Großes ß

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Versal-Eszett)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Ehmcke-Antiqua mit großem ß, 1909

Das große ß – (auch: versales ß, großes SZ, großes Eszett) ist die Großbuchstabenform des Kleinbuchstabens ß (Eszett). Sie ist nicht Bestandteil der amtlich verbindlichen deutschen Rechtschreibung. Über eine Aufnahme dieses Buchstabens in das deutsche Alphabet wird seit Ende des 19. Jahrhunderts diskutiert. Anfang 2008 wurde das große ß als neues Zeichen in den internationalen Standard Unicode für Computerzeichensätze aufgenommen, am 24. Juni 2008 trat die entsprechende Ergänzung der Norm ISO/IEC 10646 in Kraft.[1]

Inhaltsverzeichnis

Einleitung [Bearbeiten]

Hauptartikel: ß und Antiqua-Fraktur-Streit

Das ß kommt im Deutschen niemals am Wortanfang vor. Deshalb stellt sich die Frage nach seiner großgeschriebenen Form nur, wenn ganze Wörter in Versalien geschrieben werden. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die deutsche Sprache hauptsächlich in gebrochenen Schriften geschrieben und gesetzt, in denen zur Schriftauszeichnung aus praktischen und ästhetischen Gründen nur selten Versalien verwendet wurden; üblicher war der Sperrsatz. Deshalb entstand eine größere Nachfrage nach einem großen ß erst Anfang des 20. Jahrhunderts, als deutsche Sprache vermehrt in Antiqua gesetzt wurde. Die versale Schriftauszeichnung wurde immer häufiger bei Überschriften, Plakaten, Schildern, Grabmälern, Urkunden u. ä. verwendet. In Ermangelung eines Großbuchstabens bleibt das ß im Versalsatz entweder als Kleinbuchstabe erhalten oder es wird durch die Buchstabenpaare „SS“ oder „SZ“ ersetzt.

Großbuchstabe ß [Bearbeiten]

Großes Eszett auf dem Titelblatt des Duden, Leipzig 1957.
Großes Eszett in dem Wort „MUẞTEN“ an der Gedenktafel der Edertalsperre
Großes ß auf einem Straßenschild

Vorschläge, für das Eszett im Antiquasatz eine Majuskelform einzuführen, gab es seit 1879, als solche in der Fachzeitschrift Journal für Buchdruckerkunst veröffentlicht wurden.[2]

Im Duden von 1925 wurde der Bedarf nach einer Normierung eines großen ß formuliert:

„Die Verwendung zweier Buchstaben für einen Laut ist nur ein Notbehelf, der aufhören muss, sobald ein geeigneter Druckbuchstabe für das große ß geschaffen ist.“[3]

Die Titel der DDR-Duden von 1957 und 1960 (15. Auflage) zeigten ein großes Eszett, für die Rechtschreibung galt allerdings weiterhin obige Regel.

In der sechzehnten Auflage von 1969 wurde auch noch die Entwicklung eines großen „ß“ in Aussicht gestellt:

„Das Schriftzeichen ß fehlt leider noch als Großbuchstabe. Es wird jetzt noch ersetzt durch SS oder, falls Mißverständnisse möglich sind, durch SZ. Bemühungen es zu schaffen, sind im Gange.“[4]

In der 25. Auflage von 1984 fehlte dann solch ein Hinweis, auch die Wörter „leider noch“ im ersten Satz bzw. „jetzt noch“ im zweiten wurden gestrichen:

„Das Schriftzeichen ß fehlt als Großbuchstabe. Es wird ersetzt durch SS oder, falls Mißverständnisse möglich sind, durch SZ.“[5]

Versalsatz ohne großes ß [Bearbeiten]

Die gegenwärtigen amtlichen Regeln[6] zur neuen deutschen Rechtschreibung kennen keinen Großbuchstaben zum ß: „Jeder Buchstabe existiert als Kleinbuchstabe und als Großbuchstabe (Ausnahme ß)“. Im Versalsatz empfehlen die Regeln, das „ß“ durch „SS“ zu ersetzen: „Bei Schreibung mit Großbuchstaben schreibt man SS, zum Beispiel: Straße – STRASSE.“ Der Ständige Ausschuss für geographische Namen hat jedoch 2010 entschieden, die amtliche Verwendung des großen ß vorzuschreiben, sieht aber für die Zwischenzeit bis zur weiteren Verbreitung des Buchstabens in Schriftsätzen weiterhin das Ersetzen mit "SS, ss" vor. [7]

