziskanerinnen attackiert. In Alexandria lynchte ein wütender Mob auf offener Straße einen koptischen Taxifahrer, der aus Versehen in eine Pro-Mursi-Demonstration hineingeraten war. In Kairo wurden 58 Wohnhäuser, 85 Geschäfte und 16 Apotheken geplündert sowie in Luxor drei Hotels angezündet, die Kopten gehören.[12]

Neuere Beispiele für Diskriminierung und Gewalt gegen Kopten (chronologische Auswahl)[Bearbeiten]

Im Februar 2007 nahm die ägyptische Polizei in Armant zwei koptisch-orthodoxe Familien fest, nachdem diese zur Polizeistation gekommen waren, um Brandanschläge auf ihre Häuser anzuzeigen; die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) gibt an, dass die Kopten von der Polizei gezwungen wurden, ein Protokoll zu unterzeichnen, wonach sie ihre Häuser selbst angezündet hätten, um die Tat den Muslimen anzulasten und Polizeischutz anzufordern.[13]

Bei einem Bombenanschlag auf eine koptische Kirche in Alexandria wurden am Neujahrstag 2011 mindestens 21 Menschen getötet.[14] Der damalige Präsident Ägyptens Hosni Mubarak verurteilte den Anschlag. Im ägyptischen Staatsfernsehen machte der Gouverneur von Alexandria, Adel Labib, die islamistische Terrororganisation Al-Qaida für den Anschlag verantwortlich.[15] Am 5. März 2011 berichtete al-Arabiya, dass im Hauptquartier des Geheimdienstes in Alexandria offizielle Dokumente gefunden worden seien, die Pläne für einen Angriff auf koptische Kirchen bestätigen.[16] Der ägyptische Rechtsanwalt und Direktor des Al-Kalema Center for Human Rights (ACHR) Mamdouh Nakhla hatte bereits zwei Tage nach dem Anschlag die Vermutung geäußert, dass es bei diesem Anschlag möglicherweise Komplizen im Innenministerium gegeben habe.[17]

Am 23. Februar 2011 griffen Soldaten der ägyptischen Armee das in der Sketischen Wüste gelegene Anba-Bishoy-Kloster mit Maschinenpistolen an. Bei dem Vorfall soll ein Mönch erschossen und ein weiterer entführt worden sein. Insgesamt 19 andere Mitarbeiter des Klosters wurden erheblich verletzt. Gemäß einer Stellungnahme des ägyptischen Militärrats haben die Soldaten „ein paar Mauern entfernt“, die auf der Straße und auf Land gebaut worden waren, das dem Staat gehört. Nach Angaben Bischof Anba Damians hatte die Armee die Mönche in den Wochen davor aufgefordert, eine Schutzmauer um das Kloster zu bauen, weil die Sicherheitskräfte abgezogen und Tausende Gefangene aus den dortigen Gefängnissen freigelassen worden waren.[18][19][20]

Am 7. Mai 2011 griffen Salafisten die St.-Mina-Kirche im Kairoer Stadtteil Imbaba an und setzten sie in Brand. Sie hatten vermutet, dass in der Kirche gegen ihren Willen eine Frau festgehalten wurde, die vom Christentum zum Islam konvertiert war und im Begriff stand, einen Moslem zu heiraten. Im Laufe heftiger Straßenschlachten vor der Kirche wurden zwölf Angehörige der Religionsgemeinschaften – sowohl Moslems als auch koptische Christen – getötet, 230 Menschen wurden verletzt. Auch die in der Nachbarschschaft liegende Kirche der Jungfrau Maria wurde angezündet.[21]

Am 10. Mai kam es in Kairo zu Demonstrationen mit mehreren hundert Teilnehmern gegen die zunehmende Gewalt und für eine strengere Überwachung der Salafisten.[22]

Am 9. Oktober 2011 sind bei einer Demonstration von koptischen Christen in Kairo mindestens 24 Menschen ums Leben gekommen. Es waren die schwersten Ausschreitungen in Ägypten seit dem Sturz von Ex-Präsident Mubarak. Die Kopten hatten zunächst friedlich dagegen protestiert, dass militante Moslems in der Provinz Assuan eine Kirche niedergebrannt hatten. Nach Augenzeugenberichten fuhr die Armee mit Panzern mitten in die Menge und überrollte mehrere Demonstranten.[23]

Nach der gewaltsamen Räumung der Protestlager der Mursi-Anhänger am 14. August 2013 attackierten Unterstützer der Muslimbrüder mehr als ein Dutzend koptische Kirchen. In der Provinz Minia wurde ein Kloster vollständig zerstört und geplündert. Mehrere Nil-Ausflugsschiffe von Kopten sowie Geschäfte und Apotheken wurden verwüstet, drei Kirchen in Brand gesetzt.[24][25][26][27][28]

Rechtliche Diskriminierung[Bearbeiten]

In Ägypten erlaubt die Regierung offiziell keine Konversionen vom Islam zu einer anderen Religion; kein Mensch kann demnach zum koptisch-orthodoxen Christentum übertreten. Auch bestimmte Mischehen sind nicht erlaubt, was Heiraten zwischen Konvertiten zum Christentum einerseits und in den christlichen Gemeinden Geborenen andererseits verhindert; auch führt es dazu, dass die Kinder von christlichen Konvertiten als Muslime klassifiziert werden und eine moslemische Erziehung erhalten.

