Vergleichende Politikwissenschaft

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Die Vergleichende Politikwissenschaft ist ein Teilgebiet der Politikwissenschaft. Im Zentrum der Forschung stehen unter anderem der (oftmals auch cross-nationale) Vergleich von Staats- und Regierungsformen sowie politischer Strukturen und Prozesse. Dies geschieht zum Beispiel bei der Untersuchung von Zusammenhängen zwischen institutionellen Strukturen und staatlichem Handeln.[1] Der Inhaltsbereich des Fachs geht über den üblichen Rahmen dessen, was als „Vergleichende Regierungslehre“ (engl. comparative government) bezeichnet wird, hinaus. Beschränkten sich die vergleichenden Analysen in der Politikwissenschaft früher vornehmlich auf politische Institutionen, Prozesse und Inhalte, so dehnten sich diese seit den 1960er Jahren unter dem Eindruck der Systemtheorie auf politische Systeme in ihrer Gesamtheit aus. Seitdem schließen die Analysen der vergleichenden Politikwissenschaft ebenso Faktoren ein, die organisierte Interessen, die politische Kultur sowie die Ökonomie betreffen. Als bedeutsame Forschungsfelder der vergleichenden Politikwissenschaft gelten ferner Regierungssysteme, Wahlsysteme und Parteiensysteme.[2] Ebenso werden die Repräsentations- und Parlamentarismusforschung wie auch die Systemtransformationsforschung als Facetten der Vergleichenden Politikwissenschaft aufgefasst. Ein spezielles Teilgebiet stellt zudem die vergleichende Konfliktforschung dar.[3]

Begriffsbestimmung[Bearbeiten]

Die seit den 1980er Jahren verwendete Bezeichnung „Vergleichende Politikwissenschaft“[4] setzte sich - in Konkurrenz zum älteren, engeren Begriff „Vergleichende Regierungslehre“ - um die Wende zum 21. Jahrhundert immer stärker durch. Seitdem gilt der Ausdruck „Vergleichende Regierungslehre“ zum Teil als veraltet.[5] Andere Autoren, die zwar anerkennen, dass der Stellenwert der Vergleichenden Regierungslehre innerhalb der Gesamtdiszipin der Politikwissenschaft deutlich abgenommen habe, halten ihn für spezielle Analysen, die beispielsweise (die zum Untersuchungsbereich der vergleichenden Politikwissenschaft gehörenden) Politikfeldanalysen bewusst nicht mit einschließen, für die treffendere Bezeichnung.[6]

Davor gab es verschiedene andere Vorschläge, die sich - unterschiedlich abgegrenzt - mit derselben Thematik auseinandersetzten. Begriffe, die auch in Buchtiteln verwendet wurden, wie 1971 die Bezeichnung „Vergleichende Analyse politischer Systeme“[7] und 1980 „Vergleichende politische Systemforschung“[8], konnten sich allgemein nicht durchsetzen. Bei den zuletzt genannten Formulierungen handelte es sich um Versuche, den englischen Fachausdruck „comparative politics“ zu übersetzen und entsprechend dem im angelsächsischen Sprachraum üblichen Begriffsinhalt in Deutschland zu thematisieren.[9] Entstanden ist das Feld der comparative politics durch weitaus verbesserte Möglichkeiten für den Forscher, an Daten zu gelangen. Das gilt vor allem für Vergleichsdaten, die von Regierungen, statistischen Behörden und verschiedenen Organisationen gesammelt und publiziert werden.[10]

Einher ging diese Begriffssuche mit einer starken Ausdehnung des Gegenstandsbereichs der vergleichenden politikwissenschaftlichen Forschung, der über dem üblichen Rahmen der „Vergleichenden Regierungslehre“ (politische Institutionen, Prozesse und Inhalte) stand.[2] Ein spezielles Teilgebiet stellt zudem die vergleichende Konfliktforschung dar.[11] So kommt es auch verstärkt zu Ausdifferenzierungen, wie der vergleichenden politischen Kulturforschung oder der vergleichenden Policy-Analyse.

Entwicklung und Stellenwert[Bearbeiten]

Zurückzuführen ist die vergleichende Politikwissenschaft auf eine komparatistische Tradition, die bis in die griechische Antike, speziell auf die Autoren Thukydides und Aristoteles zurückweist. Seitdem wurde der Vergleich von politischen Verhältnissen von zahlreichen politischen Philosophen und Wissenschaftlern bis in die Gegenwart durchgeführt. Durch die kritische Überprüfung der eigenen politischen Verhältnisse am Beispiel anderer, wird ein Beitrag des Forschers geleistet, die eigene Subjektivität und Ethnozentriertheit zu überwinden.[9] Ziel derartiger Untersuchungen ist es, Erkenntnisse zu gewinnen, mit denen allgemein gültige Aussagen formuliert werden können.[10]

In den letzten Jahrzehnten gewann die Auseinandersetzung mit speziellen Methoden der Vergleichenden Politikwissenschaft an Bedeutung. Insbesondere die Planung vergleichender Analysedesigns und die systematische Fallauswahl rückten dabei ins Blickfeld. Ebenfalls einen Bedeutungsgewinn konnten statistische Verfahren für sich verbuchen, was vor allem an deren stärkeren Ausdifferenziertheit und auch der Ausbreitung von sogenannten Mehrebenenanalysen liegen dürfte.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Franz Lehner, Ulrich Widmaier: Vergleichende Regierungslehre. 3. Aufl., Opladen 1995, S. 9, ISBN 3-8100-1366-8.
  2. a b Matthias Catón: Politikwissenschaft im Beruf. Perspektiven für Politologinnen und Politologen. Münster 2005, S. 15, ISBN 3-8258-8360-4.
  3. Frank R. Pfetsch: Konflikt. Heidelberger Jahrbücher. Nr 48 (2003). S. 19, ISBN 3-540-23386-5.
  4. Dirk Berg-Schlosser, Ferdinand Müller-Rommel (Hrsg.): Vergleichende Politikwissenschaft. Ein einführendes Handbuch. Opladen 1987, ISBN 3-8100-0564-9.
  5. Matthias Catón: Politikwissenschaft im Beruf. Perspektiven für Politologinnen und Politologen. Münster 2005, S. 15.
  6. Ludger Helms: Politikwissenschaftliche Institutionenforschung am Schnittpunkt von Politischer Theorie und Regierungslehre. In: Ludger Helms, Uwe Jun (Hrsg.): Politische Theorie und Regierungslehre. Eine Einführung in die politikwissenschaftliche Institutionenforschung. Frankfurt/New York 2004, S. 14, ISBN 3-593-37239-8.
  7. Günther Doeker: Vergleichende Analyse politischer Systeme. Comparative politics. Freiburg i. Br. 1971.
  8. Jürgen Hartmann: Vergleichende politische Systemforschung. Konzepte und Analysen. Köln / Böhlau 1980, ISBN 3-412-01980-1.
  9. a b Dirk Berg-Schlosser, Ferdinand Müller: Entwicklung und Stellenwert der vergleichenden Politikwissenschaft. In: Dies. (Hrsg.): Vergleichende Politikwissenschaft. Ein einführendes Studienhandbuch. 4., überarb. u. erw. Aufl., Nachdr., Wiesbaden 2006, S. 13 f., ISBN 3-8100-3860-1.
  10. a b Barbara Hilz: Corporate Social Responsibility in Deutschland und Frankreich. München 2008, S. 10, ISBN 3-640-13080-4.
  11. Frank R. Pfetsch: Konflikt. Heidelberger Jahrbücher. Nr 48 (2003). S. 19, ISBN 3-540-23386-5.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]