Verrückter Wissenschaftler

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Verrückter Wissenschaftler

Der verrückte Wissenschaftler (engl. „mad scientist“) ist eine literarische Figur, ein Rollenfach oder Stereotyp der Popkultur. Er tritt in Romanen, Comics, Filmen, Fernsehserien und Computerspielen auf.

Charakter[Bearbeiten]

Charakterliche Indikatoren für den „guten“ verrückten Wissenschaftler sind sympathisch wirkende Schrullen wie etwa kindliche Naivität und Verspieltheit, insbesondere auch im Umgang mit der eigenen Arbeit (vgl. Daniel Düsentrieb in Micky Maus), Vergesslichkeit, Zerstreutheit und allgemein ein hilfsbereites und zuvorkommendes Wesen.

Charakterliche Indikatoren für den „bösen“ verrückten Wissenschaftler sind ein erkennbarer Sadismus (etwa Freude am Leiden von Versuchspersonen oder -tieren, Freude am Foltern von Menschen, die seiner Gewalt ausgeliefert sind), Größenwahn, Prahlsucht (vgl. etwa Zyklotrop in der Comic-Serie Spirou und Fantasio) und ein zwanghafter Drang zur Erlangung der Herrschaft über andere Menschen oder gar der Weltherrschaft (vergleiche etwa Dr. Mabuse oder Dr. No).

Verhalten[Bearbeiten]

Verhaltensindikatoren für den guten verrückten Wissenschaftler sind etwa ein leicht seniles, kicherndes, aber nicht wahnhaftes Lachen, zerstreutes Suchen nach Unterlagen oder Erfindungen (Durchwühlen von Papier- oder Gerümpelbergen, z. B. Daniel Düsentrieb oder Dr. Emmett L. „Doc“ Brown in Zurück in die Zukunft).

Verhaltensindikatoren für den bösen verrückten Wissenschaftler sind ein kehliges oder donnerndes Lachen aus Freude über eigene (böse) Pläne oder Taten oder aus Freude über die eigene Schlechtigkeit, ein fies kicherndes, hämisches In-sich-hinein-Lachen (z. B. Professor Sivana in Jerry Ordways The Power of Shazam!), unnötige Grausamkeit gegen schutzlos Ausgelieferte (z. B. Gefangene), schikanöser Umgang mit Untergebenen und Helfershelfern. Ein weiteres Beispiel für einen bösen Wissenschaftler ist die Figur Dr. Heinz Doofenshmirtz aus der Zeichentrickserie Phineas und Ferb.

Genese[Bearbeiten]

Der „Dottore“ aus der Commedia dell’arte, als wichtigtuerischer Gelehrter ein früher Vorläufer des verrückten Wissenschaftlers.

Der „verrückte Wissenschaftler“ weicht im Allgemeinen erheblich von der gesellschaftlichen Norm ab. Dies ist schon seit der Antike ein Kennzeichen des eigenbrötlerischen Philosophen oder des zerstreuten Gelehrten (etwa in Schilderungen des Diogenes von Sinope).

Die Ursprünge des „wahnsinnigen“ Wissenschaftlers fallen in eine Umbruchszeit. Die moderne Wissenschaft hat ihre Wiege in der Renaissance, als die Macht der Religion – der katholischen Kirche – kritisch hinterfragt wird. Die Gelehrten als „Ersatzpriester“ können sich nicht auf göttliche Legitimierung ihrer Stellung berufen und werden Zielscheiben von Verzerrung und Karikatur.

In den Satiren der Renaissance sind Wissenschaftler und Narr eng verwandt (siehe Vanitas). So geht Erasmus von Rotterdam in seiner Satire Lob der Torheit mit den Gelehrten seiner Zeit ins Gericht und bezichtigt sie der Weltfremdheit, Unfähigkeit und Eigenbrötelei. Michel Foucault ortet in dieser Zeit die Entstehung eines „klugen Wahnsinns“ von Wissenschaftlern, im Gegensatz zum „wahnsinnigen Wahnsinn“ der Ungebildeten (Wahnsinn und Gesellschaft).

Zum Figuren-Repertoire der Commedia dell’arte seit dem 16. Jahrhundert gehört der Dottore als lächerlicher und aufgeblasener Gelehrter. Eine berühmte literarische Darstellung der verrückten Wissenschaftler findet sich in Jonathan Swifts Gulliver, wo in der dritten Reise nach Laputa und der Akademie von Lagado (eine Karikatur der Royal Society) exzentrische Wissenschaftler dargestellt werden, die unablässig absurde Erfindungen machen.

Die Entwicklung des „verrückten Wissenschaftler“ aus dem Archetyp des Magiers und Zauberers lässt sich kaum leugnen. In Science-Fiction- und Comicwelten wird er zwar meistens ohne magische Kräfte gezeichnet, seine Fähigkeiten zu aberwitzigen Erfindungen und Gimmicks grenzen jedoch an Magie. Dies findet oft seine Entsprechung in der Wahrnehmung der Naturwissenschaften, man vergleiche dazu Arthur C. Clarkesdrittes Gesetz“, wonach „jede hinreichend fortgeschrittene Wissenschaft nicht mehr von Magie zu unterscheiden ist“.

