Vergrämung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Vergrämung bzw. Vergrämen (aus der Jägersprache, Wortherkunft von Gram: ursprüngliche Bedeutung „Groll“, heute eher „Sorge“) bezeichnet das dauerhafte Vertreiben (Verscheuchen) oder Fernhalten von Wild – gewollt oder unabsichtlich (z. B. durch Lärmen oder weiße Kleidung im Revier). Vor allem Kormorane, Tauben, Marder, Maulwürfe und Wildkatzen werden gezielt vergrämt. Dabei werden angeborene Verhaltensweisen zur umweltneutralen Beeinflussung der anvisierten Wildtiere ausgenutzt, z. B. durch Vortäuschen natürlicher Feinde.

In Bezug auf wieder angesiedelte oder eingewanderte Gross-Raubtiere (auch "Beutegreifer" oder "Prädatoren") wie etwa sogenannte "Problembären", wurden Vergrämungsmaßnahmen wiederholt angewandt oder sind aktuell in der Diskussion. Bei den bereits erfolgten Maßnahmen handelte es sich um Bären, die u.a. die Scheu vor Menschen verloren hatten. Sie näherten sich menschlichen Siedlungen, plünderten z.B. Honigstände oder rissen Vieh und wurden insofern als schädlich bzw. auch potentiell gefährlich eingestuft.

Man ist sich dabei der Lernfähigkeit[1] solcher und anderer Tiere bewusst (vgl. Verhaltensbiologie) und vertritt zumeist die Auffassung sekundär präventiver Maßnahmen, d.h. ein bereits auffälliges Verhalten dürfe nicht erst "zur Gewohnheit werden" (→ Habituation). So etwa, daß eine Assoziation menschlicher Siedlungsräume mit Futter verhindert werden müsse und betreffende Tiere "nicht zu frech werden" sollten. "Denn je öfter und gezielter" ein solches Tier Wohngebiete aufsuche, "desto größer werde die Wahrscheinlichkeit, dass er dabei Menschen begegne und es irgendwann zu Verletzungen komme" (...) "Es muss also verhindert werden, dass er menschliche Siedlungsräume mit gutem Futter assoziiert", so etwa Martin Janovsky, Tirols Bärenbeauftragter.[2][3] Stattdessen strebt man demzufolge aus Sicherheitsgründen an, daß ein solches Tier menschliche Behausungen oder Gerüche mit negativen Erfahrungen verbinden und sich deshalb fernhalten soll.

Eine analoge Bedeutung hat Vergrämen in der Bekämpfung von Ungeziefer und Schädlingen erhalten.

Methoden[Bearbeiten]

Vergrämungsmaßnahmen sind nicht immer erfolgreich, wobei auch die Methodik relevant ist. Bekannt ist diesbezüglich beispielsweise die Vogelscheuche, welche nach kurzer Zeit ihren Effekt bei Vögeln verliert, wenn diese die nicht vorhandene Gefahr bemerkt haben. Allein ist sie daher weit weniger wirksam als die Kombination mit gelegentlichen Abschüssen und weit sichtbar aufgehängten Kadavern.[4] Wie aus folgendem Zitat beispielhaft ersichtlich, sind solche Maßnahmen nicht nur abhängig von der - unterschiedlichen - Lernfähigkeit der individuellen Tiere, sondern z.B. auch von deren Vorsicht, Hartnäckigkeit oder dem von Elterntieren erlernten Verhalten:

"Wiederholt, aber vergeblich" sei versucht worden, der Mutter "Jurka" des Problembären JJ1 (bekannt als "Bruno") "das Herannahen an menschliche Siedlungen durch so genannte Vergrämung - unter anderem mit Beschuss durch Gummikugeln - auszutreiben. «Die Mutter hat quasi ein langes Vorstrafenregister.» Der Jungbär sei von der Mutter auch dahingehend konditioniert worden, dass er niemals an eine Stelle zurückkehre, an der er ein anderes Tier gerissen habe", zitiert die Mitteldeutsche Zeitung den Sprecher des bayerischen Umweltministeriums, Roland Eichhorn. [5]

Sowohl im o.g. Fall von JJ1 ("Bruno"), den man "unter anderem mit Beschuss durch Gummikugeln" zu vergrämen suchte[6], als auch dem Bär M13, welcher mit "Gummischrot und Knallkörpern beschossen" worden sei[7], konnte mit unterschiedlichen Vergrämungsmaßnahmen keine hinreichende Vergrämung erzielt werden, so daß in beiden Fällen letztlich der Abschuss erfolgte. Ein ähnliches Bild zeigen die Fälle weiterer sogenannter Problembären. Ein Erfolg sei nach Erfahrungen diesbezüglich "eher die Ausnahme" [8]

Moderne Mittel der Vergrämung[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-16971-2013-12-05.html "Wölfe verstehen bereits menschliche Signale. Experiment zeigt soziales Lernverhalten bereits bei Vorfahren des Haushundes" Scinexx.de/ Veterinärmedizinische Universität Wien, 05. Dezember 2013
  2. http://www.welt.de/vermischtes/article106243725/M13-die-Leiche-und-eine-Kollision-mit-dem-Zug.html Elisalex Henckel: "Jungbär in den Alpen: M13, die Leiche und eine Kollision mit dem Zug"Die Welt, welt.de, 02. Mai 2012, abgerufen am 23.Dezember 2014
  3. http://www.lfu.bayern.de/natur/wildtiermanagement_grosse_beutegreifer/wolf/doc/faq_wolf.pdf Bayerisches Landesamt für Umwelt:"Häufig gestellte Fragen zum Wolf", letzter Punkt unter "3.2", Stand: November 2014, abgerufen am 23. Dezember 2014
  4. Landesamt für Natur und Umwelt des Landes Schleswig Holstein, Rüdiger Albrecht: Artenschutz in der Behördenpraxis aus Sicht eines Bundeslandes, "Vergrämungsmaßnahmen", Seite 15.
  5. "Streunender Braunbär ist kein Unbekannter mehr", Mitteldeutsche Zeitung, mz-web.de, 30. Mai 2006, abgerufen am 23. Dezember 2014
  6. "Streunender Braunbär ist kein Unbekannter mehr", Mitteldeutsche Zeitung, mz-web.de, 30. Mai 2006, abgerufen am 23. Dezember 2014
  7. http://www.welt.de/vermischtes/article106243725/M13-die-Leiche-und-eine-Kollision-mit-dem-Zug.html Elisalex Henckel: "Jungbär in den Alpen: M13, die Leiche und eine Kollision mit dem Zug"Die Welt, welt.de, 02. Mai 2012, abgerufen am 23. Dezember 2014
  8. http://www.bundesforste.at/fileadmin/jagd/2012_12_MP-Wolf_Oe_final.pdf Koordinierungsstelle für den Braunbären, Luchs und Wolf (KOST) (Dezember 2012): Wolfsmanagement in Österreich - Grundlagen und Empfehlungen. ISBN 978-3-200-02965-1, S. 21+18 von 28, abgerufen am 24. Dezember 2014.