Vertrag von Waitangi

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Der Vertrag von Waitangi
Flagge der Vereinigten Māori-Stämme (1834–1840)
Busbys Residenz, heute: Treaty House
Kapitän William Hobson

Der Vertrag von Waitangi (englisch: Treaty of Waitangi, Māori: Tiriti o Waitangi) ist die älteste Verfassungsurkunde Neuseelands. Er wurde am 6. Februar 1840 bei Waitangi in der Bay of Islands, Neuseeland, unterzeichnet.

Entstehung[Bearbeiten]

1833 entsandte das Vereinigte Königreich erstmals einen Gesandten („Resident“) nach Neuseeland, den Offizier James Busby, der dem Gouverneur von New South Wales, Australien, unterstellt war. Er errichtete seinen Dienstsitz, ein in Australien vorgefertigtes Fachwerkhaus, oberhalb der Bucht von Waitangi, damals ein Zentrum des Handels mit den Māori. Das Vereinigte Königreich betrachtete Neuseeland als sein Einflussgebiet und versuchte dadurch die Konflikte zwischen den Māori untereinander, zwischen Einwanderern und Māori – meistens ging es um Ansprüche auf Landnutzung – und Ansprüche anderer europäischer Mächte auf das Land einzudämmen. Frankreich zeigte damals Interesse an einer Annexion Neuseelands.

Um Konflikte zwischen den Māori untereinander zu befrieden, versuchte Busby, die sich oft untereinander bekriegenden Stämme zu einen und mit einer – bisher fehlenden – gemeinsamen politischen Struktur zu versehen. So schuf er zum Beispiel in Zusammenarbeit mit ihnen 1834 eine eigene Flagge für Neuseeland, die heute noch seitens der Māori benutzt wird. 1835 erreichte er, dass 35 Häuptlinge der nördlichen Stämme sich zu einem Bündnis der Vereinigten Stämme von Neuseeland zusammenschlossen und eine Unabhängigkeitserklärung für Neuseeland unterzeichneten. Dadurch sollte der Zugriff dritter Mächte auf das Land verhindert werden. Hinsichtlich der Konflikte zwischen Māori und Siedlern versuchte Busby Rechtsregeln einzuführen, die am Modell seiner britischen Heimat orientiert waren.

Immer wieder kam es zwischen ihm und George Gipps, dem Gouverneur von New South Wales, zu Konflikten. Ende Januar 1840 erreichte deshalb Kapitän William Hobson Waitangi, um Busby abzulösen. Er brachte einen ersten Entwurf für den späteren Vertrag von Waitangi mit. William Hobson, der Missionar Henry Williams (1792–1867) und James Busby überarbeiteten diesen Entwurf bis zum 4. Februar 1840, so dass die praktischen Erfahrungen von Busby aus seiner Amtszeit einflossen. Für den 5. Februar 1840 war ein Treffen der Māori mit Busby vereinbart. So blieb nur eine Nacht, um den Text des Vertrages in die maorische Sprache zu übersetzen. Dies geschah durch Henry Williams und seinen Sohn Edward, die beide die Sprache fließend beherrschten. Allerdings waren sie weder Juristen noch professionelle Übersetzer. Daraus resultiert ein Teil der späteren Interpretationsschwierigkeiten des Vertragstextes. Andere Schwierigkeiten rührten aus den unterschiedlichen kulturellen Konzepten der beteiligten Briten und Māori zu politischen Gemeinschaften („Staatlichkeit“, „Souveränität“) und dem Eigentum an Land und seinen Nutzungsrechten her. Dies führte schon bald zu unterschiedlichen Auslegungen und zahlreichen Kontroversen, die schließlich in den Neuseelandkriegen endeten. Beispielsweise war den Māori bei Vertragsschluss nicht bewusst, dass sie mit dem Verkauf eines Grundstücks auch die Rechte an dessen Früchten abtraten. Landverkauf war in ihrem kulturellen Kontext nicht üblich. Nach dem Verkauf von Land verloren sie so auch überlebenswichtige Gebiete, die die weißen Siedler (Pākehā) umzäunten und der Nutzung der Ureinwohner entzogen. Um den ausufernden Fischfang einzudämmen und den Fischbestand zu sichern, wurden später zum Nachteil und Unverständnis der Māori Fangquoten erlassen.

Nach einer zweitägigen Beratung der Leiter des Bündnisses der Vereinigten Stämme von Neuseeland unterzeichneten diese den Vertrag am 6. Februar 1840. Weitere Häuptlinge unterschrieben später auf Kopien des Erstexemplars des Vertrages. Bis September 1840 hatten 500 Häuptlinge unterzeichnet. Auf britischer Seite unterzeichnete William Hobson als Stellvertretender Gouverneur („Lieutenant-Governour“)[1] und damit letztendlich in Vertretung der Königin von Großbritannien, Victoria.

Inhalt[Bearbeiten]

Der Vertrag gliedert sich in eine Präambel und drei Artikel:

Präambel: Hier wird festgestellt, dass die zunehmende Einwanderung aus Europa und Australien es erforderlich mache, dass geordnete Verwaltungsstrukturen geschaffen werden. Dabei seien die Rechte und das Eigentum der Eingeborenen („Maori“) zu schützen und Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten. Im Gegenzug dazu erkennen die Eingeborenen die Souveränität der britischen Krone über alle Inseln Neuseelands an. Außerdem enthält dieser Abschnitt die Bevollmächtigung William Hobsons, den Vertrag im Namen der Krone unterzeichnen zu dürfen.

Artikel 1 überträgt alle Souveränität auf die britische Krone.

Artikel 2 garantiert den Māori alle individuellen und kollektiven Rechte und das Eigentum an von ihnen genutztem Land, landwirtschaftlichen Flächen, Wäldern und Fischereigründen, solange sie diese nicht an den Staat verkaufen.

Artikel 3 gewährt den Eingeborenen den Status britischer Untertanen.

Es folgen die Unterschriften oder Namenszeichen von William Hobson und 43 Häuptlingen, darunter einer Frau.

Rechtliche Wirkung[Bearbeiten]

„Der Vertrag“, als den die Neuseeländer ihn häufig bezeichnen, machte Neuseeland zu einer britischen Kolonie und stellt den Anfang moderner Staatlichkeit Neuseelands dar. Der Vertrag von Waitangi ist nach wie vor anwendbares Recht. Bis heute gibt es Rechtsfragen und konkrete Fälle, in denen der Vertrag unterschiedlich interpretiert wird. Heute regelt das 1975 gegründete Waitangi Tribunal solche Streitfragen. Māori können Ansprüche aus dem Vertrag vor diesem Tribunal geltend machen. Am 25. Juni 2008 unterzeichneten die Regierung Neuseelands und Vertreter von sieben Māori-Stämmen eine Übereinkunft,[2] die die Regierung verpflichtet, rund 243 Millionen Euro Entschädigung für Verletzungen des Vertrags von Waitangi zu zahlen.[3]

Gedenken[Bearbeiten]

Der Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags von Waitangi, der 6. Februar, ist heute der Nationalfeiertag Neuseelands und wird als Waitangi Day zelebriert.

1932 kaufte der Charles Bathurst, 1. Viscount Bledisloe (1867–1958), der damalige Generalgouverneur von Neuseeland, das Gelände aus privaten Mitteln, um die ehemalige Residenz von Busby, das sich seit langer Zeit in Privateigentum befand. Er übergab es als Stiftung dem neuseeländischen Staat , um es als Gedenkstätte zu nutzen. Auf dieser Waitangi National Trust Estate wurde zunächst das Haus von Busby restauriert (erneut 1990) und 1933 als „Treaty House“ für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es ist heute als eines der ältesten erhaltenen Gebäude Neuseelands ein Kulturdenkmal. Zur Jahrhundertfeier des Vertrages wurde 1940 auf dem Gelände ein Whare Runanga errichtet, ein traditionelles Versammlungshaus der Māori. Zugleich wurde Ngatokimatawhaorua, ein 35 Meter langer Einbaum in der traditionellen Technik aus einem Kauribaum geschlagen, der dort in einer eigenen, ebenfalls mit traditionellem Schnitzwerk versehenen Halle, ausgestellt ist und mindestens 76 Ruderer erfordert. Auf dem Rasen vor der ehemaligen Residenz von Busby steht heute ein Fahnenmast, der die ungefähre Stelle der Unterzeichnung des Vertrages markiert.

Wissenswert[Bearbeiten]

Der Vertrag von Waitangi ist seit 1997 in die Liste des Weltdokumentenerbes der UNESCO eingetragen.[4]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Tiemann, Ulf: Rechte der Ureinwohner Neuseelands aus dem Vertrag von Waitangi. In: Münsteraner Studien zur Rechtsvergleichung. 51, Münster (Westfalen) 1999, ISBN 3-8258-4349-1
  • Renwick, William (Hrsg.): Sovereignity and indigenous rights: the Treaty of Waitangi in international contexts. Wellington: Victoria University Press 1991
  • Pocock, J. G. A.: Law, Sovereignty and History in a Divided Culture: The Case of New Zealand and the Treaty of Waitangi. In: McGill Law Journal. 43. 1997/1998, S. 481–506
  • Cox, Noel: The Treaty of Waitangi and the Relationship between the Crown and Maori in New Zealand. In: Brooklyn Journal of International Law. 28. 2002/2003, S. 123–153
  • Davis, Kerry: Self-Determination and Constitutional Change. In: Auckland University Law Review. 9. 2000/2003 S. 235–247
  • Byrnes, Giselle: The Waitangi Tribunal and New Zealand History. Oxford University Press, Auckland 2004
  • Potaka, Tama William: The Political Rights and Status of Indigenous Peoples in the 21st Century. In: American Indian Law Review. 29. 2004/2005 S. 267–288
  • Orange, Claudia: The Treaty of Waitangi. Allen & Unwin, Wellington 1987

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Der Titel bezieht sich darauf, dass er in Neuseeland den Gouverneur von New South Wales vertrat.
  2. http://nz01.terabyte.co.nz/ots/DocumentLibrary%5CCNIsummary.pdf (PDF; 498 kB)
  3. http://www.nzherald.co.nz/section/1/story.cfm?c_id=1&objectid=10518293
  4. The Treaty of Waitangi.