Die Ersetzungsregeln für den Versalsatz änderten sich im Laufe der letzten hundert Jahre. Die deutsche Rechtschreibung von 1901 ersetzte das Eszett durch „S“ und „Z“. So wurde „Preußen“ im Versalsatz zu „PREUSZEN“. Im Laufe des 20. Jahrhunderts bürgerte sich aber immer mehr die Ersetzung durch „SS“ ein. Die Entwicklung der Rechtschreibregeln im westdeutschen Duden spiegelt die Koexistenz der beiden Formen wider. Kurz vor der Rechtschreibreform von 1996 war die Schreibweise „SZ“ nur noch in Ausnahmefällen möglich, wenn eine Ersetzung durch „SS“ zu Verwechslungen führen würde. So wurde „Masse“ zu „MASSE“, aber „Maße“ zu „MASZE“. Auch die DDR-Ausgaben des Duden von 1969 und 1984 machten nur noch bei Missverständnissen solch eine Unterscheidung und sprechen sich ansonsten für „SS“ aus: „STRASSE, ROCKSCHÖSSE; IN MASSEN GENOSSEN, hier besser: IN MASZEN GENOSSEN“.[4][5]

Die neue deutsche Rechtschreibung schreibt seit 1996 für den Versalsatz die einheitliche Ersetzung von Eszett durch den Doppelbuchstaben „SS“ vor, entsprechend dem traditionell üblichen Gebrauch. Eine Unterscheidung etwa zwischen „Masse“ und „Maße“ ist damit im Versalsatz nicht mehr möglich.

Die Ersetzung des Eszett durch andere Großbuchstaben führt insbesondere bei Eigennamen zu Mehrdeutigkeiten. Der Name „WEISS“ könnte für „Weiß“ oder „Weiss“ stehen, der Name „LISZT“ für „Lißt“ oder „Liszt“. Deswegen bildete sich als dritte Möglichkeit der Mischsatz heraus. Das Eszett wird nicht ersetzt. Der Name „Weiß“ wird im versalen Mischsatz zu „WEIß“. Diese Schreibweise wird seit den 1980er Jahren im nicht maschinenlesbaren Teil der deutschen Reisepässe und Personalausweise angewandt, wenn der Name in Versalien gesetzt wird,[8] aber andererseits eine korrekte Wiedergabe der „Originalschreibweise“ wichtig erscheint. Im maschinenlesbaren Abschnitt wird dagegen das ß durch SS ersetzt.[9] Auch die Deutsche Post AG empfiehlt, beim Ausfüllen von Formularen in Großbuchstaben das Eszett beizubehalten.

Aus typographischer Sicht wird hier die Unausgewogenheit des Schriftbildes kritisiert, da sich die Formen der Groß- und Kleinbuchstaben der verwendeten Schrift in der Regel in Breite, Höhe und Strichdicke unterscheiden.

Die Geschäftsführerin des Rates für deutsche Rechtschreibung Kerstin Günter begründet die Haltung des Rates zum großen ß mit den Worten: „Es ist […] eine Frage, die schon seit Jahrzehnten unbeantwortet ist und es wohl auch auf geraume Zeit auch bleiben wird. Der Grund liegt darin, dass es dem Rat für deutsche Rechtschreibung nicht zusteht, Schriftzeichen zu erfinden. Seine Aufgabe ist es, die Schreibung zu beobachten und darauf zu achten, dass Regeln und Schreibgebrauch sich im Einklang befinden. Es bedarf also einer Initiative aus der Schreibgemeinschaft (z. B. vonseiten der Typografen), um hier auf der Basis eines gesellschaftlichen Konsens Abhilfe zu schaffen.“ (Kerstin Günter[2])

Gestaltung des neuen Buchstabens [Bearbeiten]

Großes Eszett auf dem Titelblatt des Heftes Signa Nr. 9 [2]; die sog. Dresdner Form.
Eine von zahlreichen anderen immer wieder diskutierten Formen, die sich an den Formen von S und Z orientieren.

Ein höherer ästhetischer Anspruch als bei Dokumenten besteht im typographischen Textsatz, bei Firmierungen, Plakaten und auch bei Inschriften, wo ebenfalls der korrekte Name unbedingt erhalten bleiben soll.[10]

Entsprechende Entwürfe gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts. In den 1920er und 1930er Jahren schufen einige namhafte Schriftgestalter wie Ehmcke, Belwe, Erbar oder Schneidler, in ihren Schriftarten ein versales Eszett.

