Verfolgung der Kopten

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In Staaten, in denen Kopten leben, kommt es in den letzten Jahren zu einer zunehmenden religiösen Diskriminierung und Verfolgung durch die moslemischen Regime. Darunter ist vor allem Ägypten, wo ägyptische Christen, meist orthodox, nur noch 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Damit bildet sie die größte religiöse Minderheit in dem Land. Aber auch etwa in Libyen werden koptische Christen diskriminiert.

Während die Kopten in ihrer gesamten Geschichte hindurch verschiedene Grade an Verfolgung erlebt hatten, verurteilen heute Menschenrechtsorganisationen die "wachsende religiöse Intoleranz" und sektiererische Gewalt gegen koptische Christen in den letzten Jahren sowie ein Versagen der ägyptischen und libyschen Regierung, sachgemäß zu ermitteln und die Verantwortlichen strafrechtlich zu belangen.[1][2]

Modifiziertes koptisches Kreuz

Verfolgungsgeschichte[Bearbeiten]

Arabisch-moslemische Eroberung[Bearbeiten]

Die moslemische Eroberung Ägyptens fand 639 nach Christus statt, bis dahin war Ägypten koptisch-christlich. Trotz des politischen Aufruhrs verblieb Ägypten ein überwiegend christliches Land, obwohl die durch Diskriminierung bedingten schrittweisen Konversionen zum Islam über die Jahrhunderte Ägypten von einem hauptsächlich christlichen zu einem hauptsächlich moslemischen Land wandelten; am Ende des 12. Jahrhunderts bildeten die Muslime erstmals die Mehrheit.

Dieser Prozess wurde zusammen mit den Christenverfolgungen während und nach der Herrschaft des fatimidischen Kalifen al-Hakim bi-amri llāh (reg. von 996–1021) und den Kreuzzügen beschleunigt, aber auch durch die Annahme des Arabischen als Liturgiesprache durch den Patriarchen von Alexandrien Papst Gabriel ibn-Turaik.[3]

Diskriminierung ab den 1970er Jahren[Bearbeiten]

Das letzte Viertel des 20. und das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts waren von einer Verschlechterung der Beziehung zwischen Muslimen und der koptischen Minderheit Ägyptens geprägt. Dies zeigt sich einerseits durch tägliche Interaktionen wie die Beleidigung von koptischen Priestern durch moslemische Kinder, aber auch durch ernsthaftere Ereignisse wie Angriffe auf koptische Kirchen, Klöster, Dörfer, Häuser und Geschäfte, vor allem in Oberägypten während der 1980er und 1990er Jahre; diese Zeit ist als Phase der Islamischen Wiedergeburt bekannt. Von 1992 bis 1998 töteten Islamisten in Ägypten mindestens 127 Kopten.[4]

Ende der 1990er Jahre wurden im Governorat Minya, einem "antiken Zentrum des koptischen Glaubens", fünf historische Kirchen, zwei Wohltätigkeitsorganisationen und 38 von Christen betriebene Geschäfte niedergebrannt. Die Zerstörungen wurden ausgetragen von "Banden junger Muslime, die Eisenstangen sowie Molotowcocktails schwingen und `Allah ist Groß!` rufen."[5] Der Polizei wurde vorgeworfen, sich den Angreifern in mehreren Fällen angeschlossen zu haben.[6] In Südägypten gab es Probleme, als Terroristen in Klöster eindrangen und Mönche bedrohten, entführten und folterten, etwa bei den Angriffen auf Mönche des Klosters Sankt Fana 2008.

Es wird angenommen, dass die Raubzüge, die Erpressungen und die "Einsammlung" von "Steuern" bei Kopten von dem Glauben der Islamisten herrührt, die traditionelle Dschisja-Kopfsteuer auf Nichtmuslime wieder einführen zu wollen. Der Oberste Führer der Muslimbrüder, Mustafa Maschhur, drückte diesen Willen 1997 in einem Interview aus. Er konstatierte auch: "Wir sind dagegen, christliche Abgeordnete in der Volksversammlung zu haben ... die Top-Beamten, vor allem in der Armee, müssen Muslime sein, da wir ein moslemisches Land sind." Christen könne nicht anvertraut werden, für Ägypten gegen christliche Ausländer zu kämpfen.[7] Aussagen der Muslimbruderschaft und des Präsidenten Anwar Sadat verschärften die Situation der Nichtmuslime, namentlich der Kopten.[8] 1981 verbannte Sadat den koptischen Papst Schenuda III., indem er ihn des Schürens interkonfessionellen Unfriedens beschuldigte. Sadat suchte sich danach fünf koptische Bischöfe aus und bat sie, einen neuen Papst zu wählen. Sie lehnten ab, und erst 1985 setzte Präsident Hosny Mubarak Papst Schenuda III. wieder ein.

