Judenvertreibungen aus arabischen und islamischen Ländern

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Irakische Juden verlassen den Flughafen Lod (Israel) auf ihrem Weg zum ma'abara-Transitlager 1951
Bet-Lid-Flüchtlingslager. Israel 1950

Die Vertreibung der Juden aus arabischen und islamischen Ländern (hebräisch ‏יציאת יהודים ממדינות ערבYetziat yehudim mi-medinot Arav; arabisch ‏التهجير الجماعي لليهود من الدول العربية والإسلامية‎ at-tahdschīr al-Dschamāʻī lil-yahūd min ad-duwal al-ʻarabīya wal-islāmīya, auch Jüdische Nakba genannt[1]) war der Exodus, die Flucht, Vertreibung und Massenauswanderung von 850.000 Juden[2][3] hauptsächlich sephardischer und mizrachischer Herkunft aus arabischen und muslimischen Ländern von 1948 bis in die 1970er Jahre, die abgeschwächt bis heute anhält. Ferner umfasste die Jüdische Nakba auch erzwungene Konversionen vom Judentum zum Islam.[1]

Hintergrund[Bearbeiten]

Juden in islamischen Ländern waren seit jeher nach dem Recht der Dhimma wie andere Nichtmuslime nur geduldet und geschützt. Die Idee des Zionismus und des jüdischen Staates machten Eindruck auf die Juden dieser Länder. Obwohl die jüdischen Wanderungsbewegungen aus dem Mittleren Osten und den nordafrikanischen Gemeinden bereits im späten 19. Jahrhundert begannen und Juden einige arabischen Länder auch in den 1930er und 1940er Jahren verließen, war die Auswanderung bis zum Israelisch-Arabischen Krieg 1948 nicht besonders signifikant. Nach dem Palästinakrieg und der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Juden in diesen Ländern jedoch erheblich; in vielen Staaten kam es zu Bombenattentaten, wie dem Angriff auf die Menarscha-Synagoge, Pogromen wie das Pogrom von Tripolis 1948, Verhaftungen, Folter, Enteignungen und Massenausweisungen von Juden. Eine Drohrede hoher islamischer Geistlicher an der al-Azhar-Universität unmittelbar nach dem UN-Teilungsplan 1947 löste Gewaltakte gegen jüdische Gemeinden in vielen arabischen und islamischen Staaten aus.[4]

Vom Anfang des Krieges 1948 zwischen Israel und den arabischen Staaten bis zu den frühen 1970er Jahren wurden 800.000 bis zu einer Million Juden aus ihren Heimatgebieten in den arabischen Staaten vertrieben oder mussten flüchten; allein 260.000 von ihnen erreichten Israel zwischen 1948 und 1951 und machten 56 % der gesamten Einwanderung des neu gegründeten Staates Israel aus.[5] 600.000 Juden aus arabischen und muslimischen Ländern konnten Israel noch bis 1972 erreichen.[6][7][8]

Zum Zeitpunkt des Jom-Kippur-Krieges von 1973 waren fast alle jüdischen Gemeinden in der gesamten Arabischen Welt, sowie in Pakistan und Afghanistan, praktisch nicht mehr existent. Bis 2002 machten Juden aus arabischen Ländern und ihre Nachkommen fast die Hälfte der Bevölkerung Israels aus.[8]

Ursachen[Bearbeiten]

Die Gründe für den massenhaften jüdischen Exodus umfassten Push-Faktoren wie Antijudaismus, Antisemitismus, kriegerische Zwangsmaßnahmen, politische Instabilität, Verfolgung und Vertreibung, zusammen mit den Pull-Faktoren wie dem Wunsch, zionistische Sehnsüchte zu erfüllen oder einen besseren wirtschaftlichen Status sowie eine gesicherte Heimat in Europa und Amerika zu finden. Ein bedeutender Teil der Juden flüchtete wegen politischer Unsicherheit und dem Aufstieg des arabischen Nationalismus, sowie später wegen der Politik der arabischen Regierungen, welche die Judenvertreibungen als eine von der Bevölkerungsmasse gesteuerte Vergeltungsmaßnahme für die arabischen Flüchtlinge aus Palästina darzustellen versuchten.[9]

Daneben gab es auch wirtschaftliche Gründe für die systematische Vertreibungspolitik. Viele Juden wurden dazu angehalten, ihr Eigentum in ihren Heimatländern aus denen sie flüchteten, zu verkaufen oder aufzugeben, manche wurden auch staatlicherseits enteignet.[10][11][12]

Vertreibung aus arabischen Ländern ab 1947[Bearbeiten]