Ein gutes Beispiel für die Affinität zur Magie ist der Prototyp des verrückten Wissenschaftlers im Fauststoff. Das historische Vorbild Johann Faust war Magier, in Goethes Drama Faust I wird er ein viel studierter Gelehrter, doch die Anklänge an esoterische Praktiken sind offensichtlich (Pentagramm). Das faustische Verlangen, sich über Konventionen hinwegzusetzen, um nach höheren Zielen zu streben, ist bis heute ein gern benutztes Versatzstück, um den Wissenschaftler zu charakterisieren, der Allmachtsphantasien hegt und die Weltherrschaft anstrebt (z. B. Ernst Stavro Blofeld aus James Bond, Lex Luthor aus Superman, und als Parodie der Brain aus Pinky und der Brain).

Entwicklung seit 1945[Bearbeiten]

Die grausamen, rassistischen Menschenversuche des KZ-Arztes Josef Mengele bzw. dessen Person wurden in zahlreichen fiktionalen Werken verarbeitet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lässt sich eine beträchtliche Zunahme des Figurentypus beobachten. Die grausamen Menschenversuche in nationalsozialistischen Konzentrationslagern, zum Beispiel durch Josef Mengele, sowie die Ideologisierung der Wissenschaft (Schaffung einer "deutschen Physik“) riefen Skepsis und Misstrauen hervor. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki schürten dieses Unbehagen weiter.

Der nukleare Rüstungswettlauf während des Kalten Krieges, der nach der Strategie der MAD (Mutual assured destruction) betrieben wurde, wurde unter dem Namen „Gleichgewicht des Schreckens“ zum Symbol des Gefahrenpotenzials, das von der Wissenschaft ausging. Das Wettrüsten der Weltmächte USA und UdSSR trotz des Erreichens der sogenannten „Overkill-Kapazitäten“ illustrierte in den Augen vieler die Unvernünftigkeit des wissenschaftlichen Forschens.

Stanley Kubricks Film Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben mit Peter Sellers in der Titelrolle spiegelt die Furcht vor der destruktiven Macht der Wissenschaft. Als eine der Vorlagen für die Figur soll Edward Teller, der „Vater der Wasserstoffbombe“, gedient haben (siehe auch unten).

Mit dem Ausklingen des Kalten Krieges seit den 1980er Jahren und seiner definitiven Beendigung 1990 trat die Bedrohung durch die Wissenschaft in den Hintergrund. Der verrückte Wissenschaftler machte anderen Schurkentypen Platz. Im Zeitalter der Globalisierung und Medialisierung sind der machtgierige Geschäftsmann oder die Geschäftsfrau, die ihre düsteren Machenschaften mit einer Fassade von Kultiviertheit und Respektabilität kaschieren, an die Stelle des verrückten Wissenschaftlers getreten.

Der Geheimagent James Bond, der in den 1960er Jahren noch Wissenschaftler-Schurken wie Dr. No und Ernst Stavro Blofeld bekämpfte, hat in den 1990er Jahren nahezu ausschließlich Gegenspieler wie den Medienmogul Elliott Carver oder die Industrielle Elektra King. Ein weiteres Beispiel für den Trend vom verrückten Wissenschaftler zum maliziösen Wirtschaftsmenschen wäre Supermans ewiger Erzfeind Lex Luthor: Dieser wurde von einem archetypischen Mad Scientist in den 1980er Jahren in das korrupte Oberhaupt eines international operierenden Mammutkonzerns umgewandelt, der seinen Einfluss und seine finanziellen Ressourcen für allerlei fragwürdigen Handel nutzt.

Vorbilder in der realen Welt[Bearbeiten]

Edward Teller, der Entwickler der Wasserstoffbombe, im Jahr 1958.
Albert Einstein (links) im Jahr 1940.
  • Der russische Mathematiker Grigori Perelman verkörpert in seiner Medienscheu und durch seine spleenigen Angewohnheiten den Typus des verrückten Wissenschaftlers, der zu außerordentlichen wissenschaftlichen Leistungen fähig ist.
  • Der Physiker Albert Einstein (1879–1955) lieferte mit seinem unkonventionellen Erscheinungsbild die (visuelle) Standardvorlage eines verrückten Wissenschaftlers mit knautschig-faltigem Gesicht, wirrem weißen Haar und meist etwas nachlässiger Garderobe.
  • Ebenfalls wegen seines etwas unkonventionellen Äußeren, aber vor allem wegen seines unverdrossenen massiven Eintretens für Nuklearwaffen wurde der Physiker und Wasserstoffbomben-Erfinder Edward Teller in den USA zu einem Prototyp, der auch Pate für die Figur von Kubricks Dr. Seltsam gestanden haben soll.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Roslynn Doris Haynes: From Faust to Strangelove. Representations of the Scientist in Western Literature. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1994, ISBN 0-8018-4801-6.
  • Christopher Frayling: Mad, Bad and Dangerous? The Scientist and the Cinema. Reaktion Books, 2005, ISBN 1-86189-255-1.
  • Torsten Junge, Doerthe Ohlhoff: Wahnsinnig genial. Der Mad Scientist Reader. Alibri, Aschaffenburg 2004, ISBN 3-932710-79-7.
  • Andrew Tudor: Monsters and Mad Scientists. A Cultural History of the Horror Movie. Blackwell, Oxford 1989, ISBN 0-631-15279-2.
  • Andrew Tudor: Seeing the worst side of science. in: Nature Vol. 340, 24. August 1989, S. 589-592

Weblinks[Bearbeiten]