Im Mai 2010 kam es in Ägypten zu einer Welle von Überfällen von Muslimen auf Kopten, was viele Christen dazu zwang, aus ihren eigenen Häusern zu fliehen. Trotz der verzweifelten Hilferufe traf die Polizei erst ein, nachdem die Gewalt vorbei war. Die Polizei nötigte die Kopten sogar dazu, die "Versöhnung" mit ihren Angreifern anzunehmen, um die Verfolgung zu vermeiden, während kein einziger Moslem für irgendeinen Angriff verurteilt wurde.[2]

Nach der Revolution in Ägypten 2011 kam es zu einer großen Furcht innerhalb der koptischen Bevölkerung.[9] Während des Sturzes von Hosny Mubarak wurde von einer Zunahme der sektiererischen Gewalt berichtet - mit 24 Toten, 200 Verwundeten und drei niedergebrannten historischen Kirchen.[10] Mitte 2012 wurde der Kandidat der Muslimbrüder Mohammed Mursi Präsident; er und die islamistische Muslimbruderschaft setzten Ende 2012 eine neue Verfassung durch.

Ab Januar 2013 nahmen Protestbewegungen gegen die neue Regierung deutlich zu; Ende Juni kam es zu riesigen Massenprotesten. Im April 2013 wurde erstmals die Sankt Martins Kathedrale, der Sitz des koptischen Papstes, angegriffen. Die Sicherheitskräfte ließen die Randalierer gewähren und griffen erst nach einer Stunde ein.[11] Die Muslimbruderschaft erklärte, die Christen hätten sich die Angriffe selbst zuzuschreiben, weil sie sich gegen die Muslimbrüder gestellt hätten. Daher dürften sich die Christen nicht über die Wut der Islamisten wundern.[11] Am 1. Juli stellte die Armee ein Ultimatum; zwei Tage später nahm sie Mursi fest. Die islamistischen Anhänger Mursis richteten Protestcamps ein. Seit der gewaltsamen Räumung der Protestcamps der Muslimbrüder in Kairo sahen sich die Christen in ganz Ägypten islamistischen Gewaltakten ausgesetzt. Innerhalb von fünf Tagen wurden durch die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi 63 Kirchen angezündet und zuvor geplündert. Fünf katholische Schulen in Minia, Suez und Assiut brannten zum Teil bis auf die Grundmauern ab. In den Städten Suez und Assiut wurden zwei Klöster zerstört, in Minia ein der Kirche zugehöriges Waisenhaus schwer beschädigt. In Kairo wurde auch der Konvent der Franziskanerinnen attackiert. In Alexandria lynchte ein wütender Mob auf offener Straße einen koptischen Taxifahrer, der aus Versehen in eine Pro-Mursi-Demonstration hineingeraten war. In Kairo wurden 58 Wohnhäuser, 85 Geschäfte und 16 Apotheken geplündert sowie in Luxor drei Hotels angezündet, die Kopten gehören.[12]

Rechtliche Diskriminierung[Bearbeiten]

In Ägypten erlaubt die Regierung offiziell keine Konversionen vom Islam zu einer anderen Religion; kein Mensch kann demnach zum koptisch-orthodoxen Christentum übertreten. Auch bestimmte Mischehen sind nicht erlaubt, was Heiraten zwischen Konvertiten zum Christentum einerseits und in den christlichen Gemeinden Geborenen andererseits verhindert; auch führt es dazu, dass die Kinder von christlichen Konvertiten als Muslime klassifiziert werden und eine moslemische Erziehung erhalten.

