Verlaufsform

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Die Verlaufsform ist eine Verbform oder -periphrase in manchen Sprachen, die eine augenblicklich stattfindende, nicht-punktuelle Handlung ausdrückt.

Verlaufsformen im Deutschen[Bearbeiten]

Im Deutschen existiert in manchen Mundarten eine Verlaufsform, zum Beispiel die sog. Rheinische Verlaufsform mit sein in Verbindung mit am und einem substantivierten Infinitiv, zum Beispiel er ist am Lesen. Diese Form ist im eng verwandten Niederländischen Hij is aan het lezen, sogar hochsprachlich, eben so wie in diesem eng verwandten Niederdeutschen.

Verschiedene Forschungsbeiträge[1] gehen davon aus, dass die Verlaufsform mit am in der deutschen Sprache weitaus stärker grammatikalisiert ist als bisher angenommen. Es wird vermutet, dass sich der verwendete Infinitiv von einer substantivierten zu einer verbalen Einheit entwickelt und stärker zur Kleinschreibung tendiert („er ist am lesen“). Lt. Duden wird die Verlaufsform mit am inzwischen „teilweise schon als standardsprachlich angesehen.“[2] Lt. Duden gibt es die Verlaufsform standardsprachlich mit im und beim (beim/ im Weggehen sein).[3] Außerdem hat die Verlaufsform in die deutsche Umgangssprache in Form des Inflektivs Einzug gehalten. Auch werden häufig Begriffe wie "gerade" oder "im Moment" verwendet, um eine augenblickliche Handlung anzuzeigen, die teils sogar mit der Verlaufsform verknüpft werden (gerade beim Lesen sein).

Im Südbairischen kann das als Hilfsverb genutzte tun mit einem Infinitiv die Verlaufsform ausdrücken (er tut lesen). Die gleiche Form ist in ostlimburgischen und ripuarischen Sprachen ebenfalls beheimatet, wo sie meist grundsätzlichere und längerdauernde Verhältnisse beschreibt als die am-Verlaufsform, womit sie eine gewisse Nähe zu der gleichen Konstruktion in Norddeutschland, im Jütischen und Dänischen, sowie den Verstärkungen im Altenglischen und Englischen aufweist.

Verlaufsformen in verschiedenen Sprachen[Bearbeiten]

Im Englischen wird die Verlaufsform mit dem Hilfsverb be in Verbindung mit einem Partizip gebildet, zum Beispiel: He is reading. (Er liest gerade). Eine ähnliche Bildung findet man auch im Baskischen.

Im Italienischen wird die Verlaufsform mit dem Hilfsverb stare in Verbindung mit dem Gerundium verwendet: L’uomo sta correndo (Der Mann rennt gerade). Allmähliche Entwicklungen oder ständige Wiederholungen eines Vorgangs hingegen werden mit dem Gerundium + andare ausgedrückt: Andava dicendo sciocchezze (Er sagte ständig dummes Zeug); Handlungen in ihrem Verlauf mit Gerundium + venire Mi vengo sempre più persuadendo che … (Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass …)

Entsprechende Konstruktionen mit estar oder andar und dem Gerundium, gerundio werden auch im Spanischen sowie im brasilianischen Portugiesisch verwendet: El hombre está corriendo (spanisch) bzw. O homem está correndo (portugiesisch). Im europäischen Portugiesisch wird das Gerundium durch die Konstruktion a + Infinitiv ersetzt: O homem está a correr.

Im Französischen existiert auch eine Verlaufsform; sie wird aus „être en train de faire qc“ gebildet. Wortwörtlich übersetzt heißt dies: „Im Zug sein etwas zu tun“, wobei das „être“ in Abhängigkeit vom Subjekt konjugiert wird und das „faire“ (machen) sich durch ein anderes Verb im Infinitiv ersetzen lässt, z. B.: „Je suis en train d'écrire.“

In den keltischen Sprachen, z. B. im Bretonischen und Irischen, tritt ein Hilfsverb in der Bedeutung sein mit einer Präposition und dem Verbalnomen auf, zum Beispiel irisch tá sé ag léamh (er liest gerade, wörtl.: ist er bei Lesen).

Im Litauischen werden spezielle (progressive) Partizipien verwendet, zum Beispiel jis buvo bemiegąs (er schlief, vgl. die finite Form jis miega/miegojo er schläft/schlief bzw. jis yra/buvo miegojęs er hat/hatte geschlafen), im Präsens ist diese Konstruktion jedoch mundartnah: aš esu beskaitąs (ich lese; wörtlich ich bin ein Lesender).

Im Quechua drückt das Infix -chka- die Verlaufsform aus: „Taytanmantam rimachkan“ (Er spricht gerade von seinem Vater) gegenüber „Runasimitam riman“ (Er spricht Quechua). Im Kichwa dient hierzu dagegen das Infix -ku-: „Paypak taytamantami rimakun“ bzw. „Runashimitami riman“.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Van Pottelberge, Jeroen: Ist jedes grammatische Verfahren Ergebnis eines Grammatikalisierungsprozesses? Fragen zur Entwicklung des am-Progressivs. In: Grammatikalisierung im Deutschen. Hg. von Torsten Leuschner, u.a. Berlin/New York: de Gruyter Verlag 2005.

Quellen[Bearbeiten]

  1. z. B. Rödel (2003/2004) in der Zeitschrift Muttersprache
  2. Duden Bd. 9, 6. Auflage 2007, S. 62
  3. Duden - Richtiges und gutes Deutsch Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle 6., vollständig überarbeitete Auflage, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2007

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Verlaufsform – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen