Versetzung (Schule)

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Deutschlandlastige Artikel Dieser Artikel oder Absatz stellt die Situation in Deutschland dar. Hilf mit, die Situation in anderen Staaten zu schildern.

Unter Versetzung versteht man das am Ende eines Schuljahres erfolgende Aufrücken eines Schülers in die nächsthöhere Klassenstufe. An bayerischen Schulen bezeichnet man den gleichen Vorgang als Vorrücken[1], in Österreich spricht man in diesem Fall von Aufsteigen, in der Schweiz von Promotion[2].

Diskussion[Bearbeiten]

Die Befürworter der Praxis halten einen sinnvollen Unterricht nur für möglich, wenn das intellektuelle Niveau aller Schüler einer Klasse möglichst einheitlich ist. Schüler mit großen Defiziten könnten die darauf aufbauenden komplexeren Unterrichtsinhalte nicht erfassen und würden dadurch unweigerlich immer weiter ins Hintertreffen geraten. Dieser Umstand wird in der Lernpsychologie auch als Matthäus-Effekt bezeichnet, in Anspielung auf den Bibel-Text Denn wer da hat, dem wird gegeben werden. Mt 25,29 LUT. Studien von Knut Schwippert, Wilfrid Bos und Eva-Maria Lankes weisen nach, dass leistungsstarke Schüler aus dem Unterricht einen stärkeren Wissensgewinn erzielen als leistungsschwache Schüler. Somit werden durch Unterricht vorhandene Leistungsunterschiede verstärkt. Über lange Zeiträume führt das unweigerlich dazu, dass für eine Teilgruppe der Schüler die Unterrichtsinhalte unangemessen sind. Entweder werden die Leistungsstarken unterfordert oder die Leistungsschwachen überfordert oder beides.

Die Gegner wenden ein, dass alle Schüler verschieden seien und daher nie eine homogene Leistungsfähigkeit innerhalb einer Klasse entstehe. Des Weiteren wenden sie ein, dass Schüler, die ein Jahr wiederholten, schon im Jahr nach der wiederholten Klasse erneut auf ihr altes Leistungsniveau zurückfielen. Außerdem demotiviere man Schüler mit dieser Praxis.

Situation in Deutschland[Bearbeiten]

Allgemeines[Bearbeiten]

Der Besuch der nächsthöheren Jahrgangsstufe mit anschließendem, staatlich anerkannten Zeugnis erfordert in Deutschland eine Berechtigung, die durch ein Zeugnis mit ausreichendem Leistungsnachweis der vorangegangenen Jahrgangsstufe erteilt wird.

Die Entscheidung über die Versetzung oder Nicht-Versetzung eines Schülers wird in der Zeugniskonferenz der Klasse gefällt. Stimmberechtigt sind alle Lehrer des Schülers, die anhand aller bisherigen Leistungen eine Prognose für das kommende Schuljahr erstellen. Auf Rat der Zeugniskonferenz hin können sich die Eltern eines Schülers auch für eine freiwillige Nichtversetzung (Zurücktreten in den vorherigen Jahrgang) entscheiden.

Möglichkeit der Versetzung trotz mangelhafter Leistungen[Bearbeiten]

Das Zeugnis bildet die Basis für die Versetzung. Falls die darin festgestellten Leistungen nicht den Anforderungen entsprechen, wird während der sogenannten Zeugniskonferenz von den Lehrkräften (in manchen Bundesländern mit Eltern- und Schülervertretern) diskutiert, ob eine Versetzung in die nächste Klassenstufe dennoch sinnvoll ist. Hierbei gibt es gewisse Grenzen, ab denen eine Versetzung nicht mehr möglich bzw. innerhalb derer eine Versetzung noch fraglich ist. Im zweiten Fall gilt es zu entscheiden, ob ein Schüler trotz der Nichterfüllung der Versetzungsbestimmungen versetzt werden kann.

In der Regel gibt es die Möglichkeit durch den sogenannten Notenausgleich, schlechte Leistungen in einzelnen Fächern durch gute Leistungen in anderen Fächern auszugleichen. Die Versetzungsbestimmungen dafür sind für jede Schulform (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) und jedes Bundesland höchst unterschiedlich. Grundsätzlich können gute Nebenfächer oder Kurzfächer kein schlechtes Hauptfach oder Langfach ausgleichen. Eine Schulnote 6 in einem Hauptfach kann manchmal gar nicht ausgeglichen werden, eine 5 jedoch meist durch eine 3, 2 oder 1. In manchen Bundesländern müssen zwei Fächer mit mangelhaften Leistungen durch zwei Fächer mit guten Leistungen ausgeglichen werden, in anderen Bundesländern ist eine nicht ausgeglichene 5 zulässig. Als Hauptfächer gelten Deutsch, Mathematik und die erste Fremdsprache, an einigen Schulen kann auch eine zweite bzw. dritte Fremdsprache oder auch das Fach Naturwissenschaft als Hauptfach gewertet werden. Als Kriterium ist die gleiche Wochenstundenzahl in den fraglichen Fächern maßgeblich. In manchen Schulformen einiger Bundesländer kann offensichtliches Talent als Ausgleich schlechter Leistungen herangezogen werden. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn die Defizite durch außerordentliche Talente in anderen Fachrichtungen kompensiert werden.

Die Entscheidung, ob bei mangelhaften Leistungen die Ausgleichsregelung angewandt wird oder nicht, liegt im Ermessen der Zeugniskonferenz. Maßgeblich ist für die Lehrkräfte, ob pädagogische Gründe dafür sprechen, dass im kommenden Schuljahr trotz der schlechten Leistungen eine erfolgreiche Mitarbeit wahrscheinlich ist.

Ist dies nicht der Fall, kann der Schüler nicht versetzt werden, umgangssprachlich auch Sitzenbleiben oder eine Ehrenrunde drehen genannt.

Regelungen[Bearbeiten]

Die Regelungen zur Versetzung sind in jedem Bundesland unterschiedlich, es lassen sich aber doch Gemeinsamkeiten erkennen: Man unterteilt dabei zunächst die Fächer in Langfächer (früher auch Hauptfächer genannt, im Durchschnitt mit vier Wochenstunden Unterricht) wie Sprachen und Mathematik und Kurzfächer (veraltet als Nebenfächer bezeichnet, mit durchschnittlich höchstens zwei Wochenstunden) wie z.B. die Naturwissenschaften, Musik, Kunst und Darstellendes Spiel, Sport, Erdkunde, Geschichte, Religion, etc. Je nach Bundesland können eine oder zwei mangelhafte Leistungsbewertungen in einer Einzelfallentscheidung der Zeugniskonferenz durch ein oder zwei gute Leistungen ausgeglichen werden, wobei eine schlechte Langfachnote nur durch eine gute Langfachnote ausgeglichen werden kann.

In der gymnasialen Oberstufe gibt es keine Unterscheidung nach Lang- und Kurzfächern. Hier findet auch keine Versetzung mehr statt; ein freiwilliges Zurückgehen ist einmalig möglich. Dies ist insbesondere angezeigt, wenn die Zulassung zur Abiturprüfung gefährdet ist.

Erneute Nichtversetzung[Bearbeiten]

Wird ein Schüler mehrfach nacheinander nicht versetzt, liegt der Verdacht nahe, dass der Schüler eine zu anspruchsvolle Schulform besucht. In Deutschland bestehen in diesem Fall uneinheitliche Regelungen. In manchen Bundesländern müssen Schüler, die innerhalb einer Schulstufe (Unter- oder Mittelstufe) zweimal nicht versetzt werden, in der Regel die Schulform verlassen und künftig die nächstniedrigere Schulform besuchen („Abschulung“).