Die Regierung verlangt auch staatliche Genehmigungen für die Reparatur und Sanierung von Kirchen oder die Errichtung neuer, welche in der Regel vorenthalten werden.[13] Ausländische Missionare werden in das Land nicht eingelassen, außer, wenn sie von ihren Tätigkeiten für soziale Wohltätigkeit einschränken und vom Proselytismus absehen.

2010 schrieb der israelisch-arabische Journalist Khaled Abu Toameh einen Artikel für das Hudson-Institut mit dem Titel "What About The Arab Apartheid?", in dem er Kritik übte an der Behandlung der Christen in Ägypten und dem Versagen der ägyptischen Behörden, die Täter von Verbrechen gegen die ägyptischen Christen zu verfolgen.[14]

Behandlung koptischer Frauen[Bearbeiten]

Koptische Frauen und junge Mädchen werden besonders oft entführt und werden gezwungen, zum Islam zu konvertieren sowie moslemische Männer zu heiraten.[15][16] Im April 2010 drückten 17 Mitglieder des US-Kongresses ihre Besorgnis über die koptischen Frauen aus, da sie Opfer «der körperlichen und sexuellen Gewalt, der Gefangenschaft, der Ausbeutung durch erzwungene Sklaverei oder des kommerziellen Sex» seien.[15]

Diese Besorgnisse werden jedoch in einem Bericht des US-Außenministeriums vom 17. November 2010 angefochten. Dem Bericht zufolge fanden es die Menschenrechtsorganisationen in Ägypten schwierig, die Behauptungen zu überprüfen, zumal sie selten in den ägyptischen Medien erwähnt werden.[17]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Egypt and Libya: A Year of Serious Abuses. In: hrw.org. Human Rights Watch, abgerufen am 24. Januar 2010.
  2. a b Moheb Zaki: Egypt's Persecuted Christians, The Wall Street Journal. 18. Mai 2010. Abgerufen am 4. Juni 2010. 
  3. Kamil, Jill (1997). Coptic Egypt: History and Guide. Kairo: Amerikanische Universität Kairo.
  4. U.S. State Department annual reports on `Human Rights Practices in Egypt`, in Murphy, Caryle, Passion for Islam : Shaping the Modern Middle East: the Egyptian Experience, Scribner; 1. Ausgabe (1. Oktober 2002) S. 329
  5. Murphy, Caryle, Passion for Islam : Shaping the Modern Middle East: the Egyptian Experience, Scribner; 1. Ausgabe, S. 242
  6. Funerals for victims of Egypt clashes. In: BBC News, 4. Januar 2000. 
  7. Supreme Guide Mustafa Mashur talking to Khalid Daoud in an article printed in al Ahram Weekly Juli 5–9, 1997, in Murphy, Caryle, Passion for Islam, S. 241, 330
  8. Islam and democracy, John L. Esposito, John Obert Voll, S. 188
  9. Rania Abouzeid: After the Egyptian Revolution: The Wars of Religion. In: Time, 10. März 2011. Abgerufen am 11. März 2011. 
  10. David Kirkpatrick: Egypt’s Christians Fear Violence as Changes Embolden Islamists. In: NYTimes, 30. Mai 2011. Abgerufen am 9. Juni 2011. 
  11. a b spiegel.de: Angriffe auf Kopten: Ägyptens Christen in Gefahr
  12. Brutale Übergriffe gegen Christen in Ägypten, Tagesspiegel, 18. August 2013
  13. Egypt. In: Religious Freedom in Egypt. Berkley Center for Religion, Peace, and World Affairs, abgerufen am 14. Dezember 2011.
  14. Khaled Abu Toameh: What About The Arab Apartheid? Part II: Hudson New York. Hudson-ny.org, 23. März 2010, abgerufen am 10. Oktober 2011.
  15. a b Joseph Abrams: House Members Press White House to Confront Egypt on Forced Marriages (en). In: Fox News, 21. April 2010. Abgerufen am 8. November 2010. 
  16. Christian minority under pressure in Egypt (en). In: BBC News, 17. Dezember 2010. Abgerufen am 1. Januar 2011. 
  17. 2010 Report on International Religious Freedom - Egypt. UNHCR, abgerufen am 13. Juli 2013.