Die meisten libyschen Juden flohen bis 1951 nach Israel, während 1961 die libysche Staatsbürgerschaft der Verbliebenen entzogen wurde, und die Restgemeinde als Folge des Sechstagekrieges schließlich nach Italien evakuiert wurde. Fast alle jemenitischen Juden wurden 1949 bis 1950 in der Operation fliegender Teppich aus Angst um ihre Sicherheit evakuiert. Irakische und kurdische Juden wurden 1950 zunächst von der irakischen Regierung ermutigt, das Land zu verlassen, die schließlich 1951 „die Vertreibung derjenigen Juden, die sich weigerten eine Erklärung des Antizionismus zu unterzeichnen“, angeordnet hatte.[13] Die Juden von Ägypten wurden bereits 1948 zum auswandern genötigt,[14] und die meisten verbliebenen, etwa 21.000, wurden im Jahre 1956 offen staatlicherseits vertrieben.[15] Algerische Juden wurden 1962 ihrer Staatsbürgerschaft beraubt, und mussten als Folge dessen unverzüglich nach Frankreich und Israel fliehen. Marokkanische Juden begannen Israel als Folge von Pogromen in Oujda und Jerada 1948 zu verlassen, während der größte Teil der Gemeinschaft in den 1960er Jahren floh.

Jüdische Bevölkerung arabischer muslimischer Länder und Gebiete: 1948, 1972 und 2000 bis heute
Land oder Gebiet jüdische
Bevölkerung
1948
jüdische
Bevölkerung
1972
jüdische
Bevölkerung
2000 bis heute
Marokko 250.000[16]–265.000[17] 31.000[18] 2.500–2.700 (2006)[19]
Algerien 140.000[16][17] 1.000[18] ≈0
Tunesien 50.000[16]–105.000[17] 8.000[18] 900–1.000 (2008)[19]
Libyen 35.000[16]–38.000[17] 50[18] 0
Maghreb insgesamt 475.000–548.000 40.050 3.400–3.700
Irak 135.000[17]–140.000[16] 500[18] 5[20]
Ägypten 75.000[17]–80.000[16] 500[18] 100 (2006)[21]
Jemen und Aden 53.000[16]–63.000[17] 500[18] 330[22]–350[23]
Syrien 15.000[16]–30.000[17] 4.000[18] 100 (2006)[21]
Libanon 5.000[17]–20.000[24] 2.000[18] 20–40[25][26]
Bahrain 550–600[27] 50[28]
Sudan 350[29] ≈0
Arabische Länder insgesamt
(Maghreb eingerechnet)
758.350–881.350 <4.500

Der Libanon war der einzige arabische Staat, der nach 1948 eine temporäre Zunahme seiner jüdischen Bevölkerungszahl erlebte, was an den Flüchtlingsströmen aus anderen arabischen Ländern lag.[30] Allerdings schrumpfte die jüdische Gemeinschaft des Libanon ebenfalls aufgrund der Feindschaften im Bürgerkrieg im Libanon.

Vertreibung aus anderen muslimischen Ländern[Bearbeiten]

Unter den nichtarabischen muslimischen Ländern erreichte die Fluchtwelle der iranischen Juden nach der Islamischen Revolution 1979 ihren Höhepunkt, als über 80 % der Juden im Iran im Zuge des Krieges mit dem Irak in die Vereinigten Staaten sowie nach Israel flohen. Türkische Juden wanderten hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen und zionistischen Bestrebungen aus, jedoch verursachten zunehmende terroristische Attacken gegen Juden in den 1990er Jahren Sicherheitsbedenken, mit dem Ergebnis, dass viele Juden wieder nach Israel auswanderten.

Jüdische Bevölkerung nichtarabischer muslimischer Länder und Gebiete: 1948, 1972, 2000 und 2008
Land oder Gebiet jüdische
Bevölkerung
1948
jüdische
Bevölkerung
1971
jüdische
Bevölkerung
2008
Afghanistan 5.000 500[18] 1 (Zebulon Simentov)[31]
Bangladesch unbekannt 175 bis 3.500[32]
Iran 140.000–150.000[33] 80.000[18] 10.800[21]
Pakistan 2.000–2.500[34] 250[18] kleine Gemeinde in Karatschi, etwa 200.[32]
Türkei 80.000[35] 30.000[18] 17.800[21]
Gesamt 202.000–282.500 110.750 32.100

Filme[Bearbeiten]

  • I Miss The Sun (1984), USA, produziert und direktiert von Mary Hilawani.
  • The Dhimmis: To Be a Jew in Arab Lands (1987), Direktor Baruch Gitlis und David Goldstein als Produzent.
  • The Forgotten Refugees (2005) ist ein Dokumentarfilm des The David Project.
  • The Silent Exodus (2004) von Pierre Rehov.
  • The Last Jews of Libya (2007).
  • The Farhud (2008) ist ein Dokumentarfilm von Itzhak Halutzi.