Es ist lange und intensiv darüber diskutiert worden (und wird z.T. immer noch), wie dieser neue Buchstabe geformt sein soll. Dabei gibt es v.a. folgende Ansätze:

  • Großes ß an das kleine ß anlehnen, die Zeichenproportionen an die anderen Großbuchstaben anpassen;
  • Großes Eszett als Ligatur aus den Großbuchstaben SS oder SZ bilden;
  • Großes Eszett als gänzlich neue Form, in Anlehnung an S und Z,
  • Großes Eszett als ein S mit diakritischem Zeichen (analog zu etwa Ç od. Á);

Die Schwierigkeit besteht dabei in der Vereinung unterschiedlicher Anforderungen, die an den Buchstaben gestellt werden und die als teilweise widersprüchlich wahrgenommen werden:

  • Die Form soll vom ›normalen Schriftnutzer‹ ohne Spezialwissen auf Anhieb als ß verstanden werden;
  • Die Form soll sich harmonisch in das lateinische Versalalphabet einfügen;
  • Die Form soll sowohl vom gemeinen ß als auch vom großen B hinreichend unterscheidbar sein.

Aus den Satzschriften, in die seit 2008 der neue Buchstabe integriert wurde, ergibt sich eine deutliche Präferenz der Schriftgestalter für die sogenannte Dresdner Form des großen Eszetts oder dieser ähnliche Lösungen.

Computersatz [Bearbeiten]

Karte von Kongresspolen mit Versal-ß in Kongreßpolen und Preußen

Für den Computersatz gibt es mittlerweile eine gewisse Auswahl an Schriften mit großem Eszett. Haupthindernis für die praktische Nutzung war lange Zeit, dass jeder Hersteller das Zeichen anders kodiert hat. Seit April 2008 ist das große Eszett in den Unicode-Standard aufgenommen. Windows 7 liefert einige Systemschriften (s. u.) mit Unterstützung für ẞ mit.

Unicode [Bearbeiten]

Im Jahr 2004 beantragte der Typograph Andreas Stötzner, Herausgeber der Zeitschrift SIGNA, beim Unicode Consortium die Aufnahme eines Latin Capital Letter Double S in Unicode.[11] Der Antrag wurde aus technischen Gründen verworfen – und weil die Existenz dieses Buchstabens nicht ausreichend bewiesen war.[12]

Ein zweiter Antrag auf eine Aufnahme des großen ß als „Latin Capital Letter Sharp S“ wurde 2007 vom zuständigen DIN-Komitee gestellt.[13] Im Rahmen der 50. Sitzung der zuständigen ISO/IEC-Working-Group vom 23. bis 27. April 2007 wurde dem großen ß die Nummer U+1E9E zugewiesen.[14] Am 4. April 2008 wurde das große ß im Unicode-Standard Version 5.1 veröffentlicht.[15] Der Standard-Algorithmus zur Umwandlung in Großbuchstaben wandelt aber weiterhin das kleine „ß“ in „SS“ um.[16]

Zeichen Unicode
Position
Unicode
Bezeichnung
Bezeichnung HTML
dezimal
U+1E9E LATIN CAPITAL LETTER SHARP S Lateinischer Großbuchstabe Eszett ẞ

Parallel dazu erarbeitet die Medieval Unicode Font Initiative Zeichenbelegungen für Mittelalterforscher. In der aktuellen Version 3.0 dieses Standards wird für das große ß der oben angegebene Unicode-Codepoint empfohlen; in der vorhergehenden Version 2.0 aus dem Jahre 2006 wurde es hingegen noch als U+E3E4 kodiert, da es zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Unicode enthalten war.[17]

Tastaturbelegung [Bearbeiten]

Mit der Tastaturbelegung T2 gemäß der neugefassten deutschen Norm DIN 2137:2012-06 wird das Zeichen mit Alt Gr+h eingegeben. Es ist zu beachten, dass dabei im Gegensatz zur Eingabe anderer Großbuchstaben die Umschalttaste nicht gleichzeitig betätigt werden darf. Dies erklärt sich daraus, dass die Kombination +ß für das Fragezeichen belegt ist, und dass es eine Design-Anforderung für die T2-Belegung war, dass weder eine in der Vorgängernorm (d. h. in der jetzigen Belegung T1) festgelegte Zeichenbelegung geändert, noch eine neue Taste hinzugefügt werden durfte, und dass das große ß ohne Gruppenumschaltung eingebbar sein sollte. Somit musste eine mit Alt Gr einzugebende Position verwendet werden. Um Verwechslungen mit dem Kleinbuchstaben ß vorzubeugen, wurde bewusst eine von letzterem weit entfernte Position gewählt.[18]

Für die korrekte Anzeige muss eine Schriftart verwendet werden, die das Zeichen enthält.