Die Regierung verlangt auch staatliche Genehmigungen für die Reparatur und Sanierung von Kirchen oder die Errichtung neuer, welche in der Regel vorenthalten werden.[29] Ausländische Missionare werden in das Land nicht eingelassen, außer, wenn sie von ihren Tätigkeiten für soziale Wohltätigkeit einschränken und vom Proselytismus absehen.

2010 schrieb der israelisch-arabische Journalist Khaled Abu Toameh einen Artikel für das Hudson-Institut mit dem Titel "What About The Arab Apartheid?", in dem er Kritik übte an der Behandlung der Christen in Ägypten und dem Versagen der ägyptischen Behörden, die Täter von Verbrechen gegen die ägyptischen Christen zu verfolgen.[30]

Behandlung koptischer Frauen[Bearbeiten]

Koptische Frauen und junge Mädchen werden besonders oft entführt und werden gezwungen, zum Islam zu konvertieren sowie moslemische Männer zu heiraten.[31][32] Im April 2010 drückten 17 Mitglieder des US-Kongresses ihre Besorgnis über die koptischen Frauen aus, da sie Opfer «der körperlichen und sexuellen Gewalt, der Gefangenschaft, der Ausbeutung durch erzwungene Sklaverei oder des kommerziellen Sex» seien.[31]

Diese Besorgnisse werden jedoch in einem Bericht des US-Außenministeriums vom 17. November 2010 angefochten. Dem Bericht zufolge fanden es die Menschenrechtsorganisationen in Ägypten schwierig, die Behauptungen zu überprüfen, zumal sie selten in den ägyptischen Medien erwähnt werden.[33]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Egypt and Libya: A Year of Serious Abuses. In: hrw.org. Human Rights Watch, abgerufen am 24. Januar 2010.
  2. a b Moheb Zaki: Egypt's Persecuted Christians, The Wall Street Journal. 18. Mai 2010. Abgerufen am 4. Juni 2010. 
  3. Kamil, Jill (1997). Coptic Egypt: History and Guide. Kairo: Amerikanische Universität Kairo.
  4. U.S. State Department annual reports on `Human Rights Practices in Egypt`, in Murphy, Caryle, Passion for Islam : Shaping the Modern Middle East: the Egyptian Experience, Scribner; 1. Ausgabe (1. Oktober 2002) S. 329
  5. Murphy, Caryle, Passion for Islam : Shaping the Modern Middle East: the Egyptian Experience, Scribner; 1. Ausgabe, S. 242
  6. Funerals for victims of Egypt clashes. In: BBC News, 4. Januar 2000. 
  7. Supreme Guide Mustafa Mashur talking to Khalid Daoud in an article printed in al Ahram Weekly Juli 5–9, 1997, in Murphy, Caryle, Passion for Islam, S. 241, 330
  8. Islam and democracy, John L. Esposito, John Obert Voll, S. 188
  9. Rania Abouzeid: After the Egyptian Revolution: The Wars of Religion. In: Time, 10. März 2011. Abgerufen am 11. März 2011. 
  10. David Kirkpatrick: Egypt’s Christians Fear Violence as Changes Embolden Islamists. In: NYTimes, 30. Mai 2011. Abgerufen am 9. Juni 2011. 
  11. a b spiegel.de: Angriffe auf Kopten: Ägyptens Christen in Gefahr
  12. Brutale Übergriffe gegen Christen in Ägypten, Tagesspiegel, 18. August 2013
  13. Andreas M. Rauch: Verfolgte Christen: Weltweite Mißachtung der Religionsfreiheit in Die neue Ordnung, Nr. 1/2011 Februar
  14. Autobombenanschlag auf Kopten-Kirche in Alexandria (Version vom 6. Januar 2011 im Internet Archive)
  15. Koptische Minderheit – Mindestens 17 Tote bei Anschlag auf ägyptische Christen (Version vom 4. Januar 2011 im Internet Archive)
  16. Libya (and Beyond) LiveBlog: Any Advance?
  17. Egyptian Security Guards Withdrew One Hour Before Church Blast, Say Eyewitnesses
  18. Wieder Übergriffe gegen koptische Christen in Ägypten
  19. Egyptian Armed Forces Fire At Christian Monasteries, 19 Injured
  20. Al-Qaida No. 2 Alleges Incitement By Egypt's Copts
  21. Gegen Christen und „ungläubige“ Muslime Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Mai 2011.
  22. Der Standard: Demonstrationen gegen jüngste Welle der Gewalt, 10. Mai 2011.
  23. Viele Tote bei Ausschreitungen in Kairo sueddeutsche.de, 9. Oktober 2011.
  24. „Islamisten rächen sich an uns Christen”, Kirche in Not
  25. Radikale Islamisten attackieren offenbar Kirchen, Die Welt, 14. August 2013.
  26. Three churches torched in Fayoum
  27. Mursi-Anhänger setzen Kirche in Zentralägypten in Brand
  28. Ägypten versinkt in Gewalt
  29. Egypt. In: Religious Freedom in Egypt. Berkley Center for Religion, Peace, and World Affairs, abgerufen am 14. Dezember 2011.
  30. Khaled Abu Toameh: What About The Arab Apartheid? Part II: Hudson New York. Hudson-ny.org, 23. März 2010, abgerufen am 10. Oktober 2011.
  31. a b Joseph Abrams: House Members Press White House to Confront Egypt on Forced Marriages (en). In: Fox News, 21. April 2010. Abgerufen am 8. November 2010. 
  32. Christian minority under pressure in Egypt (en). In: BBC News, 17. Dezember 2010. Abgerufen am 1. Januar 2011. 
  33. 2010 Report on International Religious Freedom - Egypt. UNHCR, abgerufen am 13. Juli 2013.