Siehe auch[Bearbeiten]

Nachweise[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Ben Dror Yemini: The Jewish Nakba: Expulsions, Massacres and Forced Conversions. In: Maariv. 16. März 2009, abgerufen am 23. Juni 2009 (hebräisch).
  2. VI- THE ARAB REFUGEES – INTRODUCTION
  3. Warren Hoge: Group seeks justice for 'forgotten' Jews. In: The New York Times. 5. November 2007, abgerufen am 3. Dezember 2012.
  4. Der Beschluß der Vereinten Nationen zur Gründung des Staates Israel und die Reaktion der arabischen Staaten auf zionismus.info vom haGalil e. V.
  5. Shindler, Colin. A history of modern Israel. Cambridge University Press 2008. Seiten 63–64.
  6. Adi Schwartz: All I Wanted was Justice. In: Haaretz. 4. Januar 2001, abgerufen am 20. Januar 2015.
  7. Malka Hillel Shulewitz, The Forgotten Millions: The Modern Jewish Exodus from Arab Lands, Continuum 2001, Seiten 139 und 155.
  8. a b Ada Aharoni “The Forced Migration of Jews from Arab Countries”, Historical Society of Jews from Egypt website. Abgerufen am 1. Februar 2009.
  9. Middle East: Why Jews fled the Arab Countries
  10. The Palestinian Refugee Issue: Rhetoric vs. Reality by Sidney Zabludoff
  11. Malka Hillel Shulewitz, The Forgotten Millions: The Modern Jewish Exodus from Arab Lands, Continuum 2001, Seiten 52, 71, 87, 92, 100, 110, 113–114, 116, 135, 139.
  12. Rayyum al-Schawaf, Iraqi Jews: A story of mass exodus, Democratiya 7 2006.
  13. A history of modern Palestine: one land, two peoples, by Ilan Pappé, 2004, S. 176
  14. Racheline Barda. The modern Exodus of the Jews of Egypt. (MS Word; 351 kB) „The 1948 War triggered their first exodus, forced or otherwise. In fact, the Jewish Agency records showed that 20,000 Jews, a sizable 25% of the total Jewish population of about 75,000 to 85,000, left during 1949–1950 of whom 14,299 settled in Israel.“
  15. The Sephardim of Sydney: coping with political processes and social pressures by Naomi Gale, S. 34
  16. a b c d e f g h Stearns, 2001, p. 966.
  17. a b c d e f g h i  Aryeh L. Avneri: The claim of dispossession: Jewish land-settlement and the Arabs, 1878–1948. Yad Tabenkin Institute, 1984, ISBN 0-87855-964-7, S. 276 (online).
  18. a b c d e f g h i j k l m Leon Shapiro, World Jewish Population, 1972 Estimates. American Jewish Year Book vol. 73 (1973), Seiten 522–529.
  19. a b Sergio DellaPergola, World Jewish population, 2012, p. 62
  20. New York Times, Keep the Iraqi Jews' Legacy Safe — in America, November 2013
  21. a b c d Jewish Virtual Library. Abgerufen am 13. November 2014.
  22. Yoav Stern: Jews of Yemen reportedly to be relocated in wake of deadly attack. In: Haaretz. 18. Dezember 2008, abgerufen am 13. November 2014.
  23. Jemenitische Juden{Anmerkung: am 1. November 2009 berichtete The Wall Street Journal, daß im Juni 2009 geschätzt nur noch rund 350 Juden im Yemen lebten, davon waren im Oktober 2009 60 nach den USA ausgewandert und weitere 100 erwogen diesen Schritt.}
  24. Jews of Lebanon. Abgerufen am 16. Januar 2015.
  25. The Jews of Lebanon: Another Perspective
  26. Beirut's last Jews - Israel Jewish Scene, Ynetnews
  27. The Virtual Jewish History Tour - Bahrain. Abgerufen am 16. Januar 2015.
  28. Bahrain Names Jewish Ambassador. BBC News, 29. Mai 2008, abgerufen am 29. Mai 2008.
  29. M. Cohen, Know your people, Survey of the world Jewish population. 1962.
  30. Parfitt, Tudor. (2000) S. 91.
  31. ‘Only one Jew’ now in Afghanistan. In: BBC News. 25. Januar 2001, abgerufen am 5. Januar 2010.
  32. a b Americanchronicle.comVorlage:Webarchiv/Wartung/Nummerierte_Parameter
  33. Iranian Jews in U.S. recall their own difficult exodus as they cling to heritage, building new communities. Abgerufen am 28. Dezember 2012.
  34. Imageusa.com
  35. World Jewish Population. Abgerufen am 28. Dezember 2012 (PDF; 105 kB).