In anderen Bundesländern gilt dagegen, dass Schüler zwei aufeinander folgende Klassenstufen maximal drei Jahre lang besuchen dürfen. Dies bedeutet, dass sie eine niedrigere Schulform besuchen müssen, wenn die Nichtversetzung in zwei aufeinanderfolgenden Klassenstufen erfolgt.

Ursache und Begründung[Bearbeiten]

Die Versetzung hängt mit der Forderung nach homogener Leistungsfähigkeit einer Klasse zusammen. Man geht davon aus, dass Gleichaltrige mit ähnlicher Leistungsstärke auch gleich schnell lernen. Wenn dies nicht der Fall ist, sollen die besseren Schüler eine Klasse überspringen und die schlechteren Schüler durch die Wiederholung der Inhalte die Lerndefizite ausgleichen, um die Homogenität doch noch zu gewährleisten. Das Sitzenbleiben könnte abgeschafft werden und durch individuelle Förderung, beispielsweise durch erheblich kleinere Klassenstärken oder während der Sommerferien oder an Wochenenden, ersetzt werden. Allerdings benötigt ein solches individualisiertes Bildungssystem eine deutlich größere Anzahl an Lehrkräften und ist erheblich teurer.

Mögliche Folgen[Bearbeiten]

Das sogenannte „Sitzenbleiben“ im Sinne einer Nichtversetzung zeigte sich gemeinsam mit schulischen Problemverhaltensweisen wie Mobbing in der Schule und Schulverweigerung als Prädiktor für jugendliches Risikoverhalten, in diesem Falle Rauschtrinken[3]. Jugendliche der 9. Klassen, die schon mindestens einmal eine Klasse wiederholen mussten, waren in der Studie von Donath und Kollegen wesentlich häufiger Rauschtrinker als Jugendliche die bis dahin regulär versetzt worden waren.

Häufigkeit der Nichtversetzung[Bearbeiten]

In Deutschland wiederholten im Schuljahr 2000/2001 an allgemeinbildenden Schulen 3 % der Schülerinnen und Schüler eine Klasse. Im Schuljahr 2010/2011 hatte sich der Anteil der Wiederholer auf 2 % vermindert, wobei rund 59 % aller Wiederholer Jungen und entsprechend 41 % Mädchen waren. [4]

Auslassen einer Klassenstufe („Überspringen“)[Bearbeiten]

Auf der anderen Seite können besonders begabte Schüler mit Einverständnis der Erziehungsberechtigten auch eine Klassenstufe überspringen, also nach einem Schuljahr gleich zwei Klassenstufen aufrücken.

Kritik[Bearbeiten]

Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung[5][6] aus dem Jahr 2009 sind Klassenwiederholungen pädagogisch unwirksam und teuer. Laut Studie werden in Deutschland jährlich 931 Millionen Euro für "Sitzenbleiber" ausgegeben. Wie hoch die Kosten für ein anderes Bildungssystem sind, wurde in der Studie nicht angegeben. Der Philologenverband wirft der Bertelsmann Stiftung fehlende Neutralität und verzerrte Maßstäbe vor.[7]

Situation in Österreich[Bearbeiten]

Schüler mit einem "Nicht genügend" (5) können aufsteigen, wenn dies in diesem Fach nicht schon im Vorjahr der Fall war und der Gegenstand weiter unterrichtet wird und die Klassenkonferenz aufgrund des Gesamtnotenbildes zustimmt. Außerdem besteht die Möglichkeit einer Wiederholungsprüfung im Herbst.[8]

Situation in anderen Ländern[Bearbeiten]

Wiederholen von Klassenstufen[Bearbeiten]