Für die Eingabe unter Mac OS X und Windows sind spezielle Tastaturtreiber erhältlich.[19]

Bei neueren Versionen der deutschen Standardtastenbelegung von X11, die von den meisten Linux-Distributionen genutzt wird, erscheint es, wenn man die Feststelltaste () aktiviert hat und auf die ß-Taste drückt. Bei älteren Versionen musste man + Alt Gr + S betätigen. Diese Kombination ist auch weiterhin möglich.

Die Neo-Tastaturbelegung ermöglicht die Eingabe des großen ß mit + ß.

Ausgewählte Schriften mit großem ß [Bearbeiten]

Eine Reihe historischer und zeitgenössischer Schriften enthalten ein großes ß.

Bei neu entwickelten oder überarbeiteten Schriften wird es zunehmend berücksichtigt.

Historische Schriften [Bearbeiten]

Entwerfer bekannt:

Entwerfer unbekannt:

  • Schriftgießerei Schelter & Giesecke, Leipzig: Koralle (versch. Schnitte, 1913 bis 1931), Roland-Grotesk (um 1914?), Schelter kursiv (1906), Tauperle (1912)[2]
  • Schriftgießerei Klinkhardt, Leipzig: Diverse Hausschriften[2]
  • Schriftgießerei nicht bekannt: Parcival (in Papier und Druck 1955/9)[2]

Computerschriften [Bearbeiten]


Sonstiges [Bearbeiten]

Die 2008 gegründete Gießener Zeitung enthält ein großes ß im Zeitungskopf.

Logo der Gießener Zeitung

Literatur [Bearbeiten]

Weblinks [Bearbeiten]

Wiktionary Wiktionary: ẞ – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Versal-ß nun offiziell genormt – dasauge
  2. a b c d e f Signa - Beiträge zur Signographie. Heft 9, 2006 online
  3. Vorbemerkungen, XII. In: Duden – Rechtschreibung. 9. Auflage, 1925
  4. a b Der Große Duden. Wörterbuch und Leitfaden der deutschen Rechtschreibung. 16. Auflage, Leipzig 1969, S. 581, K 41.
  5. a b Der Große Duden. 25. Auflage, Leipzig 1984, S. 601, K 41.
  6. Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Entsprechend den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung. Überarbeitete Fassung des amtlichen Regelwerks 2004. München und Mannheim Februar 2006. S. 15. (PDF)
  7. Empfehlungen und Hinweise für die Schreibweise geographischer Namen für Herausgeber von Kartenwerken und anderen Veröffentlichungen für den internationalen Gebrauch. Frankfurt am Main 2010. S. 10. ([1]; PDF; 1,8 MB)
  8. Teilweise wird in Reisepässen der Name auch direkt in Originalschreibweise (nicht in Versalien) gesetzt, wie z.B. bei folgendem Reisepass [2], sodass kein Problem entsteht, wenn der Name ß enthält.
  9. Die Umschrift von ß in SS ist im ICAO-Standard 9303 [3] (PDF; 1,1 MB) für maschinenlesbare Reisepässe festgelegt
  10. Andreas Stötzner: Dokumentation „Das versale ß“ (PDF)
  11. Andreas Stötzner: Vorschlag zur Kodierung eines versalen ß in Unicode (n2888.pdf PDF) (englisch)
  12. Unicode Consortium: Rejected Characters and Scripts. online (englisch); und als Kommentar dazu: Michael Kaplan: Every character has a story #15: CAPITAL SHARP S (not encoded) Michael Kaplan (Englisch)
  13. Cord Wischhöfer: Proposal to encode Latin Capital Letter Sharp S to the UCS. (n3327.pdf) (Englisch)
  14. Resolutions of WG 2 meeting 50 (Beschlüsse des 50. Treffens der Working-Group 2 des Subkomitees 2 des gemeinsamen Komitees von ISO und IEC, English)
  15. Specification for the Unicode Standard, Version 5.1.0
  16. Specification for the Unicode Standard, Version 6.2.0 (PDF; 892 kB), Chapter 5.18: Case Mappings
  17. MUFI Character Recommendations mufi.info
  18. Karl Pentzlin: Deutsche PC-Tastatur erweitert für internationale Korrespondenz. In: DIN-Mitteilungen 2/2011, S. 31 ff.
  19. signographie.de