Vesikovaginale Fistel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Klassifikation nach ICD-10
N82.0 Vesikovaginalfistel
ICD-10 online (WHO-Version 2013)
Für Drucknekrosen unter der Geburt gefährdetes Gewebe (rot)

Die vesikovaginale Fistel ist eine abnormale Verbindung (Fistel) zwischen der Harnblase (Vesica urinaria) und der Vagina. Leitsymptom ist der unkontrollierbare Urinverlust (Harninkontinenz).

Epidemiologie[Bearbeiten]

In den Industrieländern sind vesikovaginale Fisteln selten und in der Regel Folge von Operationskomplikationen; z. B. durch Verletzung der Blasenwand. Meist beginnen die Beschwerden ca. 5 bis 10 Tage nach einer Unterleibsoperation. In den Entwicklungsländern, vor allem in Zentralafrika, sind vesikovaginale und andere Unterleibsfisteln vielfach häufiger. Die dort verbreitete Ursache ist die verlängerte, schwere Geburt, bei der es zu Drucknekrosen der Scheiden- und Harnblasenwand kommen kann. Risikofaktoren sind die schlechte medizinische Versorgung und das junge Alter vieler Gebärender. In Westafrika wird eine Inzidenz von 3–4 Vesikovaginalfisteln/1000 Geburten angegeben.[1] Weltweit sollen ca. 500.000[2] bis 2 Millionen Frauen mit bisher nicht behandelten vesikovaginalen Fisteln leben.[3] Auch Vergewaltigungen und Genitalverstümmelung können zu Fisteln führen.[3]

Diagnostik[Bearbeiten]

Vesikovaginale Fisteln können schon durch vaginale Inspektion entdeckt und lokalisiert werden. Bildgebende Verfahren wie Zystographie, Zystoskopie, Computertomographie und Kernspintomographie können zur genaueren Beschreibung nützlich sein.

Therapie[Bearbeiten]

Die Behandlung erfolgt in der Regel durch den frühzeitigen operativen Verschluss der Fistel. Mögliche Zugangswege sind über die Vagina oder in komplizierteren Fällen durch die Bauchdecke. Je nach Fisteldurchmesser kann eine Lappenplastik erforderlich werden, die z. B. aus dem tiefen Fettgewebe der Schamlippen entnommen wird (sog. Martius-Interpositionslappen). 85 % der Vesikovaginalfisteln können beim ersten Versuch erfolgreich verschlossen werden.

Neben der WHO[4] bemühen sich verschiedene karitative Organisationen darum, die Versorgung der Betroffenen in der Dritten Welt zu verbessern, z.B. die US-amerikanischen Fistula Foundation[5] und Worldwide Fistula Fund[6]. Das Addis Ababa Fistula Hospital hat sich ausschließlich auf diese Erkrankung spezialisiert. Eine der größten Fachkliniken für de Operation von Geburtsfisteln ist CCBRT[7] im tansanischen Daressalam.

Geschichtliches[Bearbeiten]

Avicenna beschrieb in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts die typischen Symptome nach schweren Geburten in seinem Werk Qānūn at-Tibb (Kanon der Medizin).[8] Der Anthropologe Douglas Erith Derry berichtete 1935, er habe 1923 bei seiner Autopsie der Mumie der Henhenet (ca. 2050 v. Chr., Nebenfrau des Mentuhotep II.) eine große Vesikovaginalfistel gefunden.[9]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. T. Margolis, L. J. Mercer: Vesicovaginal fistula. In: Obstetrical & Gynecological Survey. Band 49, Nummer 12, Dezember 1994, S. 840–847, ISSN 0029-7828. PMID 7885661. (Review).
  2. G. L. Smith, G. Williams: Vesicovaginal fistula. In: BJU International. 1999, 83: S. 564–569. PMID 10210608. (Review).
  3. a b M. Muleta: Obstetric fistula in developing countries: a review article (PDF; 576 kB). In: Journal of obstetrics and gynaecology Canada. Band 28, Nummer 11, November 2006, S. 962–966, ISSN 1701-2163. PMID 17169220. (Review).
  4. http://www.who.int/features/factfiles/obstetric_fistula/en/
  5. http://www.fistulafoundation.org/
  6. http://worldwidefistulafund.org/
  7. http://www.ccbrt.or.tz/
  8. Urogynecology and Reconstructive Pelvic Surgery. Elsevier Health Sciences, 10 October 2006, ISBN 978-0-323-08191-7 (Zugriff am 26 January 2013).
  9. Holger G. Dietrich: Illustrierte Geschichte der Urologie. Springer DE, 2004, ISBN 978-3-540-08771-7 (Zugriff am 26 January 2013).
Gesundheitshinweis Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!