Nicht alle Schulsysteme kennen die Wiederholung einer Klassenstufe. So findet in Schweden und Finnland stattdessen eine individuelle Förderung statt. Auch in Großbritannien ist eine Wiederholung der Klassenstufe unüblich. In den Vereinigten Staaten von Amerika rücken Schüler am Ende des Schuljahres automatisch in die nächste Klassenstufe auf. Eine Ausnahme bilden die Klassenstufen K und 1, in denen das Zurückhalten („Retaining“) des Schülers in der vorherigen Klassenstufe möglich ist, wenn der Schüler vom Curriculum der nächsten Klassenstufe überfordert würde. Die Entscheidung zum Zurückhalten fällt allein der Klassenlehrer im Einvernehmen mit den Eltern. In höheren Klassenstufen treten in den USA an die Stelle des Zurückhaltens individuelle Fördermaßnahmen wie der Besuch der Summer School (individuelle Förderung durch die Schule während der Sommerferien) oder die Inanspruchnahme eines gemeinnützigen oder kommerziellen Hausaufgaben-Betreuungs-Service. Für behinderte Schüler sowie für ausländische Schüler mit Sprachschwierigkeiten stehen besondere Programme zur Verfügung.

Auslassen einer Klassenstufe[Bearbeiten]

In den USA ist das „Überspringen“ einzelner Klassenstufen (Educational acceleration, Grade skipping) weit verbreitet, obwohl dort für besonders begabte Schüler Förderungsprogramme (Educational enrichment) zur Verfügung stehen, die auch Hochbegabten eine normale Schullaufbahn ohne größere Versetzungssprünge ermöglichen sollen. Günstige Bedingungen finden hochbegabte Schüler oft auch an Privatschulen. Kritiker des „Überspringens“ erwähnen, dass die Schüler durch das Auslassen einer Klassenstufe in ein soziales Umfeld versetzt werden, dem sie zwar intellektuell, nicht aber sozial und emotional gewachsen sind, ein prinzipielles Problem von Hochbegabten.[9]

In Österreich ist das Überspringen von Schulstufen jeweils einmal in der Grundschule, in der Sekundarstufe I und in der Sekundarstufe II nach § 26 SchUG unter dort nachzulesenden besonderen Voraussetzungen möglich.[10]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Versetzung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • welt.de (2013): Interview: Josef Kraus, der Präsident des DL (Deutscher Lehrerverband), warnt vor dem Abschaffen des Sitzenbleibens. In der Gesellschaft gebe es den Trend, den Kindern zu vieles abnehmen zu wollen.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bayerische FOS- und BOS-Ordnung, Bayerische Realschulordnung, Bayerische Gymnasialschulordnung
  2. Promotionsreglement (PDF; 91 kB); der Begriff Versetzung bezeichnet in der Schweiz die strafweise Versetzung eines Schülers in eine Parallelklasse der gleichen Jahrgangsstufe.
  3. Donath, C., Gräßel, E., Baier, D., Pfeiffer, C., Bleich, S. & Hillemacher, T. (2012). Predictors of binge drinking in adolescents: ultimate and distal factors – a representative study. BMC Public Health 2012, 12: 263.
  4. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/BildungForschungKultur/Schulen/BroschuereSchulenBlick0110018129004.pdf?__blob=publicationFile Statistisches Bundesamt: Schulen auf einen Blick - Broschüre - Ausgabe 2012
  5. http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/nachrichten_97560.htm Pressemeldung der Bertelsmannstiftung vom 3. September 2009
  6. http://de.sitestat.com/bertelsmann/stiftung-de/s?bst.PDF.rechts.Presse.Nachrichten.Sitzenbleibenkoste_97560.Downloads.StudieKlassenWiede&ns_type=pdf&ns_url=http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-2ABDE95F-F09E05D9/bst/xcms_bst_dms_29361_29362_2.pdf "Klassenwiederholungen - Unwirksam und Teuer", Studie der Bertelsmannstiftung von 2009
  7. http://www.news4teachers.de/2013/06/verzerrt-philologen-chef-meidinger-kritisiert-chancenspiegel/
  8. http://www.bmukk.gv.at/schulen/service/schulinfo/nicht_genuegend.xml Aufsteigen in Österreich - Voraussetzungen
  9. Acceleration; Getting Your Child An Appropriate Education
  10. http://www.bmukk.gv.at/schulen/unterricht/ba/rechtsbasis.xml